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22. December 2009, 22:44

Feature

Feature: Klaus Walter

Im März 1945, zwei Monate vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, marschierten die amerikanischen Streitkräfte in Hessen ein. Es war der Auftakt einer Ära, die fast 60 Jahre Bestand haben sollte, und in der Hessen, Bayern und weite Teile Baden-Württembergs zur amerikanischen Besatzungszone wurden. Gerade das Rhein-Main-Gebiet mit Städten wie Frankfurt, Hanau und Wiesbaden wurde im Verlauf der Nachkriegszeit zum europäischen Stützpunkt der Amerikaner, deren Einflüsse aber auch die kulturelle und musikalische Sphäre von ganz Westdeutschland nachhaltig prägten.

Klaus Walter, Autor und DJ aus Frankfurt, war aktiv dabei. Zunächst als Jugendlicher vor dem Radio sitzend, in dem über Sender wie dem American Forces Network (AFN), zum ersten Mal der „american way of life“, der das Stadtbild Frankfurts zunehmends prägte, auch musikalische Realität wurde. Später, zu Beginn der 80er Jahre erlebte er als Taxifahrer aus erster Hand, wie sich das Nachtleben veränderte, und wie der Funk der 70er Jahre langsam von frühen House und Hip Hop-Produktionen abgelöst wurde, die nun begannen den Sound der Clubs zu dominieren. 1984 wechselte Klaus Walter schließlich auf die Seite der Macher, und setzte mit seiner Radiosendung Der Ball ist rund für den Hessischen Rundfunk bis zur Einstellung im Jahr 2008 Maßstäbe in Sachen Radioformat. Inzwischen ist er Redakteur und Moderator beim Internetsender byteFM. Gemeinsam mit uns und passend zum zwanzigjährigen JUbiläum der Wiedervereinigung blickt er zurück auf eine Zeit, die viel bewegt hat, und deren Ende unweigerlich auch mit der Wende einherging. Wir gehen dabei dem Einfluss der Amerikaner auf die Musikszene in Frankfurt (und Westdeutschland) nach.

Klaus, deine Biographie ist fast untrennbar mit dem Radio verbunden. Aber wie wichtig war Radio als kulturelles Medium in deiner Jugend?

Das war eine Zeit vor Privat- und Musikfernsehen, in der Radio noch eine viel größere Definitionsmacht über Pop hatte und über das, was die Leute hören. Es war vor allem für die Menschen auf dem Land, die keinen Zugang zu Diskotheken und Plattenläden hatten, die wohl wichtigste Informationsquelle in Sachen Musik. Ich habe das später auch bei meiner eigenen Sendung erlebt, dass gerade die Hörer vom Land, also von dort, wo es wirklich gar nichts gab, oft die größten Fans waren. Viele Biographien aus dieser Zeit fangen dementsprechend auch an mit „Hätte ich damals nicht diese oder jene Sendung gehört…“. Bei mir war das genauso.

Wie groß war der Einfluss der sogenannten Besatzungssender auf die Musikszene in Westdeutschland?

Diese Hegemonie der anglo-amerikanischen Sender war natürlich im Radio zu spüren. Ich bin groß geworden zu einer Zeit, in der es noch keine wirklichen deutschen Popwellen gab. AFN dagegen hatte damals schon ein Top 40-Format; das hieß nichts anderes, als dass es eine Rotation von ca. 40 Liedern gab, die den ganzen Tag gespielt wurden. Dementsprechend haben sich diese Songs auch in das Gedächtnis eingebrannt. Man muß natürlich sagen, dass die kommerziell erfolgreiche Popmusik in den USA Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre auch extrem spannend war. Es gab diese Dichotomie: auf der einen Seite Soul, vor allem Motown und Stax, was für uns weiße pubertierende Gymnasiasten die Verkörperung des Spießertums war, und auf der anderen Seite das, was damals als ‘progressiv‘ galt, also Steppenwolf, The Doors, Chicago und ähnliches. Das war „unser“ Sound, das hat uns angesprochen. Erst Jahre später, mit einer gewissen Geschlechtsreife, habe ich kapiert, wie toll Motown und Stax sind, und wie weniger toll Steppenwolf…

In der DDR wurde ja gern die Geschichte erzählt, dass Radio der einzige Kontakt zum Westen war. Wie sah es denn auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs aus?

In der DDR war die Sache natürlich noch politisch aufgeladen: Da hat man ja im Radio den Sender des ‚Feindes’ gehört. Im Westen war das nicht ganz so schlimm, aber man war trotzdem in der Position, dass man Amerika für seinen Pop geliebt hat, obwohl man es politisch ablehnen musste – es war immerhin die Zeit des Vietnam-Kriegs. Aber es kam nun mal die beste Musik von dort. In den 70ern wurden dann auch die ersten deutschen Popwellen gegründet, die auf amerikanischem Vorbild basierten und dann auch die anglo-amerikanische Musik spielten, weil man es einfach nicht mehr ignorieren konnte.

Du hattest mal die These aufgestellt, dass es in (West)Deutschland eine Art “Poplandkarte“ gibt, die aus den jeweiligen Besatzungszonen heraus entstanden ist…

Die Theorie liegt jedem, der sich näher mit der Geschichte von Radio beschäftigt, nahe. Die Grenzen lassen sich grob nach dem Sendegebiet der Besatzungssender ziehen. Punk z.B. kam in Frankfurt und Hessen eigentlich nie an. Das war dagegen im Bereich von BFBS, gerade in Gegenden wie Ostwestfalen und natürlich Hamburg viel ausgeprägter. Auch die britische Mod-Kultur gab es in Frankfurt als Phänomen nur am Rande, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die entsprechende Musik, die damit einherging, nicht im Radio lief. Im Gebiet von AFN waren neben dem erwähnten Rock vor allem Soul und später Funk und auch Hip Hop deutlich ausgeprägter.

Trotzdem gilt Frankfurt als eine der Geburtstätten von Dance-Musik und auch Techno in Deutschland. Lässt sich das denn vereinbaren?

Ich denke schon, dass es da gewisse Verbindungen gibt. Zunächst kam die hedonistische Soulmusik, dann Funk und daraus haben sich dann langsam Hip Hop und auch House entwickelt. In den 80er Jahren, vor der großen Entmischung, gab es diese Trennung nicht, man hatte noch nicht so klare Begriffe von Hip Hop oder House. Funk hatte damals auch schon vermehrt mit Elektro-Elementen gespielt. Und Afrika Bambaataa hat Düsseldorfer Elektronik in die Bronx transportiert und mit Hip Hop vermischt. In den Clubs war das ähnlich, da lief “The Message“ von Grandmaster Flash neben Moskwa TVs “Generator 7“. Diese Entmischung der unterschiedlichen Stile kam erst später, aber ich denke, dass gerade dieser sehr hedonistische Feierstil durchaus auch mit den amerikanischen Einflüssen zusammenhängt.

Gerade in Frankfurt und Hanau gab es eine Vielzahl an amerikanischen Clubs. Welche Musik lief dort?

Die typischen G.I.-Clubs waren auf ihre Weise sehr interessant. Das waren primär Orte, wo weiße Frauen und schwarze Männer sich näher kamen. Aber die Musik war extrem spannend. Ich bin von 1979-86 Taxi gefahren und habe dabei so einiges mitbekommen, gerade wenn am Wochenende die Soldaten aus den ganzen Kasernen im Umkreis kamen. Ich habe zwar immer nur davor gestanden, aber in den Clubs liefen u.a. Sachen wie “Atomic Dog“ von George Clinton in einer irrsinnigen Laustärke. Das hatte eine Energie, die faszinierend war, und die vieles schon vorweggenommen hat, was dann später in den Technoclubs wie dem Omen lief.

Das klingt allerdings so, als hätte es keine Vermischung zwischen den G.I.s und den einheimischen Clubgängern gegeben?

Nicht wirklich, nein, man kam ja als deutscher Mann gar nicht rein. Auf der anderen Seite hatten aber gerade auch schwarze G.I.s kaum Chancen, in die einheimischen Diskotheken reinzukommen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass etwa das Cooky´s jemals eine Gruppe von zehn Soldaten reingelassen hat, da war die Angst vor Trouble – was passiert, wenn sich die G.I.s mit den Freunden der Frauen dort in die Haare bekommen? Oder mit den weißen Zuhältern? Später gab es einen Laden in Frankfurt, das “Funkadelic“, in dem das Publikum etwas gemischter war, allerdings war auch hier die Atmosphäre immer etwas angespannt. Die Musik war aber natürlich klasse, hier liefen die Funk-Sachen genau wie später dann Hip Hop, die man in anderen Läden nicht zu hören bekam. Was allerdings häufiger vorkam, ist dass die Deutschen zum Einkaufen in die amerikanische PX gefahren sind, wo man mit einem bestimmten Ausweis amerikanische Waren kaufen konnte, darunter natürlich auch gute Platten…

Platten, die man in Deutschland sonst nicht bekommen hätte?

Viele DJs haben damals auch dort eingekauft, weil es natürlich die ganzen Import-Platten zu relativ günstigen Preisen gab. Dort gab es aber nicht nur aktuelles, sondern vor allem auch viele obskure Sachen. In Frankfurt war die Plattenladensituation am Anfang der 80er Jahre ohnehin alles andere als gut, da war die PX natürlich eine gute Anlaufstelle und Alternative. Auch die Maxi-Single als Format wurde in den USA viel früher populär, und hat sich hier erst nach und nach etabliert, vielleicht auch dank des amerikanischen Einflusses.

Gab es denn musikalische Produktionen, in denen die Einflüsse beider Seiten aufgegriffen wurden?

Es gab mal diesen merkwürdigen Bastard namens Hip House, der inzwischen fast vergessen ist. Deskees “Let There Be House“ war glaube ich eine dieser ersten deutschen Produktionen, die diesen 4/4 Housebeat mit Rap verbunden hat, noch bevor Snap! dann ein paar Jahre später dieses Konzept verfeinert haben und auch radiotauglich machten. Das war vielleicht eine der ersten wirklichen Verbindungen von den amerikanischen Einflüssen in Form von Hip Hop und den frühen deutschen Dance-Produktionen.

Wie hat sich die Präsenz der Besatzungsmacht denn generell in der Stadt deutlich gemacht?

Die physische Präsenz der Amerikaner war natürlich enorm wichtig für das Stadtbild. Man muss sich ja vorstellen, dass viele Tausend Männer im besten Mannesalter in der Stadt gelebt haben, die in den meisten Fällen keine festen Bindungen hatten, am Wochenende gabs Geld und wenn der Dollar gut stand, dann sind sie damit durch die Stadt zogen. Das Bild des schwarzen G.I.s mit dem Ghettoblaster auf der Schulter ist kein Klischee, sondern war damals ebenso „real“ wie die Tatsache, dass aus den Jeeps heraus Grandmaster Flash tönte. Nach der Wende ist dieses Bild dann nach und nach verschwunden.

Wie hat man dieses Vakuum dann gefüllt?

Ich denke, dass ab den frühen und Mitt-90er Jahren gerade die Nachkommen der Arbeits- Immigranten in diese Bresche gesprungen sind, die die Amerikaner hinterlassen haben. Es ist vielleicht kein Zufall, dass gerade diese soziale Gruppe auch vielleicht die einzige ist, die man wirklich klar mit Hip Hop verbinden kann. Auch das Bild des jungen, sexuell freizügigen Mannes, der laut Musik auf der Straße hört, und das man heute häufig mit der zweiten und dritten Generation der Immigranten verbindet, ist ja sehr amerikanisch geprägt.

Wenn du von Hip Hop sprichst, dann denke ich automatisch an Advanced Chemistry, die als einer der ersten deutschen Hip Hop Acts gelten und aus Heidelberg, d.h. einer ebenfalls stark amerikanisierten Stadt, kamen.

Stimmt, Advanced Chemistry haben sich natürlich stark am amerikanischen Vorbild orientiert, aber interessanterweise haben sie alle drei nichtdeutsche Vorfahren, haben Erfahrungen mit rassistischer Ausgrenzung und haben das mit den Mitteln des Hip Hop thematisiert. Ähnliche Entwicklungen gab es auch unter Migrantenkindern in Frankfurt. Das setzt sich bis heute fort.

Hip Hop hatte trotzdem oder genau deswegen lange einen schweren Stand…

Absolut. Ich habe selbst erlebt, wie das Aufkommen von Hip Hop zu einer Spaltung der Hörerschaft geführt hat, die ich natürlich auch ein wenig forciert habe. Bei meinen Hörern gab es das, was man heute vielleicht als Indie-Spießer bezeichnet, also die Leute, die ihren jammernden weißen Songwriter als authentisch bezeichnen und Jay-Z als kommerziellen Scheiß abstempeln. In den 80er Jahren hieß es natürlich nicht Radiohead gegen Jay-Z sondern eben The Smiths gegen De La Soul. Ich hab oft Leserbriefe bekommen, in denen die Leser sich beschwert haben, daß ich doch bitte aufhören soll, diese fürchterliche Musik zu spielen.

Wie hat sich die Wende letztendlich auf die Musikkultur im Westen ausgewirkt? Wurde dadurch die Hegemonie der Amerikaner schwächer?

Eine der gravierendsten Folgen der Wende ist das allseits gewachsene deutsche Selbstbewußtsein; das vom ehemaligen Bundespräsidenten Herzog proklamierte „unverkrampfte“ Umgehen mit deutscher Identität und Geschichte. Das hat zu einem ungeahnten Boom deutscher Popmusik geführt, zum Triumph der Rammsteins und Onkelz, der Silbermonds und Julis. Das ist schon ein lustiges Paradox: so ziemlich das Einzige, was sich aus der DDR in die neue BRD gerettet hat, ist die Freude am deutschen Liedgut. Da fällt die Mauer und die ansonsten untergebutterten und des Englischen meist nicht mächtigen Ostdeutschen bringen den überheblichen Wessis bei, dass man doch stolz sein kann auf seine deutschen Lieder. Da wäre ein bisschen Verkrampftheit kein Fehler. Insofern muss ich mich bei den Amerikanern bedanken: ohne AFN hätte ich keinen Soul verstanden und wäre heute ein alter Rocktrottel, der Grönemeyer für den deutschen Dylan hält und Naidoo für den deutschen Michael Jackson. Dieser Weg ist mir erspart geblieben.

Klaus Walters Sendung Was Ist Musik läuft immer Sonntags von 20-23 Uhr auf www.byte.fm.

Dieser Artikel ist in der De:Bug #137 zum Thema "Einheitstechno" erschienen.

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