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11. December 2007, 10:06

Tägliches

Prenzlauer Berg – Ghetto ohne Zaun

Als ich vor mich vor einiger Zeit mit jemanden aus Berlin unterhalten habe, sind wir automatisch auch auf das Thema Wohnen gekommen. Nicht zufällig, immerhin werde ich mich Anfang nächsten Jahres, zumindestens für kurze Zeit, unter die Hauptstädter mischen. “Prenzl Berg ist angesagt. Gute Lage, coole Leute“, hat man mir gesagt. Bis dahin dachte ich eigentlich immer, dass der Ausdruck “Prenzl Berg” nur von Nicht-Berlinern benutzt wird, aber anscheinend ist dem nicht so. Dass man jedoch Prenzlauer Berg immer als erste Adresse hört, zumindestens für Leute in meinem Milieu (gehobenes Bildungsniveau, Mitte 20, ‘was mit Medien’), ist jedoch Fakt. Zum Thema Wohnen in Prenzlauer Berg gibt es bei der ZEIT einen durchaus lesenswerten, ironischen Artikel über die voranschreitende Gentrifizierung im Berliner Ost-Stadtteil, in dem sich allein zwischen 1995 und 2000 80% der Bevölkerung ausgetauscht hat: Zwischen Bionade-Biedermeiern, Pornobrillenträgern, Linksalternativen und türkischen Obsthändlern am Existenzminimum:

Der Prenzlauer Berg wirkt vielerorts, als habe es nie so etwas wie eine Unterschichtendebatte gegeben, ein Demografieproblem, Migration. Hier herrscht der Bionade-Biedermeier. Die 100000 Zugezogenen haben eine neue Stadt geschaffen, doch wem kommt diese zivilisatorische Leistung zugute, außer ihnen selbst? Ihr Prenzlauer Berg ist ein Ghetto, das ohne Zaun auskommt – weil es auch ohne zunehmend hermetisch wirkt. Die Zuwanderung wird über den Preis pro Quadratmeter gesteuert und über den enormen Anpassungsaufwand, dem man sich hier leicht aussetzt. Wer nicht das Richtige isst, trinkt, trägt, hat schnell das Gefühl, der Falsche für diesen Ort zu sein. Man glaubt so offen zu sein und hat sich eingeschlossen.

Ebenfalls interessant, und ein wenig damit zusammenhängend: Ein ironischer Artikel in der FAZ über den immer wieder auftretenden ‘Konkurrenzkampf’ zwischen Frankfurt und Berlin. Vor allem die Mietsituation wird meiner Meinung (und persönlicher Erfahrung) nach ganz gut beschrieben, denn Altbauwohnungen kann sich hier in Frankfurt kaum jemand leisten der nicht zur Arbeit in Anzug und Krawatte erscheinen muss.

„Wo wohnst du?“ Das ist für Berliner quasi eine erkennungsdienstliche Maßnahme. Denn an der Wahl des Wohnorts hängt sein Selbstbild, oder besser: Man kann über den gewählten Bezirk das Bild, was man von sich selbst abgeben möchte, formen.
(…)
In Frankfurt dagegen wird wie in Hamburg an schwarzen Brettern nach Wohnungen in den „üblichen Vierteln“ gesucht, wie es dann immer heißt: Sachsenhausen, Westend, Nordend, Bornheim. Und weil dort der Platz so begrenzt ist, wird man auf Partys nicht gesnobbt, wenn man dort nichts gefunden hat, jeder versteht das. In der ersten Wohnung, die ich mir ansah, in einem der üblichen Viertel, hätte ich vom Bett aus mit der linken Hand den Duschhahn aufdrehen und der rechten ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen können, alles für eine Miete knapp unter einer Fantastillarde.

(via Loopkid + Wechselwirkungen)