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14. January 2009, 02:01

Feature

Feature: Muslimgauze

Heute auf den Tag vor 10 Jahren, am 14. Januar 1999, starb Bryn Jones, der zu Lebzeiten besser als Muslimgauze bekannt war, an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 38 Jahren. Sein Nachlass besteht aus fast 100 Alben und einer Arbeitsmoral und Hingabe, die seinesgleichen sucht, aber gleichzeitig auch aus einer politischen Agenda, die ihm zu Lebzeiten stets eine größere Bekanntheit versagte. Dieses Feature ist nicht nur ein Nachruf zum zehnten Todestag, sondern auch Wertschätzung und Vorstellung eines Künstlers, der während seiner Karriere ebenso polarisierte wie faszinierte, und auch im Nachhinein offensichtlich einer Menge aktueller Elektronik- und Dubstep-Produzenten seinen Stempel aufdrücken konnte.

Eine ausführliche Biographie von Bryn Jones zu liefern ist ebenso schwierig wie überflüssig. Es gibt kaum mehr als eine handvoll Bilder, die seltenen Liveshows, die er in seiner fast 20-jährigen Karriere spielte, da er den Sound in Live-Locations schändlich fand, lassen sich auf ein gutes Dutzend zusammenfassen, und auch war sein Leben abseits der Musik denkbar unspektakulär. Geboren am 17.6.1961, lebte Bryn Jones sein ganzes Leben lang in Manchester, einigen Quellen nach zu urteilen bis zu seinem Tod in jenem Zimmer, in dem er aufgewachsen war. bryn jones Ein Einzelgänger zu Lebzeiten gewesen, hatte Jones nie Interesse daran, sich der in den 70er und 80er Jahre boomenden Musikszene in Manchester anzuschließen, oder sich überhaupt einer Szene zugehörig zu fühlen. Auch in Interviews grenzte er sich stets von Vergleichen ab – Muslimgauze, das war ein eigener, autarker Kosmos, der sich für nur wenige Menschen öffnete. Doch auch wenn Bryn Jones ein zurückgezogener und zurückhaltender Mensch war, so war er in den Augen seiner wenigen Bekannten doch durchaus humorvoll. Die wenigen Menschen, die Bryn Jones persönlich trafen, waren neben der Familie seltene Kollaboratoren, wie Bourbonese Qualk, auf deren Recloose Label seine ersten Produktionen herauskamen, Bass Communion oder Species of Fishes, sowie einiger der Labelmacher, die Bryn Jones und das Projekt Muslimgauze lange Zeit unterstützen, allen voran Charles Powne von Soleilmoon aus Portland und Geert-Jan Hobijn vom holländischen Label Staalplaat, die für die meisten Muslimgauze Veröffentlichungen sorgten, auch wenn es Bryn Jones ihnen alles andere als leicht machte, und durchaus auch mit dem ein oder anderen Label ausfiel. In Interviews war Jones stets unbeirrbar, lieferte immer wieder die gleichen Phrasen ab, und wich nie von seiner Linie ab. Zur Frage, warum er denn nie Vocals benutze, antwortete er auf seine stoische, fast kindische Art und Weise: “There are no vocals for two reasons: One is a lot of the music is ruined by bad lyrics badly sung… Most people in today’s music cannot sing. Second is that I like to do everything and I can’t sing, so I don’t.

Bryn Jones war ein nahezu besessener Musiker. Gerechnet auf seine Karriere hat Bryn Jones alle zwei Monate ein Album veröffentlicht. Fast jeden Tag verbrachte er, geradezu asketisch und unter akribischer Feinarbeit und Motiviation im Studio, er produzierte zehntausende Tracks und mischte sie neu, siebte sie solange untereinander aus, bis ein Album fertig war, das er, häufig schlecht oder ungemastert an seine Plattenlabel schickte. Mehrere gleiche Tracks tauchen auf unterschiedlichen Releases auf, oft kommen gleiche Tracks mit minimalen Unterschieden aber gleichem Titel vor, es gibt zahlreiche fehlerhafte und falsch benannte Tracks, kurzum: es ist ein undurchsichtiger Dschungel aus DATs, CDs und Kassetten – Bryn Jones arbeitete nie mit Computern – aus dessen Tiefe noch immer neue Alben auftauchen. Und doch schien Bryn Jones stets einen Masterplan im Auge zu haben, jedes Album verkörpert eine eigene Message, die fast ausschließlich immer auf politischer Ebene ihren Ursprung hatte.

“Every piece of Muslimgauze music starts with a political fact, a history, a picture”

Denn Muslimgauze ohne die antreibende politische Message die dahintersteht, zu beschreiben wäre ebenso unmöglich wie fatal. Es war 1982, während Bryn Jones noch Kunst an der Universität in Manchester studierte, als die Israelischen Truppen in den Libanon einmarschierten. Es ist unklar, wieso ausgerechnet dieses Ereignis einen solchen Einfluss auf ihn haben sollte, aber es steht außer Frage, dass er in diesem Moment den Gedanken gefasst hatte, überhaupt Musik zu machen. Zunächst unter dem Namen E.g Oblique Graph tätig, begann ein knappes Jahr später, 1983, offiziell die Zeitrechnung von Muslimgauze, einem Projekt, das von nun an seine Message bereits im Namen trug. Muslimgauze, obwohl stets nur das Soloprojekt von Bryn Jones, wurde von ihm selbst stets in der Mehrzahl angesprochen. Muslimgauze, das war fortan nicht nur ein bloßes Synonym, sondern vielmehr auch ein ideelles Konzept, gewidmet den Menschen in Palästina, Arabern und Muslimen, die nicht nur im mittleren Osten, sondern weltweit unter der Unterdrückung und Verfolgung litten. Es scheint absurd zu sein, dass ausgerechnet ein unscheinbarer Einzelgänger aus Manchester zu einem der, auf musikalischer Ebene, größten Unterstützer Palästinas, der Hamas und der P.L.O. werden sollte, aber jedes Album, jeder Track von Muslimgauze entsprang einem polit-historischen Ereignis, war mit einer ganz bestimmten, wenn auch abstrakten Idee verknüpft. Muslimgauze war lange Zeit ein Befürworter von Yassir Arafat und al-Gadaffi, und er kritisierte sowohl Israel und die Zionisten, als auch die Beziehungen jener mit den westlichen Mächten, allen voran den USA. Diese Ansichten waren so stark, dass er es ablehnte, Equipment aus den USA zu benutzen. Doch er war vielleicht weniger Pro-Muslim als vielmehr Anti-Oppression; im Verlauf seiner Karriere zeigte er sich immer wieder als Unterstützer anderer unterdrückter Völker und Organisationen, wie den Tamil Tigers in Sri Lanka oder den Buddhisten in Tibet, und es war nicht bloß der Westen, den er kritisierte: auch den Einmarsch der UDSSR in Afghanistan und den Krieg in Tschetschenien verurteilte er.

Die Musik ist, wie erwähnt, mit Ausnahme weniger arabischer Gesänge, kleiner Nachrichten-Fragmente und zersplitterten Radioübertragungen, fast ausschließlich instrumental. Die politische Message wird dagegen umso deutlicher, wenn man auf die Alben- und Songnamen sowie das Artwork schaut. Ein oft zitiertes Cover zeigt den Händedruck von Yassir Arafat und Yitzhak Rabin während des Oslo Friedensprozess, darüber der Titel: Betrayal. Verrat. Andere Alben verweisen auf historische Ereignisse wie auf das Hebron Massacre von 1929, andere sind Personen gewidmet, wie Abu Nidal oder In Search of Ahmad Shah Masood. Wieder andere halten eine deutlichere Nachricht parat: Vote Hezbollah heißt ein Album, ein anderes Izlamaphobia und The Rape of Palestine, ein weiteres Return of Black September, in Anlehnung an die Terrorgruppe, die sich für das Olympia-Massaker in München verantwortlich zeigte.

Die Cover zeigen häufig Bilder von Soldaten, verwundeten Kindern und kämpfenden Frauen, brennende Ölfelder, Moscheen und arabische Schriftzüge, Mujahideen, die auf den Koran schwören und religiöse Anspielungen. Jedes Album ist mit zahlreichen Bildern und Liner-Notes ausgestattet, viele davon der P.L.O. oder den Menschen in Palästina gewidmet, und auch die Tracktitel stützen sich häufig auf Orte oder Ereignisse, die sich auf den Mittleren Osten zurückführen lassen.

muslimgauze artwork
        Eine kleine Übersicht des stark politisch geprägten Artworks

Die grenzwertigen und teilweise sehr polemisierenden politischen Ansichten von Muslimgauze halfen ihm sicherlich nicht bei seinen Albumverkäufen. In vielen Ländern stehen die Alben von Muslimgauze noch immer auf dem Index, auch in einigen Ländern Europas wurden Plattenläden attackiert, die seine Alben führten. “Seine” Label wie Staalplaat, Extreme und Soleilmoon, die sich für einen Großteil des Artworks verantwortlich zeigten, wurden desöfteren kritisiert. Und doch: die meisten Verkäufe erreichte er ausgerechnet in jenem Land, das er neben Israel vielleicht am meisten verachtete: den USA, was gerade hinsichtlich der Entwicklungen der letzten zehn Jahre, geradezu ironisch wirkt. Auch heute noch ist die Rezeption gespalten. Es ist allenfalls erstaunlich, dass ein Künstler, den so wenige kennen, auf eine so starke Weise polarisiert, aber es schürt nur weiter den Mythos, den Bryn Jones zu seiner Zeit sicherlich nie erreichen wollte.

Wüsste man nicht von der Herkunft, man würde die Alben von Muslimgauze vermutlich für extremistisches Material halten. Bei Muslimgauze aber an einen potentiellen Terroristen oder religiösen Fanatiker zu denken, ist sicherlich übertrieben. Bryn Jones ist niemals zum Islam konvertiert, und er hat niemals den Mittleren Osten oder Palästina besucht. Seine simple Begründung dazu: “I don’t think you can visit an occupied land. It’s the principle. Not until it’s free again. Muslimgauze have not and will not impose themselves on any country in the Middle East. A short visit as a tourist does not improve things.

“I have no interest in other peoples output. My time is total Muslimgauze, new tracks, new CDs, old tracks, it’s endless”

Das vielleicht Wichtigste ist und bleibt aber die Musik. Knapp 100 Alben hat Muslimgauze in fast 17 Jahren produziert, die von einigen Fans akribisch zusammengetragen werden, dazu noch mehr als ein Dutzend Alben, die aus seinem Nachlass veröffentlicht wurden, sowie unzählige Neupressungen in den letzten zehn Jahren, so dass sein Katalog inzwischen bei gut 200 Veröffentlichungen angekommen ist. bryn jones Kein Wunder, wurde doch ein Großteil der Alben nur über die “Subscription Series” in einer extrem limitierten Auflage von 500 Stück Monat für Monat veröffentlicht. Natürlich ist es bei dieser schieren Masse an Musik nicht verwunderlich, dass auch die Qualität teilweise starken Schwankungen unterlegen ist. Während die ersten Alben noch gänzlich ungemastert veröffentlicht wurden (erst 1990 kam mit Intifaxa das erste professionell gemasterte Album heraus), ist die Musik generell häufig von einem gewissen Lo-Fi-Charakter geprägt. Was zunächst als Beiprodukt des klassischen Tape-Rauschen und permanenten Overdubbing entstand, wurde auch zu späteren Zeiten, nachdem der Sound geschliffener und präsenter wurde, immer wieder als Stilmittel eingesetzt, und so enthalten viele Aufnahmen ein Rauschen, Knistern und Knacken, was teilweise auf die Qualität des Ausgangsmaterial zurückgeht, das von Jones immer und immer wieder analog bearbeitet wurde, teilweise aber auch bewusste Distortion ist, auch wenn Jones durchaus ein Liebhaber des Sounds war, der in einige Aufnahmen Frequenzen packte, die nur auf High-End Equipment zu hören sind. Trotz allem blieb er stets seiner analogen Hardware treu, weil nur diese ihm einen eigenen Sound ermöglichte, wie er in einem weiteren Interview erzählte: “I use old equipment in a rough way. You use the same equipment as all the other; you all sound the same. Good luck with you. I don’t want to sound like all the others.”

Doch wenn es schon nicht wie alle anderen klingt, wie klingt dieses Projekt denn nun eigentlich?

Zu Beginn seiner Karriere, vor allem auf den ersten Releases als E.g. Oblique Graph, konzentrierte sich Muslimgauze noch auf den Synthesizer-lastigen Sound des damaligen New Wave Movement, overdubbed mit kurzen Vocalsamples aus dem Radio oder Fernsehen, und mit reichlich Filtern und Delay hinterlegt, wie das folgende Beispiel aus dem Jahr 1984 zeigt.

Under The Hand of Jaruzelski (Hunting Out With an Aerial Eye, 1984)

Schon bald kamen jedoch vermehrt Elemente arabischer Musik hinzu, allen voran die Drums, die schon bald zum archetypischen Sound und Standard-Repertoire von Muslimgauze gehören sollte. Der vielleicht größte Teil von Muslimgauze Musik besteht daher auch aus polyrhythmischen Drumsequenzen, die ihren Ursprung natürlich primär in der Musik des Mittleren Osten haben, aber auch stark von den Ethno-Klängen Indiens oder Afrika beeinflusst wurden. Sowohl elektronische Drummachines als auch traditionelle, selbst eingespielte Percussion (Jones war selbst trainierter Percussionist) und unterschiedliche Drum Kits finden sich auf fast jedem Album wieder, ebenso wie ungewöhnlichere Soundelemente, wie dem Klappern von Töpfen oder Fieldrecordings, die als Rhythmuslemente eingesetzt werden, nicht ungleich der heutigen Arbeitsweise von Matmos oder Matthew Herbert.

Medina Flight (Narcotic, 1997)

Doch neben der perkussiveren Musik, hatte Muslimgauze auch eine andere Seite, die heute vermutlich unter “Dub” einzuordnen wäre, damals aber noch unter “Ambient” oder “Desert Ambience” lief. Ganze Alben sind aus diesem Sound entstanden, der entweder gänzlich beatlos aus Fieldrecordings und immer wieder modifizierten Synths und Flächen bestand, nicht ungleich den Ambient-Produktionen eines Biosphere z.B…

Azzazin #2 (Azzazin, 1995)

…oder aber tiefe, dubbige Bässe mit langgestreckten, klirrenden Synthesizer-Klängen und Filtern vereinte. Die Drums werden hier als akzentuiert in den Hintergrund rückt, während immer wieder kurze Stimmfetzen durchbrechen, das entfernte Klappern vom Treiben eines orientalischen Bazaars, was eine unglaublich dichte und hypnotische Atmosphäre schafft, die sich, in Bildern gesprochen, langsam, aber immer etwas bedrohlich über die weiten, im Sonnenschein flirrenden Dünen zu bewegen scheint, wie der folgende Track geradezu perfekt unter Beweis stellt.

Mullah Said (Mullah Said, 1998)

Gerade wenn man den heutigen Erfolg von Shackleton oder Appleblim betrachtet, die ihre Musik um eine ganz ähnliche, tief strukturierte Ästhetik bauen, bleibt einem die Frage, ob sie mit der Musik von Muslimgauze vertraut waren. Hört man das folgende Stück, lassen sich sicherlich Parallelen erkennen, in Sachen Programming und der Komplexität der Drums, sowie den wohl platzierten Pausen – und das wohlgemerkt gute 15 Jahre zuvor.

Izzat (Intifaxa, 1990)

Ab Mitte der 90er Jahre wurde der Sound von Muslimgauze zunehmend schroffer und aggressiver, die Tracks kürzer, die Percussion Stakkato-artig wie das Feuern eine Gewehrsalve, und die Distortion wurde immer häufiger als zentrales Element eingesetzt. Es war vielleicht auch der Missmut von Muslimgauze über die in immer kürzeren Abständen auftretenden Konflikte im nahen Osten, die diesen Umschwung erzeugten. Wie schon gesagt: jedes Album ist eine Reaktion auf ein Ereignis, und hat einen ganz bestimmten Sound, den Muslimgauze diesem zuordnet. Das ist für den Hörer nicht immer erkennbar, aber was sich inmitten der ganzen Masse über die Jahre angesammelt hat, ist eine Vielzahl von Ideen, eine Mischung unterschiedlicher Rhythmen und Einflüsse, Produktionstechniken und Stile. Über die Jahre hat Muslimgauze ebenso kopfnickende Hip-Hop Instrumentals produziert wie zerhackte IDM-Kompositionen und nervöse Breakbeat-Eskapaden, die an die frühen Aphex Twin und später Venetian Snares Produktionen erinnern…

Mustafas Cassette Market Marrakesh (Fedayeen, 2000)

…sowie komplexe, wohlklingende und durchaus tanzbare, perkussive Ethno-Tracks:

Satsooma (Silk & Dogs, 1999)

Es ist schwer, bei dieser überwältigenden Anzahl den richtigen Einstieg zu finden, nur wenige Alben, wie Narcotic aus dem Jahr 1997 geben einen kleinen Einblick an die Vielfältigkeit des Sounds, aber um die ganze Palette zwischen Noise und Ambient, komplexer Percussion und entfremdeter Weltmusik erleben zu können, bedarf es auch dem Mut, etwas tiefer einzutauchen. Es ist nicht immer ein schönes Hörerlebnis, es ist teilweise anstrengend und ermüdend, zu ähnlich klingen viele Tracks, aber dafür ist das Gefühl umso schöner, wenn man immer wieder durch kleine Highlights belohnt wird, die es zuhauf gibt – man muss sie eben nur finden. Annibale Picicci fasste seine persönliche Einstellung zu Musik und dem Mensch Muslimgauze ganz gut zusammen, und teilt auch meine persönlichen Erfahrungen: “I became aware of the incredible varieties of his music in style, mood and its sometimes strong and sometimes very tender emotional power that inevitably evolved while listening. And yet, every single second it was undeniably his sound. Slowly I understood that his music was his language in the most direct sense, his most genuine expression he had, that his music was him and he was his music. Having understood this, I can say, as long as I will listen to his sound, he’ll be alive to me – and as long as I live I will always find some bits of his music that I haven’t heard yet, that’s for sure.

Obwohl oder gerade weil seine Musik zumeist nur in Insiderkreisen bekannt war, musste sich Muslimgauze bis zu seinem Tod mit Vorurteilen auseinandersetzen. Einen Extremisten hat man ihn genannt, einen Fanatiker, der aus seinen spärlichen Albumverkäufen die PLO finanziert. Ein Antisemit, weil er die Existenz von Israel verneinte. Einen desillusionierten Spinner, der fernab jeglicher Realität stand. Es steht jedem frei, sich sein eigenes Urteil über Muslimgauze zu bilden, seine politischen Ansichten zu teilen, zu verachten, oder wenigstens kritisch zu hinterfragen. Doch auch wenn Musik und Idee scheinbar so unzertrennlich miteinander verknüpft sind, ist es letztendlich doch vor allem die Musik, durch die der Mythos bestehen bleibt, und die auch einen gänzlich unvoreingenommenen Hörer begeistern kann, gerade weil sie auch fernab jeder politischen Sphäre funktioniert. Nicht zuletzt war Muslimgauze niemand, der seine Ansichten jemandem aufzwängen wollte. Auch wenn seine Musik stets einem politischen Antrieb entsprang, hatte Muslimgauze niemals die Absicht, diesen als Prämisse für das Hören seiner CDs zu sehen. In seinen eigenen Worten hat er es abschließend auf den Punkt gebracht: “Music is open to all. Muslimgauze are the last group to take advice from. The music can be listened to without an appreciation of its political origin, but I hope that after listening the person asks why it’s called what it is, and from this finds out more about the subject. It’s up to them.”

Heute vor 10 Jahren starb Bryn Jones und mit ihm eines der ambitioniertesten Projekte elektronischer Musik. Der Konflikt im nahen Osten und Palästina geht weiter.

13 Kommentare

  1. headphoneasyrider

    Tolles Feature! Schön, dass Muslimgauze und seine Musik hier Beachtung finden. Ach – und kanns sein, dass sich im Teaser-Bild ein kleiner Fehler eingeschlichen hat?? ;-)

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  2. rydm

    ze dopeness. a-level feature. sehr inspirierend.

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  3. Eikman

    @headphoneasyrider: Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst (peinlich) ;)

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  4. Feo

    der name muslimgauze kam mir zwar immer wieder mal vor die augen, aber richtig beschäftigt habe ich mich damit nie. das klingt auf jeden fall alles ziemlich interessant. was sind denn gute platten für “einsteiger”?

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  5. Eikman

    Ich hätte eigentlich mit der Frage rechnen müssen ;)

    Ich versuche später mal eine kleine Auswahl zu treffen….

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  6. sebastian

    super feature!

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  7. Subliminal_Kid

    Ich liebe Muslimgauzes Musik, finde auch die produktionstechnisches Verwandtheiten mit Zoviet:France äußerst interessant. Ich habe mehrfach Nordafrika und den Nahen Osten bereist und finde seine extrem polarisierte Einstellung zu einfach und typisch für den linken politischen Mainstream seiner Zeit. Er wußte z.B wohl nicht, dass er mit “Return of Black September” einer palästinesischen Terrorzelle huldigt, die vom jordanischen Staat verboten werden musste, weil sie die Macht in Jordanien an sich reißen wollte. Das Thema ist aktuell wie nie, aber die ewige Mär vom palästinensischen Underdog ist wenig hilfreich…
    Aber wie du schon sagst, die Musik steht über dem Ganze und führt zur Auseinandersetzung mit dem Thema… Guter Artikel, danke dafür und ich freue mich auf deine Auswahlliste…
    Greetz, Sub_Kid

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  8. Eikman

    Ich denke schon, dass er ziemlich genau um den Status von Black September und auch der Hamas (die ja auch von der EU als terroristische Organisation erkannt wird) wusste, nur hat es ihn offensichtlich nicht in seinen Ansichten gestört. Aber wie diese genau aussahen konnte vermutlich nur er selbst erzählen…

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  9. Subliminal_Kid

    Nur zu Ergänzung: Mir ging es nicht um die internationale Erkennung des “Black September” als Terrorgruppe, sondern um die Tatsache, dass in ihr Palästinenser als Agressoren gegenüber der gleichen Ethnie bzw. des Zufluchtortes Jordanien aufgetreten sind, was eine umfassende Sympathie für den “Nahen Osten ohne Israel” wohl auch für Muslimgauze schwierig gemacht haben dürfte…
    Aber wie du schon sagst, dass wird Muslimgauze wohl nur selber wissen…

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  10. Philipp

    Ein richtig gutes Feature, danke dafür. Mir war der Künstler bis jetzt unbekannt, aber verfolge seit einiger Zeit die Musik des Labels Skull Disco und insbesondere Shackleton. Ich dachte schon, seine Musik sei einzigartig und so noch nie dagewesen, aber wie schon öfter wurde ich eines Besseren belehrt. Muslimgauzes Musik scheint ganz offensichtlich ein großer Einfluss auf Künstler wie Shackleton und seinem tiefgründigen, darken Percussion- Dubstep gehabt zu haben…

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  11. Hagen Baier

    Danke!
    vielen dank für das tolle MUSLIMGAUZE feature. ich selber bin seit 9 jahren Muslimgauze fan/freak/wie auch immer & ich freue mich immer wieder aufs neue wenn ich menschen mit MUSLIMGAUZE “bekehren” kann (was mir allerdings nie besonders schwer fällt. wie denn auch bei so einem unterschiedlichen output was mr. jones an den tag gelegt hat).
    wie im feature erwähnt ist ja MUSLIMGAUZE ein eher unbekanntes projekt, was mich allerdings sehr wundert, die musik ist ja dermaßen vielseitig (ich muß es auch noch ein zweites mal betonen, yeah!) & müßte ja demzufolge auch in ganz unterschiedlichen szenen anklang finden. allerdings-das will gesagt sein-ist MUSLIMGAUZE ja auch für eine gewisse quantität bekannt, das hat ja der schreiber dieses wirklich tollen artikels richtig bemerkt.

    zitat:
    Natürlich ist es bei dieser schieren Masse an Musik nicht verwunderlich, dass auch die Qualität teilweise starken Schwankungen unterlegen ist. Während die ersten Alben noch gänzlich ungemastert veröffentlicht wurden (…), ist die Musik generell häufig von einem gewissen Lo-Fi-Charakter geprägt…

    da kann man dem MUSLIMGAUZE neuling auch mal warnen! kauft euch um himmels willen keine überteuerten schallplatten oder Cds.
    1. die platten werden immer mal wieder nachgepresst & da würde man sich ja ärgern wenn man ein heidengeld für eine alte, vielleicht sogar zerkratzte, originalpressung in den sand setzt.
    2. lasst die finger von diesen angeblich neuen alben die STAALPLAAT & vielleicht auch andere labels veröffentlichen! ein beispiel dafür ist diese ALMS FOR IRAQ cd, die ist dermaßen kacke! da sind teilweise unfertige & höchst fragwürdige tracks drauf. ich kann mir nicht vorstellen, das mr. jones gewollt hätte das diese tracks so unreif erscheinen. aber bildet euch selbst ein urteil.
    &
    3. probiert so viel unterschiedliches zeug wie nur irgend möglich zu besorgen (egal wie!) es ist beeindruckend was dieser mensch für unterschiedliche genres abdeckt. (das hab ich jetzt auch schon zum zweiten mal erwähnt, oder?)

    also, freunde der guten musik, viel spaß beim MUSLIMGAUZE hören & kennen lernen.

    Herzlichst,

    Hagen

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  1. [...] to thelastbeat.com and vinyl-on-demand.com for some [...]

  2. [...] einigen Jahren schrieb ich zum 10. Todestag von Muslimgauze, dass seine Musik wohl maßgeblichen Einfluss auf Shackleton [...]

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