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15. April 2011, 13:10

Feature

Feature: Siriusmo

Es ist wahrlich nicht schwer, Parallelen zwischen Moritz Friedrich, besser bekannt als Siriusmo, und seinem Studio zu ziehen: Das Studio, gut versteckt in einem alten Bürokomplex an der Grenze der Berliner Bezirke Prenzlauer Berg und Friedrichshain, ist ähnlich zurückgezogen wie der Produzent im wahren Leben und gleichzeitig so bunt wie seine Musik: Vinyplatten, alte Zeitschriften, leere Bierflaschen und jede Menge Kleinkram liegt auf dem Boden herum, an einer Wand hängt eine Dämmung mutlos herunter, während in der Mitte des Raums eine alte abgewetzte Ledercouch türmt, auf der Siriusmo zu Beginn des Interviews sichtlich zufrieden Platz nimmt. Tatsächlich scheint diese Form des “organisierten Chaos” so etwas wie die Quelle zu sein, aus der Siriusmo seine Inspiration schöpft: Entsprechend vielseitig ist auch seine Musik, die irgendwo zwischen bratzigem Electro, Techno und obskurem Pop anzusiedeln ist.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Friedrich nun schon an dieser musikalischen Vision. Über ein Dutzend Platten hat er veröffentlicht, zunächst auf Jazzanovas Sonar Kollektiv, später dannvor allem auf Jan Drivers Grand Petrol. Inzwischen ist Friedridch auf dem Modeselektor-Label Monkeytown angekommen und darf sich dabei immerhin der erste nennen, der dort veröffentlichen durfte. Das war 2009. Zwei Jahre später hat Siriusmo sein erstes richtiges Künstleralbum im Kasten. Mosaik ist nicht nur namentlich eine Hommage an seine Produktionsweise: Es ist ein Sammelsurium unterschiedlicher Stile, das aus Friedrichs ungezwungener Herangehensweise entstanden ist. Wie diese genau aussieht, erzählt er uns im Folgenden.

Welche Geräte hast du momentan im Studio und mit was hast du ursprünglich angefangen?

Ich habe mit einem EMAX II angefangen – einer dieser alten Sampler aus den 80er. Außerdem hatte ich noch einen Atari, mit dem ich Cubase als Sampler gesteuert habe. Später habe ich dann einen digitalen Sampler gekauft, den ESI 4000. Eigentlich habe ich heute gar nicht mehr so viel Zeug…ich hab hier das Rhodes, einen geborgten Wurlitzer, einen Korg Trident, den ich mit 16 oder so gekauft habe und einen Korg Mini, den ich eher selten benutze. Achja, und noch die Orgel hier… (deutet in die Ecke des Studios)

Hast du dir den Trident wegen eines bestimmten Grundes gekauft?

Als ich mit der Ausbildung anfing, hab ich die ersten Gehälter genommen, um mir einen Synthesizer in einem Second Hand Shop zu holen. Um ehrlich zu sein dachte ich, dass der Trident mehr wie ein Hammond klingt, ganz einfach weil er so riesig war. Ich hab da an die Beat Club Shows aus dem Fernsehen gedacht. Als ich ihn gekauft habe, war ich fast ein bisschen enttäuscht, weil es eben “nur” ein Synthesizer war und wir in unserer Band damals eher wie die Doors klingen wollten. Aber heute ist es das Herzstück meines Studios.

Einige Bands aus den 1980ern schwören auf den Korg Trident

Es ist aber auch ein fantastisches Gerät: Ich bekomm damit fast alles Sounds hin, die ich brauche. Mit Synthesizern ist ja immer so: Du siehst sie, und willst sie eigentlich alle haben. Ich hatte auch mal einen alten Moog, den ich aber verkaufen musste, weil ich Geld brauchte. Den Trident würde ich niemals hergeben.

Was ist denn so besonders daran?

Altes Equipment, das durch Strom betrieben wird, wie die alten Synths, klingt einfach sehr warm und rund. Ich mag das.

So wie das Rhodes…

Ich benutz das Rhodes eigentlich mehr wie einen Tuner, um ein paar Klänge und Stimmungen auszuprobieren. Ich nehme damit nicht viel auf, weil es eben sehr bekannt klingt, und ich eigentlich eher auf der Suche nach unkonventionellen Klängen bin. Aber ich benutz den Rhodes gelegentlich, um meinen Tracks noch etwas Wärme zu geben.

Wie ist der Wurlitzer im Vergleich?

Der Wurlitzer ist halt nochmal deutlich funkier als das Rhodes. Es war immer ein Traum von mir, einen zu haben, aber der hier ist nur geliehen – die Dinger sind echt schwer zu finden hier in Deutschland und vor allem teuer. Aber ich muss auch zugeben, dass ich noch gar nicht so viel damit gespielt habe…

Änderst du dein Studio Setup den häufig?

Nee, gar nicht. Zum einen tu ich mir immer schwer damit, meinen Kram up-to-date zu halten. Du siehst ja, dass meine ganze Technik nicht wirklich neu ist. Ich habe auch ewig gebraucht, bis ich endlich mal einen richtigen Computer benutzt habe. Das war erst, als mir ein Freund zeigte, wie man 16 MIDI-Tracks gleichzeitig benutzen konnte.

Zum anderen habe ich auch einfach nicht so viel Kohle, um mir ständig Hardware zu kaufen. Das letzte was ich mir geleistet habe, war der Mini Korg, weil er einen eingebauten Vocoder hat und ich damals mehr Vocals aufnehmen wollte. Der Mini Korg ist auch echt nicht teuer, und ich könnte auch einfach einen Computer nehmen, aber so ist noch etwas spontaner und lustiger….

Was benutzt du denn für ein Mikrofon?

Warte mal….das hier (kramt auf dem Boden)… ein Sennheiser MD 421.

Das sieht ganz schön old-school aus…

Das ist auf jeden Fall old-school! Ich glaube, das gab es schon in den 60ern als Mikrofon im Fernsehen und Radio, aber man kann es immer noch kaufen. Naja, ich nehme meine Musik sowieso immer ein bisschen auf wie Rock, und das klingt häufig auch so. Deswegen ist es mir auch nicht so wichtig, wie klar es letztlich aufgenommen wird. Der Reiz meiner Musik liegt für mich auch darin, dass auch etwas “alt” klingt, wenn du weißt was ich meine. Früher hatte man in seinem Studio nur ein Mikrofon und eins auf dem Boden für die Drums – das hat man dann alles in einen 4-Spur-Rekorder aufgenommen. Ich mag diesen Ansatz.

Hast du eine bestimmte Arbeitsweise, wenn du im Studio bist?

Nicht wirklich, außer dass ich mir immer vornehme, konzentriert zu sein. Aber wie das halt so ist, verstricke ich mich meistens trotzdem so in einen bestimmten Track, dass ich teilweise gar nicht mehr darauf achte, wie es klingt. Ich mach sehr viel mit Kompressoren, und oft klingt das dann alles ziemlich scheiße und einfach nur laut und bratzig. Das merke ich dann immer erst hinterher… (lacht)

Deine Musik ist ja auch sehr kraftvoll. Liegt das an der Kompression?

Ich fühl mich ja fast schlecht, das hier zu sagen, aber… ich nehme ein L2 Ultramaximizer Plugin. Das ist eigentlich gar kein Kompressor, sondern eben ein Maximizer! Man sollte das auch eigentlich nicht machen, aber wenn ich hier in meinem Studio sitze, dann dreh ich die Sachen halt gerne auf. Erst später, beim Mischen, geh ich dann wieder zurück und versuche, die ganze Sache wieder etwas aufzulockern. Aber trotzdem kann man mit Kompression erstaunliche Sounds hinbekommen, die gleichzeitig gut grooven und vor allem sehr “dicht” klingen. Wie gesagt mag ich es, wenn meine Tracks immer auch etwas kantig klingen…

Ich sehe, du hast, ähm, “interessante” Dämmung hier…

Du meinst das traurige Zeug, das hier an der Wand hängt? Das ist eigentlich Bauisolierung, die Wasser und Kälte abhalten soll. Der Sound hier drin ist eigentlich fürchterlich. Wenn ich meine Monitor-Boxen aufdrehe, dann steht hier wirklich der Bass drin, wenn du weißt was ich meine.

Aber trotzdem bist du hier seit fünf Jahren…

Ach, man gewöhnt sich dran. Wenn du hier rausgehst, dann hörst du nicht mehr so richtig gut. Deswegen muss ich auch woanders abmischen. Zum Glück habe ich einen Freund, der ein besseres Studio hat. Ohne ihn hätte ich mich vermutlich schon längst nach etwas Besserem umgeschaut. Aber ja, seitdem ich die Couch hier habe und den ganzen Kram, klingt es besser. Scheint fast, als würde der Raum besser klingen, je mehr Müll drinsteht… (lacht)

Das ist lustig.

Naja, das ist Kunst, wa? (grinst)

Wie viele Tracks hast du denn im Prozess für dein neues Album ausgemistet?

Einige der Tracks sind eigentlich schon vier, fünf Jahre alt. Ich kann nichts verwerfen, deswegen habe ich endlos viel Material. Die Kunst ist es, aus den ganzen angefangenen Tracks und Fragmenten wieder etwas Neues zu machen. Ich schreib mir die Titel der Tracks auf, und ab und zu höre ich sie dann wieder und denk mir “Oh, damit kann ich ja vielleicht noch was machen…” oder “Es wäre schade, wenn aus der Idee nicht würde….”

Das klingt interessant. Notierst du dir dann das Datum, oder den Dateinamen, oder…

Meistens ist was total zufällig wie “Test Fett 3.5.0″. Wenn ich eine Weile keine Musik mache, vergesse ich die Sachen halt, deswegen schreibe ich es mir auf einen Notizblock, oder was auch immer gerade zur Hand ist.

Und dann findest du die Sachen tatsächlich wieder?

Schön wär’s! (lacht). Aber im Ernst, viele der Sachen sind auch nicht allzu gut wenn man sie später nochmal hört.

Wie lange warst du, alles in allem, mit dem Album beschäftigt?

Ich habe rund drei Monate im Studio gesessen. Das war schon ungewöhnlich, denn ich bin selbstständig und muss mir meine Zeit zwischen Musikmachen und Arbeit entsprechend einteilen. Aus dem Grund musste ich auch wirklich fokussiert arbeiten und konnte in der Zeit nicht immer wieder neue Beats anfangen.

Wie ist denn die Verteilung aus Hardware und Software?

Ich würde sagen 50-50. Da ist meistens der Trident in den Tracks, aber ich benutze zum Beispiel keinerlei Drum Machines, es sei denn ich leih mir mal eine. Ich sample doch recht viel und schneide mir die Samples dann in Tracks zurecht mit einem Software Sampler. Aber ich glaube, ich habe noch keinen wirklich reinen digitalen Track gemacht. Ich benutz auch keine VSTs…

Was benutzt du für Drums und Percussion?

Außer Cubase benutze ich vor allem Battery von Native Instruments. Ab und zu nehme ich auch den Kontakt, aber das ist ein mega fettes Teil. Kommt halt immer drauf an, was ich genau machen möchte. Oft nehme ich auch einfach Originale und bau es direkt ein.

Was meinst du genau?

Naja, ich nehme die Drums, die ich gesamplet habe und packe sie direkt in den Track und modifiziere sie dann entsprechend. So habe ich das auch damals mit meinem ollen EMAX gemacht um zu schauen, welche funktionieren und welche nicht. Stefan von Jazzanova hat mir das damals gezeigt und seitdem mache ich das mehr oder weniger so. Dabei geht es weniger um Loops, sondern wie man die Drums um den Track herum einbaut und daraus dann wieder kleinere Beats herausschneidet. Ok, das klingt vielleicht etwas kompliziert für Außenstehende…

…es klingt vor allem nach einer Menge Arbeit.

Ja vielleicht, aber es gibt ja unendlich viele Möglichkeiten, um einen guten Groove zu bekommen.

Hast du nie daran gedacht, andere Software neben Cubase zu benutzen?

Ich sehe ja ständig Leute, die mit Ableton Live arbeiten und ich kann mir vorstellen, dass man damit tolle Sachen machen kann, aber ich werde mit diesem Loop-orientierte Arbeiten, bei dem alles an einem bestimmten Timing hängt, nicht richtig warm; damit kann ich nicht richtig experimentieren. Ich habe auch schon Logic ausprobiert, aber ich fand es schwierig, damit meine Tracks zu editieren. Aber für Effekte ist Logic natürlich deutlich besser. Jemand hat mir mal erzählt, ich weiß nicht ob es stimmt, dass Cubase immer noch die bessere Audio-Engine hat als Logic. Ich dachte ja immer “Ohje, Cubase ist so viel schlechter als Logic”, aber das stimmt scheinbar gar nicht.

Wie sieht es mit Plugins aus?

Ich habe ein paar “geheime” Plugins von meinem Freund Sugar-Bytes. Wir haben mal Musik zusammengemacht, aber inzwischen programmiert er nur noch, was auch seine Vorteile hat: Er fragt mich “Hey, was wäre denn cool für dich?” und ich sag ihm dann ungefähr sowas wie “Oh, ich bräuchte einen Sound, der ‘tit-tit-tit” geht, und dann bastelt er etwas Großartiges zusammen.

Hast du ein bestimmtes Setup wenn du live spielst?

Ich spiele ja gar nicht live. Ich finde das schwierig, mit meinen fertigen Tracks noch etwas live zu machen. Ich packe da so viel Arbeit und Herzblut rein, das kann man später mit einem Laptop nicht nochmal wiederholen. Abgesehen davon, habe ich tatsächlich auch eine mittelschwere Bühnenangst…

Das heißt du legst auch nicht auf? Das ist ja ungewöhnlich heutzutage.

Ich spiele ab und zu mit Freunden und leg dann da auch ein wenig auf. Aber ja, das ist schon ungünstig, denn ich verdiene deswegen halt auch nicht viel mit meiner Musik. Aber auf der anderen Seite brauch ich das auch gar nicht. Ich bin froh wenn ich in diese kleine Höhle hier kommen kann. Sie ist direkt um die Ecke und kostet mich gerade mal 169 Euro im Monat, was für Berliner Verhältnisse super ist. Es ist ja schon ein Luxus, überhaupt ein Studio zu haben. Manche machen ja Musik nur noch mit Kopfhörern – das könnte ich nicht.

Wie oft bist du im Schnitt im Studio?

Ganz unterschiedlich. Ich arbeite immer mal wieder zwei, drei Tage an einem Stück und schaue, wie sich die Sache entwickelt. Ich bin niemand, der die ganze Nacht durcharbeitet. Ich bin eher der Typ, der sich morgens einen Cappuccino holt und dann locker ins Studio geht. Ja doch, das mag ich.

Info: Dieses Interview ist ursprünglich auf Resident Advisor erschienen.

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