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8. June 2011, 02:12

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OK Computer (Revisited)

Ich hatte wohl Rückstand, in Sachen Frauen allemal, aber vor allem musikalisch. Es sei dem Alter geschuldet, dass ich Radioheads OK Computer nicht schon 1998 gehört habe, sondern erst zwei, drei Jahre später. Aber als ich es gehört habe, hat sich eine Welt eröffnet, die ich bis dato kaum kannte: Nicht nur die Welt guter Musik, sondern vor allem jener Musik, die mich emotional berührte.

Selten war mir dies mehr bewusst als in jener Nacht. Es war eine dieser Nächte, in denen alles geht. In denen “immer Musik da sein sollte”. Absolute Giganten, auch diesen Film sollte ich erst später sehen. Und so saßen wir also da, M. und ich. Es war Sommer, das Jahr 2002, kurz nach dem Abitur. M. hatte seine, natürlich erste, Wohnung direkt am Waldrand, einem dieser dichten hessischen Laubwälder, in denen man regelmäßig mit seinen Sorgen hineinjoggte und sie dabei verlor – oder sich das wenigstens erhoffte.

Und da saßen wir, auf dem Balkon im Nirgendwo, den Blick ins Dunkle des Waldes. Und wir haben getrunken, Weißwein, vor allem, das war M.’s Entscheidung. Aber auch Whiskey, das war meine, und nicht den guten, nein, wieso auch, sondern den günstigen Bourbon aus dem Supermarkt. Mit Cola, natürlich. Und dazu sang Thom Yorke aus den Sony-Boxen: Today, we escape. Zu dem Zeitpunkt wussten wir nicht, was wir überhaupt verlassen sollten, ebensowenig wie wir wussten, wohin wir gingen. Wir hatten gerade die mündliche Prüfung abgeschlossen, eine der ersten und überflüssigsten, die unseren weiteren Weg bestimmten sollten.

So unterhielten wir uns, über die Schule, die unsägliche. Und über Frauen, die damals noch Mädchen hießen, und noch scheu die Blicke erwiderten, die auf sie gerichtet waren. A chemical reaction. Was hieß das schon, die Weiber – die Doofen! Wir waren beide verliebt, natürlich unerwidert. Wir Beide, einer unterschiedlicher als der andere, aber doch verbunden durch unser Schicksal, so glaubten wir ohne zu wissen, was es bedeutet, und diese unsägliche Platte, die immer wieder lief. Und da saßen wir, und schauten uns an, und lachten und tranken. Auf uns, auf die Zukunft, von der wir beide wenig wussten und noch weniger erwarteten. Zumindest das konnten wir: Schwarzmalen, das hat bis heute Bestand.

Ich weiß nicht mehr, wie wir auf die Idee gekommen sind; wir wollten raus, und da stand es nunmal: Mein Auto. Nun gut. Ich bin zuerst gefahren, zu betrunken und zu schnell, viel zu schnell, an der Ampel vorbei, die um diese Uhrzeit nur auf Warnlicht stand; geradeaus, hinunter, rechts, ich wusste nicht wohin, ich kannte mich nicht aus, habe sie nur gesehen: Die Gärten, die spärlich beleuchteten Häuser, die an uns vorbeirauschten. Such a pretty garden.

Ich stoppte plötzlich, als meine Sicht endgültig verschwamm. Die Karma Police war in dieser Nacht offenbar auf meiner Seite. Als ich anhielt, fühlte ich, als würde hinter mir eine Benzinspur liegen, die angezündet wurde. Mein Herz pochte und M. schaute mich entgeistert vom Beifahrersitz aus an. Plötzlich brach er in Lachen aus. This is what you get tönte aus den schäbigen Ford-Boxen. Ich stieg aus und brüllte in das Dunkel der Nacht, aber es interessierte niemanden, da war niemand, niemand außer uns auf dieser scheiß Straße.

For a minute again, I lost myself kratzte Thom Yorke. Als wüsste er alles. Und wir schauten uns an und waren wortlos einig: M. fuhr zurück, er war kaum nüchterner, tat aber immerhin so, und wir saßen wortlos im Auto, in dieser Kleinstadt, dieser hessischen, diesem Kaff, dem verdammten. Aber hey, dachten wir, wir haben es gefühlt, das gewisse Etwas, von dem die großen Musiker singen. Auf dem Rückweg lief Lucky: Pull me out the airplane / it’s gonna be a glorious day. Und am Horizont blinzelte gerade die Sonne hervor. Und wir wussten: We were standing on the edge.

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Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich OK Computer zum ersten Mal seit knapp acht Jahren am Stück gehört. Es wird nie wieder so gut werden, aber es ist verdammt nah dran. Und das sollten großartige Alben immer sein. Und auch dieses Video lief damals, in der pre-YouTube-Zeit, hoch und runter. An guten Tagen sogar auf MTV.

Bild von hier / Erinnerungslücken vorbehalten

2 Kommentare

  1. Stefan

    Das Album hieß The Bends und lief Mitte der Neunziger auf dem Tapedeck eines klapprigen Fiat Panda auf dem nächtlichen Nachhauseweg durch rheinische Dorflandschaften. Danke!

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Trackbacks

  1. [...] OK Computer (Revisited) | thelastbeat Eikman fast 25 Jahre später über eines der größten Alben eben genau jener 25 Jahre. Schön. Tweet [...]

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