RSS

20. March 2008, 14:53

Dates

Portishead im DDR-Funkhaus, Berlin, 19.3.2008

Eines sei vorab gesagt: Nein, das war nicht die Neuauflage des “Roseland NYC” Konzertes, was aber nicht am Fehlen der orchestralen Begleitung lag, sondern daran, dass es eben kein Konzert, sondern eine Radioaufzeichnung war, doch dazu später mehr. Dabei war der Ort durchaus clever gewählt. Ein exklusives Konzert im geschichtsträchtigen DDR-Rundfunkzentrum in Berlin, dessen wuchtige Eingangshalle mit Marmorsäulen, Klinkerfassaden und Holzvertafelung bereits eine ganz eigene, erhabene Ästhetik verbreitete, und auch der beeindruckende Konzertsaal konnte mit seiner übergroßen Orgel, hohen Decken und reichlich DDR-Pathos zumindest den Eindruck einer exklusiven Angelegenheit vermitteln.

Exklusiv auch das Publikum, zumindest konnten einige dieses Bewusstsein nicht verbergen. Knapp 250 geladene Gäste, unter denen sich einige glückliche Losgewinner befanden, der Großteil allerdings eine Mischung aus Radioleuten, Musikindustrie, obligatorischen Wichtigtuern und übermotivierten Schreiberlingen war, die sich schon vor Beginn emsig die Setlist abschrieben, und auch während der Aufnahme immer wieder Notizen in ihren Block kritzelten. Das Catering konnte dadurch überzeugen, dass das Bier nicht nur gratis, sondern auch ausnahmsweise kein Beck’s war.

Portishead nahmen den unteren, abgestuften Teil des Saales ein, die Tribüne war abgesperrt, das Publikum wurde gebeten sich doch auf die Stufen um die Band herum zu verteilen, was immerhin einen Hauch von Intimität vermuten ließ, die jedoch durch das stetige, viel zu helle Neonlicht, das die ganze Zeit über bleiben sollte, sofort wieder überschattet wurde. Die Band setzte sich aus Gitarrist Adrian Utley, Bassist, Drums, Rhodes/Synths, diversem Analog-Equipment und einem zweiten Percussion-Set vor Geoff Barrow zusammen.

Die erste Ernüchterung für die erwartungsvollen Gäste kam, nachdem Geoff Barrow die Band ankündigte, und nuschelnd darauf hinwies, dass es sich um eine Radioaufnahme handelt, und man zuerst einmal die Soundspur checken müsste, was möglicherweise dazu führen kann, dass einige Songs mehrmals gespielt werden. Dem Applaus, als Beth Gibbons leicht gekrümmt, fast schüchtern, den Saal betrat tat das allerdings keinen Abbruch.

Was die nächsten knapp 70 Minuten folgte waren nicht nur einige doppelte Songs, die zum Glück alle aus neuem Material bestanden (überhaupt gab es mit “Mysterons” nur einen der alten Klassiker zu hören), sondern auch häufig mehrmals abgebrochen und neu begonnen wurden. Das hing zum einen mit technischen Problemen zu Beginn zusammen, zum anderen auch damit, dass die Band diese Gelegenheit offenbar als Generalprobe für die kommende Tour nutzte. Der Unterhaltungswert wurde durch dieses organisierte Chaos natürlich getrübt. Hier war eine Band, die versuchte ihr Material zu meistern und nicht für die Besucher spielte, die in diesem Fall zu – exklusiven – Zaungästen verdammt waren.

Rein musikalisch betrachtet war es ungemein interessanter; Statt wieder in den 90er-Jahre TripHop-Sound zu verfallen mit dem sie einst berühmt wurden, hat sich die Band weiterentwickelt. Ob die Stakkato-Percussion von “Machine Gun” oder die fast Post-rockig amutende Wall-of-Sound von “We Carry On”, der neue Livesound der Band ist lauter und schneller, ohne dadurch auf die langsamen, hypnotisch-düsteren Momente (“Nylon Smile”) verzichten zu müssen.

Hätte es sich um ein wirkliches Konzert gehalten, wäre es vermutlich eine schöne, fast nostalgische Angelegenheit gewesen für langjährige Fans der Band. So war es bloß eine Radioaufzeichnung und Bandprobe, die nicht nur durch das durchdringende Neonlicht eine teilweise fast sterile Stimmung hatte. Das hätte man zwar erwarten können, aber natürlich lagen die Hoffnungen ungemein höher, was auch ein Rundblick durch das Publikum zu bestätigen schien.

PS: Das Gratis-Bier war von Radeberger.

3 Kommentare

  1. xdevx

    Wenigstens dürfte es ein unvergesslicher Abend gewesen sein. Wird man die Band irgw. intimer erleben können als bei einer “Bandprobe”?

    ReplyReply
  2. Eikman

    Ja, das stimmt schon. Es war bestimmt eine einmalige Sache, aber man kann sich ja immer mehr erhoffen :)

    ReplyReply
  3. xdevx

    Sei froh, dass du sie in einer so schönen Kader erleben durftest, denn ich muss sie im Kölner Kotzpalladium ertragen! ;) Ich habe auch gaaar keine Erwartungen, es wird bestimmt voll scheiße! :p

    ReplyReply

Antworten