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30. December 2005, 14:46

Tägliches

Silvester. Eine Analyse.

Silvester (nicht Sylvester – das ist ein Männername) ist furchtbar. Der Grund warum ich Weihnachten schon nicht mag ist vermutlich dass Weihnachten ja nur das Vorspiel von Silvester ist, dem Jahreswechsel, der alle Probleme hinter sich lässt, und man sich voller Tatendrang auf ein neues, besseres und schöneres Jahr freuen kann, und um diese Illusion aufrecht zu erhalten braucht es eine Party. Und Alkohol. Eigentlich vor allem Alkohol, denn damit kann man sich auch alleine eine Party machen, aber das macht man nicht, da zu unsozial und unzivilisiert. Also doch wieder Party, und da geht’s schon los.

Ich komme ja ursprünglich vom Dorf, das ist an sich nichts schlimmes, solange man es nicht ständig erwähnt, und habe daher schon diverse Silvesterparties auf dem Lande hinter mir, die in der Regel nach folgendem Schema ablaufen (Abweichungen gibt es häufig nur in der Art der konsumierten Getränke, obwohl als Favorit auf dem Dorf immer Vodka in Frage kommt, denn das gilt auf dem Dorf als ‘edel’, im Gegensatz zu Korn oder Asbach, aber ich schweife ab):

Eine Woche vor Silvester merkt man auf dem Dorf plötzlich, dass eigentlich niemand aus dem Bekanntenkreis weder Idee noch Plan für den Silvesterabend hat, weil sich, wie immer, jeder auf den anderen verlassen hat, was dazu führt dass in kürzester Zeit versucht wird im nächstbesten Partykeller oder Garage die Party des Jahres auf die Beine zu stellen, wo angeblich mal mindestens 50 leute kommen, im Endeffekt aber doch nur 15 Männer und zwei Frauen da sind, die dann jeweils 20 Euro zahlen müssen um die Kosten für die Unmengen an Alkohol und das übertriebene Buffet, was wirklich niemand braucht, da man es später wieder auskotzt, zu decken. Normalerweise ist das schon der Zeitpunkt wo man sich ärgert für dieses Geld nicht auf eine gescheite Party in der Stadt mit ordentlicher Musik, also jenseits von Schlagern und Discohits, gegangen zu sein. Nach diversen Karten- und Würfelspielen auf harten Holzgarnituren vor dem Gasofen setzt man sich aus Frust das Ziel setzt bis zum Feuerwerk mit seinem Blutalkohol ein Moped antreiben zu können, so dass man das neue Jahr mit einem ordentlichen Auswurf begrüßen kann, während man sich nebenbei noch an die Freundin seines besten Freundes ranwirft, was wiederum dazu führt, dass man sich noch weitere 2 Stunden mit blutiger Nase, je nachdem wie lange man noch stehen kann, peinlich macht indem man eine ungefragte Neuinterpretation von ‘I Will Survive’ zum Besten gibt, nur um dann letztendlich besoffen ins Bett oder den nächsten Vorgarten zu fallen, und zu denken: “Verdammt, das letzte Jahr war echt scheisse”.

In der Stadt feiert man natürlich anders, aber prinzipiell geht man mit den gleichen, wenn nicht sogar noch höheren Erwartungen an die ganze Sache ran, denn in der Stadt feiern ist ja an sich schon ein ganz anderes Kaliber als auf dem Dorf zu feiern; da hat man multikulturellen Spaß und gehobenes Niveau, denkt man.

In der Stadt weiß man schon einige Wochen vorher wo man feiert, denn man ist als Hipster natürlich über alle gängigen Parties informiert, und zudem muss man die 20€ Karten schon im Voraus bezahlen, denn Szene-Parties sind beliebt, und Platz ist ebenso begrenzt wie Frischluft, im Gegensatz zu Getränken, denn die kosten ab 3€ aufwärts, was aber auch egal ist, denn es war ja gerade Weihnachten und man bekommt dazu ja noch mindestens einen hochrangigen DJ geboten, der irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr nachts auflegen soll, was aber nichts macht da man ja eh nicht vor 23 Uhr aus dem Haus geht. Erstmal angekommen ordert man einen Drink, den man in zwei Schlücken geleert hat, bevor man sich mit seinen Bekannten in einer Ecke auf den, nicht gerade bequemen, Designermöbeln niederlässt, über die Location, die Preise, Kommunalpolitik und die letzte DJ Koze Platte philosophiert, bis Musik und Gespräche zu einem Brei verkommen und mit einem weiteren 6€ Drink runtergespült werden, und man plötzlich merkt, dass eigentlich nicht so richtig Stimmung aufkommen will, es auch noch keiner tanzt, die Musik irgendwie doch nicht so gut ist wie erwartet, und man gerade in dem Augenblick wo sich alles vor der Tür versammelt um auf den Jahreswechsel mit Gratis-Sekt anzustoßen einen Anruf von einem Kumpel bekommt, der beiläufig erzählt dass in der anderen Location am anderen Ende der Stadt die Stimmung kocht weil ein Überraschungsgast, den man selbst schon immer mal sehen wollte, die Plattenteller übernommen hat. Aus Frust bestellt man sich sieben, acht Bier (vermutlich Becks weil es nichts besseres gibt) – da besseres Preis-Alkoholverhältnis – und beginnt über die vergeigten Übergänge und konsequente Hitauswahl des Resident-DJs zu lästern, bis dann schließlich der potentielle Stargast um 4 Uhr nachts an der Reihe ist, man um diese Uhrzeit aber selbst schon betrunken im überteuerten Taxi sitzt, den neusten Insidershit auf dem Ipod hört, und sich denkt: “Verdammt, das letzte Jahr war echt scheisse”.

Was ich dieses Jahr mache? Vielleicht eine Mischung aus beidem, oder auch eher gar nichts, denn wer braucht schon Sülvestär?

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