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24. January 2006, 00:01

News

MTV Datenbank

Schon interessant, dachte ich mir, dass sich in der Artist Datenbank der plastikbunten (und Grimmepreis gekrönten) Webseite mtv.de zwischen Peter Maffay, Madonna, Tokio Hotel und 50 Cent auch eine ganze Reihe Künstlerbiographien finden, die man nicht unbedingt mit MTV in Verbindung bringen würde: Künstler wie Andi Teichmann, Misc, Rechenzentrum, Aesop Rock, Ed Rush & Optical und Woody Guthrie (!) haben in der wirklich alles andere als kleinen und relativ aktuellen Datenbank ihren Platz gefunden. Aber das wirklich beunruhigende ist, dass die Biographien größtenteils wirklich gut formuliert und recherchiert sind sind. Was ist also passiert, dass MTV plötzlich solch reges Interesse an Jungle DJs und Microelektronikern zeigt. Hat mtv.de etwa einen produktiven Insider-Redakteur, oder bereitet MTV nach Fusion mit VIVA heimlich ein Revival des Alternativ-Musiksenders Viva 2 vor? Das bleibt vermutlich Wunschdenken.

Beim durchstöbern bleibe ich schließlich beim Eintrag von Aesop Rock hängen, und denke mir: “Irgendwie kommt mir das bekannt vor”. Google hilft dem Gedächtnis auf die Sprünge: Die Biographie ist identisch mit jener auf laut.de, und nicht nur das, die komplette Künstlerdatenbank ist absolut deckungsgleich. Kaum fühlte ich mich einem Plagiat-Skandal auf der Spur, kommt die Ernüchterung durch ein, gar nicht mal kleines, Fenster auf der rechten Bildschirmseite: Provided by laut.de. Na gut, ich wusste nicht dass laut.de mit MTV in Verbindung steht, aber Fakt ist, dass die Datenbank, die vielleicht ausführlichste und beste in deutscher Sprache, bei MTV irgendwie deplaziert wirkt. Vermutlich bedingt durch die negative Konnotation, die sich MTV in den letzten Jahren bei mir erworben hat.

MTV ist einfach nicht Underground, und auch nicht Indie. MTV steht für schmalzigen Teeniepop, für profanes Bootyshaking und simpel gestrickten Britrock, für Werbung, verrückte Frösche, getunte Autos, Ashton Kutcher und blonde Moderatorinnen, nicht für Subversion, da helfen auch kopierte Datenbanken und ein schnieker Internetauftritt nichts. Die Zeit, als MTV Mitte der 90er plötzlich unverschlüsselt in Deutschland zu empfangen war, und man sich noch durch Musikfernsehen inspirieren und unterhalten lassen konnte, als es später immerhin noch nachts erträglich war, auch begünstigt durch eine gewisse Rivalität zu Viva, sind längst vorbei. Inzwischen bestimmen vor allem visuelle und kommerzielle Anreize das Bild von MTV, nicht mehr die Musik dahinter. Reportagen und News sind Realityshows gewichen (als gäbe es davon nicht schon genug), Moderatoren animierten SMS-Laufbändern. Vor allem ist MTV nur noch eines: unwichtig. Die Zielgruppe wurde auf eine derart begrenzte Altersklasse minimiert, dass MTV kaum noch eine Identität vorzuweisen hat, und VIVA ist gleich mit untergegangen. Was ich eigentlich sagen will: Musikfernsehen ist tot, lang lebe das (Musik-) Vlogging.

4 Kommentare

  1. coi.coi

    Interessant wäre, herauszufinden ob laut.de umsatzeinbußen hatte und deshalb seine datenbank verkauft hat oder gleich ganz von mtv aufgekauft wurde. letzteres wäre doch wahrscheinlich, weil die großen tv-zeitungs-radio-konzerne doch im moment ordentlich geld ausgeben um der immer mehr zunehmenden verlagerung der entertainment und informations inhalte ins internet her zu werden. alles was nach blog,interaktiv,web2.0, video-on-demand,podcast etc riecht, wird doch gekauft.
    Ich prophezeie, dass die wichtigen music internetplattformen, falls sie es noch nicht sind, bald fusionieren und/oder von etablierten mediengrößen aufgekauft werden.

    dot. com.

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  2. Eikman

    Zumindestens gibt es weder im Impressum noch sonst irgendwo auf den Webseiten von laut und mtv einen Hinweis, der auf einen gemeinsamen Nenner schließen lässt.

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  3. Matthias

    Offensichtlich war man bei laut.de vor Jahresfrist noch mächtig stolz darauf, mtv.de bei den Visits überholt zu haben. Aber schon damals bestand offenbar die Kooperation zwischen laut und mtv (mit Lycos kooperieren sie wohl auch).
    Ich stimme euch beiden zu: MTV ist schon lange nur noch Jamba-Werbesender und Dudelfunk; und die Fusionitis wird weiter um sich greifen. Sind Blogs eine Alternative? Wahrscheinlich nur für einen kleinen, elitären Kreis, oder?

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  4. Eikman

    Interessante Links!
    Zum Thema Musikvideos im Netz: Angebote gibt es inzwischen reichlich, vor allem auf den entsprechenden Artist-Seiten kann man heutzutage fast immer die Videos anschauen, aber natürlich zumeist in schlechter Qualität, und man muss entsprechend wissen nach was man sucht. Den Vorteil des Fernsehens – einschalten und berieseln lassen – bietet das Internet (noch) nicht, auch wenn es schon diverse Seiten gibt, die Musikvideos von unterschiedlichsten Quellen aus zusammentragen (z.B. Popzoot)
    Aber ich denke, wenn in den nächsten Jahren Internet TV generell eine größere Resonanz durch höhere Bandbreiten etc. erfährt, wird es auch entsprechende Plattformen, vielleicht nicht unbedingt Blog, geben, die Musikvideos ähnlich einem Musiksender streamen, und dadurch auch ein breiteres Publikum ansprechen. Ob diese dann allerdings von Werbung verschont bleiben oder nicht gleich von mtv und Konsorten geschuckt werden ist fraglich…

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