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27. June 2008, 11:34

Positionen

Resident Advertiser?

“Indpendent” ist ein Wort, das man häufig mit Blogs in Verbindung bringt. Unabhängig, unparteiisch und stets kritisch, das ist die Prämisse unter der viele Blogs stehen, und die letztendlich aussschlaggebend für den stetigen Erfolg von Blogs ist, so dass die oft zitierte Blogosphäre schon lange mehr als nur eine Alternative zu den klassischen Medien ist, sondern diese überholt hat. Dass das gerade der Unterhaltungsindustrie nicht immer schmeckt, ist verständlich, denn niemand möchte negative Presse. Was also tun? Das alte Prinzip “keep your friends close, but your enemies closer” funktioniert auch hier, und gerade wenn etwas im Spiel ist, dass die meisten unabhängigen Seiten nicht haben: Geld.

In den letzten Wochen konnte man in diversen Musikblogs lesen, wie an der scheinbaren Unabhängigkeit gerüttelt wird. Indieblogs wie Stereogum und Idolator stehen inzwischen unter der Obhut von Universal Music (wir berichteten), und auch kleinere Blogs aud dem elektronischen Bereich sind inzwischen in das Visier von größeren Plattformen, Labels und Vertrieben geraten. Das ist an sich nicht schlechtes, wenn da nicht ein kleiner Haken wäre: Wer in eine Sache investiert, egal ob finanziell oder auf andere Weise unterstützend (Promos, Gästelistenplätze & Co.), möchte auch ein gewisses Mitspracherecht bekommen. Und genau hier wird die Sache interessant.

Nehmen wir das Beispiel von Test Industries. Zum Start von Beatportal letztes Jahr hat Test diverse Reviews für eine kleine Vergütung geschrieben. Nachdem die Seite dann größer wurde (und meines Erachtens auch qualitativ deutlich schlechter), wollte Beatportal zunächst nur noch die positiven Reviews veröffentlichen, um Test dann schließlich 500$ im Monat anzubieten, dass die Reviews mit Backlinks zu Beatportal auf seiner Seite veröffentlicht werden. In eigenen Worten:

Beatportal wanted to take over this site (or maybe just its content) and pay me the grand total of $500 a month (the fee I was going to get to blog for them) to do so. I politely turned down the offer and my former colleague expressed disappointment that I felt Beatportal was not an independent outlet. How could it be? It’s owned by a company whose main business is selling music: surely all the glowing reviews I was encouraged to submit to Beatportal wasn’t for the good of my health?

Eine ganz ähnliche Entwicklung scheint es auch bei Resident Advisor, einer der führenden Communitys im Technobereich zu geben. Vor einigen Wochen hat Ronan Fitzgerald, einer der Kritiker bei RA, bereits bemängelt, wie sowohl die Verantwortlichen bei RA als auch die User auf Reviews, insbesondere auf negative, reagieren. Seine Kritik an der aktuellen Single von Laurent Garnier wurde durch dessen PR-Agentin unter einem anonymen Namen im Forum entschärft (was inzwischen im Original Thread gelöscht wurde), während ein Großteil der User nicht etwa die Musik beurteilen, wie es eigentlich gedacht ist, sondern den Schreibstil des Rezensenten.

Die Angelegenheit geht noch weiter, jetzt da die beiden Chefredakteure Tami Fenwick und Jeremy Armitage ihre Arbeit für RA beendet haben, nachdem die Gründer und Macher der Seite die verheerende Kritik von John Digweeds Transitions 4 durch eine weitaus positivere ersetzt haben. Warum? Digweeds Label Renaissance ist einer der größten Sponsoren von RA. Obwohl inzwischen ein Statement im Forum zu finden ist, wo darauf hingewiesen wird, dass es schon in der Vergangenheit negative Reviews von Renaissance Platten gab, bleibt bei der ganzen Sache doch ein fader Nachgeschmack. Jeremy Armitage erklärt die Sache folgendermaßen im gleichen Thread weiter unten, wonach die ganze Sache von an Anfang an rein wirtschaftliche Gründe hatte:

Why do you think I even wrote a review of John Digweed in the first place? (JD is an artist I have little interest in). It was because there was massive, massive pressure coming from the sales department to get a review up pronto. Two drafts from another reviewer already weren’t up to scratch. We were at a loss as to what to do. In the end, I wrote the review to relieve the pressure on the editor coming from sales. You can debate whether that was a bad call, but it was our call to make. Or so we thought.

The reason for the split is simple: Tami and I insisted that sales should be separate from editorial on RA. The management of Resident Advisor are not on board with this philosophy. A line in the sand was drawn, crossed, and that is the end of it. It was a business decision.

Natürlich kann sich eine Seite wie RA nicht ohne Sponsoren und Werbung über Wasser halten, doch die Frage ist zu welchem Preis, und zwar im doppelten Sinne. In dem Moment, in dem eine Seite Geld dafür bekommt, ist sie nicht mehr unabhängig. Daher ist RA ebensowenig unabhängig wie beispielsweise Boomkat, wo so ziemlich alle Platten als “essential” ausgezeichnet werden. Natürlich, es soll ja verkauft werden. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass sich RA gerne als “independent” präsentiert, und auch gerade aus der Philosophie heraus gewachsen ist, dass die Community auch für den Inhalt verwantwortlich ist, und diese Idee ist offensichtlich nicht mehr vorhanden, wenn die Geldgeber den Content bestimmen.

Ich habe kein Problem damit, wenn auf RA Platten besprochen werden, die von Labels und Vertrieben angeboten werden, das mache ich auch hier bei TheLastBeat teilweise. Doch was ich zumindest erwarte ist eine ehrliche Meinung. Keine objektive, denn Reviews sind, quasi per Definitionem, subjektiv. Sobald ein Review schon im vorraus als positiv deklariert wird weil es so gefordert ist, geht meiner Meinung nach der Sinn der Sache verloren. Auch wir bekommen inzwischen regelmäßig Promos geschickt (größtenteils in mp3 Form, gelegentlich auch auf CD oder Vinyl), und bis jetzt halte ich es so, dass ich größtenteils nur Platten bespreche, die mir auch gefallen, ganz einfach weil ich nicht die Zeit habe, schlechte Platten zu besprechen. Wenn ich nun aber Platten für die De:Bug rezensiere, dann versuche ich auch weiterhin, mit einer ehrlichen, subjektiven Meinung an das Ganze heranzugehen. Dass dies nicht immer Freunde findet, musste ich auch schon hier feststellen.

Ich sehe Reviews generell nicht als schlagendes Kaufargument, sondern vielmehr als kleinen Anstoß. Es bleibt schließlich jedem selbst überlassen sich die Previews anzuhören oder die Platte im Plattenladen. Ich vertraue einigen Seiten, einigen Kritikern, da ich das Gefühl habe mit ihnen auf der gleichen Wellenlänge zu sein. Das gilt auch für Boomkat, denn auch wenn jedes Album als Klassiker angepriesen wird, so trifft ein Großteil doch genau meinen Geschmack von Dubtechno, Dubstep und verschrobener Elektronika, auch wenn ich mit der genauen Wortwahl der Rezension nicht immer einverstanden bin. Worte können die eigentliche Musik ohnehin niemals ersetzen.

Zuletzt gilt es noch folgende Weisheit zu beachten für all die Labels und Vertriebe da draußen: Negative Presse ist immer noch besser als gar keine, und wer mittelmäßige Platten veröffentlicht, muss damit leben. Ich werde auch weiterhin RA lesen, nicht aber ohne den kritischen Blick, den ohnehin jeder haben sollte.

Ein Kommentar

  1. Carsten

    Ich habe die Entwicklungen bei Test Industries und RA / Ronan auch sehr interessiert mit verfolgt und bin doch einigermaßen erstaunt, dass man bei RA überhaupt nicht auf die Idee zu kommen scheint, dass man es sich mit solchen Aktionen mit der Leserschaft verscherzt. Was auf lange Sicht bedeutet: weniger Leser = weniger Werbeeinnahmen. Selbst wenn man nur an die Finanzen denkt, machen so “gefakte” Reviews meiner Meinung nach also wenig Sinn.

    Dass Beatport versucht, ein gut gehendes Musikblog als getarnte Werbeplattform zu übernehmen ist zwar nicht gerade die feine Art, aber letzten Endes nur eine von vielen Maßnahmen, um in einem Onlineshop die Umsätze zu erhöhen. In sofern fand ich das nicht sonderlich verwunderlich. Ich fand es allerdings sehr gut, dass man damit bei Test Industries so offen umgegangen ist. Das hätte sich sicherlich auch nicht jeder getraut.

    Ähnliche Entwicklungen spiele sich übrigens zwischen Spieleindustrie und Fachpresse ab – da wird dann auch schon mal der Anwalt eingeschaltet, wenn ein Review nicht nach dem Geschmack des Herstellers ausfällt: http://www.spiegel.de/netzwelt/spielzeug/0,1518,561478,00.html

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