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17. January 2009, 15:18

Alben

Terre Thaemlitz – Midtown 120 Blues (Mule)

What is house? Seit 20 Jahren geht die Frage um, kaum ein Jahr vergeht ohne dass die alte Maxime von Liebe und Happiness nicht wieder aufgegriffen und als Credo von House ausgewiesen werden. Gerade in den letzten zwei Jahren konnte man im Plattenladen seiner Wahl, analog oder digital, die House-Schublade wieder wachsen sehen. Deep ist inzwischen das Zauberwort. Doch was ist deep? Zuallererst ein Begriff, der sich verkaufen soll, eine Etikette. Wer deep ist, ist in. Doch wie viel Deepness bleibt bei dieser Art des Identitätsverlustes noch übrig? Wer erinnert sich noch an die Anfangszeiten von Deep House?

Terre Thaemlitz, Multimedia-Artist, Autor, Transgender-Theoretiker und vor allem Musiker tut es. Er kam Ende der 80er Jahre nach New York, mitten hinein in die damals langsam aufkochende House-Szene, deren Ursprünge schon immer auch in der Queer-Szene lokalisiert werden konnten. Doch die Discokugel dreht sich, 20 Jahre sind vergangen, und nun nähert sich Thaemlitz unter seinem vielleicht eingänglichsten Alter Ego, DJ Sprinkles, dem Thema von House von innen, und wie schon bei seinen Ambient- und Experimental-Kompositionen für Mille Plateaux, verfolgt er auch diesmal ein bestimmtes Konzept.

What is house? Schon im programmatischen Intro (dessen Spoken-Word man hier lesen kann) werden alle gängigen Floskeln beiseite gelegt. Live, love, happiness – das ist alles “greeting card bullshit”. House wird hier zurück in jenen Kontext gebracht, aus dem heraus es entstanden ist. Gender Crisis, Drogen und Alkohol, Zensur und Arbeitslosigkeit – Themen, die im heutigen Glanzlicht von House nicht mehr auftauchen werden aufgegriffen. Auf den insgesamt zehn Tracks versucht Thaemlitz dem Verlust dieser ursprünglichen Essenz auf den Grund zu gehen, und das alles in 120 bpm, was auch schon die einzige Gemeinsamkeit mit den “standardisierten” Houseplatten heutzutage ist.

Thaemlitz Soundkonzept ist nämlich anders; es zielt nicht auf die Tanzfläche ab, lässt den Glanz und packende Hooks größtenteils vermissen, ersetzt tiefe Basslines mit sanft-getupften Pianochords, energische Vocals mit ruhigen Spoken-Word-Passagen und Gesprächsfetzen, die sich, wie beim fantastischen Ball’r in Form von entfernten Jubelschreien und Lachen, wunderbar mit den Pianos und warmen Synthesizer Chords paaren, und wie vergessene, matt-glänzende Polaroids vergangener Tage wirken.

Der Titeltrack von Midtown 120 Blues ist mit seinen metallenen Hi-Hats und dem perkussiven Groove, dem kaum auszumachenden Subbass und dem souligen Vocalsample gleichzeitig auch der markanteste des Albums, doch die besten Momente treten auf, wenn Thaemlitz ruhigere Töne anstimmt. Wie bei Brenda’s $20 Dilemma, zu dessen Late-Night-Piano sich plötzlich von allen Seiten Flöten gesellen, oder Thaemlitz sich bei Sisters, I Don’t Know What The World Is Coming To (mit den Worten Jesse Jacksons) und Reverse Rotation, dem selbstdeklarierten “Fagjazz” annähert. House Music Is a Controllable Desire… ist dagegen wieder Groovelastiger, ausstrukturierte Percussion und warme Pads erinnern an die Klassiker von New York House, die wie die morgendliche Sonne durch die Häuserschluchten von Midtown Manhattan hereinbrechen, und plötzlich fühlt man sich auch als Hörer ganz nah dran an dem Phänomen, das Thaemlitz mit seinen Kompositionen so unaufdringlich und doch so ungemein überzeugend rüberbringt.

Grand Central Pt.1 (Deep Into the Bowel of House), der mit 12 Minuten längste Track, geht zurück in die Anfangszeiten von Thaemlitz selbst, als er 1986 von Missouri nach New York zog. Die Bassline wirkt bedrohlich, rollt wie ein Zug in immer tiefere Sphären hinab, bevor, vier Minuten vor Schluss, dann doch wieder, breiten Synthesizern sei Dank, Tageslicht hereinfällt. Grand Central Pt.2 erinnert mit einer beruhigenden Frauenstimme, wohligem Vinylknistern, vereinzelten Klavierchords, dem Zirpen von Grillen und entfernten Glocken vielleicht eher an KLF’s Chill Out als an House, ist aber natürlich Teil des Konzepts. Und obwohl an vorletzter Stelle des Albums platziert, ist es genau genommen doch der Anfang. Die Geschichte wurde rückwärts erzählt, und ist letztlich am Ursprung angekommen, genau an der Stelle, an der auch der Hörer wieder ansetzten sollte: sich lösen von Textbuch-Definitionen und gängigen Klischees. House neu entdecken indem man sich auf die Essenz zurückerinnert. After all, it’s that larger context that created the house movement and brought you here.

Midtown 120 Blues ist ein Album, das klingt wie ein entferntes Echo früherer Zeiten, das aus den verstaubten Clubs der West Village hinter mittlerweile verschlossenen Türen und verbarrikadierten Häuserfronten hervordringt. Es klingt nicht altmodisch, aber durchaus nostalgisch. Es ist aufreibend und zeitweilen sentimental, aber auf eine wärmende, sehr intime und vor allem packende Weise. Man fühlt sich als Hörer zunächst als Außenseiter, als interessierter Zuhörer, doch man lässt sich schnell an die Hand nehmen, und auch wenn man die von Thaemlitz erzählte Geschichte nicht selbst erlebt hat, fühlt man sich ihr nach dem Hören dieses Albums um einiges näher. Es ist ein Album, das zum Nachdenken und Reflektieren anregt, aber gleichzeitig auch einen durchgängig wunderschönen Groove besitzt, was bei House, alle anderen Facetten beiseite, schon immer das Wichtigste war.

In einigen Bestenlisten des letzten Jahres ist Midtown 120 Blues bereits aufgetaucht, obwohl das Album bis jetzt nur in Japan erhältlich ist. Daher scheue ich mich auch nicht, es mit dem weltweiten Releasedate gleich eines der besten Alben diesen Jahres zu nennen. Und nicht nur das, es ist auch eines der wichtigsten House-Alben der letzten Jahre. So what is house? This is house. And what is deep? This is.

# Info + Preview

7 Kommentare

  1. beingboring

    Wow, schönstes Review, das ich jemals gelesen habe. Und eines der besten Alben, die ich jemals gehört habe! :-) Vielleicht sogar das beste…

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  2. jens

    yup, ein tolles review einer ganz fantastischen Platte.
    danke @lastbeat für das review und nochmehr danke @beingboring, dank deines reviews vor ein paar Wochen habe ich mir nämlich die Platte besorgt…

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  3. Eikman

    danke schön. es ist sicherlich eine der besten platten, die ich seit langen gehört habe, und das ist auch beingboring und sma zu verdanken, die sie in ihre best-of-liste aufgenommen haben ;)

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  4. sma

    hehe, ja, also ich bin auch nach wie vor sehr begeistert und freue mich daher auch über das schöne und positive review, an dem mir gut gefallen hat, dass nicht wie überall sonst hauptsächlich der überbau zur musik besprochen wurde, sondern auch die musik selbst. und auf den motor city drum ensemble remix der demnächst von einem der tracks erscheint bin ich auch schon sehr gespannt! ;-)

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  5. Sascha

    Toller Artikel zu einem wunderschönen Album, ich bin süchtig, seit ca. einer Woche. Schon alleine dieses Intro, hach.

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Trackbacks

  1. [...] aka Terre Thaemlitz raus, der ja mit Midtown 120 Blues gerade unser letztes Album des Monats produziert hat. Auch wenn ich Thamelitz nie wirklich als DJ auf dem Schirm hatte, bin ich jedoch etwas [...]

  2. [...] Unter anderem auch bei RA in der Jahrespoll auf Platz #1 gewählt worden, und das völlig zu Recht – Terre Thaemlitz aka DJ Sprinkles Midtown 120 Blues ist ein Album, das klingt wie ein entferntes Echo früherer Zeiten, das aus den verstaubten Clubs der West Village hinter mittlerweile verschlossenen Türen und verbarrikadierten Häuserfronten hervordringt. Es klingt nostalgisch, aber nicht altmodisch, es ist aufreibend und zeitweilen sentimental, aber auf eine wärmende, sehr intime und vor allem packende Weise. Es ist ein Album, das zum Nachdenken und Reflektieren anregt, aber gleichzeitig auch einen durchgängig wunderschönen Groove besitzt. Letztendlich: es ist House, wie es sein sollte. Nicht nur eines der besten Alben des Jahres, sondern eines der besten des Jahrzehnts, hands down. [Review] [...]

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