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8. May 2008, 14:31

Feature

Feature: The Black Dog

20 Jahre, das wären in Hundejahren gemessen stolze 140 Lenze. Umso erfreulicher, dass sich die grauen Haare, die in den Jahren der Funkstille zwischen 1999 und 2005 gewachsen sind, wieder gelichtet haben. Denn als sich Black Dog Mitte der 90er Jahre trennten, und zwei Drittel der Band unter dem Namen Plaid und der Schirmherrschaft von Warp Records u.a. Erfolge mit Björk feierten, hat sich Ken Downie, das bis heute einzige feste Bandmitglied, zunächst als alleiniger Hundehalter versucht, bevor 1999 wirklich das Studiolicht ausging. Stolze sechs Jahre hat es gedauert, bis er mit Martin und Richard Dust zwei neue Mitstreiter fand, und dem Projekt neues Leben einhauchen konnte. Nach einem Album auf deren Label Dust Science im Jahre 2005 hat man inzwischen mit Soma ein neues Zuhause gefunden. Letztes Jahr kam mit The Book of Dogma eine Neuauflage der ersten Produktionen heraus, die damals, als Ende der 80er die Technowelle von Detroit auf die Insel überschwappte, maßgeblich den Sound der Warehouse-Szene in Sheffield und UK geprägt haben.

Dass es The Black Dog nun gelungen ist, mit Radio Scarecrow ein ungemein vielschichtiges Konzeptalbum am Zahn der Zeit zu produzieren, dessen Basis die subliminale Verwendung von Electronic Voice Phänomenen (EVPs) und kurzwelligen Zahlensendern aus dem Äther der Nacht darstellt, und dabei wie zu besten Zeiten zwischen chirurgisch-präziser Glitch-Elektronika, Sci-Fi Ambient und intensiven Technovibes pendelt, beweist, dass auch alte Hunde noch beißen können. Schon immer schienen Downie & Co. genau in die entgegengesetzte Richtung der Trends zu laufen, und diese autarke Position im Elektronik-Bereich lässt sich auch anhand der Band-internen Evolution verfolgen: Nach den Detroit-infizierten Anfängen hat man vertrackte IDM-Sounds für Warp produziert, danach sphärisch-mäandernde Ambientkompositionen, die von den Werken Erik Saties beeinflusst wurden. Inzwischen ist man auf Radio Scarecrow wieder bei einer aktuelleren Soundästhetik angekommen, ohne dadurch Kompromisse einzugehen oder sich gar einem Trend zu beugen. Dennoch pulsieren die aktuellen Produktionen wie lange nicht mehr mit stringenten Technoelementen und erhöhter Tanzbarkeit, ohne dadurch den Tücken der Repetition zu verfallen, während andere Tracks, wie die vorab veröffentlichte Single Floods verstärkt an der Schnittstelle von Dubstep und Techno kratzen. Altmeister Ken Downie und Martin Dust standen uns Frage und Antwort.

„Radio Scarecrow“ verwendet Produktionstechniken wie Zahlensender und EVP Wie kommt man so solch einer Idee?

Martin: Ich beschäftige mich schon lange mit EVP und Zahlensendern, weswegen ich in den letzten zehn Jahren eine ordentliche Menge an Aufnahmen gesammelt habe. Wir hatten zunächst nicht vor diese Aufnahmen in Radio Scarecrow zu implementieren, aber als sich das Album langsam herauskristallisiert hat, haben wir gemerkt, dass dieses Material ziemlich gut dazu passt. Außerdem wollte ich noch einige Leute verfluchen, und das geht besser mit Morse- oder Zahlencode (lacht). Aber im Ernst, das Konzept kam einfach während der Aufnahmen, wir hatten keine Hintergrundstory oder PR-Idee, die gesagt hätten dass wir das so machen müssen. Es gibt Dinge, die kann ich besser in der Musik ausdrücken als sonst.

Ken: Wie bei der nordischen Sage von Urd – jede Aktion in der Vergangenheit beeinflusst die Zukunft und umgekehrt. Oder wie ein Faden aus verschiedenen einzelnen Strängen besteht, die sich zu einem verbinden und einen dann durch das Labyrinth lotsen. Alles ist verbunden, und jeder sollte sich selbst Gedanken machen wie er das Album interpretiert. Wir sind die letzten, die vorschreiben was man von unserem Album zu halten hat oder wie man es interpretieren soll.

Trotzdem will so ein Album doch komplett durchgehört werden, oder? Bei scheinbar schwindender Aufmerksamkeitsspanne ist ein richtiges Konzeptalbum ja mittlerweile die Ausnahme im Technobereich…

Martin: Jemand muss sich ja dagegen wehren. Vielleicht stimmt es, dass der Trend weg vom Album geht, aber genau darin liegt das Problem: Wir glauben daran, dass jeder intelligent genug ist, seine eigene Meinung zu haben, und sich auch bewusst über Trends hinwegsetzen kann. Meiner Meinung nach ist das Format auch keinesfalls tot, außer vielleicht für Leute, die sowieso zur Hälfte nur Fülltracks verwenden. Gerade im Technobereich sieht man das ja auch häufig, da ist es vielleicht nicht so schlecht eben nur Eps oder Singles zu veröffentlichen.

Ken: Alben wird es immer geben. Es ist gut, dass man die Möglichkeit hat einzelne Tracks separate herunterzuladen. Und wer diese dann auf sein Telefon mit schäbigem Schepper-Sound packen will – bitte, soll er das machen. Das ändert nichts an der Zeitlosigkeit des Formats an sich. Ein Schriftsteller verkauft schließlich auch nicht jedes Kapitel einzeln, auch wenn das manche vielleicht schon versucht haben. Als interessierter Leser, bzw. Hörer, will man letztendlich trotzdem die komplette Story hören. Auf der anderen Seite sollte ein Album aber auch nie zu geradlinig sein, eine Busfahrt auf der Autobahn ist schließlich auch langweilig, interessant wird es erst durch die Umleitungen.

The Black Dog gibt es schon seit fast 20 Jahren. Inzwischen seid ihr auf Soma Records angekommen, was auch ein sehr renommiertes Label ist. Vor dem neuen Album habt ihr eine 2-CD-Retrospektive veröffentlicht. Wo steht ihr mittlerweile, und wie hat sich euer Sound verändert? Wie wichtig ist die Innovation für euch?

Martin: Innovation ist uns nicht so wichtig wie Fortschritt. Wir haben unsere alten Produktionen neu veröffentlicht, aber nicht als Retrospektive oder Best-Of Bullshit, sondern weil wir das Material einfach in guter Qualität für einen fairen Preis herausbringen wollten. Den Detroit-Einfluss, der auf diesen Produktionen zu finden ist, gibt es auch heute noch in subtiler Art und Weise: Das ist immer noch ein großartiger Sound, der ja auch wieder sehr aktuell ist. Trotzdem wollen wir heute nicht mehr diesen Sound kopieren, wir versuchen vielmehr dem Tribut zu zollen. Wie sich das letztendlich anhört können wir nicht voraussagen. Jedenfalls sind wir ganz froh, nicht mehr so zu klingen wie damals, auch wenn die Einflüsse natürlich die gleichen sind.

Ken: Unsere Einflüsse sind vermutlich nicht mehr auf die Studiotür gepinselt wie früher, aber sind wir ehrlich, die gesamte Technoszene hat nicht gerade Quantengesprünge gemacht in den letzten Jahren. Innovation hat auch eine Kehrseite, denn niemand möchte und kann immer innovativ sein. Manchmal ist der beste Track, den man an einem Abend hört, ein Klassiker. Daran kann auch die größte Innovation nichts ändern.

Beschäftigt ihr euch denn mit aktuellen Entwicklungen in der Elektronikszene? Eure „Floods“ Single beispielsweise streift in den Remixen ja schon ordentlich den Dubstep-Sound. Wie fühlt ihr euch mit dem aktuellen UK-Sound, falls es so etwas gibt, verbunden?

Martin: Ich bin prinzipiell in jeglicher Art von Musik interessiert, aber ich durchforste nicht täglich das Netz auf der Suche nach dem neusten Shit. Wir gehören auch keine Szene bewusst an, wir haben ganz andere Sachen zu tun als auf die Frisuren von anderen zu schauen. Wir machen Musik für die Gegenwart, ganz einfach weil wir Teil davon sind. 1992 is over. Und selbst wenn das keiner mehr hören will, dann sterbe ich lieber als Außenseiter als mich von irgendeinem Trend auffressen zu lassen. Das mit den Remixen war eher Zufall als wirklich eine bewusste Entscheidung, das wir jetzt unbedingt einen Dubstep Mix brauchen.

Ken: Das sehe ich ähnlich. Ich bewege mich gerne in bekannten Kreisen, und ich bin mit vielen alten Producern um einiges enger verbunden als mit den neuen. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht respektiere. Das ist ja prinzipiell das Schöne an elektronischer Musik. Zum einen hat es sich als Phänomen um einiges länger gehalten als beispielsweise Punk, zum anderen hat man aber gerade durch die neuen technischen Entwicklungen ganz andere Möglichkeiten als früher. Ich kann nicht sagen ob es einen aktuellen UK Sound gibt, dafür kenne ich mich zu wenig aus, aber spielt das denn eine Rolle? Irgendjemand wird es immer zum ersten Mal hören, daher ist jeder Sound auf seine Weise zeitlos.

Ich habe gelesen dass ihr Andy Stott und den Modern Love Sound mögt. Was haltet ihr von diesem Dubtechno Revival?

Martin: Ich mag die Sachen von Andy und Mark (Claro Intelecto), auch wenn mir einige Sachen etwas zu deep sind. Aber sie machen gutes Dubtechno, was viele versuchen aber nicht schaffen. Außerdem produzieren sie in Reason, was einige auf die Palme bringt. Um gutes Dubtechno zu machen, muss man aber zunächst verstehen was Dub überhaupt ist bevor man sich über die Produktionsweise auslässt …

Ken: Ich bevorzuge ja den guten alten Rootsdub …

Stichwort Techno. Mit den typischen Minimal-Sachen habt ihr ja nicht viel zu tun. Wie wichtig ist euch der Techno-Aspekt?

Martin: Das Problem mit Techno, und gerade Minimal, ist das jeder die Top 10 von Beatport auflegt – 12 Loops und ein paar EQ-Tweaks machen noch keinen Producer. Außerdem wissen viele ja noch nicht einmal was ‚minimal‘ eigentlich bedeutet, ich frage mich wie viele mit dem Werk von Stockhausen vertraut sind.

Ken: Es bringt auch nichts Leute in Schubladen zu schieben. Wir waren vielleicht mit einigen Sachen früher dran als andere, aber das macht uns nicht besser. Techno ist und bleibt auch eine Lebenseinstellung, so angestaubt das klingen mag. Wir machen eben unsere Form von Techno, und wir mögen es wenn die Leute dazu tanzen.

Ihr habt gesagt, dass dieser düstere Vibe von Sheffield eine der Inspirationsquellen ist, und ihr euch nicht vorstellen könntet nach Berlin zu ziehen. Ist das noch immer so? Eure Musik klingt jedenfalls nicht wirklich fröhlich …

Martin: Unsere Produktionen sind sehr emotional, das weiß und höre ich auch. Wir sind sicherlich nicht diejenigen, die total unbeschwert aufspielen und immer fröhliche Sonnenscheinmusik machen, aber zwischendurch gibt es auch beflügelnde Momente. Der Industrievibe von Sheffield ist bei uns im Blut, das ist wie mit Detroit. Es gibt hier kein richtiges Nachtleben, das Publikum ist immer ein wenig kompliziert, und besonders hübsch ist es auch nicht. Trotzdem lieben wir es, und das zeigt sich vermutlich immer in unserer Musik.

Ken: Scheiß auf die Fröhlichkeit! Hat sich mal jemand die Welt angeschaut? Wir sollten uns verschanzen und die Mistgabel auspacken …

The Black Dog bleiben eben doch schwarz wie die Nacht über Sheffield, und das klingt nach 20 Jahren besser denn je.

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Info: Teile dieses Interviews wurden in der De:Bug 122 veröffentlicht.

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