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11. December 2009, 16:11

Feature

Feature: Mathias Kaden

Es sind Fragen, die sich wohl jeder House- und Techno-Produzent im Vorfeld eines Albums stellen muss: beuge ich mich dem Diktat des Dancefloors und produziere ein Album mit potentiellen Singles, oder nutze ich die Freiheit jenseits von 33 und 45 rpm, um der Kreativität freien Lauf zu lassen und in unbeschrittenes Terrain zu treten? Mathias Kaden, Produzent aus Jena, der seit einigen Jahren sowohl solo als auch zusammen mit Marek Hemmann die Tanzflächen beschallt, hat sich für sein Debütalbum auf Vakant für den vermeintlich schwierigeren Weg entschieden. Die Überraschung ist gelungen, denn wo sich Kaden auf seinen Singles eher an der perkussiveren Seite von Techno bewegt hat, sind die Tracks auf Studio 10 – eine Danksagung an sein Studio in Gera, in dem das Album entstanden ist – um einiges entspannter, zurückhaltender und doch irgendwie facettenreicher. Neben den Einflüssen, die das Reisen mit sich bringt sind es somit vor allem auch Gäste wie Ian Simmonds, Florian Schirmacher und die japanische Popsängerin Tomomi Ukumori, die das Album zusätzlich abrunden, und den musikalischen Horizont des Produzenten noch einmal erweitern; Jazz-Elemente durchziehen die Songs, das Tempo ist reduziert, der gesteigerte Einfluss von House klar erkennbar. Melodien werden in den Vordergrund gerückt, ohne dadurch die Liebe zum Groove zu vernachlässigen.

Mathias Kaden beweist mit seinem Erstlingswerk, dass man gerade als Techno-Produzent seine Komfortzone häufiger verlassen sollte, um nicht im musikalischen Einheitsbrei zu landen. Im Gespräch verrät er uns, was ihn inspiriert hat, und wie u.a. auch die Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester in Gera seinen musikalischen Horizont erweitert hat.

Mathias, du bist ja jetzt schon mehrere Jahre tätig und hast sowohl solo als auch zusammen mit Marek Hemman zahlreiche Singles veröffentlicht. Wann kam der Entschluss, jetzt das Album zu machen?

Ich bin jetzt seit ca. 13 Jahren als DJ tätig, und in den letzten zwei Jahren kam die Idee auf, nach den ganzen Single-Releases endlich auch mal ein Album angehen, auch mal dieses Format zu probieren. Ich habe dann angefangen zunächst Ideen zu sammeln, wie es denn klingen soll und auch die Musiker kontaktiert, mit denen ich gerne zusammenarbeiten wollte. Effektiv daran gearbeitet habe ich dann das letzte Jahr über.

Da du gerade die Gäste ansprichst…wie kamen die Kontakte zustande? Waren das alles Wunschgäste?

Ian Simmonds und Gjaezon, die beide auch Vokalisten sind, kenne ich schon sehr lange. Ich weiß natürlich, was sie selbst für Musik produzieren und ich bin Fan von ihren Sachen, daher waren das meine zwei Wunschkandidaten für das Album. Florian Schirmacher kenne ich natürlich u.a. von seiner Mitarbeit bei Wareika, und seine Stimme hat mir schon immer gut gefallen. Alle haben auch gleich zugesagt, was mich sehr gefreut hat. Tomomi Ukumori habe ich vorher nicht gekannt, die habe ich über eine gute Freundin in Japan kennengelernt. Tomomi ist eine japanische Pop-Sängerin, die aber auch auf Englisch singt. Die Stimme hat mir total gut gefallen, und da ich irgendwie auch etwas Japanisches auf dem Album haben wollte, hat das super gepasst.


Bist du Japan-Fan?

Ja, schon. Das hat sich jetzt in den letzten Jahren so entwickelt. Japan war schon immer interessant, aber nie so wirklich ein Reiseziel von mir. Aber jetzt als DJ habe ich schon 3x eine längere Japan-Tour gemacht und das Land und die Menschen haben es mir total angetan. Daher auch der Entschluss, einen Titel auf dem Album zu haben der meine Verbundenheit mit Japan wiederspiegelt.

Wobei das ja nicht der einzige Einfluss auf dem Album ist. Inwiefern hat dich das Reisen als DJ beeinflusst?

Klar, das Album ist ja auch ein Rückblick auf die letzten 10 Jahre, in denen ich als DJ um die Welt gereist bin. Ich wollte eigentlich alles verarbeiten, was mich in all den Jahren beeinflusst hat und was mich jetzt als Musiker ausmacht. Auch die Jazz-Einflüsse, die ja gerade auch bei Musik Krause und Freude am Tanzen häufig erkennbar sind, sollten noch mit einfließen. Meine Singles dagegen waren ja immer etwas Lateinamerikanisch oder Südländisch angehaucht, allein durch die Percussion oder auch die afrikanischen Vocals, die ich mal hatte. Das habe ich auf dem Album aber eher etwas zurückgestellt; die Percussion ist natürlich auch noch da, aber ich habe sie in den Hintergrund geschoben, das war mir auch selbst wichtig, mal einen anderen Weg einzuschlagen, den Song-Charakter hervorzuheben.

Stichwort Jazz. Gerade im Verlauf des letzten Jahres scheinen Jazz-Elemente verstärkt im Techno- und House Bereich Einzug erhalten zu haben. Siehst du das ähnlich?

Ich denke aber, das ist schon seit zwei, drei Jahren zu beaobachten. Jazz ist natürlich sehr gefühlvolle Musik, was vielen Technotracks einfach fehlt. Wenn sich Jazz und House verbinden, gibt das meiner Meinung nach eine sehr gute Balance.


Hörst du denn privat viel Jazz?

Auch, aber nicht im unbedingt klassischen Sinn. Das letzte Album was ich z.B. gehört habe, wenn man es denn als Jazz bezeichnen kann, war das von Ian Simmonds. Ich würde es vielleicht so etwas wie „Neuzeit-Jazz“ nennen, denn es ist nicht nach den klassischen und typischen Regeln entstanden, und genau deswegen finde ich es auch so gut. Gerade hierin besteht ja das Spannende, wie man die Jazz-Strukturen mit unserer Musik verbinden und auch aufbrechen kann. Da ist noch viel Luft nach oben, und da wird es auch noch interessante Entwicklungen geben glaube ich.

Nicht direkt Jazz, aber du selbst hast letztes Jahr mit der Philharmonie in Gera gespielt. Wie kam es denn dazu?

Der Theaterleiter aus Gera hatte mich gefragt, ob ich nicht in der Pause eines Konzertes elektronische Musik spielen möchte, da es auch im Konzert im weitesten Sinne um elektronische Musik ging. Das war mir aber nicht so recht, da in der Pause natürlich die Leute auf Toilette gehen oder sich was zu trinken holen. Und dann bleiben vielleicht nur noch die sitzen, die nicht aufstehen können oder wollen und die nerve ich dann womöglich noch. Dann habe ich angeboten, doch mit dem Orchester zu spielen und einen Tag später kam der Anruf, dass es klargeht. Dann habe ich mit dem Leiter vier Stücke von mir ausgesucht und die in Noten gepackt – etwas, was ich ja sonst nicht mache. Das Orchester hat dann die Hauptparts – Trompeten, Strings und auch Schlagelemente – nachgespielt. Das war auf jeden Fall spannend.

Hat dich dieses Erlebnis auch nachhaltig beeinflusst?

Auf jeden Fall! Das war sicherlich ein Highlight der letzten Jahre. Es hat mir einen ganz neuen Blick auf meine Produktionen gegeben; anschließend habe ich angefangen, mir die Melodien vorher genauer zu überlegen, in welcher Tonhöhe ich sie ansetze und so weiter. Vorher habe ich ja immer nur nach Gehör und Gefühl produziert, aber jetzt habe ich auch aus ‚technischer‘ Sicht einiges dazugewonnen.

Hört man diese neue Technik auch auf dem Album?

Es war eigentlich geplant, einen kompletten Titel auf dem Album mit dem Orchester aufzunehmen, aber das ist aus zeitlichen und finanziellen Gründen leider gescheitert. Die Kosten für ein Orchester, auch wenn sie mir sehr entgegenkommend waren, steht natürlich gar nicht in Relation mit dem Budget in unserem Musikbereich. Daher habe ich mich entschieden, wenigstens mit der ersten Geige des Orchesters, Claudia Ander-Donath, zusammenzuarbeiten. Die habe ich dann eingeladen zu mir ins Studio, wo ich schon das Grundgerüst des Tracks hatte. Ich habe ihr dann die Melodie vorgesummt, und darauf basierend hat sie dann Noten für die Violine entnommen. Also kann man schon sagen, dass die Arbeit mit dem Orchester doch auch auf dem Album Einzug erhalten hat, wenn auch nicht ganz in dem Sinne, wie ich mir es ursprünglich erhofft hatte.

Inwiefern hatten deine musikalischen Gäste Mitspracherecht bei den Songs?

Ich habe ihnen natürlich zu Beginn meine Ideen erklärt, aber prinzipiell habe ich ihnen freie Hand gelassen und sie auch nach ihren Vorstellungen gefragt, so dass wir uns dann langsam an den gleichen Nenner angenähert haben. Ich konnte mich mit allen einigen, und ich habe auch kein Problem damit, die Ideen von den Musikern anzunehmen und mich auch von ihnen inspirieren zu lassen.

Gab es ein prägendes Erlebnis während der Arbeit an Studio 10?

(lacht) Ja, das gab es. Mit Ian Simmonds. Wir haben unsere gesamte Session aufgenommen, Ian hat gesungen, Orgel gespielt und wir haben so ca. fünf oder sechs Stunden daran gearbeitet, bis dann die Software abgeschmiert ist! Das war zum ersten Mal in meinem Leben, dass es auch keine Wiederherstellung mehr möglich war, sprich: es war alles wirklich weg! Ohne Backup, keine Chance! Das ist natürlich der dümmste Anfängerfehler, den man machen kann. Ich war dementsprechend auch am Boden zerstört, gerade auch vor Ian, der sich so viel Mühe gegeben hat. Nach 20 Minuten haben wir uns dann entschlossen, alles nochmal neu zu machen. Wir haben dann bis tief in die Nacht noch gerarbeitet und im Endeffekt war es wirklich besser! Am Anfang war es der schlimmste Moment, aber dann auch wieder der Schönste, weil wir wirklich ein Team waren. Daher ist der Track auch einer meiner Favoriten auf Studio 10.

Der Titel bezieht sich auf den Namen deines Studios?

Genau, wir haben einen alten Bahnhof in Gera angemietet, der die Hausnummer 10 hat. Ein Kumpel von mir, der auch die meisten meiner Plattencover sowie das Album-Artwork designt hat, hat mir mal ein Logo mit „Studio 10“ gemacht, und da es vielleicht das letzte Album ist, was in diesem Studio in Gera entstanden ist, hab ich mich dazu entschieden, es so zu nennen. Auch als Dankeschön an die alte Zeit und meine Jungs, die dort noch arbeiten und die mich auch während der Produktion immer wieder unterstützt haben. Das Album ist ja auch eine Essenz der letzten Jahre, die ich dort verbracht habe.

Das heißt du ziehst um?

Ich habe mit Marek, der schon seit einigen Jahren in Jena wohnt, vor Ort ein hübsches Objekt gefunden. Ich konnte mich die letzten Jahre nie so richtig von Gera trennen, weil ich ja ohnmehin schon so oft auf Tour bin, und es einfach mein zuhause ist. Aber jetzt habe ich mich entschieden, wenigstens mit dem Studio nach Jena umzuziehen, weil es auch die Zusammenarbeit mit Marek erleichtert.

Marek bringt ja fast zeitgleich mit dir sein erstes Album heraus. Darf man sich dann in Zukunft auch auf ein gemeinsames Album von euch freuen?

Eigentlich war das ja vor unseren eigenen Alben geplant. Aber das wird es auf jeden Fall geben, gerade wenn wir dann zusammen ein Studio haben, da wird sicherlich einiges entstehen in Zukunft. Wir haben auch schon wieder einige Remix-Anfragen, mit denen wir uns jetzt bald beschäftigen werden.

Kommen wir nochmal auf dein Album zurück. Im Pressetext steht geschrieben „Kreativität soll nicht dem Diktat des Dancefloors unterliegen“. Für einen DJ, der natürlich jedes Wochenende den Dancefloor beschallt scheint das eine gewagte Aussage zu sein…

Meine Singles sind alle für den Dancefloor, alles was ich in den letzten Jahren gemacht habe, ist immer für den Club ausgelegt. Mit dem Album wollte ich aber auch meine andere Seite zeigen, dass ich eben nicht nur der Typ bin, der immer munter vor sich hin trommelt und irgendwann als klassische Minimal-Artist abgestempelt wird. Es war mir einfach wichtig, auch etwas zeitloses zu kreieren, was bei Singles heutzutage nicht oft der Fall ist, dafür ist es einfach zu schnelllebig – da kommen jede Woche 20 Singles raus, und mit dem nächsten Monat sind sie wieder vergessen. Das Album sollte für sich stehen, und ich glaube, in fünf Jahren hätte ich das Album wieder so gemacht. Mein Ziel war eben auch, die Leute zu überraschen, und ich glaube, das ist mir gelungen.

Glaubst du, dass es auch gerade für einen Techno DJ wichtig ist, auch aus diesen Schubladen auszubrechen und sich eine eigene, künstlerische Identität aufzubauen?

Künstlerisch, ja. Aber man geht schon ein gewisses Risiko ein, denn natürlich ist ein Album, das für den Dancefloor ausgelegt ist, verkaufsfördernder. Experimente werden eben nicht immer belohnt, aber ich musste dieses Album einfach auch für mich persönlich machen. Ich habe auch bewusst versucht, auf große Hits zu verzichten. Mir geht es eher um den Wiederkennungswert der Platte an sich. Aber ich bin eh nicht der Mann für große Hits…


Auch für Vakant als Label ist es ja ein potentielles Risiko, gerade weil es sich ja auch vom Labelsound wegbewegt…

Ich denke aber auch, dass es für ein Label wichtig ist, eben nicht immer die sture Linie zu fahren. Es sollte sich generell alles wieder etwas auflockern, man sollte viel mehr neue Wege gehen, und gerade bei Alben sollte man bereit sein, sich zu öffnen, da jedes Album auch für sich stehen sollte. Es stimmt natürlich, das Album hätte vielleicht vom Sound her auch eher auf Freude am Tanzen gepasst, aber ich wollte schon länger ein Album für Vakant machen, und ich halte in der Regel mein Wort… (lacht)

Du siehst ein Album also auch als Gesamtkunstwerk?

Bei manchen Alben frage ich mich, warum müssen die Leute immer wieder auf die Tube drücken? Wenn alles immer auf den Dancefloor ausgerichtet ist, dann ist das doch irgendwie nichts anderes als eine Sammlung von mehreren Singles. Das ist natürlich meine Ansicht, aber dieser Track-Charakter kann bei einem Album ruhig auch mal verschwinden.

Wenn du nun auf Tour gehst, spielst du auch die Sachen von deinem Album live oder wird sich an deinem Livesound nichts ändern?

Wenn ich als DJ gebucht werde, spiele ich vielleicht eins, zwei Sachen am Abend. Als Liveact sieht das schon anders aus, da spiele ich dann das komplette Album, wobei dann aber auch die ruhigeren Tracks etwas angepasst sind, denn das Album im eigentlichen Sinne passt einfach nicht in diesen Club-Kontext. Außer vielleicht in Japan, denn dort werde ich dann vermutlich auch das Album so spielen, wie es jetzt ist. Ich habe immer das Gefühl, die Leute dort verstehen das eher, wenn es auch mal nachts etwas ruhiger zugeht. Bei uns gibt es diesen Konzertcharakter bei einer Technoveranstaltung einfach nicht.

Was hast du noch geplant für die Zeit nach der Tour?

Die Tour wird sicherlich eine Weile dauern, ich glaube der letzte Stop ist für Japan im März geplant. Im Oktober nächsten Jahres ist dann auch eine neue Kooperation mit dem Orchester geplant. Das letzte Mal waren es ja nur drei Konzerte, aber diesmal ist wohl auch eine größere Tour geplant, aber ist alles noch nicht sicher; auch hier wird es wieder eine Kostenfrage sein. Achja, und eine Mix-CD für Freude am Tanzen wird auch noch herauskommen, damit ich mich dort auch mal wieder blicken lasse! (lacht)

# Preview + Buy Studio 10 @ Zero”

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  1. [...] Feature: Mathias Kaden | thelastbeat Auch wenn mir das Album nur mäßig zusagt, habe ich dieses Interview gelesen. Gerne gelesen. [...]

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