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7. June 2007, 02:51

Internes

Leaving Sheffield. Ein Nachruf.

[Panorama by Electrolyte2006]

10 Monate im, leider nicht immer sonnigen, sondern öfters sogar ziemlich regnerischen, Sheffield neigen sich dem Ende zu. 10 Monate, die erwartungsgemäß mehr als schnell vorüberzogen. 10 Monate, in denen ich nicht nur zahlreiche lustige Wörter gelernt habe, die wohl niemand außerhalb von Yorkshire versteht, sondern die Engländer und England, mit ihrem schrulligen Traditionsbewusstsein und der klassischen Missachtung von jeglichen ‘good manners’ nach vier Pint sowohl zu schätzen als auch zu hassen gelernt habe.

Wo sonst kann man 24/7 am Tag in den Supermarkt gehen, wird allerdings um Punkt 23 Uhr aus dem Pub geworfen? Wo sonst sagt man dem Busfahrer beim Verlassen des Gefährts ein freundliches Danke, obwohl man für den Fahrtpreis fast ein Flugticket von Ryanair bekommen würde? Wo sonst gilt Schlangestehen als Tugend und das Wochenende als sittenfreie Zeit?
Ja, ich mag gewisse Aspekte des englischen Lebens, die Freiheit am Sonntag nachmittag nach einem späten All-Day Breakfast in den Pub zu gehen ohne mich den fragenden Blicken anderer Leute aussetzen zu müssen, oder die Gewissheit dass Konzerte, die für 21 Uhr angesetzt sind nicht erst nach Mitternacht beginnen. Ich habe das lauwarme Ale zu schätzen gelernt, die Vorteile von Kreiseln gegenüber Ampeln und auch die Tatsache dass mich die Verkäuferinnen im Supermarkt immer mit “Love” anreden und meine Mitbewohner ‘Tea’ zum Abendessen sagen beunruhigt mich inzwischen nicht mehr. Und auch wenn der Anteil an zu kurzen Miniröcken (ja, das gibt es) und Fußballtrikots auf Parties ca. 5x höher ist als in anderen Ländern, habe ich mich stets prima amüsiert. Vielleicht liegt es daran dass die Mentalität im Norden generell freundlicher ist, aber ich war nie der oft erwähnten englischen Ignoranz ausgesetzt.

Natürlich gab es auch Grund zum Meckern: Wer beispielsweise denkt, dass Deutschland in Bürokratie versinkt, hat nie in England gelebt, und wer auf die deutsche Telekom schimpft, hat es nie mit Tiscali, Englands schlechtestem ISP zu tun gehabt. Dazu kommen natürlich die horrenden Lebenskosten, sowie ein übertriebener Sicherheitsfanatismus, der häufig mehr als lästig, und nicht immer notwendig, erscheint. Und für die Snooker WM habe ich leider auch keine Tickets bekommen.

Insgesamt ist Sheffield eine sehr sympathische Stadt, die in Wirklichkeit viel größer ist als man anhand des doch sehr kleinen Stadtzentrums vermuten würde – immerhin 520.000 Einwohner stehen zu Buche. Zwar sind die Hügel auf denen Sheffield errichtet wurde vor allem nach einer langen Nacht ‘a true pain in the arse’, was jedoch die zahlreichen Grünanlagen wieder wett machen. Nicht umsonst gilt Sheffield als die grünste Stadt Europas, und gerade im Frühling und Sommer zeigt sich die Stadt von ihrer schönsten Seite, wenn sich Studenten in den Parkanlagen nahe der Universität tummeln, während Rentner nebenan einer Partie Boule frönen und der Eisverkäufer eine Horde Kinder hinter sich herzieht; nicht zu vergessen dass mit dem Peak District der älteste Nationalpark Englands direkt vor den Türen liegt. Wer das alte Industrie- und Stahlzentrum der Industrialisierung sucht, der muss schon weit in die ausladenden Industriegebiete fahren oder eines der zahlreichen Museen besuchen. Und immerhin: Ich hatte die Gelegenheit zumindestens einen der beiden Traditionsclubs in Sheffield in der Premier League spielen zu sehen, was leider nicht mehr allzu oft vorkommt (sie sind schon wieder abgestiegen).

Auch wenn von der Aura der elektronischen Lebensaspekte, die Warp Records und die Designers Republic Anfang der 90er Jahre Sheffield als kreatives Zentrum etabliert haben, leider nicht mehr allzu viel geblieben ist, so ist das Nachtleben insgesamt dank zwei Universitäten mehr als lebhaft, auch wenn viele Bands leider das nah gelegene Manchester bevorzugen. Sheffield ist sicherlich keine Weltstadt, aber selbst wenn die Stadt vielleicht nicht die Aufregung bietet, den ich mir (momentan) wünsche, so könnte ich mir durchaus vorstellen wieder zurückzukehren. Letztendlich gibt es noch genug Sachen und Orte die ich nicht gesehen habe.

Insgesamt kann ich nun auf ein schönes und interessantes Jahr zurückblicken, auf interkulturelle Erfahrungen und Sprachpraxis, die ich nicht vermissen möchte, ebensowenig wie auf die Bekanntschaften und Freundschaften die ich in kurzer Zeit geschlossen habe. Auch wenn meine Pflichten doch gelegentlich dem Freizeitstress zum Opfer gefallen sind, hat sich das Jahr in jeglicher Hinsicht gelohnt, wobei es immer schwierig ist die Erlebnisse Freunden und Familie zuhause näher zu bringen, die es nicht aus eigener Hand erlebt haben.

Nun liegen noch fünf Tage und ziemlich genau 1000 km zwischen meiner Abreise in Sheffield und meiner Rückkehr in Frankfurt. Mal schauen wo es mich in Zukunft hin verschlägt. Sheffield wird mir in guter Erinnerung bleiben.

# Sheffield Picture Pool @ Flickr

Ein Kommentar

  1. manu

    ich hätts nicht besser sagen können ;-) *heul*

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