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26. October 2011, 22:25

Positionen

Liebe DJs: Weniger ist mehr

Hotflush-Labelchef und Dubstep-Querdenker Scuba hat einen DJ Kicks-Mix gemacht. Eigentlich ein Grund zur Freude, oder nicht? Nun, nicht ganz. Denn sein Beitrag hat meines Erachtens nach das gleiche Problem, das viele aktuelle DJ Mixe haben: Zu viele Tracks, zu wenig Flow. 32 Tracks sind es im Fall von Scuba. Das macht einen Schnitt von 2:20 Minuten. Ein Blick auf einige der letzten Ausgaben der DJ-Kicks und Fabric Mixserien scheint den Trend zu bestätigen: Ob es nun Instra:mental (31 Tracks/73 Minuten) ist, Four Tet (27/75) oder Pearson Sound (30/70) – sie alle sind zwar musikalisch ausgezeichnet, aber sie leiden letztlich unter ihrem eigenen Gewicht. Und nicht nur bei vermeintlich “professionellen” Mixen fällt es mir zunehmend auf, auch auf Soundcloud finden sich immer häufiger Aufnahmen, die mit einer vollgepackten Tracklist aufwarten – und am Ende genau daran scheitern.

Nun gab es Mix-CDs mit vollgepackten Tracklists vermutlich schon immer. Aber vielleicht gibt es ja Gründe, wieso dieses “Phänomen” gefühlt immer häufiger auftritt. Zwei Erklärungen fallen mir spontan ein. Die erste lautet: Digital macht’s möglich. Denn während es zu Vinylzeiten™ tatsächlich noch halbwegs eine Kunst war, alle zwei Minuten die Platte zu wechseln und fehlerfrei ineinander zu mischen, ist es im Jahr 2011 nicht wirklich schwer, zwei oder auch drei Tracks gleichzeitig zu spielen – Ableton und Traktor sei Dank. Das ist auch nicht weiter schlimm, aber da inzwischen wohl die Mehrheit der Mix-CDs akribisch am Computer zusammengestellt wird, ist man eher geneigt, noch den einen oder anderen Track zusätzlich einzubauen.

Eine zweite Erklärung wäre, dass Mixe immer häufiger als Werk- oder Labelschau missverstanden werden und dementsprechend vollgepackt werden. Nicht verwunderlich, dass auch auf Scubas Mix eine Menge Tracks von seinem eigenen Label zu finden sind. Auch das ist an sich nicht verwerflich, nur frage ich mich, ob das wirklich der Sinn einer Mix-CD ist: Soll ein Mix nicht gerade auch die Vielseitigkeit des DJs zeigen, Überraschungen bieten und bewusst mit den Erwartungen der Hörer spielen? Es gibt auch gute Labelmixe, keine Frage, aber zumindest in einem DJ-Kicks-Mix möchte ich nicht von vornerein die Tracklist tippen können.

Was in beiden Fällen gerne vergessen wird, und das wo doch alle davon faseln, wie wichtig die Auswahl in diesen unseren digitalen Zeiten doch ist: Auch die beste Tracklist und das perfekteste Beatmatching bringen nichts, wenn die Tracks sich nicht entfalten können. Es wird den einzelnen Stücken nicht gerecht, wenn man sie nur zu einem Viertel spielt. Denn Masse relativiert – immer.

Vielleicht bin ich aber auch einfach zu blauäugig in dieser Hinsicht. Aber ich mag Mixe, die mich auf eine Reise schicken, die sich subtil weiterentwickeln, bei denen sich die einzelnen Tracks langsam verweben. Ich mag keine Mixe, die alle vier Minuten zwischen Break und Build-Up wechseln und mir alle zwei Minuten eine andere Melodie, ein neues Synth, ein anderes Vocal (ganz schlimm!) in den Gehörgang drücken. Ich mag das nicht im Club und ich mag es nicht zuhause.

Dass es auch besser geht, steht ja außer Frage: Lawrences großartiger Timeless Mix auf Cocoon beispielsweise, mit soliden 17 Tracks in 73 Minuten. Oder Dixons Live at Robert Johnson, der sogar nur 14 Stücke braucht, um sich von Ambient nach House zu grooven. Mehr als 18-20 Tracks braucht ein guter 70-Minuten Mix nicht. Merkt’s euch, liebe DJs.