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30. April 2009, 14:13

Feature

Feature: Stimming

Wer hätte gedacht, dass in den letzten Jahren ausgerechnet Hamburg zu einem der Epizentren eines neuen House-Movements in Deutschland aufsteigen sollte. Und wer hätte vermutet, dass sich ausgerechnet ein Exil-Hesse für einige der prägendsten Produktionen aus dem neuen Umfeld verantwortlich zeigt. Denn als Martin Stimming vor knapp sieben Jahren aus Mittelhessen an die Alster zog, wollte er eigentlich nur studieren, doch Dank einiger glücklicher Zufälle, einem Talent für komplexe Grooves und ergreifende Harmonien, und letztendlich der Schirmherrschaft von Diynamic Music hat sich Stimming im Verlauf des letzten Jahres endgültig vom talentierten Newcomer in die oberen Produzenten-Liga gespielt. Seine Tracks auf Diynamic, liebe*detail und Buzzin‘ Fly waren Dauergäste in den letztjährigen DJ-Charts, und nun steht mit Reflections sein erstes Album in den Startlöchern. Ein Album, das die treibende Tanzbarkeit von Techno mit der eleganten Deepness von House vereint, und sich nicht scheut, auch gelegentlich mit opulenten Streicher- und Pianoeinsätzen auf die ganzen großen Gefühle abzuzielen.Es sind Momente wie diese, in denen seine Musik das alte Credo von House aufgreift, auf Emotionen nicht nur abzielt sondern sie vor allem auch verarbeitet. Melancholie und Emotionen, das gehört bei Stimmings Musik einfach dazu.

Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass sich Stimmings Vision nach seinem Umzug nach Hamburg scheinbar nahtlos mit jenem Label in Verbindung bringen lässt, das sein Arbeitsethos schon im Namen trägt: Diynamic Music. Do it yourself. Hier erschienen 2006, damals noch als Duo unter dem Namen Gebrüder Ton, die ersten beiden Platten mit der Handschrift von Stimming, und zugleich die ersten beiden des Labels überhaupt. Es war sein damaliger Produktions-Partner, über den er das erste Mal mit Diynamic-Gründer Mladen Solomun in Kontakt kam – der Startschuss für eine mehr als erfolgreiche Zusammenarbeit, die Diynamic in den folgenden Jahren sowohl als Label, Künstler- und Partykollektiv auch außerhalb von Hamburg etablierte, und Stimming zu einem der gefragtesten Produzenten auch abseits der Waterkant machte. Wir sprachen mit Martin über sein neues Album, die Melancholie, Diynamic und Schranz.

Gerade im letzten Jahr ist dein Name ja in so manchen Charts aufgetaucht, und auch hinsichtlich deiner Veröffentlichungen kann man sagen, dass 2008 dein großes Jahr war, oder?

Es war auf jeden Fall das beste Jahr, und ich denke man kann auch von einem Durchbruch reden. Es war das erste Jahr, in dem ich auch wirklich rein von der Musik leben konnte, und das ist natürlich das, was ich mir schon immer gewünscht habe. Aber das ist natürlich nur der Anfang, ich will gerne noch in mehr Charts auftauchen, aber auch nicht zu vielen, sondern dafür lieber einigen ausgewählten! (lacht)

Dabei produzierst du ja schon länger. 2006 kamen deine ersten Produktionen als Gebrüder Ton heraus, war das dann auch der Startschuss deiner Karriere?

Mit 16 habe ich überhaupt erst gemerkt, dass man auch mit dem Rechner Musik machen kann. Davor habe ich eher „klassisch“ Musik gemacht, habe Drums und Gitarre gespielt, auch in Bands, aber das war alles nicht so das Wahre, da ich immer nur ein Teil des Ganzen war. Ich hatte schon damals genau wie heute eine Vision, wie ich Dinge machen würde, wenn ich über alles bestimmen kann, und da kam der Computer natürlich gerade recht. Ich denke ich mache nun seit knapp sechs Jahren Musik, habe aber lange Zeit keine Demos verschickt oder mich darum bemüht, die Sachen rauszubringen, ganz einfach weil ich warten wollte, bis ich für mich selbst gut genug bin und mir das selbst zutraue. Ich habe da auch ein bisschen auf den Zufall gehofft, und das kam dann mit dem Projekt Gebrüder Ton. Allerdings kam dann erst als ich unter meinem wirklichen Namen produziert habe eine ganz andere Qualität von Feedback.

Warst du dann der Musik, die du in den Bands gespielt hast, überdrüssig oder was hat dich dazu bewegt in die elektronische Musik abzudriften?

Vor der Jahrtausendwende bin ich, wie viele andere auch, sehr auf diesen Downbeat-Kram á la Spacenight abgefahren, und darüber bin ich dann mit elektronischer Musik in Kontakt gekommen. Diese Soundwelt, diese Ästhetik war mir vorher gar nicht bekannt, das hat mich schon geflasht damals. Darüber bin ich dann zu den entspannteren Drum & Bass Sachen gekommen, Grooverider z.B., und dann, da ich ja auch aus der Nähe von Frankfurt komme, hat man dann halt irgendwann auch Schranz gehört. Zig Loops übereinander, das klang zwar meistens wie Scheiße, hat aber gerockt. Das war dann mein Einstieg in Techno.

Zum Glück hat sich das nicht mehr in deine Produktionen eingeschlichen…

Schranz ist ja auch ein Unwort, aber ein paar geile Sachen waren schon dabei. Ich sehe heute eh keine wirklichen Grenzen mehr zwischen den ganzen Stilen. Klar, Schranz ist jetzt sehr speziell, aber wer kann schon genau sagen was heute House und was Techno ist…

Bist du dann auch durch die Frankfurter Clubs gezogen?

Damals war ich noch zu jung, da hatte ich immer Angst nicht reingelassen zu werden. Das war zwar feige, aber ich wusste ja, dass meine Zeit noch kommt…ich glaube ich wäre dann auch zu früh abgestürzt, wenn ich zu oft in Clubs gewesen wäre… (lacht) Ich bin aber auch letztens nicht in die Panoramabar reingekommen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das an mir lag, oder ob sie an dem Morgen generell keinen mehr reingelassen haben…

Dafür bist du dann in Hamburg gelandet. Wie kam dann der Kontakt zu den Jungs von Diynamic zustande? Du warst ja bereits auf den ersten beiden Platten als Gebrüder Ton beteiligt.

Mein Gebrüder Ton Partner hat mich damals in Hamburg verknüpft, über ihn hab ich u.a. dann Mladen (Solomun) kennengelernt. Ich habe sofort gemerkt, dass wir beide da auf einer Wellenlänge arbeiten, und wollte eigentlich auch zu dem Zeitpunkt schon etwas mit ihm machen, hat sich dann aber noch etwas herausgezögert. Es kam dann alles so Schritt für Schritt, ohne dass ich das von meiner Seite aus forciert hätte.


Und die Zusammenarbeit kann sich inzwischen sehen und hören lassen. Überhaupt scheint ja auch bei Diynamic die Zusammenarbeit im Vordergrund zu stehen.

Absolut! Ich bin da super glücklich, dass wir so zusammenhalten. Ich denke Solomun, H.O.S.H. und ich sind, zusammen mit Adriano, der Kern von Diynamic. Wir sind auch persönlich sehr gute Freunde, was ich wichtig finde. Wir hören alles was wir machen untereinander noch mal gegen, und gerade Solomun hat mir da viel geholfen am Anfang. Er hat mir auch diesen eigenen, etwas entspannteren „Hamburg-Sound“ gezeigt, diesen reduzierten Ansatz von House, den ich aktuell mit der Energie von Techno verbinden zu versuche.

“Ich mag die Melancholie. Bei fröhlichen Pop-Songs könnte ich kotzen”

Wenn du gerade vom Sound von Hamburg sprichst, auch darüber hat man im letzten Jahr viel gehört. Was macht das für dich aus, ist das wirklich so ein aktuelles Phänomen?

Ich bin ja noch nicht so lange dabei, aber mein Gefühl sagt mir aber, dass es schon im letzten Jahr so richtig gegriffen hat. Es gab in Hamburg zwar schon immer gute House-Producer, aber Diynamic hatte sicherlich Anteil daran, diesen bestimmten Sound zu etablieren. Ich war letztens in München und da wurde mir gesagt, dass man Hamburg in den letzten Jahren immer mit so Sachen wie Moonbootica in Verbindung gebracht hat, diesen Shredder-Peaktime-Sound eben. Aber wie gesagt, die Grenzen sind doch mittlerweile eh fließend…

Du hast also keine Ambitionen nach Berlin zu ziehen sondern bleibst noch eine Weile in Hamburg?

Ach in Berlin gibt es ja schon genug gute Leute, die ihr eigenes Ding machen. Die Stadt hat eine ganz andere und eigene Feieridentität, die mir auch teilweise etwas zu krass ist. So ein ganzes Wochenende durchfeiern, das ist nichts für mich.
Und ich finde auch, dass Hamburg einfach die beste Lebensqualität der deutschen Großstädte bietet. Solange ich Musik mache, und in Deutschland bleibe, bleibe ich hier. Irgendwann danach kann ich mich ja aus der Stadt zurückziehen.

…in ein schönes Landhaus in der Lüneburger Heide?

(lacht) Nee nee, nach Hessen vielleicht wieder. Im Herzen bin ich ja immer noch Hesse. Ich wohne zwar seit fast sieben Jahren in Hamburg, aber die haben doch ihren eigenen Style. Ich bin Hesse in Hamburg, und fühl mich damit eigentlich ganz wohl.

Kommen wir auf dein Album zu sprechen – dein erstes ja und zudem das erste Artist-Album auf Diynamic. Wie lange hast du daran gearbeitet und wann kamst du auf die Idee jetzt ein Album zu machen?

Das hat mit „The Loneliness“ angefangen. Die Nummer ging relativ schnell, ich hatte den Sänger am Start, der hatte die Mundharmonika dabei, und das war einfach etwas Magisches. Allerdings brauchte ich danach auch ein paar Tage um mich wieder zu regenieren, weil mich die Nummer doch ziemlich runtergezogen hat, einfach weil ich da mein Herz doch ziemlich weit geöffnet habe. Das Stück habe ich dann Mladen vorgespielt und er wusste, dass es nicht als Single funktionieren würde, und fragte kich, ob ich nicht ein Album machen möchte. Das war so im April/Mai letzten Jahres. Von da ab habe ich so ca. vier, fünf Monate wirklich nur für das Album produziert. Es lief einfach und mit „Sunday Morning“ als letztes Stück war es dann fertig. Danach konnte ich aber auch zwei Monate nichts machen, weil ich ganz einfach leer war…

Was sagst du zu der Trackauswahl?

Ich denke, es kommt alles aus einem Guss. Jeder Track kann auf dem Dancefloor funktionieren, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten, klar. Ich habe überlegt, auch den ein oder anderen Downbeat-Track einzubauen, aber das hätte das dann wieder überworfen. Ich mag es, wenn Alben ein bestimmtes Grund-Thema haben.

Die Thematik kommt mir bei „Reflections“ durchaus melancholisch und auch etwas traurig vor…

Ja das stimmt schon. Es geht prinzipiell um Reflektionen, Reflektionen über mich und die Dinge, die ich im letzten Jahr so erlebt und verarbeitet habe, darunter auch viele Frauengeschichten. Ich hatte über einen sehr langen Zeitraum eine Freundin, und als dann damit Schluss war, hatte ich das Bedürfnis, auch einige Dinge neu anzugehen. Aus dieser Situation heraus ist auch sicherlich das Album entstanden. Der Kampf mit den eigenen Dämonen, quasi.

Daraus ist dann „The Loneliness“ auch entstanden? Hast du den Text geschrieben, der sich ja um das Thema Trennung dreht?

Ja, der Text kommt von mir. Das war ganz schön schwierig, ich habe da zwei Tage dran gesessen. Ich glaube texten ist nicht so meins. Der Gesang und die Mundharmonika kommt von einem lokalen Rock’n’Roll Sänger hier, mit dem ich im Verlauf auch so einige Bier getrunken habe. Super Typ, den ich zufällig in meinem alten Studio kennengelernt habe als er bei den Kollegen im Studio nebenan war.

Solche Vocals und Lyrics in einem Techno-Track sind auch immer schwierig, oder?

Sehr schwierig. Ich habe die Nummer gerade letztens das erste Mal im Club getestet, und sie hat zwar funktioniert, aber sie zieht halt ziemlich runter, das merkt man auch an den Reaktionen. Danach habe ich mit „Tel Aviv Calling“ wieder versucht die Emotionen über die Energie rauszulassen. Für mich ist die Nummer so ein bisschen Portishead-meets-Techno.

Kann es also sein, dass das nächste Album dann fröhlicher wird wenn die Ausgangssituation generell freundlicher ist?

Also ich glaube wirklich fröhlich werde ich nie. Auch bei fröhlichen Pop-Songs könnte ich kotzen… (lacht)
Ich steh einfach viel mehr auf Melancholie. Ich baue in meine Musik immer auch Emotionen ein, das kann mal traurig klingen, oder auch mal ärgerlich wie bei „The Anger“. Die Sachen, die ich dieses Jahr mache, werden aber auf jeden Fall etwas energetischer…

Du arbeitest auch mit Field-Recordings. Ist das auch auf dem Album zu hören?

Nicht in dem Maße, wie ich eigentlich zunächst gedacht habe. Es sind weniger Field-Recordings im klassischen Sinne, sondern der Ansatz, so viel wie möglich mit Dingen zu arbeiten, die ich im Studio habe. Draußen etwas aufzunehmen ist immer schwierig weil man ein wirklich gutes Mikrofon braucht und dabei auch immer total bescheuert aussieht.Ich nehme mir lieberdie Gitarre und bearbeite die Saiten und nehme das dann auf, und auch meine Claps und die Percussion ist meistens selbst eingespielt, deswegen klingen die auch immer etwas wackelig. Wenn ich 10 Loops einspiele und mir einer gefällt, dann nehme ich den auch genau so, weil da mein persönliches Feeling drin ist.

Hängt das auch mit deiner früheren Erfahrung in Bands zusammen, dass du so arbeitest?

Nicht unbedingt. Ich würde auch nur am Rechner arbeiten, wenn mich die Arbeit befriedigen würde. Es ist einfach eine Klangfrage: die Sachen im Rechner lebendig zu bekommen ist ungleich schwieriger. Es gibt Leute, die können das, aber ich finde es einfacher, die Dinge im Raum aufzunehmen.

Du scheinst auch ein kleines Faible für Streicher zu haben…

Es ist relativ simpel, darüber Emotionen zu transportieren. Dazu braucht man nur wenige Akkorde die gut arrangiert sind, und die Leute wissen sofort, was man damit ausdrücken will. Das gilt auch für Vocals, selbst wenn man den Text nicht versteht, kann man anhand der Tonlage und Stimme meistens sofort die Stimmung erkennen. Ich könnte mir auch durchaus vorstellen, irgendwann mal so ein richtig klassisches Arrangement, also ein komplettes Orchester in Techno einzubinden.

Wobei man dazu ja dann auch einen sehr theoretischen Ansatz braucht.

Ich denke sowieso immer in Systemen. Alle meinen Grooves bestehen aus kleinen Systemen, die aufeinander aufbauen. Wie agiert die Bassdrum mit dem Bass, wie funktioniert die Percussion da drin und wie kann ich daraus genug Variationen bauen um es auch über mehrere Minuten interessant zu halten. Ich arbeite nicht viel mit dem Zufall, sondern mit Systemen, die aber so verschachtelt werden, dass sie komplex sind.

Zum Abschluss: wie schauen deine Pläne für dieses Jahr aus?

Natürlich zunächst das Album promoten. Ich gehe auf Tour nach Australien und wir fahren geschlossen auf die WMC, das ist schon geil. Es ist auch schön zu sehen, dass es so viele Leute gibt, die genug dafür zahlen, dass auch für alle Beteiligten noch genug übrig bleibt, hoffen wir dass es noch so weiter geht…

# Stimming @ MySpace
# Diynamic Music
# Preview + Buy: Reflections @ Zero”

Info: Teile dieses Interviews sind in der De:Bug #130 erschienen.

Ein Kommentar

Trackbacks

  1. [...] folgte das Album auf Diynamic. Ich mag Stimmings sehr eigene Produktionsweise, die, wie er uns im Interview erzählt hat, auch von den vielen Sounds kommt, die er live aufnimmt und dann weiter verwertet. [...]

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