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16. December 2005, 21:25

Feature

Feature: Best Of 2005

2005 neigt sich dem Ende zu, und es wird Zeit für den alljährlichen Rückblick, und Zeit ein mögliches Fazit des abgelaufenen Jahres zu ziehen. Vielleicht liegt es daran, dass ich einfach besser informiert und aufmerksamer war, aber selten hat sich ein Jahr so in meine Erinnerung gebrannt wie 2005: Tsunami in Asien, ein neuer Papst kommt an die Macht, ein Schiedsrichter bringt den deutschen Fußball in Verruf , Hurrikan in den USA, Erdbeben in Pakistan, und Deutschland bekommt unfreiwillig eine Soap-Opera namens Bundestagswahl vorgesetzt, um nur einen Teil zu nennen.

Man könnte also viel über das abgelaufene Jahr reden, doch für die oben genannten Ereignisse gibt es Shows im Fernsehen und Sonderausgaben einschlägiger Magazine. Was man dagegen nicht von Günther Jauch und dem Spiegel präsentiert bekommt ist Musik, und schon gar nicht die Musik die man eher selten im Radio hört. Von daher wird sich der folgende Bericht auch auf die Sache konzentrieren wofür thelastbeat.com eigentlich im Namen steht: Beats! Und weil es jeder macht, folgt hier der, sicher nicht ganz objektive, musikalische Jahresrückblick 2005.

Wie immer war auch 2005 nicht arm an neuen und guten Veröffentlichungen, entsprechend schwierig fiel die Auswahl dieses Jahr. Aus einer ursprünglich geplanten Top 10 wurde eine Top 15, aus der Top 15 dann letztendlich eine Top 20, wie das eben so ist; statt einzugrenzen lieber den Rahmen erweitern. Trotzdem mussten auch diesmal einige exzellente Platten den kürzeren ziehen. Die folgende Liste ist daher auch nicht ausschöpfend, sondern höchstens als Spitze des Plattenbergs anzusehen, sie enthält die Platten, die ich entweder am meisten gehört habe, oder die sich mir aufgrund ihrer Eigentümlichkeit eingebrannt haben. Die Reihenfolge hat übrigens nur rein ästhetische Gründe.

Alben

Roisin Murphy – Ruby Blue (Echo)

Roisin Murphy im maßgeschneiderten Soundgewand von Matthew Herbert. Klickender Neo-Jazz trifft auf entspannte Balladen, in denen Miss Murphy mal schmachtend, mal aufreibend, mal schnoddrig singt, aber immer mit der nötigen Contenance. “Dear Diary”, “Sinking Feeling” und “So Into You” sind alles potentielle Hits einer ausgezeichneten Platte, die durch einen herrlichen Auftritt beim diesjährigen Melt! Festival nur noch verstärkt wurde. Schon bem letzten Moloko Album hatte sich angedeutet dass Roisin Murphy endlich die volle Kapazität ihrer Stimme zu schätzen gelernt hat, und dies schöpft sie auf “Ruby Blue” durchaus aus.

# Roisin Murphy

Nu:Tone – Brave Nu World (Hospital)

Man kann über Hospital Records sagen was man will: Egal ob Weichspüler-D&B oder nicht, nachdem High Contrast dieses Jahr ruhig war, hat sein Landsman Dan Gresham hier die Liquid Funk Ladung abgeliefert auf die alle gewartet haben. Wo London Elektricity ein wenig über die Stränge geschlagen haben, weiß Nu:Tone den Pathos besser und gezielter einzusetzen, und macht damit eine wunderbar lockere Drum and Bass Platte, abgeschmeckt mit einer Prise Soul, dezenten Streichern und viel Sympathie.

# Nu:Tone

Metope – Kobol (Areal)

Vielleicht hat er nicht ganz der Charme von Ada, aber dafür hat Michael Schwanen alias Metope auch keinen Grund. “Kobol” ist der böse Zwilling von allen aalglatten Technoalben dieses Jahr, ein sich windendes Ungeheuer aus Analogsounds, Electro und peitschenden Snaredrums. Vom verschrobenen Opener “Rebird”, über den Old-Skool Analog Sound von “Alm Realm” und “M1D1″ bis hin zu “I’m so Ready”, dass sich im fast schon klassischen Areal-Stil in der Mitte um 180° dreht und nochmal von vorne anfängt wirkt die Platte zuerst nervös und unruhig, in der zweiten Hälfte dann offener und verspielter. Was sie auf jeden Fall braucht sind mehrere Anläufe um sich dem Hörer zu entfalten.

# Areal Records

Cyne – Evolution Fight (CCO)

City Centre Offices mit einer Hip Hop Platte. Dem Kollektiv Cyne gelingt damit ein großer Wurf, denn “Evolution Fight” ist nicht nur wunderbar komponiert, mit ausgewählten Samples und ausgesuchter Live-Instrumentierung, sondern auch eine Reise durch Old-School, Trip Hop, Jazz und Conscious Rap. Ein urbanes Meisterwerk, dass die vier Herren hier abgeliefert haben.

# Cyne

Alex Under – Dispositivos De Mi Granja (Trapez)

Die Minimalbombe. Hypnotisch, treibend, hüpfend, sich um sich selbst drehend, oder: Wie man aus wenigen Komponenten ganz viel rausholen kann. Wo sich andere in Loops vergraben, verschachtelt Alex Under seine Beats immer wieder, reiht sie aneinander und sprengt sie wieder auseinander. Selten klang das Zusammenspiel von Bassline und Klicks dynamischer, selten so konsequent in der Struktur und so subtil im Ergebnis. Was sich schon auf den beiden 12″s auf Trapez angedeutet hat, entwickelt sich hier auf Albumlänge zu einem der besten Technoalben des Jahres. Under-statement par excellence. Zieh dich warm an, Richie Hawtin!

# Traum Schallplatten

Kettel – Through Friendly Waters (Sending Orbs)

Der Holländer Kettel liefert auf dem neuen Sending Orbs Label sein bis dato bestes Album ab. Wundervolle Melodien im experimentellen Klanggewand! Melancholie ohne traurig zu werden, blühende Tulpenfelder im Sonnenschein. Kettel schüttelt Melodie nach Melodie aus dem Ärmel, so dass bei jedem Song das Lächeln größer wird, oder wie Thaddaeus Herrmann es sagt: Kettel ist immer wie Schokopudding. Und “Shinusob” der IDM-Song des Jahres.

# Kettel
# Sending Orbs

Ferenc – Fraximal (Kompakt)

Trotz doofem Coverbild für mich das Kompakt-Album des Jahres. Vielleicht auch weil es irgendwie anders klingt als der Rest, und von allen Alben eine durchgängige Kohärenz aufweist. Wo Koze und Aguayo auf Albumlänge die Puste ausgeht, machen Ferenc weiter ohne dabei das Rad neu zu erfinden. Der Sound liegt irgendwo zwischen trancigen Flächen mit treibenden Bässen; leicht unterkühlt das Ganze, klingt irgendwie gar nicht nach Barcelona, etwas unnahbar, und insgesamt wohl eher ein Listening-Album als etwas für den Club, und genauso ging es auch vielen Leuten auf der diesjährigen Kompakt Total Party, wo die beiden Herren live gespielt haben.

# Kompakt

Egoexpress – Hot Wire My Heart (Ladomat)

Oh my god it’s techno music!! Zugegeben, trotz Sample des Jahres hat die Platte etwas gebraucht bevor sie mich begeistert hat. Zuerst waren es nur die potentiellen Mix-Kracher “Knartz IV” und “Hot Wire My Heart”, aber inzwischen haben sich auch vermeintliche (vermeintlich!) Filler wie “Aranda” in mein Herz gespielt, nicht nur aufgrund toller Remixe. Insgesamt eine feine Technoplatte von Leuten die eigentlich gar nix mit Techno am Hut haben wollen. Nur “Drehwinkel” muss mir nochmal jemand erklären, das wäre wohl das Streichergebnis.

# Egoexpress

Broadcast – Tender Buttons (Warp)

Broadcast, die britische Schrammel-Combo, die eingefleischten Warp Fans immer schon ein Dorn im Auge war. Daran hat sich vermutlich auch nichts verändert, denn Broadcast sind ihrem Sound prinzipiell treu geblieben, doch auf “Tender Buttons”, nur noch als Duo produziert, spinnen sie ihre Idee des 60er Jahre Lo-Fi Sounds noch ein bisschen weiter. Und so klingt es psychedelischer als je zuvor, irgendwo zwischen Casio und Kreissäge, zwischen Abgebrühtheit und Dilettantismus. In “Tears in the Typing Pool” singt Trish Keenan wie Nico zu Chelsea Girl Zeiten, “America’s Boy” und “Black Cat” sind feine Popsongs versteckt hinter einem verzerrten Klangteppich und “Michael A Grammar” ist ein weiterer Klassiker im Broadcast Katalog.

# Broadcast

Sufjan Stevens – Come On Feel the Illinoise (Asthmatic Kitty)

Wenn es nur ein Album des Jahres gäbe, dann wäre Sufjan Stevens bestimmt der heißeste Anwärter. Der zweite Teil seines 50-Staaten Projekts ist Illinois gewidmet, und es scheint als hätte er sich extra angestrengt. “Illinois” ist kein Album, es ist eine Reise, ein Roadtrip durch einen Teil amerikanischer Geschichte, erzählt in 74 Minuten und 22 Songs. Stevens baut sich sein eigenes kleines Mini-Orchester, spielt dabei den Großteil der Instrumente selbst ein und verschönert es mit seinem Falsetto, begleitet von einer weiblichen Zweitstimme. Das Ergebnis klingt pompös zu Beginn, doch der erste Eindruck täuscht; Es ist ein fantastisches Konzeptalbum des vielleicht talentiertesten jungen Songwriters der USA, exzellent arrangiert ohne eine gewisse Obskurität vermissen zu lassen. “Illinois” ist nicht nur dem Bundesstaat gewidmet (siehe Titel wie “Chicago” und “Casimir Pulaski Day”), sondern einer ganzen Generation. Der Begriff Neo-Americana und die Vergleiche mit traditioneller Folkmusik kommen sicherlich nicht von ungefähr, und die durch & durch positiven Bewertungen auch nicht. Mann kann nur hoffen dass Sufjan Stevens noch genug Pulver für die verbleibenden 48 Bundesstaaten hat.

# Sufjan Stevens

Kanye West – Late Registration (Roc-a-Fella)

Manchmal lohnt es sich doch einen Blick auf die Popmusik zu werfen, denn sonst gingen Alben wie das von Kanye West vermutlich verloren, und das wäre schade. Denn auch wenn Kanye vermutlich mehr Pop als Hip Hop ist, ist “Late Registration” der lebende Beweise dass massentauglicher Rap so viel mehr als Goldketten und leicht bekleidete Frauen sein kann. Kanye’s Produktionsweise ist einzigartig in der Art alte Soulplatten zu recyclen und sie in großartige moderne Beats einzupacken. Auch wenn Kanye’s Flow immer etwas holprig ist, wenn er in “Touch the Sky” auf Curtis Mayfield’s Überhit “Move on Up” reitet ist das schnell vergessen. Die Themen kreisen zwar um das Übliche – Frauen, Drogen, Liebe und das Böse in der Welt – doch es ist die Musik, der frische Wind der jeden Track begleitet, der dieses Album so besonders macht. Unter Kanye West’s Hand werden sogar Features mit Maroon5 Sänger Adam Levine und Brandy erträglich, die mit The Game und Jay-Z sind es ohnehin. Vom ersten Skit bis zum letzten Song eine runde Sache!

# Kanye West

Ja König Ja – Ebba (Buback)

Als ich das Konzert der Band im März diesen Jahres besucht habe, hatte ich noch nicht einen Song der Band gehört. Einen Tag später hab ich das Album bestellt, und das lag nicht nur daran dass ich an diesem Sonntag noch bis 2 Uhr nachts mit der Band backstage Vodka getrunken habe. “Ebba” ist ein typischer Kritikerliebling – ein ambitioniertes deutsches Popalbum, das Vergleiche mit Stereolab nicht zu scheuen braucht (auch wenn es weniger ‘spacig’ ist), aber insgesamt zu dicht und verkopft ist um ein größerer Erfolg zu werden. Ebba Durstewitz’s Stimme schwebt ähnlich über den Songs wie die von Laetitia Sadier, doch die Musik bleibt auf dem Boden, und das obwohl die 13, teilweise instrumentalen, Tracks vielfältiger instrumentiert sind als die von vergleichbaren Acts; die Palette reicht von Glockenspiel über Trompeten bis hin zum Marimbaphon, die Texte auf der anderen Seite sind bewusst verwirrend und sorgfältig überlegt. Eine Perle moderner deutscher Popmusik. Highlights: “Diese Schmerzen Musst Du Teilen” und “Steine Sammeln…”

# Ja König Ja

Sutekh – Born Again: Collected Remixes 1999-2005 (Leaf)

Ich habe mir etwas schwer getan ein Remix-Doppelalbum in diese Liste aufzunehmen, doch was letztendlich ausschlaggebend war, ist die Tatsache dass es einfach nicht nach einem klingt. Seth Horvitz aka Sutekh gelingt es jedem Song seinen eigenen Stempel aufzudrücken, so dass dies nicht wie eine simple Sammlung von Songs klingt, sondern wirklich wie ein geschlossenes Album. Eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt dass hier Artists wie Kammerflimmer Kollektief, Dapayk, Hanne Hukkelberg und Swayzak zusammengeworfen werden. Die erste CD sammelt die neueren Remixe aus den Jahren 2003-2005, die zweite CD geht da schon etwas weiter zurück und enthält einige ‘Klassiker’ von Alva Noto und Portable. Insgesamt ist die erste CD jedoch etwas stärker, was daran liegt dass Sutekh seinen typischen Click & Cuts Stil hier noch verfeinert und auf den jeweiligen Artist abstimmt. So bleibt der Jazz-Touch des Kammerflimmer Kollektiefs ebenso erhalten wie die Clubtauglichkeit von Dapayk, und trotzdem klingt alles neu – wie es sich für einen guten Remix gehört.

# Sutekh
# Leaf Label

Biosphere – Dropsonde (Touch)

Nachdem Biosphere’s letztes Album ein etwas mislungener Ausflug in die Definition von Minimalmusik war, ist “Dropsonde” definitiv eine Rückkehr zur Form. Nicht nur weil Geir Jenssen wieder Beats gefunden hat, er schafft es erneut seinen Stil neu zu erfinden; Nach Technoausflügen Mitte der 90er und folgendem striktem Ambient-Material, entdeckt er auf “Dropsonde” den Jazz für sich – und erschafft so gleich mal ein neues Genre: Ambient-Jazz. Boomkat sagt dazu: “Imagine the first Cinematic Orchestra album stripped of all the soloing and major keys and that’s the feeling evoked here”. Biosphere ist ein Meister wenn es darum geht sphärische Sounds zu schaffen, und wenn diese auf lose und reduzierte, teilweise stark geloopte Jazz Arrangements treffen, entsteht ein besonderes Hörerlebnis. Anspieltipp: “Birds Fly By Flapping Their Wings”.

# Dropsonde Review

Confutatis – Built in Anger (AI)

Gerade noch so reingerutscht ist das neue Album von Bernard Pucher alias Confutatis, der auch schon als Brian Aneurysm u.a. auf Sub Static veröffentlicht hat. “Built in Anger” ist jedoch, wie der Titel schon dezent impliziert, eine etwas andere Angelegenheit. Statt auf straighten Techno zu bauen, verkörpert Confutatis die dunkle und melancholische Seite des Künstlers. Daher wird der Bass etwas heruntergesetzt und mehr auf Detail und Atmosphäre gesetzt – und davon gibt es auf “Built in Anger” reichlich. Mit diverse Anleihen aus dem Industrial-, Break- und Elektrobereich gelingt Pucher ein ganz großer Wurf. “To Die and Be” ist ein deeper Song, der ein einsames Barjazz Sample über knirschige Hip Hop Beats legt, “Atmos Phear” ein düsterer Shuffle-Track und der Titeltrack ein klaustrophobisches Elektromonster, dass von rechts nach links fadet und nur darauf zu warten scheint den Hörer völlig in Besitz zu nehmen. Doch der ist spätestens mit der Sphäre des zweiten Songs schon in die Welt von Confutatis abgetaucht.

# Confutatis Biographie

Run Return – Metro-North (n5md)

18 Tracks die so unglaublich perfektioniert sind, dass man glauben könnte die Band hätte mind. zehn Mitglieder und sei schon seit 20 Jahren im Geschäft. Doch weit gefehlt – “Metro-North” ist die erste Platte auf einem größeren Label für das Trio aus Oakland, aber dafür eine atemberaubende Fusion aus futuristisch anmutendem Post-Rock und Electronica. Mal dubbig elektronisch, mal von Synthesizern durchleuchtet, mal gänzlich live eingespielt ist “Metro-North” ein erfüllendes Kopfhörer-Album voller liebevoller und aufregender Details. Mehr davon, bitte!

# Run Return

V/A – Elektronische Musik Interkontinental 4 (Traum)

Ich versuche es eigentlich zu vermeiden Compilations in eine Jahresendliste aufzunehmen, doch für Elektronische Musik Interkontinental 4 mache ich eine Ausnahme. Dafür verkörpert die Compilation viel zu sehr nicht nur den Zeitgeist des Traum-Labels, sondern bringt die globale Technokultur im Jahre 2005 auf einen Nenner. Ohne große Hits aufzufahren, wenn man Nathan Fake’s “Dinamo”, vielleicht das Anthem des Jahres, mal außer Acht lässt, sammelt die Compilation 11 locker vor sich hin klickende Technoperlen von Adam Kroll, Dominik Eulberg, Jesse Somfay und anderen, die eigentlich eher fürs heimische Wohnzimmer als den überfüllten Club geeignet sind.

Johan Skugge – Volume (Mitek)

Schwedentechno ist immer sein Geld wert, und daran wird sich auch nichts ändern wenn Artists wie Johan Skugge weiterhin so fabelhafte Platten produzieren. Es scheint als hätte er für “Volume” ein bisschen im Force-Tracks Katalog gestöbert – der Microhouse Touch ist unverkennbar (“Implosion”), dazu etwas französischen Filterhouse mit Vocals (“Bring Me On”), sowie ein wenig Cut-ups á la Akufen (“Set-up”) und fertig ist ein exzellentes Album, das nicht von ungefähr auch an das erste Luomo Album erinnert, auch wenn es weniger episch ist. Es klickt, es rauscht, es hüpft und funkelt, und zeigt dass bei Mitek Qualität noch vor Quantität steht.

# Johan Skugge
# Volume Review

Jackson & His Computer Band – Smash (Warp)

Jackson ist eigentlich Franzose und eine Band hat er auch nicht. Dafür einen Computer, einen Kopf voller Ideen, und jede Menge Samples die er gekonnt zusammenzusetzen weiß. Für mich wieder so etwas wie eine Rückkehr zur Form bei Warp, auch wenn Jackson eigentlich gar nicht so elektronisch klingt wie sein Name erwarten lässt. “Smash” ist vielmehr eine Collage unterschiedlichster Sounds, Orchester-Samples, 80s Gitarrenriffs und Sprachschnipseln. Das ist zwar auf Albumlänge schon anstrengend, aber dafür klingt es frisch und hat mit “Utopia” und “Rock On” zwei regelrechte Hits anzubieten.

# Smash Review

Kammerflimmer Kollektief – Absencen (Staubgold)

Das Karlsruher Freejazz-Outfit als Geheimtip zu bezeichnen ist nach drei Alben vermutlich unangebracht. Fakt ist allerdings, dass KK mit dem Wechsel zu Staubgold endlich einem größeren Publikum vorgestellt werden. Das spürt man auch im Sound, “Absencen” ist zwar immer noch abstrakt und experimentell, aber die Ideen wirken überlegter und weniger willkürlich, was dazu führt dass “Absencen” das vielleicht zugänglichste Werk von KK ist. Dazu gehört auch, dass die Grenzen zwischen Jazz, Noise und Post-Rock immer mehr verwischen, wie die sich herrlich entfaltenden “Nachtwache” und “Shibboleth” zeigen. Der Improvisationscharakter älterer Alben findet sich größtenteils in den kurzen Zwischenstücken wie “Betäubt” und “Nach dem Regen” wieder, aber es sind die längeren Stücke, die “Absencen” so fesselnd machen. Unlängst ist auch eine sehr gute Remix-EP erschienen.

# Kammerflimmer Kollektief

Auf den weiteren Plätzen

AGF/Delay – Explode
Bernadette La Hengst – La Beat
Autechre – Untilted
Portable – Version
Alex Smoke – Incommunicado
Venetian Snares – Rossz Csillag Alatt Szueletett
Wir Sind Helden – Von Hier an Blind
Stars – Set Yourself on Fire
Deaf Center – Pale Ravine
Sigur Rós – Takk
DJ Koze – Kosi Comes Around
Phon.o – Burn Down the Town
Calibre – Second Sun
London Elektricity – Power Ballads
Modeselektor – Hello Mom!
Midaircondo – Shopping for Images
LCD Soundsystem – LCD Soundsystem
Esem – Scateren
Dapayk & Padberg – Close Up
Bus – Feelin’ Dank
Jaga Jazzist – What We Must
Masha Qrella – Unsolved Remained

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12″s / EPs

Bei der Auswahl an ausgezeichneten 12″s (gerade im Technobereich) ist eine Liste eigentlich unmöglich, ich habe hier trotzdem mal die Top 10 zusammengefasst, die mich immer wieder begleitet haben und immer noch nicht langweilig klingen.

Ada – Blondix 1 (Areal)
Der Koze Remix von “Eve” ist immer noch Bombe.

Kaito – Colour of Feels (Kompakt)
Zwei wunderschöne Kaito Tracks aus dem land der aufgehenden Sonne.

Nathan Fake – Dinamo (Traum)
Die 12 Minuten Technohymne.

V/A – Stadtmusik Köln (Onitor)
Vier Tracks von u.a. von Ada & Metope und Salz, einer feiner als der andere.

Trentemöller – Physical Fraction (Audiomatique)
Der Däne ist momentan nicht zu schlagen.

Ricardo Villalobos – Achso EP (Cadenza)
Eigentlich kaum anders als seine letzten Sachen, aber diese vier Tracks mit einer Laufzeit von 49 Minuten (!) wirken trotz Minimalismus sehr homogen.

Wighnomy Brothers – 3 Fachmisch EP (Freude am Tanzen)
Deutschlands fleißigste Frickler mit einer EP, die wirklich jeden Mix versüßt.

Justin Martin & Sammy D – The Southern Draw (Dirtybird)
Auf dem Melt! im Set des Krause Duos gehört, aber auch ohne Flowin’ Immos Freestyle eine exzellente und funky Platte aus San Francisco.

Konrad Black – Medusa Smile (Wagon Repair)
Die B-Seite ist ebenso fies wie das Cover.

Lusine – Inside Out (Ghostly Int.)
Jeff McIlwane mit einer aufregenden Fusionen von Techno und IDM.

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Enttäuschungen

Animal Collective – Feels
Was immer die Herren rauchen – ich will es haben!

Blackalicious – The Craft
Die Messlatte liegt nach “Blazing Arrow” einfach zu hoch.

Chemical Brothers – Push the Button
Galvanize!!!

Richie Hawtin – De:9 Transitions
Oder: Wie man 78 Versionen von “Boom” und 46 von “Klick” zusammengemixt. Gutes Konzept, langweilige Umsetzung.

Saint Etienne – Tales from Turnpike House
Nach dem ersten Song auf offener Straße eingeschlafen.

Röyksopp – The Understanding
Zu glatt, zu rein, zu housig.

The Cardigans – Super Extra Gravity
Rockiger als der Vorgänger – ja. Anders – ja. Besser – nein.

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Nicht verstanden

Antony & The Johnsons
Bitte Erklärungen und/oder Hassmails an eikman [at] thelastbeat.com schicken, danke. :)

3 Kommentare

  1. Roland und Greg

    da sieht man mal, es gibt tatsächlich noch mehr Musik. Die hälfte ist uns unbekannt. was sehr gut ist: zeit zum nachforschen.

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  2. Matthias

    Das ist mal ein umfassender Jahresrückblick, Respekt! Vieles davon kenne ich nicht, und vermutlich ist mir auch einiges zu elektronisch-technolastig. Aber manche Plattenbeschreibungen hören sich doch interessant an, die werde ich wohl mal auschecken. Sufjan Stevens sollte ich mir auch nochmal ausführlicher anhören, der wird ja allenthalben als Entdeckung des Jahres gefeiert. Die Enttäuschungen kann ich so allerdings völlig nachvollziehen. Ob ich mich auch an einen Jahresrückblick wagen soll? Ich fürchte, mir fehlt dazu die Zeit :O(

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  3. Eikman

    Ja, es ist doch relativ viel aus dem Technobereich, das stimmt. Woran das liegt weiß ich gar nicht so genau, vermutlich habe ich dieses Jahr einfach mehr Techno gehört als jemals zuvor…hmm…

    Ein (nicht-elektronisches) Album was dort vermutlich noch fehlt ist Jens Lekman’s “Oh You’re So Silent Jens”, aber das habe ich zu spät entdeckt.

    Und Sufjan ist wirklich zu Recht in den meisten Listen ganz oben dabei!

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