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15. October 2005, 04:57

Feature

Feature: The Cardigans

13 Jahre Cardigans. Eine erstaunlich langer Zeitraum für eine Band, die seit ihrer ersten Platte so etwas wie das Aushängeschild schwedischer Popmusik ist, und die sich der, in diesem Genre zumeist kurzen Haltbarkeitsdauer, immer wieder überraschend zu wiedersetzen wusste. ‘Einmal Star und zurück’, so ähnlich könnte die Geschichte der Cardigans aussehen, doch der Reihe nach…

…zunächst ein Rückblick in den Süden Schwedens, genauer: Jönköping, Anfang der 90er Jahre: Peter Svensson und Magnus Sveningsson spielen in einer Hardcore-Metal Band, der sie jedoch bald überdrüssig werden. Sie treffen auf Nina Persson, eine Bekannte von der Kunstakademie, und entscheiden spontan eine Pop-Band zu gründen. Keyboarder Lars Johannsson und Drummer Bengt Lagerberg komplettieren das Quintet – die Cardigans sind geboren. Da der Kleinstadt-Charme von Jönköping nicht genug Perspektiven zum Musizieren enthält, zieht die Band geschlossen nach Malmö. Es dauert nicht lange, bevor ein ansässiger Producer auf die junge Band aufmerksam wird, und sich dazu entschließt ein Album aufzunehmen. Ein kluger Schachzug, denn das rührige Debüt Emmerdale wurde 1994 prompt zum besten Album des Jahres in Schweden gekürt, die Single “Rise & Shine” zog zum ersten Mal internationales Interesse auf sich. Musikalisch überraschend vielfältig und sorgsam produziert, war Emmerdale doch ein ungleiches Album. Das sonnige Cover gab die Richtung vor, der positive Grundton war gesetzt, doch die Texte, größtenteils von Sveningsson verfasst (u.a. auch eine Coverversion eines Black Sabbath Klassikers) und von Perssons glockenheller Stimme wiedergegeben, wollten nicht so wirklich in das poppige Gesamtbild hineinpassen. Irgendetwas schien hier nicht zu stimmen, und genau diese Inkongruenz zwischen Text und Musik stellte die Cardigans über die anderen schwedischen Popbands zu dieser Zeit.


Der Anfang war also gemacht, mit einem überaus erfolgreichen Album im Gepäck gingen die Cardigans auf Europatournee. Natürlich war die Frage danach ob sich diese Band halten kann allgegenwärtig, und die Erwartungen an das schwierige zweite Album dementsprechend hoch. Während der Tour aufgenommen, erschien es nur ein knappes Jahr nach dem Debüt. Life war zum Glück keine Kopie des Vorgängers, sondern vielmehr eine positive Weiterentwicklung, vor allem musikalisch: Über 50 Instrumente fanden in 14 Songs Platz, verpackt in vielfältige und aufwendige Arrangements. Doch nicht nur das, die Band besann sich zudem darauf, auf satirische Art und Weise die Melancholie des Debüts zu parodieren, sowie einige der Songs neu aufzunehmen. Das Ergebnis war wärmer und offener, und verschaffte den Cardigans den ersehnten internationalen Durchburch: Life verkaufte sich über 1,5 Mio. mal weltweit.

Die Cardigans wären jedoch nicht die Cardigans, wenn sie nicht schon den nächsten Streich geplant hätten. Von positiver Presse und Verkaufszahlen getrieben, erschien 1996, wieder nur ein Jahr nach dem letzten Album, First Band on the Moon auf dem amerikanischen Majorlabel Mercury, was den endgültigen Superstar-Status der Band bestätigen sollte. Die Single Lovefool erreichte bei Veröffentlichung bereits einen Top 40 Platz, jedoch dauerte es bis zum Frühjahr 1997, bevor der Song wortwörtlich durch die Decke ging: Als Feature auf dem Soundtrack des Romeo & Julia Remakes, erreichte der Song in kürzester Zeit den ersten Platz in den amerikanischen und britischen Airplay Charts. Mit 2,5 Mio. verkauften Kopien war Lovefool der bis dato größte Hit der Cardigans. Es folgten eine Welttournee sowie Auftritte bei namhaften TV-Shows wie Beverly Hills 90210. Musikalisch gesehen war First Band on the Moon eher eine Rückkehr zum melancholischen Sound des ersten Albums, auch wenn die Hitsingle etwas davon abzulenken schien.
Doch wie immer hatte der Erfolg auch seine Schattenseiten: Nach drei Alben in drei Jahren und einer ausgiebigen Tour hatte sich die Band verausgabt. Zum ersten Mal schien es, als wäre die Band festgefahren. Nina Persson glänzte als das klassische Blondchen auf den Titelseiten von Magazinen, während der Rest der Band im Hintergrund blieb, was schnell zum Schubladendenken führte. Die Cardigans wurden plötzlich als schwedische Hitmaschine angesehen, Charterfolg war Vorraussetzung, auch von Seiten des Labels. Das Ansehen als anspruchsvolle Popband schwand; zwar war die Sympathie der Fachpresse ungebrochen, jedoch wurde die Band zusehends belächelt.

Zum ersten Mal unter Erfolgsdruck stehend, nahm sich die Band länger Zeit für die Aufnahmen des vierten Albums. Das Ergebnis, Gran Turismo, veröffentlicht im Herbst 1998 zeigte eine Band im Umbruch. Man spürt, dass den Cardigans daran gelegen war ihr Image zu ändern, sie änderten vor allem ihre Musik, indem sie mehr elektronische Elemente in ihr Repertoire aufnahmen. So hört man auf fast allen Stücken von Gran Turismo eine Drummachine sowie eine reduzierte Instrumentierung, was einen kühleren, klinischeren Sound zur Folge hatte. Auch geht die Band zum ersten Mal in den straighten Rockbereich vor, mit Stücken wie “Marvel Hill” oder “My Favourite Game”. Letzeres war auch der einzige wirkliche Charthit, den das Album hervorbrachte. Es sollte der letzte für eine ganze Weile sein. Denn obwohl Gran Tourismo kein schlechtes Album war, leidete es unter den Bemühungen der Band ihren Sound zu ändern. Die Cardigans reagierten auf die geteilte Presse, irgendwo verloren zwischen eigenen Ansprüchen und nicht erfüllter Erwartungen, und zogen sich fürs erste zurück. Es wurde still in Malmö.

Fast drei Jahre hielt die Abstinenz an, bevor sich Nina Persson, zwischenzeitig in den USA wohnend, 2001 mit ihrem stark unterbewerteten Nebenprojekt A Camp wieder in der Öffentlichkeit zeigte. Und nicht nur das, sie zeigte sich ebenfalls mit schwarzen Haaren und einem insgesamt ruhigeren und gesetzterem Look in der Öffentlichkeit. Vorbei die Zeiten des Blondchens, vorbei das Image des unambitionierten Pop-Sternchens; A Camp und das gleichnamige Album zeigten Persson in einem Folk- und Countrygewand, sorgfältig arrangiert und mit überlegten Texten versehen – das Ergebnis konnte sich hören lassen, und machte den Fans Mut.

A Camp war also, wenn auch nur Soloprojekt, so etwas wie das erste Lebenszeichen der fast schon totgeglaubten Cardigans. Und in der Tat, es kam wieder Bewegung auf, die Band begann wieder zu Songs zu schreiben, teilweise zusammen, teilweise an verschiedenen Orten. Man orientierte sich mehr am Sound von A Camp, und konzentrierte sich auf alte Stärken. Es dauerte bis 2003, fünf Jahre nach dem letzten Album, bevor mit Long Gone Before Daylight das inzwischen fünfte Studioalbum der Cardigans fertig war. Das Album war anders als alles zuvor, sehr viel Fokus wurde auf klassische Singer/Songwriter Strukturen gelegt sowie einen eher gemäßigtem, weniger hit-orientierten Sound, ganz im Gegensatz zum Vorgänger. Es ist das vielleicht ruhigste Album im Cardigans-Katalog, aber vielleicht auch gerade deswegen das intimste. Ohne den Druck eines Majorlabels (von Mercury hatte man sich inzwischen getrennt) konnte die Band ungestört an ihrem Sound feilen. Allein schon das Cover zeigte eine neue, eine geschlossene Band. Insgesamt war die neue Richtung der Cardigans, nämlich einen Schritt zurückzugehen und sich auf alte Qualitäten zu besinnen, die einzig logische Konsequenz aus dem musikalischem Engpass in den sie geraten waren. Das Ergebnis war ein reifes Album voller kleiner Hits, die trotz stetiger Melancholie nie in Pathos abdriften, und kann sich ohne Zweifel eines der feinsten Popalben der letzten Jahre nennen. Die Cardigans waren wieder da. Zwar nicht in den Charts (die erste Single “For What It’s Worth” erreichte nicht die Verkaufszahlen vorheriger Hits), aber wieder ganz vorne dabei.

Soviel zur Geschichte des sympathischen Quintets. Nun ist es 2005, das heisst es hat nicht einmal zwei Jahre gedauert bis zum neuen Album. Dieses wird Super Extra Gravity heißen, und wurde im Gegensatz zum Vorgänger ausschließlich in Malmö aufgenommen. Es soll, der Band zufolge, in eine komplett andere und neuartige Richtung gehen.
Die erste Single aus dem neuen Album trägt den Titel “I need some fine wine and you, you need to be nicer”, und unterscheidet sich zumindestens von den Songs des letzten Albums: die E-Gitarren sind prominenter, das Tempo wurde offensichtlich gestrafft. Leider wiegt sich dagegen der Text in ungewohnter Trivialität. Nina Persson sieht das übrigens ähnlich, und schreibt dazu in dem kleinen und stets aktuellem Blog der offiziellen Homepage:

“The single that you might already have heard, “I need some fine wine and you, you need to be nicer”, is a pretty direct pop song with not a whole lot to add to, but there’s more stories on the album.”

Man darf also gespannt sein. Eines ist sicher: Die Cardigans-Story wird auch mit diesem Album noch nicht zu Ende sein. Der offizielle Releasetermin für Europa ist der 17. Oktober.

# Offizielle Seite
# Fanpage
# Cardigans Lyrics

(Alle Bilder sind den oben genannten Seiten entnommen)

3 Kommentare

  1. mrcs

    es sei noch kurz erwähnt, dass es die neue platte auch mit beiliegender DVD gibt, die ganz nett anzuschauen ist. mitschnitte vom entstehen der platte, nina persson beim vorstellen ihrer mikrophone usw. solche sachen sind da drauf.

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  2. Eikman

    Danke, klingt interessant.

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Trackbacks

  1. [...] last.fm Charts nehmen langsam Gestalt an, und offenbaren zudem mein Cardigans [...]

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