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5. August 2008, 01:29

Positionen

Konzertfeeling

music snobism

In der Regel überfliege ich die unglaubliche Masse an Festival- und Konzertreviews von Pitchfork nur noch. Wie auch immer, eher durch Zufall bin ich am Lollapalooza Report von Amy Phillips hängengeblieben, und ihr Bericht des Wilco-Auftritts entfaltet genau eine Erkenntnis, die auch ich persönlich in letzter Zeit öfters hatte, nämlich dass man sich ein gutes Konzerterlebnis häufig selbst schwierig macht.

Generell würde ich mich als durchaus erfahrenen Konzertgänger bezeichnen, aber nicht als exzessiven, zumindest nicht mehr in den letzten zwei Jahren. Früher dagegen bin ich regelmäßig zu Konzerten nach Köln gefahren, nach Heidelberg, Wiesbaden, Mainz oder gar Kassel (und das kostet Überwindung!), und zwei bis drei Konzerte pro Woche waren keine Seltenheit. Das lag daran, dass ich fast alles, was mir irgendwie zusagte, oder was ich vielleicht vom Namen her kannte, sehen wollte (und das nötige Kleingeld hatte, davon mal abgesehen), und war vermutlich aus einer jugendlichen Leichtsinnigkeit heraus auch leichter zu beeindrucken. Inzwischen, man wird ja auch älter, ist diese Euphorie etwas verflogen, man schaut zwar immer noch regelmäßig die Konzerttermine nach interessanten Acts durch, aber man ist wählerischer geworden, denn man hat einen Teil der Bands, die regelmäßig ins Rhein-Main-Gebiet kommen ohnehin schon gesehen, nicht selten mehrmals, und überhaupt kommen die wirklich guten Bands ja eh immer nur nach Berlin. Das ist Fakt, das sagt dir jeder. Die ehemalige Konzert-Euphorie ist zudem etwas gewichen, das die meisten Leute früher oder später ereilt, die sich viel mit Musik beschäftigen: eine Mischung aus Elitismus und daraus resultierender, allgemeiner Unbeeindrucktheit, was in der Regel zu folgenden Konzerterlebnissen führt:

Nachdem man, obwohl man eigentlich ja viel zu müde ist, aber man hat ja vielleicht bezahlt, es sei denn man ist Profi, dann wird man mit Gästelistenplätzen bezahlt (ohne zu wissen, dass die meisten dafür früher oder später eine Gegenleistung wollen – “Hey, kannst du nicht ein paar Flyer für uns verteilen?”) bei der Konzertlocation angekommen ist, und nicht ohne Stolz der doch etwas desinteressierten Dame hinter der Gästeliste seinen Namen zuflüstert, geht man zuerst an die Bar, denn nur Anfänger rennen gleich zur Garderobe. Das hat Zeit, es macht Eindruck, das erste Bier noch mit der Jacke unter dem Arm zu köpfen. Bevor die Band überhaupt die Bühne betritt, hat man die Hälfte seines Reviews auch bereits fertig im Hinterkopf – man schaut sich zunächst mit Kennerblick das Bühnensetup an, vergleicht es mit dem früherer Gigs, bemerkt beiläufig das neue Macbook Modell des Keyboarders, blickt sich erhaben um im Saal, analysiert das Publikum und be- und verurteilt es binnen Sekunden. Man beobachtet mit einem Kopfschütteln die jungen, Chucks-tragenden Indiegören, belächelt die Minimal-Schalträgerfraktion und die Austauschstudenten aus dem Heimatland der Band, wundert sich über die zwei, drei älteren Pärchen, die wie alle Leute, die mehr als fünf Jahre älter sind als man selbst, irgendwie fehl am Platz wirken, und erschrickt beim Anblick der einzelnen Nerds, die mit wuchtigen Hornbrillen bewaffnet, an einem Bier sippend in der Ecke stehen, da es ist, als würde man in einen Spiegel schauen, nur ohne Zahnpastaflecken. Nach diesem Schreck und dem Gram darüber, dass die eigenen Freunde leider allesamt Musiklegastheniker sind, zischt man lieber noch rasch zwei, drei, viel zu teure Bier, in der Regel auch noch Beck’s, bevor die Band beginnt, zwar eigentlich pünktlich, aber man bemängelt trotzdem innerlich die Verspätung, weil es sonst ja noch nichts auszusetzen gibt, und freut sich, dass es immerhin keine schlechte Vorband gibt, die man ertragen muss.
Erfahrene Konzertgänger erkennen jeden Song bereits im Voraus an der Fingerstellung des Bassisten, blicken sich mit Kennerblick um, nur um amüsiert festzustellen dass der Rest noch völlig ahnungslos ist, man wippt mit dem Kopf zu einigen neuen Stücken, auch wenn man weiß, dass die Alten so viel besser waren, denn zudem kennt man dort wenigstens die Texte, und muss nicht mehr so konzentriert zuhören, was man eh nicht machen sollte, da man dann nicht so gut auf die Bühne starren kann. Man bildet sich ein, einige Verspieler zu hören, wundert sich, warum der Großteil der Leute um einen herum tanzt und man selber nicht, und fragt sich, warum die großen Leute immer genau vor einem stehen müssen. Man findet den Sound heute auch nur so höchstens zweite bis dritte Wahl, und überlegt letztendlich, nach knapp einer Stunde, nachdem man sich innerlich beschwert hat, dass die Konzerte auch immer kürzer werden, schon vor der Zugabe zu gehen, um wenigstens die Schlange an der Garderobe zu vermeiden. Vorher aber noch drei, vier verwackelte Bilder schießen, als Beweis, und dann ab nach Hause, dieses leider nicht so einmalige Erlebnis für die Nachwelt in Worte fassen.

So in etwas erging es wohl der oben erwähnten P4k-Schreiberin, doch hat sie wenigstens erkannt, um was eigentlich geht bei einem Konzert:

About halfway through Wilco’s set, I thought that I already had my review figured out: Make a joke about Barack Obama not showing up, make a joke about how the band’s snazzy rhinestoned Nudie suits couldn’t cover up the numbing mediocrity of the music on their last two albums.
[...]
A guy in a Hawaiian shirt standing next to me with a beer in his hand asked me how I was enjoying the show. I said I was kind of bored. He looked stunned. “But it’s such a nice night!” he exclaimed. “Everybody’s having such a good time!” He waved his arms around to indicate all of the happy people around us.

You know what? Fuck it. He’s right. How can I hate on a Wilco show on a beautiful (and not humid!) night in downtown Chicago? Regular dudes having a good time making music for regular people having a good time listening to them. Couples with their arms around each other, families sitting on picnic blankets, high school kids sneaking cigarettes. It was a great time. There, I said it.

Es ist nicht schwierig, sich zu amüsieren. Man muss nur wissen, wie man sich auch von den kleinen Dingen, von einem seiner Lieblingssongs vielleicht, einer dieser Gründe, warum man überhaupt hier und jetzt zwischen all diesen strahlenden Menschen steht, berauschen lässt. Darauf zurückbesinnen, worum es eigentlich geht bei einem Konzert. Nicht um die Befriedigung des eigenen Musik-Snobismus, sondern, schlicht und ergreifend, um die Musik, und die muss sich gar nicht immer selbst toppen, sofern man sich daran erfreuen kann. Ich bin mir sicher, dass auch mir das in Zukunft wieder gelingen wird.

4 Kommentare

  1. xdevx

    Stimmt, wenn man auf über 70 Konzerte im Jahr geht, dann fragt man sich ab und zu was das ganze eigentlich soll.

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  2. beedee

    Die Dosis machts, auch wenn
    alte Menschen keine Drogen mögen,
    klebt Zahnpasta doch an Stellen,
    die ohne Bier feucht werden würden.

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  3. Eikman

    @ xdevx: auf 70 komm ich auch nicht, selbst mit Festivals. Ich denke trotzdem, dass der Schlüssel ist, sich lieber weniger Sachen auszusuchen, die man auch wirklich sehen will, anstatt zum fünften Mal in zwei Jahren zu Hot Chip zu gehen z.B.

    @beedee: Die Dosis macht es auf jeden Fall, nicht nur bei Konzerten, sondern bei Musik im Allgemeinen. Manche Alben eröffnen ihre Größe einfach nur, wenn man sie nicht jeden Tag, sondern vielleicht nur einige Male im Jahr hört. Aber manchmal, gerade wenn man Festivals besucht, kommt man nicht darum die gleiche Band 2-3 mal pro Jahr zu sehen :)

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  1. [...] Eike schreibt wunderbar schnoddrig über Musik-Snobismus. [...]

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