Die Novelle Das Falsche Haus von Michael Krüger, in der ein namensloser Einzelgänger mehrere Wochen in einem fremden Haus verbringt, nachdem er vom Fussball des Sohns der Hausbesitzerin getroffen wurde, ist vielleicht keine Pflichtlektüre, erinnert aber in diversen Selbstreflektionen des Ich-Erzählers fast schon an Hesses Steppenwolf:
Ich habe es stets als ein Privileg, als eine besondere Gnade empfunden, nur eine lächerlich geringe Zeit in die Planung meines Lebens investiert zu haben. Obschon ich doch immer gearbeitet habe, war es mir mühelos gelungen, mich der sorgfältigen Verwaltung meiner Gaben zu entziehen, indem ich immer dann, wenn ich spürte, daß etwas in mir zugrunde ging, sich auflöste, weil die Sache, die mich beschäftigte, mein Interesse nicht halten konnte, auf ein anderes Gebiet wechselte. Ich war zutiefst davon überzeugt, daß der größte Teil dessen, was ich ausführte, nicht für mich arbeitete, mein Leben bereicherte, sondern das Gegenteil bevorzugte: Etwas arbeitete gegen mich, zerstörte mein Leben auch wenn es, von außen, so aussah, als würde es mein Leben ermöglichen und verschönern. Ein Spiel, das mich nicht als Gewinner sehen konnte. Ich hatte immer den Verdacht, daß das Leben von den meisten Menschen mit zuvielen Hoffnungen belegt wird, die nach und nach zerplatzen und eine fatale Leere hinterlassen, die unangenehm ist und auf alle Außenstehenden, aber auch Freunde, peinlich wirkt. Nichts schlimmer als jammernde Menschen, die ihrem Leben hinterhergreinen, würdelos und unangemessen.
Zwar glaubte ich bisweilen, den richtigen, mir gemäßen, Weg gefunden zu haben, dem ich much, wenn auch nicht blindlings, so doch ohne Mißtrauen, anvertrauen konnte, wurde jedoch immer wieder aus Gründen, dir mir bis jetzt verborgen geblieben waren, davon abgebracht. Wahrscheinlich war ich auch nicht nur ein Opfer meiner Kindheit - ich weiß, das dies eine Ausrede ist -, sondern eben auch der Gesellschaft, in der zu leben ich gezwungen war. Nein, nicht gezwungen, das ist falsch. Keiner ist gezwungen, am Leben zu bleiben. Aber die Anstrengung, die es kostet, die Mittel aufzutreiben, um in einer “anderen” Welt zu leben, war für meine Existenz zu groß. Ich wurde mit nichts fertig. Es war mir nicht möglich, je etwas zu Ende zu bringen. Ja, es kam mir fast so vor, als wäre es eine Sünde, etwas zu Ende bringen zu wollen, weil es keinen Abschluß gab. Also lieber ein Opfer sein. Aber nicht einmal als Opfer wollte ich Karriere machen.
Aus: Michael Krüger - Das Falsche Haus. Frankfurt: Suhrkamp, 2002. S. 49f.


Senf abgeben