RSS

29. November 2007, 10:46

Positionen

Stand der Musikindustrie – Profit und Veränderung

Eigentlich keine Überaschung, dass heute Morgen gleich zwei lesenswerte Beiträge zum Thema Musikindustrie und deren Tod bzw. Zukunft, wobei das eine vielleicht nur aus dem anderen entspringen kann, in meinem Feedreader auftauchten. Das Thema Musikindustrie ist so populär wie seit langem nicht mehr, es wird in einem fast ermüdenden Maße propagiert und dekonstruiert, nicht nur von den Medien, sondern vor allem in Blogs. Nicht von ungefähr, denn die Musikindustrie befindet sich in einer durchaus prekären Lage, sie steht möglicherweise vor der größten Herausforderung seitdem die CD die Schallplatte abgelöst hat. Sie steht am Scheidepunkt von zwei Generationen, von unterschiedlichen Erwartungen und Konzepten. Nach Jahren des Versteckens und Augenschließens merkt man inzwischen innerhalb der Industrie, vor allem bei Majorlabels, dass man digitale Musik ebensowenig stoppen kann wie das Internet mit dem sie verknüpft ist.

Zu spät kann man sagen, denn schließlich liegt auch Napster, mit dem “das Unheil seinen Lauf nahm” schon fast sieben Jahre zurück. Sieben Jahre in denen man sich anstatt zu reagieren lieber darauf beschränkt hat zu klagen und verklagen. Man hat die Internetnutzer und Musikhörer lieber in gute und schlechte Menschen unterteilt – diejenigen, die CDs kaufen, und diejenigen, die sich die Musik illegal aus dem Netz saugen. Man hat Trends in Sachen P2P Networking komplett verschlafen, und nur schleppend auf Downloadportale wie Vorreiter iTunes gebaut. Auch wenn inzwischen fast ein viertel aller Musik in den USA über iTunes verkauft werden, ist die Situation noch lange nicht zufriedenstellend; Majors wie Sony BMG und Warner pochen noch immer auf unfortschrittlichen DRM-Schutz, die Politik soll durch gezielte Behörden illegales Filesharing unterbinden (Modell Frankreich), und anstatt sich neuen Konzepten zu öffnen sucht man lieber in Werbung und Klingeltönen das schnelle Geld. Weitsicht, das war noch nie die Stärke der Musikindustrie.

Genau hier knüpfen die beiden erwähnten Beiträge an. Der erste kommt von Spreeblick, und beschäftigt sich mit dem gleichen Problem: Wie schafft es die Musikindustrie endlich im 21. Jahrhundert anzukommen? Wo sich die deutsche Seite der Musikindustrie im neuen Gewand präsentiert, bleiben die Inhalte die alten. Denn wie schon erwähnt hat die Musikindustrie in den letzten Jahren einiges verschlafen, und die Ziele falsch gesetzt:

Nach vielen, vielen Jahren, in denen Erfahrungen gesammelt und Expertise eingeholt werden konnte, findet sich dort immer noch die gleiche alte Leier: Kriminalisierung der tatsächlichen und potentiellen Kunden, Ausrufezeichen und Verbotshinweise en masse, fehlinterpretierte Zahlenspiele, jämmerliches Geheule, der Versuch mittels einer Software in die Privatsphäre der Kunden einzugreifen, „Wir haben aber Recht“-Gebrülle, und, und, und.

Um das zu ändern, müssen zunächst die Realitäten neu abgesteckt werden, bevor man sich auf neue Konzepte einlässt. Wichtig ist es vor allem, so Spreeblick, dass man akzeptieren muss, dass man nicht mehr Händler, sondern Dienstleister ist, und dass neue Technik und Distributionsformen nicht immer nur der Piraterie dienen, sondern auch durchaus einen positiven Nutzen haben, sofern man sie einzusetzen weiß.

Ein anderer Beitrag, der sich mit einer ganz ähnlichen Situation beschäftigt, kommt von Wired. Autor Seth Mnookin hat sich mit Universal CEO Doug Morris getroffen, einer der mächtigsten Männer der Musikindustrie überhaupt, und vermutlich auch einer der ignorantesten, wenn man sich die Antworten etwas genauer anschaut. Doug Morris ist 68, ein Pionier, der es vom Musiker zum Produzenten zum Labelchef geschafft hat. Ein Mann der Musik liebt und lebt – sollte man meinen. Doch leider ist Morris kein Freund der Technik, wie er selbst zugibt. mp3s und digitale Downloads – dagegen hat er sich lange gewehrt. Er war es, der damals die iPods als “Lager für gestohlene Musik” bezeichnet hat. Er war es auch, der von Youtube, Yahoo und MySpace Lizenzgebühren eingeklagt hat, nachdem Videos von Universal Künstlern dort auftauchten. Inzwischen hat er seine Einstellung etwas gelockert; es werden beispielsweise Universal Künstler ohne DRM über Amazon und andere ausgewählte Downloadanbieter angeboten. Der Grund hierin liegt aber nicht im wachsenden Verständnis von Morris, sondern einzig und allein im Profit:

So how is it that an old-school music mogul who can barely hide his indifference to technology or his contempt for the download-loving public is out front on so many digital initiatives? Clearly, it’s not because he wants to improve the music experience for consumers. It’s also not because he finally understands that MP3s are fundamentally changing his business, whether he likes it or not. [...] In truth, his motive is simple: He wants to wring every dollar he can out of anyone who goes anywhere near his catalog. Morris has never accepted the digital world’s ruling ethos that it’s better to follow the smartest long-term strategy, even if it means near-term losses. [...] Morris wants to be paid now, not in some nebulous future. And if there’s one thing he knows how to do, it’s use the size of his company to get his way.

Hier ist es wieder, das Problem mit der Weitsicht. Das gleiche Problem, dass die Entwicklung in den letzten Jahren so beschränkt hat. Die Musikindustrie ist unfähig zukunftsicher zu planen, vielleicht aus Misstrauen, vielleicht aus Unvermögen, wie Morris ungewollt selbst zugibt, auch wenn er es etwas paraphrasiert:

There’s no one in the record company that’s a technologist,” Morris explains. “That’s a misconception writers make all the time, that the record industry missed this. They didn’t. They just didn’t know what to do. It’s like if you were suddenly asked to operate on your dog to remove his kidney. What would you do?

Dass Morris immer noch nicht weiß was zu tun ist, zeigt sein neuer Businessplan: Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit Apple sieht Universal den rapiden Aufstieg des Platzhirsches iTunes inzwischen als Bedrohung an. Als Konsequenz wird ein Großteil des Universal Katalogs von iTunes entfernt, und man bietet einen eigenen Abo-Service an, der vorinstalliert auf Microsofts Zune Player und Handys kommen soll. Total Music nennt er das. Totale Musik…solange man einen monatlichen Beitrag zahlt. Und natürlich wird auch Total Music wieder eine Form von DRM enthalten, was abermals den großen Vorteil der digitalen Musik – Interoparability – einschränkt. Dank Leuten wie Doug Morris dreht sich die Musikindustrie im Kreis, man hat wieder nur den unmittelbaren Profit im Auge und nicht die größere Sache. Und illegales Filesharing wird es auch nicht stoppen:

“Locking things up is actually good for piracy,” says David Pakman, CEO of eMusic, an online retailer that sells DRM-free songs from independent labels. In other words, the more restrictions you put on your files, the more you encourage customers to turn to illegal services to get songs the way they want them.

Vielleicht wird es auch die Musikindustrie noch lernen, dass man Geld nicht hören kann.

UPDATE: Ein kleiner Comicstrip von Joel Watson zum Thema.

Ein Kommentar

  1. Matthias

    Sehr ausführlicher Bericht, danke für den Hinweis auf das Interview bei Wired. Manchmal fragt man sich wirklich, wo das noch alles hinführt …

    ReplyReply

Antworten