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21. May 2008, 01:56

Feature

Feature: Minilogue

Die Schweden wieder! Erst erobern sie mit praktisch-preiswerten Möbeln die Wohnzimmer dieser Erde, und jetzt auch noch die Tanzflächen der Clubs. Über die pulsierende elektronische Musikszene im Land des Glögg und naturblonden Frauen muss man wohl kaum ein Wort mehr verlieren, über zwei Vertreter davon allerdings schon: Marcus Henriksson und Sebastian Mullaert, gemeinsam als durchschlagendes Duo meistens unter dem Namen Minilogue unterwegs, können sich nach dem Abtritt von James Brown vielleicht noch nicht ganz als “hardest working men in showbiz” bezeichnen, aber allemal als eines der produktivsten Techno-Projekte der letzten Jahre: 20 Singles zwischen 2006 und heute, auf renommierten Labels wie Wagon Repair, Traum oder Cocoon, sprechen eine deutliche Sprache.

Umso erstaunlicher, dass erst jetzt mit Animals das erste Album des Duos erscheint. Dabei geht die gemeinsame Zeit der beiden, die sich mittlerweile im beschaulichen Malmö niedergelassen haben, bis in die 90er Jahre zurück, als man noch unter dem Namen Son Kite als Trance-Act durchs Land gezogen ist. Überhaupt sprühen alle Releases von Minilogue nur so vor Ideen und unterschiedlichen Einflüssen, die zwischen sphärisch-dubbigen Downtempo Tracks, mäandernden Jamsessions und wuchtigen Dancefloor-Smashern variieren. Diese Vielfältigkeit spiegelt sich auch auf Animals wieder: ein Doppelalbum musste es werden, um neben der tanzbaren auch die zurückhaltende, introvertierte Seite von Minilogue präsentieren zu können. Trotzdem will man sich nicht ausruhen, sondern gerade jetzt erst so richtig durchstarten, wie uns Sebstain Mullaert verrät. Ein Gespräch über das aktuelle Album, die kommende DVD, Vergangenheit und Zukunft von Minilogue, und die Antwort auf die Frage warum es sich in Malmö so richtig gut arbeiten lässt.

Wenn man sich eure Veröffentlichungen in den letzten Jahren anschaut, dann kann man sagen, dass ihr einen recht hohen Output habt. Warum hat es trotzdem so lange gedauert bis euer Album fertig war?

Es gibt verschiedene Gründe warum wir so lange gewartet haben. Eine Sache, die wir über die Jahre gelernt haben, ist Geduld zu üben. Wenn sich etwas verzögert, dann hat das meistens einen Grund, und wir haben versucht, dieses Plus an Zeit positiv zu nutzen. Wir haben vor knapp drei einhalb Jahren mit den Arbeiten für das Album begonnen, und uns in der Zwischenzeit immer wieder Gedanken darüber gemacht wie es denn klingen soll. Es gibt immer Musik, die für den Augenblick gemacht ist, die einem ganz bestimmten Augenblick entspringt. Die haben wir zwischendurch als Singles veröffentlicht. Die Tracks auf Animals sind dagegen etwas sehr spezielles für uns, die sich über die Jahre herauskristallisiert haben, und wir hoffen, dass sie auch in einigen Jahren noch Bestand haben.

Das Album ist in zwei Seiten unterteilt – eine für den Club und eine Ambient-Seite. Wie kam es zu dem Entschluss ein Doppel-Album in dieser Form zu machen?

Ziel war es von Anfang an, die vielen Gesichter von Minilogue zu zeigen. Wir wussten zu Beginn noch nicht wie das dann letztendlich klingen wird, aber wir wollten dem Hörer eine möglichst breite Palette an Sounds anbieten. Zunächst dachten wir, dass wir das auf einer CD hinbekommen, aber wir haben eigentlich recht schnell gemerkt, dass wir mehr Platz brauchen, so dass es nicht unnötig hektisch klingt. Also haben wir uns für zwei CDs entschieden, wobei jede eine ganz besondere Atmosphäre für unterschiedliche Momente besitzt, aber beide den gleichen deepen und leicht psychedelischen Sound von Minilogue verkörpern.

Spielt ihr auch Ambient-Elemente in euren Livesets?

Zur Zeit haben wir noch keine Ambient- oder Freestyle-Sets gespielt, aber wir arbeiten da gerade dran. Unser Liveset lebt schon von einer gewissen Improvisation, wir versuchen immer bestehende Elemente neu umzusetzen, und in Zukunft soll das noch verstärkt in Richtung Freestyle gehen, und dann werden vermutlich auch die Ambient-Parts Teil davon sein.

Was hat es mit den Minilogue-Animals auf sich, die ja nicht nur Namensgeber des Albums sind, sondern auch eure Cover schmücken?

Genau, diese mystischen Tiere sind Teil unseres Logos. Das hängt damit zusammen, dass wir sehr viel Wert auf die visuelle Komponente von Minilogue legen. Daher war der Albumtitel eigentlich schon lange klar. Die Cover-Animals sind auch symbolisch für unsere Philosophie, immer wieder etwas neues zu erschaffen, weil sie ja auch immer eine Neuschöpfung sind, etwas, dass es in dieser Form noch nicht gibt.


Wo wir gerade bei der visuelle Komponente sind. Nach dem Album wird auch noch eine DVD mit Animationen zur Musik von Animals folgen. Könnt ihr etwas über die Idee und die Künstler dahinter erzählen?

Die DVD ist fast schon so lange in Planung wie das Album selbst. Der Hauptkünstler dahinter ist ein Grafikdesigner aus Neuseeland namens Rob Zorhab von Hinge Design. Wir haben ihn beim japanischen Labyrinth-Festival kennengelernt, und uns entschlossen etwas zusammen zu machen. Die Idee war, beide Seiten des Albums zu nehmen und in einen 1,5 stündigen Animationsfilm zu packen, wobei jeder Track ein Kapitel darstellt. Rob hat den Großteil der Sachen animiert, aber es arbeiten noch mehr Künstler daran, u.a. Kristoffer Ström, der auch unser Hitchhiker’s Choice Video produziert hat, was auch auf der DVD zu finden sein wird. Kristoffer hat auch das Albumcover entworfen, basierend auf Ton-Modellen der Minilogue Animals, und er hat einen Track auf der Ambient Scheibe mitgeschrieben. Man kann also sagen dass er ziemlich wichtig war für die Entstehung des Albums und der DVD.


Du hast schon erwähnt, dass ihr euch für eine Vielzahl an unterschiedlichen Musikstilen interessiert. Könnt ihr euch vorstellen, in Zukunft auch mit einer Band zu spielen, oder experimenteller Musik zu machen?

Eine unserer gemeinsamen Interessen ist die Hingabe, fast Besessenheit, neue Musik zu entdecken. Das Beste was dir im Studio passieren kann ist, dass du plötzlich einen ganz seltsamen, neuen Sound gefunden hast. Das ist der erste Schritt in ein komplett neues Klanguniversum. Seine eigenen, bewährten Formeln und Pattern zu durchbrechen, und sich selbst neuen Situationen stellen ist ein ungemein wichtiger Teil im Produktionsprozess. Eine Möglichkeit, diese Punkt zu erreichen, ist mit anderen Leuten zu arbeiten. Das ist nicht immer einfach, aber wenn du jemanden gefunden hast, der dich fordert und fördert, dann ist das unschätzbar wertvoll. Uns ist das passiert als wir im letzten Jahr besuch von Ian und Philip aus Melbourne hatten, zwei ziemlich großartige Jazz-Musiker, die auch elektronische Musik mögen. Wir hatten eine zweiwöchige Session in unserem Studio, und haben dabei ein Album aufgenommen, dass jetzt bald auf Mule Electronics unter dem Namen IMPS erscheinen wird. Die ganze Sache war ungeheuer spannend, eine Mischung aus Jamsession und gleichzeitiger Postproduktion.

Also arbeitet ihr ja schon an dieser Band-Idee…

Absolut! Wir haben zudem noch ein weiteres Projekt laufen, das dieses Konzept aus Live-Instrumentation, Jamming und elektronischer Produktion noch weiter führt. Eine unser Lieblingsbands aus Schweden, NOW!, kommt auch aus Malmö, und wir haben unser halbes Studio zu ihnen geschafft und dann ein Wochenende durchgespielt. NOW! ist ein Trio, ganz klassisch bestehend aus Gitarre, Bass und Drums, und sie machen einen sehr eigenartigen, Krautrock-basierten Psychedelica-Sound, der aber trotzdem recht tanzbar ist. Ich habe meinen Moog, meinen Sequenzer und meine Viola mitgebracht, Marcus seine Drummachines und Sampler. Wir haben dann alles auf verschiedenen Spuren aufgenommen, und sind so nach einem Wochenende auf gut 10 Stunden mit brauchbarem Material gekommen. Nach dem Sommer wollen wir uns daran setzen, das alles zu bearbeiten und zu sortieren, um daraus ein Album zu bauen. Vermutlich unter dem Namen MINOW!, aber das ist noch nicht ganz sicher.


Ihr habt auf einigen bekannten Labels, wie Cocoon oder Wagon Repair veröffentlicht. Wurdet ihr angesprochen, oder habt ihr ganz klassisch Demos verschickt?

Das lief eigentlich alles über Demos. Es ist immer wieder interessant zu sehen wie unterschiedlich die Labels auf unsere Tracks reagieren. Daher klingen auch unsere Tracks auf Wagon Repair anders als die auf Cocoon zum Beispiel, ganz einfach weil jedes Label einen anderen Stil zu promoten versucht. Aber offensichtlich mögen es alle (lacht)

Wo wir gerade bei Labels sind…ihr habt im letzten Jahren auch euer eigenes Label gestartet. Wie sehen die Pläne damit aus?

Noch haben wir uns keine wirklichen Gedanken über die Zukunft des Labels gemacht. Wir haben eigentlich vor, zunächst zehn Singles von uns selbst zu veröffentlichen, wobei jedes Release ein anderes der Minilogue-Animals präsentiert. Möglicherweise gibt es danach auch Platten von anderen Künstlern, aber das ist noch zu früh um genaueres zu sagen. Lassen wir uns überraschen.

Gehen wir etwas zurück in der Geschichte. Wie und wann habt ihr beiden euch überhaupt getroffen?

Wir sind beide in einer kleinen Stadt im Süden Schwedens namens Hässleholm zur Schule gegangen. Da trifft man sich früher oder später untereinander. Marcus und einige gemeinsame Freunde von uns haben begonnen, Anfang der 90er Jahre Technopartys zu veranstalten. Ich war zu dem Zeitpunkt eher in der Ambient-Szene unterwegs und habe zusammen mit einem Freund namens Christian Ambient-Sets in der Umgebung gespielt. Eines Tages kam dann Marcus zu uns und meinte, ob wir nicht Interesse hätten, auch mal etwas mehr Uptempo zu spielen. Wir mochten die Idee, und kurz darauf wurde er Teil des Projekts, aus dem dann letztendlich Minilogue entstanden ist.

Aber ihr habt ja ursprünglich als Trance-Act begonnen. Wann habt ihr euch dazu entschieden diese Art von Musik hinter euch zu lassen, und euch mit Minilogue auf einer technoideren Schiene zu bewegen?

Wir haben Trance eigentlich gar nicht hinter uns gelassen, aber momentan gibt es einfach keinen wirklich (zumindest aus unserer Sicht) guten Trance da draußen. Wir spielen immer noch als Son Kite gelegentlich Trancesets, aber Minilogue nimmt natürlich den Großteil unserer Zeit ein. Trotzdem haben wir gut die Hälfte des nächsten Son Kite Albums fertig, und wir hoffen, es Ende des Jahres veröffentlichen zu können. Es ist schwer zu beschreiben wie es klingt, aber wir denken, dass auch die Fans von Minilogue es mögen werden, denn es folgt einer ähnlich deepen, und auch leicht experimentellen Spur, auch wenn es natürlich Unterschiede in Sachen Tempo gibt: Wo es bei Minilogue auch mal etwas ruhiger zugehen darf, steht bei Son Kite dagegen komplett die Peaktime im Club im Vordergrund.

Der Sound von Minilogue erscheint mir immer ungewöhnlich organisch, mit einer subtilen, aber doch erkennbaren emotionalen Note. Wie wichtig ist euch dieser Aspekt?

Das freut mich zu hören! Wir mögen organische Sounds, deswegen versuchen wir auch häufig so viel wie möglich aus einer Livesituation heraus zu spielen, und nicht bloß die Instrumentierung, sondern auch die Arrangements basieren oft auf Jams. Für viele Musiker sind Harmonien die Möglichkeit, Emotionen auszudrücken. Wir finden aber, dass man das auch ganz gut ohne kann. Was auf jede Fall die Emotion aus vielen aktuellen Produktionen heraussaugt, ist die ausschließliche Verwendung von Computern – wenn du da nicht aufpasst, dann klingt alles unglaublich clean und statisch, zu perfekt eben. Gerade Minimal ist da natürlich sehr anfällig. Das ist dann auch nicht mehr sexy, aber vielleicht kommt uns das nur so vor.


Schweden hat eine ausgesprochen florierende Szene für elektronische Musik. Kennt man sich da untereinander oder ist das zu weit verstreut?

Wir leben in Malmö, und die Szenen aus Malmö, Stockholm und Gothenburg waren schon immer recht abgetrennt voneinander. Zumindest haben wir kaum Kontakt zu anderen Künstlern aus den anderen Städten, was schon etwas schade ist. Etwas anderes war es in Hässleholm, wo wir aufgewachsen sind: Es ist eine recht kleine Stadt, aber viele bekannte Künstler kommen von dort, u.a. auch Andreas Tilliander oder Sophie Rimheden. Die machen zwar kein Techno, aber es zeigt, dass auch in kleineren Städten eine Szene vorhanden ist, und damals hat man sich untereinander gekannt und unterstützt.

Warum lebt und arbeitet ihr ausgerechnet in Malmö? Scheint nicht direkt die erste Wahl für Technoproduzenten zu sein…

Das stimmt vermutlich, aber wir mögen gerade das einfache und ruhige Leben in einer kleinen Stadt. Wenn du um die ganze Welt reist, und jedes Wochenende in einem Club spielst, dann gibt es nichts schöneres, als nach getaner Arbeit zurück nach Hause zu kommen, wo es einfach nur ruhig ist. Hier kannst du alles mit dem Rad erreichen, dein Studio, deine Freunde, den Strand, und wundervolle Natur um dich herum genießen. Und trotzdem ist Malmö nur knapp 20 min. vom Flughafen Kopenhagen entfernt, was natürlich praktisch ist wenn man viel reist. Es ist also nicht so abgeschieden wie man vielleicht denken mag, aber trotzdem ruhig. Perfekt eigentlich.


Wie schauen jetzt nach dem Album die Pläne für den Rest des Jahres aus? Habt ihr euch nicht eine Pause verdient?

Zunächst wollen wir natürlich noch das Album und die kommende Single promoten, die u.a. Remixe von Dubfire und The Mole enthalten wird. Dann kommt natürlich noch die DVD im Oktober dazu. Im Studio arbeiten wir an den Alben für Son Kite und MINOW!, sowie einer weiteren Session als IMPS. Wir nehmen uns immer einige Wochen im Sommer frei, in denen wir kein Equipment anrühren und keine Gigs spielen, sondern uns einfach nur unseren Freunden und Familien widmen.

Angesichts der bewegten Vergangenheit und nicht minder spannenden Zukunft ist eine kleine Pause sicherlich mehr als berechtigt. Wie freuen uns auf die kommenden Alben, sagen “Skal” auf die nächsten 20 Singles und bedanken uns für dieses feine Gespräch mit dem sympathischen Duo.

# Minilogue Official
# Minilogue @ MySpace
# Cocoon Records
# Preview + Listen to Animals @ Amazon

6 Kommentare

  1. Saint

    Superb!

    Danke.

    ReplyReply

Trackbacks

  1. [...] the last beat gibt es ein ganz großartiges Interview mit Minilogue, die ich schon mochte, als sie noch als [...]

  2. [...] Techno- und House-Produzenten auf den Plan gerufen (hier seien z.B. die omnipräsenten Minilogue erwähnt, sowie The Field, Aril Brikha, Pär Grindvik, Anders Ilar und natürlich Adam [...]

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