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7. July 2005, 18:35

Tägliches

Urs Widmer – Top Dogs

Ein Auszug aus Urs Widmer – Top Dogs:

Manchmal denke ich, ich will überhaupt nie mehr zurück ins Management. Aus. Was völlig anders machen. Tierwärter. Einmal das Fell eines Gorillas kraulen. Lebendes Fell. Am frühen Morgen, noch keine Zuschauer , nur du und deine Gorillas. Putz den Käfig. Ich glaube, nirgendwo fühlt man sich so frei wie im Zoo. Scheiße, alles ist voll Scheiße. Das stinkt, wunderbar. Die Stiefel verschissen, die Hosen, alles. Du hast ja den Schlauch. In einem Gorillakäfig kannst du spritzen wie zu Hause nie. Oder gar in der Firma. So ein Strahl legt den stärksten Gorilla auf den Rücken. […]
Ein Gorilla ist ja wie ein Mensch, kurz vor der Schöpfung. Genau gleich, nur menschlicher. Die haben so wunderbare Augen. Hast du je jemandem im Management gesehen, der so schaut wie ein Gorilla? So warm? Bei uns in der Firma hattest du das Gefühl, ab der Kaderebene hatten die alle Glasaugen. Auch die Frauen, diese Managementsfotzen sind ja das Letzte. Verglichen mit den Gorillaweibchen. Ehrlich, ich finde, die sehen besser aus. Meine Frau z.B., ich kann mir nicht helfen, sogar wenn sie den Pelmantel trägt: Viel weniger Anmut. Ist allerdings ein Nerz, kein Gorilla. Vielleicht sollte ich ihr einen Gorillafellmantel kaufen zu Weihnachten. Ist eine gute Idee, Könnte unsrer Beziehung einen neuen Schub geben, wenn ich sie kraule, ihr Fell.

Urs Widmer’s Top Dogs ist ein Drama was bereits 1996 in Zürich uraufgeführt wurde. Geschrieben in einer Zeit der aufstrebenden New Economy, behandelt es eine Gruppe ‘Top Dogs’, arbeitslose Führungskräfte, die in einem Crashkurs wieder in die Arbeitswelt geführt werden sollen. In nur knapp 80 Seiten entwirft Widmer eine “groteske Logik der Ökonomie” (Gerhard Jörder), was sich sowohl inhaltlich als auch stilistisch widerspiegelt. Die entlassenen Manager steigern sich zusehends in eine auswegslosen Situation hinein, lassen in Träumen (siehe Auszug) und Märchen ihren Gefühlen freien Lauf, allerdings wird jeder Anflug von Betroffenheit beim Leser geschickt umgangen. Das Drama lebt weniger von seinen Figuren, die allesamt austauschbar sind, als von einer subtilen Kritik an Industrialisierung und Wirtschaft, was durch Verwundung einer Fülle an grotesken Stilelementen erreicht wird. Aus einer Mischung aus Tragik, Zynismus und Komik werden die realen Zustände auf den Kopf entstellt, jedoch ohne gänzlich den Bezug zur Realität zu verlieren. Top Dogs ist ein exzellentes Drama, das die Grenzen zwischen Groteske und Realität geschickt zu verwischen weiß, und letztendlich eine bemerkenswerte Parabel gegen den Kapitalismus darstellt.

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