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22. July 2008, 20:05

Dates

Melt! 2008 – Review

melt 2008

Liebe Melt! Veranstalter,
es gibt bekanntlich Dinge, die kann man nicht steuern. Dazu gehört zum Beispiel das Wetter, oder genauer gesagt: der Regen. Davon gab es reichlich auf dem diesjährigen Melt!, wenn auch nicht dauerhaft, so doch immer wieder kurz und heftig, was vermutlich, gemessen an meiner persönlichen Festivalbilanz, auch mal an der Zeit war. Dass gerade nach den Schauern am Samstag und Freitag Abend das Gelände sich langsam in einen knöcheltiefe Schlammsuhle verwandelte, die nicht nur das Laufen, sondern vor allem auch das Tanzen erschwerte, daran könnt ihr nichts ändern. Dass es aber wegen Stromproblemen immer wieder kleinere bis mittelgroße Pannen gab, wie der abgebrochene Gig von Hercules & Love Affair, nun gut, darüber muss man wohl hinwegsehen.

Dann gibt es aber Dinge, die kann man steuern indem man sich darauf einstellt. Wie die Besucherzahlen. Wieso also, liebe Veranstalter, müsst ihr die Organisation am Eingang, die ich schon vor zwei Jahren bemängelt habe, und die letztes Jahr scheinbar in den Griff bekommen wurden, wieder so dermaßen vergurken? Denn die Idee, den Einlass und Bändchentausch einen Kilometer vor das eigentliche Gelände zu verlegen, war ein kolossaler Griff ins Dixie-Klo. Gemessen and den Tausenden von Menschen, die sich wie Vieh durch die Gitter drängten, war auch nicht viel mehr Platz als in eben jenem. Und das obwohl das Personal in den Kassenhäuschen, im Gegensatz zur Security, chronisch unterbeschäftigt erschien.

Und dann, liebe Veranstalter, wieso habt ihr das über Jahre hinweg bewährte Geländelayout so umgekrempelt? Das Melt! war früher ein Festival der kurzen Laufwege, jetzt muss man zwischen dem Klub und der Big Wheel Stage noch zwei Pinkel- und eine Esspause einlegen, und dann ist man noch nicht durch den Andrang vor dem Klub durch. Zwar scheint nun mehr Platz vor der Hauptbühne zu sein, aber dafür bietet sich keine Sitzgelegenheit mehr vor der Gemini, was gerade nach der zweiten Nacht, wenn die Beine langsam träge werden, leider etwas schade ist.

Zum Glück gibt es ja noch die Musik. Das Line-Up war zwar dieses Jahr etwas schwächer besetzt als die Jahre zuvor, weswegen wir so wenige Bands wie noch nie gesehen habe, aber trotzdem einige Highlights herauspicken können. Nachdem wir am Freitag Abend auf Grund des Eingangs-Chaos leider mehr als die Hälfte von Burger/Voigt verpasst haben, konnten wir doch zumindest noch das Ende eines furiosen Sets der beiden Herren sehen, wobei Jörg Burger in Sachen Headbanging und Frisur auch ein Death-Metaller sein könnte. Es ging weiter kompakt zu mit der Spaßkombo Supermayer, die mit allerlei seltsamen Sounds und Funks die Big Wheel Stage in einen Zirkus verwandelt haben. Zwischendurch einen Abstecher zum Red Bull Floor, der im Vergleich zum letzten Jahr ordentlich aufgestockt wurde, und Freitag Nacht ganz in den Händen von Drum & Bass und Dubstep war. Ersteres wird bei Bodytonic vielleicht nicht ganz zu unrecht als ein Dinosaurier der Musikszene beschrieben, den es gilt totzuschlagen, aber wir fanden das Set von Commix eigentlich ganz witzig. Etwas nervtötend waren allerdings die MCs, die sich leider auch in die Sets von D’n'B-Urgestein Goldie und Dubstep-Prodigy Skream verirrt haben, der die Anlage odentlich ausreizte, so dass selbst hartgesottene Partygänger sich Taschentücher in die hämmernden Ohrkanäle stopften. Nachdem Gui Boratto nur einige Meter weiter seine eigene Form von Techno in einem sehr schönen Set zelebriert hatte, übernahm das Bpitch-Kollektiv die Decks. Zunächst mit Modeselektor, die ein seltsam housiges Set ablieferten und ein wenig das typische Gebratzel vermissen ließen, und später dann mit Ellen Allien, Tomas Andersson und Sascha Funke, die gleichzeitig auch den Absch(l)uss bildeten, denn irgendwann dazwischen setzte mein Gedächtnis kurzweilig aus. Ebenfalls gelitten haben neben meinem Kopf auch die anderen Bühnen, denn Gus Gus, Booka Shade und Why? konnten wir wegen Überschneidungen leider nicht sehen.

Den Samstag, dank milden Temperaturen, mit überraschend viel Schlaf überstanden, ging es zunächst mitten rein in das Improvisations-Set von Cobblestone Jazz, wobei sich Frontmann Mathew Jonson auch zu späterer Stunde noch einmal hinter den Decks zeigte. Eines der Highlights des Abends war sicherlich Henrik Schwarz, der zwar genau zu Beginn des großen Regenschauers anfing zu spielen, seinem Macbook aber so ein großartiges, angejazztes Set entlockte (u.a. natürlich auch mit meinem persönlichen Track des Jahres), dass auch der Schlamm irgendwann vergessen war. Zwischenzeitlich spielten die Stereo MCs auf der Hauptbühne, was zumindest bei einigen Tracks gute Erinnerungen an die 90er Jahre hervorrief (Connected war eine meiner ersten CDs). Mit Efdemin wurde es wieder elektronischer, auch wenn der Dial-Mann ein wenig Zeit brauchte um auf Touren zu kommen, weswegen wir zwischendurch noch Gelegenheit hatten bei Mr. Oizo vorbeizuschauen. Sun at last! Den Flat Beat haben wir zwar nicht gehört, dafür aber ein sehr unterhaltsames, wenn auch anstrengendes Mash-Up Set á la 2 Many DJs. Überraschend elektronisch-technoid war auch Roísin Murphy, die vermutlich auch für die meisten Kostümwechsel an diesem Wochenende verantwortlich war. Zwischen einigen wenigen Moloko Tracks kamen natürlich auch die aktuellen Sachen nicht zu kurz, die nicht nur aufgrund der Tanzbarkeit besser ankamen als noch ihr letzter Auftritt an gleicher Stelle. Nicht minder großartig auch Len Faki: der Berghain Resident spielte ein tolles, abwechslungsreiches Set im Morgengrauen, und kurz darauf kam etwas, mit dem keiner mehr gerechnet hatte. Nein, es war nicht Steve Bug, sondern strahlend blauer Himmel morgens um 6 Uhr, der mit den längst überfälligen Sonnenstrahlen für ein versöhnliches Ende sorgte.

Ende? Wieso Ende? Da war ja noch der Sonntag, diese kleine Anhängsel, dass sich die Melt! Veranstalter überlegt haben um noch einmal auf nur zwei Bühnen große Namen zu bringen. Einer davon war Björk. Fünf Jahre ist ihr letzter Gig in Deutschland her, und ich war damals dabei, auf dem Hurricane, anno 2003. Überzeugt war ich damals schon nicht, deswegen war uns der Aufpreis für einen dritten Tag auch zu viel. Manche sagen ja es war toll, die meisten sagen aber, man hätte auf diesen dritten Tag auch verzichten können.

Zum Ende noch ein kleines Zitat aus einem Artikel der TAZ von INTRO-Herausgeber Matthias Hörstmann: “Es sind Leute dazugekommen, die ich zu Hause nicht auf dem Sofa sitzen haben möchte, Drei-Tage-wach-Publikum“. Aber liebe Veranstalter, wer auf einem Festival mit sechs Bühnen die Hälfte davon mit elektronischer Musik beschallen lässt, sollte sich darüber weiß Gott nicht wundern. Da hilft auch Converse als Hauptsponsor nicht.

Mein Tipp und Fazit: Die Organisation wieder besser hinbekommen, dann kommen wir vielleicht auch nächstes Jahr wieder, auch wenn die Sympathiepunkte des Melt! langsam dahinschmelzen.

# Melt! 2008 Bilder @ Flickr

Update: Ein Statement der Veranstalter ist inzwischen veröffenlicht worden, was ich sehr gut finde, da man sich anscheinend die Kritik zu Herzen nimmt.

2 Kommentare

  1. syzed

    goldie als maßstab für drum & bass anzusetzen ist fatal. von goldie kann man doch kaum überraschungen erwarten, seit inner city life ’94 und timeless ’95 kam einfach kein relevantes release mehr. metalheadz ist auch nicht unbedingt ein hort an kreativität. goldie mit drum & bass gleich zu setzten wäre genauso stumpfsinnig wie rush mit techno. gleiches gilt für das dnb altersheim doc scott und storm.
    ich denke das melt team suchte acts die wirklich jeder kennt, damit auch ein paar indie kids was damit anfangen können. grooverider ist im knast, roni size zu teuer also musste goldie die letzten zwei jahre ran. wie im gesamten lineup wird lieber auf große namen anstatt auf qualität gesetzt.

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  2. Eikman

    Ich muss zu Goldies Verteidigung sagen, dass ich das letztjährige Rufige Krew Album, hinter dem ja auch Goldie steckt, doch ganz ansprechend fand. Auch sehe ich bei Metalheadz, wenn auch nicht mehr so relevant wie vor 10 jahren, doch noch teilweise gute Artists (Commix, Klute). Natürlich sucht ein Festival sich große und bekannte Namen, aber das ist fast immer der Fall. Ich persönlich würde auch lieber Martsman, Calibre oder Naphta statt Goldie sehen, aber was will man machen :)

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