Es kommt nicht oft vor, dass der Opener eines Albums auch gleichzeitig der längste Track ist. Doch beim Debüt-Album von Todd Osborn, einem Producer aus Michigan, dessen musikalische Wurzeln stark mit Detroit verwachsen sind, ist nichts wie es scheint. Das selbstbetitelte Album ist eine echte Wundertüte, die mit 78 Minuten Spielzeit bis zum Rand gefüllt ist, und genau deswegen so viel Spaß macht.
16th Stage heißt der Opener, der mit einem luftig-lockeren Groove und elegischen Streichern und Glockenspielen schon mal die Stimmung des Albums anklingen lässt, auch wenn man sich nicht zu früh auf eine Schublade verlassen sollte. Mehr zur Sache geht es dann mit Downtown und Evenmore, und spätestens hier merkt man, wo Osbornes Einflüsse liegen, denn selten hört man einen Track, der so offensichtlich dem alten Detroit- und Chicago-Housesound Tribut zollt. Es sind diese nostalgischen Piano- und Streichereinlagen, die das ganze Album durchziehen, und das, obwohl Osborne sich von Track zu Track in eine andere Richtung bewegt, und es den Anschein hat, als kommen 1000 Ideen auf einmal zusammen. Das Faszinierende ist: es funktioniert, denn nie hat man das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht an seinem Platz ist, und selbst das etwas bizarre, aber aufheiternde Definition of a Breakdown wirkt ebenso wenig außer Kontext wie das verspielte Interlude Suffer, das ein wenig klingt wie Luke Viberts frühere Acid-Produktionen, oder das von Tribal-Drums und afrikanischen Gesängen angetriebene Afrika.
Die Stärken liegen jedoch ganz klar bei den Techno- und Housetracks. Gerade L8 ist ein fantastisches Stück Detroit-Nostalgie, dessen staubtrockene Snares und HiHats, ebenso wie bei Junk Food mit einer ordentlichen Brise Acid abgeschmeckt sind, und dabei klingen wie Warehouse Rave zu seinen besten Zeiten. Als Gegenpol wirken da Tracks wie Ruling oder das letztjährige Outta Sight, zwei astreine Housetracks, wobei gerade ersteres mit einem eingängigen, fast poppigen Vocalsample wunderbar nach Frühling klingt. Gerade in der zweiten Hälfte des Albums wird Osbornes eigener Stil immer mehr deutlich, bei dem pumpende Technosmasher á la Air Pistol den verträumten Synthlines von Detuned und den flirrenden Streichern von Fresh gegenüber stehen, als wäre es das natürlichste auf der Welt.
Osbornes Debütalbum ist ebenso nostalgisch wie frisch, melancholisch und hedonistisch zugleich, es springt zwischen Genregrenzen und klingt dabei trotzdem wie aus einem Guss, es ist ein Tribut an Detroit, an Chicago, an Acid und Vocalhouse, bei dem man sich wünscht, die Nacht würde nie zu Ende gehen. Ein Kompliment, an eines der besten Alben des laufenden Jahres! Hätte ich das Album vor einigen Wochen bei Osbornes Gig in der Berliner Panoramabar schon gehört, vielleicht wäre ich mit anderen Augen (und vor allem Ohren) an die Sache herangegangen.
# Spectral Sound
# Preview @ Ghostly
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