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21. November 2008, 22:54

Feature

Feature: Smallville Records

Wer von Hamburg und elektronischer Musik spricht, der kommt um den Namen Smallville nicht herum. Gerade jetzt, da Hamburg mit nordischer Lässigkeit die House-Szene in Deutschland neu aufleben lässt, wird der liebevoll geführte Plattenladen in einer gemütlichen Nebenstraße in St. Pauli zur Anlaufstelle von DJs, Produzenten und Musikliebhaber gleichermaßen. Gegründet 2005 von den drei Freunden Peter Kersten (aka Lawrence, der auch hinter dem Hamburger Vorzeigelabel Dial steckt), Stella und Julius Steinhoff, entwickelte sich der Shop rasant zu einem der wichtigsten DJ-Drehkreuze in Norddeutschland. Oft genannt in einem Atemzug mit dem Berliner Hardwax-Laden, dem Frankfurter Freebase oder auch dem Kompakt-Store in Köln, legte der Laden von Beginn an besonderen Schwerpunkt auf ausgewählten House, Detroit- und Minimal Techno, ohne dadurch aber die Facetten geschmackvoller Gitarrenmusik, Indierock und nicht zwingend tanzflächenorientierter Elektronika vermissen zu lassen.

Immer mit dem Finger am Puls der Zeit, ist der Laden aber nicht nur eine Fundgrube für Musikliebhaber, sondern hat sich zuletzt auch mit einer eigenen innovativen Partyreihe im Hamburger Übel&Gefährlich, sowie einer Dependance in Paris außerhalb der vier Wände des Plattenladens etabliert. International bekannt geworden ist Smallvile außerdem vor allem durch den deepen Trademarksound des eigenen Inhouse-Labels, auf dem unter anderen die Freunde Move D und Benjamin Brunn, Sten, Sven Tasnadi, Jacek Sienkiewicz, Steinhoff & Hammouda und DJ Swap releast haben.

Kai Thomas hatte die Gelegenheit, Julius Steinhoff zu treffen, und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge und der Geschichte des Laden und Labels.

Für was steht der Name “Smallville”? Eine Referenz zu den Superman-Comics?

Nein, der Name Smallville ist von uns eher in Anlehnung an die Compilation Smallville von Tobias Thomas auf Kompakt gewählt worden. Als wir den Plattenladen geplant haben, lief die CD sehr oft, und was Tobias damals in der De:Bug über die Rolle der Kleinstadt gesagt hat, hat uns gut gefallen und war auf unser Viertel übertragbar. St. Pauli funktioniert ja auch immer wieder so, natürlich positiv gemeint. Alles ist sehr nah und familiär vertraut.

Wie kam es zu eurer künstlerischen Zusammenarbeit mit Stefan Marx bei der Laden und Plattengestaltung , und verratet ihr welche Idee hinter eurem visuellen Konzept steht?

Stefan ist ein sehr guter Freund von uns und hat von Beginn an die komplette Gestaltung übernommen – das sind Plattencover und Logo, die tollen Flyer für die Smallville Parties, unser bemaltes Ladenfenster und alles andere. Immer natürlich in Absprache mit uns, aber wir lassen ihm da auch gerne und viel freie Hand. Wir sind sehr glücklich damit!

Für viele Plattenläden, wie z.B. Phonica/Smallfish in London, Hardwax in Berlin und auch Kompakt in Köln scheint es logische Konsequenz zu sein, aus dem Laden heraus dann auch einfach eine Label zu starten. Wie kam das bei euch und warum?

Das war eigentlich auch bei uns von Anfang an geplant und liegt auch tatsächlich nahe; als Plattenladen hat man selber die schöne Möglichkeit, das eigene Vinyl am meisten selber zu verkaufen. Zudem haben wir tolle Musiker um uns, und stehen mit vielen Weiteren in regem Austausch. Da liegt es Nahe, auch selber zu veröffentlichen. Ein weiterer Punkt ist, dass das Label sehr dabei hilft, dass unser Laden Aufmerksamkeit bekommt, da nicht nur wir Platten von anderen Labels verkaufen, sondern auch andere Läden unsere Smallville Platten.

Was kann man zu eurer Label-Philosophie erzählen? Was sind eure Schwerpunkte?

Es gibt eigentlich keine ausformulierte Philosophie. Wir mögen alle wirklich verschiedene Spielarten der elektronischen Musik , und auch darüber hinaus. Auf Smallville kann daher nach einer sehr deepen Houseplatte als nächste Katalognummer durchaus Detroit Techno Hood’scher Stilistik rauskommen. Alles, was wir selber gerne auflegen würden, ist möglich – da sind wir wirklich nicht festgelegt. Deepness zieht sich allerdings durch alle Releases, das ist uns schon wichtig.

Euer engerer Freundeskreis hat offensichtlich große Schnittmengen mit Dial. Wie kann man euch dennoch musikalisch von Dial Records abgrenzen?

Eigentlich ist es nicht unbedingt nötig, uns abzugrenzen. Dial ist einfach ein anderes Label, das auch andere Leute machen – musikalische Überschneidungen sind möglich und überhaupt nicht schlimm, vielleicht auch ganz normal. Wir tauschen uns natürlich alle miteinander aus und letztendlich haben alle Sachen dann ihren Platz. Was eben nicht heisst, dass etwas auf Smallville musikalisch nicht auch auf Dial passen würde oder umgekehrt. Das sind mehr so Bruder und Schwester, die haben eigene Geschmäcker aber mögen auch oft das Selbe, da sie beide mit tollen Dingen in gleicher Art in Berührung kommen.

Eure Nächte im Hamburger Übel&Gefährlich sind bereits legendär. Worauf legt ihr bei den Sausen besonders wert, was ist eure Grundidee?

Es ist immer sehr familiär bei den Smallville Parties, das gefällt uns selber immer sehr gut. Eine Party kann definitiv von ihrem Publikum abhängen, auch wenn andere Gesichtspunkte mit reinspielen. Aber auch wenn es voll wird, bleibt eine feine Stimmung bei uns. Viele kennen sich, alle Anderen lernen sich kennen. Irgendjemand hat mir mal erzählt, dass er Smallville Parties immer am Besten findet, denn „da knutschen am Schluss immer alle miteinander”. Weiß gar nicht, ob das nun immer so ist, aber das trifft es trotzdem ganz gut… (lacht).


Mit Gastkünstlern wie Sascha Dive, Redshape, Omar S, Cassy und Jus-Ed seit ihr mittlerweile eindeutig auf Detroit-inspirierten und deep housigen Pfaden unterwegs. Bleibt Ihr dabei? Was sind eure weiteren Pläne mit der Reihe?

Das soll von der musikalischen Ausrichtung schon so sein, ist aber auch nicht zementiert in bestimmten Musikstilen. Wir machen einfach, worauf wir Lust haben und mit dem Übel&Gefährlich in groß und dem Golden Pudel Club in klein haben wir auch gute Möglichkeiten. Es ist ausserdem schön, dass wir in der Vergangenheit oft Künstler zum ersten Mal nach Hamburg eingeladen haben und Premieren gefeiert haben – das war so zum Beispiel mit Omar S, Patrice Scott, Sleeparchive, Redshape, Sascha Dive, Shinedoe, Andy Stott, MyMy und Matt John der Fall.

Hamburg war im Laufe des letzten Jahres oft im Blickpunkt. Woher kommt dieser neue Schwung in der Hamburger House- und Technoszene?

Vielleicht von der Seebrise… ansonsten weiss ich das auch gar nicht so genau. Es ist einfach gerade was los hier, einige musikbegeisterte Menschen in Hamburg, das macht Spaß. Es klappt auch eigentlich ganz gut, dass alle an einem Strang ziehen, damit es eine Szene gibt und diese sich formen kann und nicht alle gegeneinander arbeiten. Trotzdem sehe ich das vielleicht gar nicht so stadtgebunden, denn es passiert allgemein viel in letzter Zeit – ob die Städte nun Hamburg, Leipzig, Mannheim oder Frankfurt heißen, spielt gar nicht die große Rolle. Gerne Grenzen überschreiten und einreißen, egal wo!


2007 habt ihr den zweiten Smallville Store in Paris gegründet. Wie kam es zu dieser mutigen Idee? Was hat euch dazu motiviert? Welche Leute sind enger in dieses Projekt involviert?

Der Smallville Laden in Paris ist kein ganz eigener Laden, sondern dort teilen sich zwei Läden ein Geschäft – Smallville Paris und Ground Zero. Elektronische Musik auf der Smallville Seite, Indie Rock und schöne Gitarrendinge bei Ground Zero. Den Smallville-Teil macht Jacques, er hat das Projekt auch mit Hendrik (Pantha du Prince, er wohnt in Paris) 2007 ins Leben gerufen. Inzwischen wohnt Jacques zwar in Hamburg, ist aber trotzdem regelmässig in Paris und kümmert sich auch von hier aus um Bestellungen und alles andere. Im Laden vor Ort ist ausserdem eine freundliche Dame, die den Verkauf übernimmt. Die Auswahl in Paris ist nicht ganz so gross, wie in Hamburg – aber doch sehr fein. Es gibt in Paris kaum die Möglichkeit, diese Platten zu kaufen – daher waren wir von der Idee eines Ladens dort von Anfang an sehr angetan.

Gab es schon erzählenswerte franco-allemanische Aha-Erlebnisse und Begegnungen im Laden?

Ehrlich gesagt war ich vor kurzem zum ersten mal im neuen Laden in Paris, allerdings auch weil sie nach einem Umzug erst seit diesem Jahr im neuen Laden sind. Ich habe mir dort einige tolle Gitarrenplatten gekauft.


Wie sind eure Pariser Clubabende bisher angekommen? Gibt es bemerkenswerte Unterschiede im Feierverhalten des Publikums im Vergleich mit Hamburg?

Auch die Clubabende in Paris funktionieren gut und sind immer sehr schön gewesen. In Paris hilft eine Präsenz im Nachtleben und als Partyveranstalter sicherlich auch der Bekanntheit des Plattenladens. Insgesamt ist es vielleicht etwas schwerer, in Paris Fuß zu fassen, da es leider kaum gute Clubs und eine nur eine kleine Szene für diese Art von Musik gibt. Ebenso wenige Veranstalter bzw Clubbesitzer veranstalten Parties aus Liebe zur Musik und nicht zum Geldscheffeln. Und es ist in Paris vielleicht auch ein wenig schwerer, etwas Neues zu positionieren – Musik die noch nicht so viel in der Öffentlichkeit stattfindet oder DJs einladen, die eher unbekannt sind, dafür aber für etwas stehen. Daher war es toll, als wir gerade eine Party mit Jus-Ed im Rex machen konnten. Das war dann auch wirklich wunderbar – obwohl es trotz freiem Eintritt an einem Donnerstag tatsächlich nicht komplett voll wurde, wenn auch gut gefüllt. Aber da muss man die Damen und Herren manchmal doch noch ein wenig zu ihrem Glück zwingen…

# Smallville Records
# Übel & Gefährlich

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