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25. December 2011, 16:57

Feature

Feature: Sven Väth

Wenn man hierzulande auf der Straße fragt, wer denn der bekannteste deutsche Techno-DJ ist, ist es gut möglich, dass der Name Sven Väth fällt. Tatsächlich haben sich in einer mittlerweile 30-jährigen Karriere so manche Mythen und Geschichten gesammelt. Ob es nun um 40-Stunden-Sets im Tresor geht, die spirituellen Ausflüge nach Asien, die verspulten Auftritte oder seine Teilzeit-Abstinenz – ein großer Teil von Sven Väths Vermächtnis liegt in der Person und Persönlichkeit selbst.

Dabei gibt es so viel mehr zu erzählen. Angefangen hat Väth als DJ in der elterlichen Kneipe im hessischen Obertshausen, bevor er im Frankfurter Dorian Gray seine ersten Cluberfahrungen sammeln konnte. Den Ausflug mit dem Eurodance-Projekt OFF in den 80er Jahren sei ihm spätestens seit der Gründung der Label Eye Q und Harthouse und der fast zeitgleichen Eröffnung des legendären Omens in Frankfurt verziehen. Spätestens hier etablierte sich Väth in der deutschen Technoszene und wurde zunehmend für seine ausufernden Sets und den engen Kontakt mit der Clubszene auf Ibiza bekannt.

Und doch dauerte es bis ins neue Jahrtausend, bis er auch seine unternehmerischen Fähigkeiten unter Beweis stellte: Cocoon ist in den letzten zehn Jahren von einer Booking-Agentur zu einem Label- und Event-Konglomerat geworden – der opulente Club, der im Jahr 2004 seine Pforten öffnete, sorgte für ebensoviel Beifall wie Verwunderung. Aber auch das gehört zur Philosophie Sven Väths – dieses Ausloten von Grenzen. Im Interview erzählt er uns, wie er zum Erfolg von Cocoon steht und wieso Visionen im Clubbetrieb wichtig sind.

Sven, willkommen in Berlin. Kannst Du dich noch an deinen ersten Kontakt mit der Berliner Technoszene erinnern?

Ich weiß, dass wir auf den Mauerfall damals in Frankfurt schnell reagiert hatten. Wir ganzen Frankfurter Künstler – Dag, Pascal FEOS, Moses P, Jam & Spoon und ich mit meinen Jungs – haben einen Bus organisiert und in Berlin spontan ein Konzert auf die Beine gestellt. So um die Zeit habe ich auch Motte das erste Mal im Ufo getroffen. Das war quasi der Touchdown mit der Berliner Szene. Die nächsten Jahre war der Tresor dann meine erste Adresse, auch wegen des guten Kontakts zu Dimitri Hegemann. Ich hatte einige wahnsinnige Nächte unten im alten Tresorraum. Aber auch im Planet, im E-Werk und der Maria habe ich öfters gespielt. Und natürlich auch im Ostgut, mit denen wir viele Partys organisierten.

Heute bist Du nicht mehr allzu oft in Berlin zu sehen. Woran liegt das?

Mit der Loveparade hat dann irgendwann einfach der Fixpunkt gefehlt. Ich habe mich ja schon 2000 aus persönlichen und politischen Gründen mit einem Statement von der Loveparade verabschiedet und danach ist auch der Kontakt mit der Berliner Clubszene weniger geworden.

Hast Du auch musikalisch den Kontakt zu Berlin verloren in den letzten zehn Jahren?

Nein, der Sound, der Berlin in den letzten Jahren berühmt gemacht hat, wurde ja ursprünglich von meinem Umfeld inspiriert: Leute wie ein Ricardo Villalobos oder ein Heiko Laux und viele aus der Münchner Szene sind damals mit als erstes nach Berlin gezogen. Was dort entstanden ist, war ja erst mal nicht “neu”, sondern von vielen bekannten Leuten beeinflusst. Erst jetzt kommt eine Generation neuer Künstler nach. Und noch immer wohnen und arbeiten dort viele meiner Freunde.

Du bist dagegen immer in Frankfurt geblieben. Wieso eigentlich?

Es gab mal den Spruch, dass alle, die nach Berlin gezogen sind, es in Frankfurt nicht geschafft haben (lacht). Aber Spaß beiseite, es einfach meine Heimat. Und Frankfurt war immer gut zu mir. Ich konnte und kann mich dort entfalten und meine musikalische Vision ausleben. Es ist zwar überschaubar, aber mit unglaublich viel gutem Nachwuchs. Man sollte das auch gar nicht mit Berlin vergleichen. In Frankfurt herrscht eine ganz andere Arbeits- und Feierkultur, bei der sich alles am Wochenende abspielt und sehr organisiert ist. In Berlin ist in Sachen Musik ja quasi jeder Tag Wochenende.

Entspricht das auch deiner Arbeitsauffassung inzwischen: Nur noch am Wochenende feiern und am Montag ins Büro?

Das war aber schon immer so.

Wirklich?

(lacht) Ok, vielleicht nicht immer am Montag, aber unter der Woche gehe ich seit jeher meinen unternehmerischen Aufgaben nach. Heute muss ich mir meine Zeit sogar noch besser aufteilen: Ich lebe inzwischen im Sommer komplett auf Ibiza mit meiner Familie, von Oktober bis Dezember bin ich in Frankfurt und kümmere mich um die Planung für das kommende Jahr. Im Frühjahr startet dann meistens schon wieder die Welttournee. Dazu kommen noch Familie, Freunde und natürlich Plattenhören. Zeitmanagement ist inzwischen das wichtigste Management.

Wo du gerade Ibiza erwähnst: Wie kann es sein, dass Ibiza immer noch so einen Reiz versprüht? Ist das Thema nicht bald mal durch?

Was in Ibiza passiert, wird früher oder später auch an anderen Orten übernommen. Es ist die Referenz. Es gibt keinen Platz auf der Welt, der so viele Clubs, DJs und Unterhaltung vereint. Und das eben nicht nur am Wochenende, sondern vier Monate am Stück. Diese Dichte, diese Energie und auch die Landschaft sind einfach einmalig.

Hat sich denn nichts geändert?

Inzwischen stehen dort auch mal Lady Gaga und Kylie Minogue auf dem Flyer. Ibiza spricht sich in der Glamour-Szene von Saint Tropez und Monaco herum, weswegen sich das auch das Publikum ändert. Das ist schade. Ibiza war immer sehr freigeistig. Es lebt von seinem “Freak Vibe” – einer Hinterlassenschaft der Hippies aus den 70er Jahren. Früher hat man auch noch öfters mal Leute über 50 im Club gesehen, die einfach Spaß haben wollten. Ibiza war lange von Understatement geprägt, inzwischen wollen viele Leute nur noch Dampf ablassen…

Das klingt doch etwas enttäuscht…

Man darf das nicht falsch verstehen: Man muss das zwar beobachten, aber ich glaube nicht, dass es Ibiza längerfristig schadet. Dafür gibt es auf der Insel zu viele Liebhaber, denen es immer um die Musik gehen wird. Und es ändert ja nichts an unserem Programm. Man hat dieses Jahr am Booking vom DC10, an den Afterhours und auch bei uns im Amnesia gesehen, dass viele spannende Namen dabei waren. Wenn dort jetzt auch Newcomer wie Jamie Jones, Seth Troxler und die Visionquest-Bande mit ihrer Crowd auflaufen zeigt das, dass Ibiza auch für die jüngere Generation weiterhin relevant ist.

Wann warst Du das erste Mal auf Ibiza?

Das war 1980. Ich bin mit einem Freund bis Barcelona getrampt. Als wir schließlich drüben in Ibiza ankamen, waren wir pleite. Und trotzdem sind wir drei Monate geblieben, haben uns Sonnenliegen geklaut und uns im Wald ein schönes Plätzchen hergerichtet. Um in die Clubs zu kommen, haben wir Flyer verteilt…

Und da hast Du dich entschieden, auch selbst DJ zu werden?

Was ich da nachts erlebt habe musikalisch und vom Publikum her war ein totaler Brainwash. DJ Alfredo hat total verrückte Musik im Amnesia gespielt – African Percussion gemixt mit Italo Disco zu John Lennons “Imagination” morgens um 5 Uhr – wir haben weinend auf der Tanzfläche gestanden. Da habe ich mir gesagt “Das will ich auch machen, hier gehör ich hin!” Ich war die nächsten Jahre dann jeden Sommer wieder in Ibiza, habe die Musik aufgesogen, mir die Platten aufgeschrieben und versucht, sie in Frankfurt zu bekommen. Was natürlich schwierig war. Und wenn man sie mal hatte, wusste man nicht, ob man sie auch spielen darf! Als ich im Dorian Gray angefangen habe, musste ich um meine Stunde Musik immer etwas kämpfen in der Hoffnung, dass der Geschäftsführer nicht auf einmal mahnend hinter einem steht. (lacht)

Das Problem hast du schon länger nicht mehr. Im Gegenteil, viele vermeintliche Kenner sehen Cocoon inzwischen als zu dekadent, zu aufgeblasen, zu kommerziell. Wie stehst Du dazu?

(überlegt lange) Cocoon polarisiert natürlich – allein der Club. Das war klar, dass manche Leute diesen Sprung nicht nachvollziehen konnten. Aber viele schauen auch nicht genau hin, was wir eigentlich machen. Sonst würden sie sehen, dass dahinter sehr viel Leidenschaft steckt. Unsere Künstler brauchen keinen Maßanzug, um von uns aufgenommen zu werden. Sie können sich genauso entfalten wie bei anderen Labels auch. Und auch das Eventgeschäft dient letztlich der Musik, weil wir einen besonderen und kreativen Rahmen schaffen wollen. Natürlich bedeutet das auch, dass man Investitionen tätigt und Wagnisse in Kauf nimmt.

Wagen sich andere denn zu wenig?

Ich denke, dass Clubkultur, Betonung auf Kultur, von Visionen lebt. Und Visionen bedeuten immer auch Wagnisse und Risiken. Und wenn ich eine Vision von einem Club des 21. Jahrhunderts habe und daraus ein Cocoon Club entsteht, dann ist das ein Statement für die Clubkultur. Und ich wünschte, andere würden auch einfach ihren Visionen folgen. Oder zumindest welche haben.

Dein erster Anlauf mit “Cocoon” war dagegen finanziell nicht sehr erfolgreich…

Ja, wir hatten 1996 das erste Mal Partys unter dem Namen “Cocoon” veranstaltet. Das Konzept war ziemlich aufgeblasen: Wir hatten eigene Dekoration, die wir in England bauen ließen und dann nach Deutschland schifften. Dazu haben DJs aus Japan und große Namen wie Underworld gespielt. Ich war damals sehr idealistisch und habe keinen Sponsor erlaubt. Ich habe dort quasi mein gesamtes Erspartes reingesteckt – und auch fast alles verloren.

Was hast Du daraus gelernt?

Na was es heißt, große Veranstaltungen zu organisieren. Und dass die ganze Sache einfach zu früh kam. Erst ein Jahr später habe ich mich von Eye Q und Harthouse getrennt, die ein Jahr später insolvent gingen. Und 1998 habe ich dann nach langem Hin und Her das Omen geschlossen und war erstmals wirklich auf mich alleine gestellt. Das war der Cut, den ich brauchte. Um die Jahrtausendwende kam dann das Cocoon-Konzept wieder hervor. Diesmal haben wir mit einer Booking-Agentur angefangen und dann ganz langsam, step-by-step, die Sache aufgebaut.

Nach zehn Jahren ist Cocoon ein durchaus erfolgreiches Unternehmen. Siehst Du dich als Künstler oder als Geschäftsmann?

Es ist doch so: Jedes Unternehmen muss wirtschaftlich vorankommen. In der Szene wird das gerne verschwiegen, aber jedes Label, jede Bookingagentur und jeder Club muss sich am Ende des Monats mit Rechnungen herumschlagen. Je größer, desto mehr Verantwortung: An Cocoon hängen eine Menge Arbeitsplätze, das Tagessgeschäft ist komplexer geworden: Es geht nicht mehr darum, möglichst viele Platten zu verkaufen. Wer heutzutage in der Szene überleben möchte, braucht nicht nur die Vision, die Leidenschaft und den Spaß, sondern auch viel Professionalität. Das verstehen viele offenbar nicht. Wenn sie sehen, dass jemand erfolgreich ist, rufen sie gleich “Sell-out!” Aber was wir machen, hat mit Sell-Out und Kommerz nichts zu tun.

Glaubst Du, dass euer Konzept aus Label, Booking- und Eventagentur auch andere inspiriert?

Klar, ich hoffe es jedenfalls. Luciano zum Beispiel hat lange Zeit bei uns in Ibiza auf der Terrasse gespielt. Inzwischen ist Cadenza auch Booking- und Eventagentur mit einer eigenen Party im Pacha. Ich bin da gar nicht nachtragend weil er jetzt sein eigenes Ding macht, im Gegenteil: Ich habe Respekt davor wenn Leute das, was sie verdienen, auch wieder in die Szene reinvestieren.

Cocoon ist auch im Bereich neuer PR-Formen, Videos und sozialen Netzwerken gut unterwegs.

Klar, die ganzen Kanäle sind unglaublich wichtig. Deswegen haben wir auch im Sommer unsere neue Website gestartet. Unsere ganze Impulsgesellschaft lebt inzwischen von Netzwerken, von Geschwindigkeit und möglichst allen Informationen und Musik sofort auf Knopfdruck. Mir persönlich wird das manchmal fast schon zu viel…

Inwiefern?

Also ich muss jetzt nicht jeden Tag mein Abendessen auf Facebook posten, wie es manche Kollegen machen… (lacht)

Du trennst also Business- und Privatsphäre klar ab.

Ganz genau.

Als Lawrence seinen “Timeless”-Mix auf Cocoon veröffentlicht hat, gingen die Meinungen, auch im Forum von RA, stark auseinander. Viele glauben offenbar, dass Dial und Cocoon nicht zusammenpassen.

Das sind immer Leute, die das von außen betrachten. In Wirklichkeit gibt es da überhaupt keine Berührungsängste. Wieso auch? Ich bin ein uralter Fan von Peter [Lawrence], er hat schon vor Jahren als Sten einen Track bei uns veröffentlicht, ich habe schon immer seine Musik gespielt und hatte auch in der Vergangenheit Tracks von Dial auf meinen Mix CDs.

Woher kommen dann diese eingefahrenen Ansichten?

Es werden halt gerne Grenzen gezogen: Da heißt es “Kompakt hier, Dial da” und die einen sind eher verkopft und die anderen sind eher emotional, und so wird alles in bestimmte Lager eingeteilt. Aber das ist doch alles Blödsinn. Es ist doch keiner so globalisiert wie wir mit unserer Musik. Wir leben das doch jedes Wochenende vor, wenn wir in Korea oder Chile, in Frankfurt oder Berlin auflegen und Menschen und Musik zusammen bringen.

Techno als Völkerverständigung – auch so etwas wie dein Auftrag?

Ich bin ja tatsächlich Botschafter vom Goethe-Institut für deutsche elektronische Musikkultur. Ich habe z.B. dieses Jahr auf einem Panel in Tokio gesprochen vor 300 geladenen Gästen aus der Wirtschaft, Musik und Literatur. Und es war erstaunlich zu sehen, welche Hochachtung alle vor der elektronischen Musik hatten. Das zeigt schon, dass es sich lohnt, diesen Fundus an Musik, den wir in Deutschland haben, weiterzutragen. Ich konnte das ganze Lob den Japanern natürlich nur zurückgeben – ohne die 808 und die 303 von Roland hätte es Techno schließlich nie gegeben.

Welche Länder haben Dich, abgesehen von Japan, im letzten Jahr besonders beeindruckt?

Peru war der Wahnsinn. Diese Energie, wie die Leute fast schon rituell die Musik gefeiert haben. Das hat auch mich als jemanden, der schon viel erlebt hat, sehr berührt. Aber auch in Seoul und in Taipeh war ich überrascht, wie weit Clubkultur dort inzwischen gekommen ist. Das waren lange Zeit Städte, in denen man nur die großen, kommerziellen Namen finden konnte. Inzwischen gibt es auch da viele kleine Clubs, die Techno spielen.

Überall ist von der Krise die Rede – bekommst Du davon etwas mit als DJ?

Die Menschen feiern überall immer noch so wie eh und je, also eher nein. Es lässt sich aber beobachten, dass bei den DJs die Mittelschicht wegbricht. Die Leute verändern ihr Ausgehverhalten: Entweder wollen sie für kleines Geld weggehen und es ist ihnen egal, wer auflegt, oder sie wollen eben die großen Namen sehen. In Deutschland ist das nicht so ausgeprägt, aber in Ländern wie Italien oder Spanien merkt man, dass immer mehr Veranstaltungen auf Headliner getrimmt sind. Was schade ist, gerade wenn man im Aufbau neue Künstler bringen will und supporten möchte.

Wie erklärst Du diese Entwicklung?

Es gibt in vielen Ländern das Problem, dass die Promoter stark miteinander konkurrieren. Gerade im Süden gibt es nicht allzu viele Clubs, die ihr eigenes Booking machen und deswegen mit Promotern arbeiten müssen, die ihre Abende füllen. Und Promoter wollen natürlich ihre bekannten DJs halten und machen ihnen dann gerne mal bessere Angebote – das Geld wird dann auf den Eintrittspreis umgelegt. Wodurch dann vielleicht wieder weniger Geld für Getränke ausgegeben wird. Im Endeffekt profitiert also vor allem der Promoter an der Kasse und nicht der Club selbst. Und das ist längerfristig ein Problem, mit dem wir uns, und ich spreche als Clubbetreiber, beschäftigen müssen.

Info: Dieses Interview ist zunächst auf Englisch bei Resident Advisor erschienen. Das Titelfoto zeigt Sven Väth mit seiner Mutter und stammt von Hannes Windrath.

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