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19. July 2007, 18:48

Dates

Melt! 2007 Rückblick

Na das ging ja gerade nochmal gut: Anstatt im befürchteten Schlam(m)assel zu enden, hat sich der Wettergott gerade pünktlich zum Festivalbeginn dazu entschieden Ferropolis mit etwas Sonnenschein zu beglücken, und auch sonst kann die zehnte Auflage des Melt! Festivals als durchaus gelungen bezeichnet werden. Meine Kritikpunkte des letzten Jahres wurden fast alle erhört, und so gab es dieses Jahr gleich doppelt soviele Dixie-Toiletten und Duschen auf dem Zeltplatz wie noch die Jahre zuvor. Auch das Personal an Eingang und Gastronomie schien endlich an die Besucherzahl angepasst zu sein, so dass wir am Freitag nachmittag nach guten 10 min. bereits unser Ticket in ein von Coca Cola und Nokia gesponsortes Bändchen umgetauscht hatten. Apropos Coca Cola, die größte Neuerung war gleichzeitig das ‘Coca Cola Soundwave Tent’, eine zusätzliche Stage, auf der bis auf einige Ausnahmen zwar keine wirklich großen Namen gespielt haben, die Lautstärke dafür aber rekordverdächtig war. Einziges Manko: Lediglich zwei Shuttle Busse sind doch etwas wenig für 15.000 Leute.

Nachdem wir dieses Jahr schon am Donnerstag angereist sind, hatten wir immerhin freie Auswahl auf dem, ca. vor zwei Monaten zuletzt gemähten, Campingacker, dessen Sträucher sich mehr als einmal durch unseren Zeltboden gebohrt haben. Offenbar angezogen von der Glut unseres Grills, errichteten einige (zu) gut aufgelegte Bayern ihr Camp direkt neben unserem, und haben uns ungewollt bis 4 Uhr in der Früh mit Witzen der Bullyparade beglückt, während auf der anderen Seite eine Gruppe Holländer die Grenzen ihrer Autobatterie ausgetestet haben. Festival + Schlafen – das geht eben nicht, und so wurden auch die nächsten beiden Tage eher durch gelegentliches “sparsames Schauen” als effektives Schlafen bestimmt.

Das Line-Up, wenn auch diesmal ohne wirklich großen Headliner, war wie immer ausgeglichen zwischen soliden Stammgästen á la Hot Chip, den Wighnomy Brothers und Deichkind, aber auch für die eine oder andere Überraschung gut. Da wir uns dieses Jahr für die “weniger ist mehr” Variante entschieden haben anstatt gestresst von Stage zu Stage zu hetzen, muss ich leider sagen dass ich einige Namen die ich gerne gesehen hätte leider höchstens im Vorbeigehen aufgenommen habe, während einige ganz auf der Strecke blieben.

Freitag

Startschuss in den Freitag Abend lieferten die Vakant Jungs Mathias Kaden und Onur Özer, die sichtlich Spaß daran hatten den minimalen Grundton auf der Big Wheel Stage zu setzen.
Apparat folgte dem aktuellen Trend und reiste gleich mit Band an um Songs des neuen Albums zum Besten zu geben. Ich weiß jedoch nicht ob es am Sound lag, allerdings kam mir die gesamte Performance letztendlich doch etwas schnarchig rüber, nicht etwa weil die Songs keinen Pep hätten, nur kam mir persönlich der Band-Aspekt etwas zu gewollt vor, aber das ist sicherlich noch ausbaufähig.
Vielleicht der offizielle Headliner des Festivals, und nebenbei das einzige Mal an diesem Wochenende an dem wir uns vor die Main Stage wagten, waren The Notwist, die durchaus gelungen zwischen alten (respektive aus der Neon Golden Zeit) und neuen Songs varrierten, und zeitweilen auch die Gitarren drönen ließen, während Michael Acher hin- und her wiegend ins Mikrofon hauchte.
Anschließend dann wieder zurück zu elektronischer Hausmannskost: Autechre, von denen ich schon das Schlimmste erwartet habe, haben mich im Endeffekt mehr als positiv überrascht: In völliger Dunkelheit fackelten die beiden das vielleicht tanzbarste Set ab, das ich in den letzten Jahren von ihnen gehört habe, und das obwohl sie konsequent den 4/4 Takt vermieden haben. Der überschwängliche Applaus eines doch sehr ausgewogenen Publikums gab ihnen dabei Recht, und im gelegentlichen Blitzlicht konnte man auch den ein oder anderen Musikerkollegen in der Menge ausmachen.
Inzwischen war die Big Wheel Stage bereits unter Kontrolle der M_nus Posse um Richie Hawtin, von denen vor allem Troy Pierce und Magda erwähnt werden sollten. Marc Houle musste leider Alec Empire & The Hellish Vortex zum Opfer fallen, deren Performance wir zufällig auf dem Weg nach draußen, um uns an unserer am Eingang konfiszierten “Marschverpflegung” zu stärken, hörten. Für einen alten Atari Teenage Riot Fan war das schon so etwas wie die Rückversetzung in die Mitt-90er, als dieser brachiale Noise-Punk noch als revolutionär galt. Inzwischen wirkt Alec Empire zwar weniger wichtig wenn er auf der Bühne unverständliche Parolen ins Mikro schreit, zum Headbangen geht das aber immer noch ganz gut.
Zum Abschluss des ersten Tages wurde dann zwischen Big Wheel und Gemini Stage gewechselt, wo sich Richie Hawtin auf der einen Seite und DJ Koze und die Wighnomy Brothers auf der anderen den Unterschied zwischen digitalem DJing und klassischem Vinyl demonstrierten, und auch wenn Koze etwas holprig angefangen hat, so schien er am Ende gar nicht aufhören zu wollen. Als dann doch noch einmal die Wighnomy Brothers randurften, habe ich mit etwas Schrecken festgestellt dass ich nicht nur Dizzee Rascal, sondern auch noch Goldie verpasst habe.

Samstag

Nach ca. fünf (gefühlten zwei) Stunden Schlaf im kochend-heißen Zelt wurde der Samstag Mittag in typischer Festival-Apathie verbracht, bevor es wieder auf das Gelände ging. Erstes Highlight: Booka Shade. Vom Setup her zunächst irgendwie an das Safri Duo erinnernd, haben die beiden bei ihrer ersten Show in Deutschland dieses Jahr ein schönes Set zwischen elegischem House und treibendem Techno abgeliefert.
Mouse on Mars, diesmal ohne Band, jammten munter vor sich hin während im Hintergrund subversive Botschaften über die Leinwand flirrten. Auf Dauer etwas anstrengend, aber in Sachen Abwechslung kaum zu überbieten.
Einer der am sehnsüchtigsten erwarteten Acts war natürlich Trentemöller, der ebenfalls mit Band angereist war, und insgesamt ähnlich wie Apparat zwar eine solide Performance bot, die aber leider teilweise etwas durch die Bandstücke gebremst wurde, weil sich die ruhigeren, ausufernden Songs der Band mit den treibenden Technostücken abwechselten. Trotzdem war die Performance ein weiterer Beweis, dass Trentemöller einfach einer der besten Liveacts im Technogeschäft heutzutage ist.
Überraschend gut ebenfalls UNKLE, dessen beiden kreativen Köpfe James Lavelle und Richard File sich im Hintergrund der Bühne aufhielten, und lieber ihrer Band inkl. Sänger das Rocken überließen, nur um gelegentlich etwas mit der Elektronikkeule zu schwingen, was insgesamt doch ziemlicht gut geklappt hat.
New-Rave gab es am frühen Sonntag Morgen in Form von Digitalism und Simian Mobile Disco , wobei ich gerade nicht mehr weiß wer mir besser gefallen hat. Das Remmi-Demmi von Deichkind vs. Snap! auf der Main Stage haben wir abermals verpasst, aber bei der überschwänglichen Resonanz sind die Jungs auch bestimmt nächstes Jahr wieder am Start.
Das perfekte Ende eines (fast) perfekten Festivals kam dann aus Köln in Form der Cereal Killers – Metope, Ada, Pan/Tone (Sid LeRock) und Jake Fairley zusammen auf einer Bühne, und das auch noch im aufgehenden Sonnenschein – was kann da schon schiefgehen? Nichts natürlich, und so haben wir uns zu den warmen Analogsounds von Ada und Jake Fairley und den etwas bratzigeren Sounds von Metope und Sid LeRock in eine wohlige Abschiedsstimmung geschaukelt, um sind nach einem kurzen Abstecher zum Sleepless Floor in das viel zu warme Zelt zurückgekehrt.

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Fazit: Besser organisiert als die letzten Jahre bei qualitativ weiterhin hochwertigem Line-Up und verhältnismäßig fairen Preisen (2,50€ für ein 0,3l Bier), gepaart mit gemischtem (Indie trifft Techno), aber doch ausgewogenem Publikum – das Melt! bleibt auch weiterhin einer der ersten Adressen im deutschen Festivalgeschäft, und gilt auch nächstes Jahr als heißer (wortwörtlich) Tip.

# Fotos – Day 1
# Fotos – Day 2

2 Kommentare

  1. beingboring

    ach, ich glaub, da muss ich auch mal hin

    ReplyReply

Trackbacks

  1. [...] die ich schon vor zwei Jahren bemängelt habe, und die letztes Jahr scheinbar in den Griff bekommen wurde, wieder so dermaßen vergurken? Denn die Idee, den Einlass und Bändchentausch einen Kilometer vor [...]

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