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27. April 2007, 01:58

Alben

Matthew Dear – Asa Breed

Zunächst die Hiobsbotschaft für alle, die Minimaltechno im Audion Stil erwarten: Gibt es nicht. Matthew Dear hat das Minimalgewand abgelegt und macht nun Songwriting, das heißt er singt. Auf allen Tracks. Kein Spaß. Nachdem die Fronten geklärt wären können wir uns etwas dem dritten Album von Matthew Dear unter seinem eigenen Namen widmen. Asa Breed heißt es, und es nicht nur die bereits erwähnte Abkehr von Dears Minimal Alter Ego Audion, sondert bewegt sich auch ein gehöriges Stück von den letzten beiden Alben fort. Während bei Leave Luck To Heaven und Backstroke Dears halb-gesprochener Singsang eher als Rhythmuspartikel eingesetzt wurde, sind die Vocals diesmal im Mittelpunkt, es handelt sich, so kann man es wohl nennen, um ein Songwriter Album im elektronischen Gewand, und was für klassische Songwriter die Gitarre ist, ist für Matthew Dear der Synthesizer und die Drummachine.
Der Unterschied zu den Vorgängern besteht darin, dass Dear das Tempo generell runterschraubt und dem Ganzen damit diese quietschige Dancefloorästhetik nimmt, die Songs wie Dog Days hatten. Ernster ist der Ton, erdiger. Lediglich Neighborhoods mit einer schrägen Synthline und leicht gehobenen Tempo erinnert an die früheren Songs, der Rest wendet sich konsequent vom Dancefloor ab. Bei Midnight Lovers verzichtet Dear gleich ganz auf die Elektronik und startet mit live eingespielten Drums und einer Gitarre, die im Verlauf noch ordentlich verzerrt wird. Auf dem letzten Track Vine to Vine geht er gar noch ein Stück weiter und versucht sich an einem Folksong im Johnny Cash Stil mit nachlässig gespielter Akustikgitarre und gesprochenem Text. Doch keine Angst, Matthew Dear wird seinen Wurzeln nicht gänzlich untreu: Don and Cherrie erinnert mit einer klaren 4/4 Percussion wohl am ehesten an die letzten Veröffentlichungen von Dear, und Shy ist regelrecht funky, und auch Elementary Lover in Zusammenarbeit mit den Labelkollegen der Mobius Band weiß ein kleines aber feines Crescendo aufzubauen, auch wenn es vermutlich mehr Zeit gebraucht hätte, denn auch in Sachen Songlänge schaltet Dear einen Gang zurück – lediglich zwei von 13 Tracks kommen überhaupt über die 4 min. Grenze hinaus. Der Gewinner ist allerdings die Vorab-Single Deserter, eine verträumte Ode an frühere Lover, die Dears stoische Stimme perfekt transportiert und auch textlich mithalten kann.

Stichwort Texte: Während Dears emotionslose und teilweise stark gepresste Stimme im Kontext der Musik noch Sinn macht, bleiben die Texte dagegen größtenteils ähnlich flach. Die Zeilen des Openers Fleece on the Brain “There’ve been times when / I slipped and fell / I hit my head hard / And the blood it did spill” lesen sich eher wie das Produkt eines Gesamtschülers in der Lateinstunde am Nachmittag als die eines ambitionierten Songwriters, und auch auf Profanitäten wie “Love can really bring you down / It’s such a state of mind / Can take a long long time” in Pom Pom kann man eher verzichten. Natürlich kann man von Matthew Dear nicht die Textqualität eines gestandenen Songwriters erwarten, aber bei einem Album, dessen Fokus auf Stimme und damit auch Texte liegt, könnte man sich mehr erhoffen, auch angesichts der Tatsache dass Dear durchaus in der Lage ist tiefergehende Texte zu schreiben, wie man sie auf Deserter und auch Give Me More zu hören bekommt, wohingegen der Rest jedoch zumeist in der Bedeutungslosigkeit versinkt.

Was unter dem Strich bleibt ist ein durchaus hörbares Album, das möglicherweise zuviel auf einmal möchte; Matthew Dear hat zwar den Schritt gemacht seine Musik einen Schritt Richtung Bandniveau zu heben, was auch die letzten Liveauftritte mit Drummer und Gitarre bestätigen, jedoch neutralisieren sich auf Albumlänge die guten Ansätze mit nicht ganz ausgereiften Experimenten, so dass ein Album ohne wirklichen Hit und Erinnerungspotential bleibt, wenn man von Deserter einmal absieht. Aber vielleicht war das auch gar nicht das Ziel.

# Ghostly International

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