Warum Brock van Wey gerade für die Releases auf Echospace Detroit seinen bürgerlichen Namen wählt, weiß wohl nur er selbst. Sein erstes “richtiges” Album jedenfalls macht genau dort weiter, wo er im Frühjahr als Bvdub mit dem großartigen Stück To Live aufgehört hat: im beat- und grenzenlosen Ambienthimmel. Es ist kein Geheimnis, dass ich Fan von Bvdubs Produktionen bin, und auch White Clouds Drift On and On macht keine Ausnahme. Wie könnte es auch? Denn außer auf erwähnter EP sind gerade hier seine vielleicht emotionalsten Stücke zu finden, die sich vor allem dadurch unterscheiden, dass sie die Kickdrum, die noch den Großteil der EPs aus den letzten Jahren durchzieht, endgültig hinter sich lassen.
Es ist müßig, die Musik von Brock van Wey in Worte zu fassen, ohne ihr dabei über kurz oder lang Unrecht zu tun, weil man sie nur am eigenen Leib nicht nur hören, sondern erleben und verarbeiten muss. Und doch werde ich es versuchen, sie zu beschreiben, die Musik.
Die Beatlosigkeit, die breiten Flächen und unendlich tiefe Räume, die auf Ambient schließen lassen und doch so viel mehr sind. Die einmalige Art, wie sich ethnologische Stimmungen einflechten, wie entfernte, fragmentale Instrumente auftreten, ein Pianochord hier, ein unheimlich lang gezogenes Streicherpaar dort, und die schon den Opener Too Little Too Late in eine tieftraurige Serenade verwandeln, ohne dabei pathetisch zu werden. Die Stimmen unterschiedlichster Natur, die sich überlagern, wie beispielsweise beim fantastischen I Knew Happiness Once, wo sich im Verlauf von 16 Minuten zunächst eine Frauenstimme hinter schimmernden Gitarrenklängen und geloopten Synths ausbreitet, und schließlich einen buchstäblich herzzerreißenden, asiatisch klingenden Kinderchor einleitet. Die pulsierenden Chords bei A Gentle Hand to Hold , die entfernt an den Minimalismus von Steve Reich erinnern, und sich mit dem stetigem Rauschen der Unendlichkeit verbinden. Die Art und Weise, wie sich immer wieder Soundlayer übereinanderlegen, ineinander übergehen und einen stetigen Fluss hinterlassen, der sich über die gesamte erste CD hindurchzieht.
Und dann ist da natürlich noch die zweite CD, die hier in Form von “Re-Shapes” der Originale von Echospace-Chef Steve Hitchell alias Intrusion daherkommt. Dieser haucht den Stücken seinen bekannten Dub-Sound ein, ohne sie dabei in ihrer Integrität zu stören. Die Stücke sind rhythmischer als die Originalversionen, da mit Bass und Percussion versehen, aber stets nuanciert und nie aufdringlich, allerdings auch weniger spektakulär. Nach dem emotionalen Ritt auf der ersten CD, ist der zweite Teil, der dem kontrollierten Herunterkommen gewidmet, und das funktioniert erwartungsgemäß gut. Da die Stücke hier in entgegengesetzter Reihenfolge angeordnet sind, ergibt sich quasi ein zyklisches Hörerlebnis, das sich ingesamt aber auch auf satte 155 Minuten hinstreckt.
Was trotzdem entscheidend ist, das ist die erste CD des Albums. Denn hier ist White Clouds Drift On and On ein unermüdlich cineastischer Trip, unscheinbar auf der Oberfläche, aber mit unglaublicher emotionaler Tiefe und Komplexität versehen. Solange es Musik wie diese gibt, werde ich Musik hören. Solange es Musik wie diese gibt, sollte jeder Musik hören. Auch stellvertretend für Brock van Weys Werk bis zum jetzigen Zeitpunkt: ein Album für die Ewigkeit. Zum Weinen schön.
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