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1. May 2008, 01:01

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The State of Stadiontechno

stadiontechno

Vor einigen Jahren, es dürfte zwischen Play und 18 gewesen sein, war ich mal auf einem Moby Konzert. Ich war jung, hatte das nötige Kleingeld, und mochte die quietschbunten Technoproduktionen aus den 90er Jahren. Moby war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gänzlich in der Irrelevanz verschwunden, und auch die irritierende Weltverbesserer-meets-Veganer Attitüde hat sich zu diesem Zeitpunkt noch in Grenzen gehalten. Die Show war auch, gemessen daran, dass ich noch leicht zu beeindrucken war, auch gar nicht mal so übel; bombastisch, mit stetig wechselnden Bühnenbackgrounds, reichlich Lichtshow und einem Moby, der von einer Seite der Bühne auf die andere flitzte, sang, trommelte und Knöpfchen drehte. Die Crowd, die zu einem guten Anteil aus alternden Technoheads mit Bauch- und Haaransatz bestand, fand es gut, mir taten beim Heimweg etwas die Ohren weh. Wegen der Lautstärke, versteht sich. Es war meine erste, aber nicht letzte Begegnung mit etwas, das man gemeinhin “Stadiontechno” bezeichnet (wie viel das letztendlich mit Techno per se zu tun hat, sei mal dahingestellt).

Wie auch immer, das sind olle Kamellen. Nicht nur für mich, sondern auch für Moby. Die Zeiten von Stadiontechno sind inzwischen vorbei, nicht nur für Moby, sondern allgemein. Protagonisten wie Moby und The Prodigy, die Mitte der 90er noch eine ganze Generation durchgedrehter Ecstacyraver mit prägnanten Melodien, krachenden Basslines und hirnrissigen Vocalhooks nach vorne peitschten sind inzwischen gänzlich in der Unwichtigkeit angelangt. Gerade bei The Prodigy traut man sich kaum noch überhaupt neues Material zu hören, um dem Fremdschämen zu entgehen. Denn schließlich haben wir alle noch irgendwo eine Kopie von Music for the Jilted Generation rumliegen, die uns an bessere Zeiten erinnert.

Underworld, eine weitere Instanz in Sachen Techno und Liveshow, sind zwar auch weiterhin noch mit Bombast-Visuals auf den Festivalbühnen rund um den Globus zu finden, aber auch hier hat sich etwas getan. Vermehrte Clubgigs im kleineren Rahmen, Internetbroadcasts statt Bühnenshow, und ein Versuch mit dem letzten Album in eine etwas verkopftere Sphäre vorzudringen. Ein Experiment, das wie wir alle wissen, auch nur teilweise funktioniert hat, und die Masse auf den Liveshows immer noch lautstark ein Born Slippy einfordert, und das obwohl die Band so viel bessere Tracks parat hat

Dann wären da noch die Chemical Brothers, die spätestens seit dem letzten Witz eines Albums und trotz des wohl größten, unnötigsten Live-Setups im Elektronik-Business trotzdem weiterhin Grammys und andere Preise unwissender Mainstream Kanäle einheimsen, obwohl sie spätestens seit Star Guitar keinen ernstzunehmenden Track mehr hatten. Immerhin, einer von beiden hatte zwischendurch immerhin Lily Allen als Freundin, was immerhin zu etwas positiver Presse in den Tabloids geführt hat. Ansonsten sind die Chemical Brothers aber ebenfalls, so leid es mir tut, qualitativ um Jahrzehnte von ihren früheren Produktionen entfernt.

Was bleibt also? Kraftwerk touren seit einigen Jahren wieder durch die Hallen, obwohl die Maxi-Playback-Show eigentlich auch an Frechheit grenzt, aber trotzdem noch einen gewissen Retro-Charakter hat, den man ihnen anrechnen kann. Gleiches gilt wohl auch für Daft Punk, die beiden knuddligen Roboter-Franzosen, die nach einigen grausamen Platten sich auch wieder über ihre futuristische Bombast-Liveshow in Rampenlicht gerückt haben, und zehn Jahre nach dem ersten Livealbum ein neues veröffentlicht haben. Das klatscht natürlich voll in die aufgeweichten Synpasen der Altraver, und auch die nachfolgende Generation, die ‘Rave’ nicht ohne ‘New’ davor kennt, fährt darauf ab wie Dorfkinder beim Autoscooter.

Vielleicht kommt hier eben doch alles zusammen, der Enthusiasmus, die Masse, die Lautstärke, die Erinnerungen. Denn sind wir ehrlich: Wer einmal dabei war, egal ob 2008 oder 1994, weiß genau warum Stadiontechno hoffentlich nie ausstirbt, selbst wenn es nur noch ein Abklatsch früherer Zeiten ist. XLR8R hat sich mit dem Phänomen des Stadiontechnos ebenfalls beschäftigt, und dort erklärt auch Moby, um wieder etwas die Kurve zu bekommen, warum er über diese ganze Sache hinweg ist:

“I quickly realized that I had more fun DJing records for 75 people at Nublu than going on tour and performing for 10,000 people a night,” explains Moby. “I can imagine if I have children at some point, they’re gonna say, ‘Okay, college is $200,000 for four years and you need to pay for it.’ And I’ll say, ‘Maybe I could… if I’d toured more instead of DJing at Nublu.’ From a financial perspective, I’m an idiot.”

Lassen wir die letzten drei Worte einfach mal so stehen, und schauen uns dafür zwei Klassiker aus den guten alten Zeiten an, als Stadiontechno aber noch sowas von Arsch getreten hat. Zwei Beweise, warum inzwischen alles neue etwas blass wirkt.

Underworld – Born Slippy.NUXX Live 1999

Ein Auszug aus der Everything, Everything Live DVD. Einer der vielleicht am meisten missverstandenen Tracks der Technohistorie, aber trotzdem noch einer, den man mal live gesehen haben sollte.

Orbital – Chime, Live @ Glastonbury 2004

Die Taschenlampen am Kopf sind immer noch einmalig, und auch wenn diese Performance von einem ihrer letzten Auftritte aus dem Jahr 2004 ist, haben die Hartnoll-Brüder damals Standards für die Ewigkeit gesetzt. Livetechno war selten besser, und nach der Auflösung des Projekts bleiben Orbital die einzigen Helden meiner Jugend, die ich nie live gesehen habe. Chime forever.

2 Kommentare

  1. Saint

    Puhhh. Hier lehnst Du Dich ganz schön rüber über die Reling des gutgemeinten Rants. ;)
    Ich geb Dir mal recht in Bezug auf Prodigy. Und ein wenig auch zu Moby, aber ansonsten schlafe ich da mal eine Nacht drüber, insofern Ketamin in den 90ern keine Sau kannte. ;)

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  2. Eikman

    Ist auch alles sehr augenzwinkernd gemeint. Ich hab Underworld inzwischen 5x gesehen, die Chems 3x, war bei Kraftwerk, und werde mir auch Daft Punk anschauen wenn die Möglichkeit besteht. Die neuen Platten find ich dagegen wirklich von allen sehr mittelmäßig ;)

    In England war Ketamin übrigens auch in den 90er schon durchaus bekannt, ein Track der Chems auf Dig Your Own Hole heißt nicht von ungefähr Lost in the K-hole, und es gibt irgendwo ein altes Interview von Prodigy, wo sie u.a. darüber reden, aber du hast schon recht, das kam eigentlich erst in den letzten Jahren hoch. Wurde der Faktizität halber geändert :)

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