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25. September 2005, 20:55

Feature

Feature: Female Folk

“Es geht um Musik, die nicht für Labels oder die Presse gemacht wird, sondern füreinander” - Devendra Banhart, Intro #131.

Folk, laut dem Oxford English Dictionary “music of popular origin”, ist ein schwer zu fassender Begriff, und eine noch schwerer zu fassender Musikstil. Fakt ist, dass Folk inzwischen weit über seine Ursprünge hinausgewachsen ist. Wer bei Folk immer noch an Lagerfeuer, 60s, Country und Bob Dylan denkt, hat definitiv etwas verpasst. Was Folk nun aber genau ist, ist wie gesagt schwer zu beschreiben, gerade weil sich auch die Musikpresse in den letzten Jahren immer wieder ein anderes Bild von Folk gemalt hat. So entstanden nach und nach Minimal-Folk, Laptop-Folk, und seit neustem auch Queer-Folk mit populären Vetretern á la Devendra Banhart oder Xiu Xiu. Trotz allem scheint Folk all das zu vereinen, was irgendwie anders ist. Der neue Begriff von Folk hat sich zurückgezogen vom ‘popular origin’, er ist inzwischen zur Definition einer neuen vielfältigen und experimentellen Welle in der Musikwelt geworden.

Da es unmöglich ist, einen kompletten Überblick über diese neue Folk-Welle geben, konzentriert sich das folgende Feature lediglich auf einen kleinen Teil der Bewegung: Die Aufsteiger des weiblichen Minimal/Laptop-Folk.

Als Mitbegründer der ganzen Euphorie gelten sicherlich Cocorosie, die beiden Schwestern Bianca und Sierra Casady aus New York. Nachdem sie ihre Jugend getrennt in NY und Paris verbrachten, haben sie sich letztendlich doch wieder zusammen gefunden, und in Cocorosie ihr gemeinsames Bandprojekt gestartet, was innerhalb kürzester Zeit hohe Wellen schlug; Eine Vielzahl begeisternder Liveshows auf mehreren Kontinenten, positive Presse, und ein polarisierendes Auftreten zwischen Cross-Gender-Dressing und der Verwendung offensiver Texte – Cocorosie sind sicherlich die bekanntesten und auffälligsten Vertreter ihrer Gattung. Für ihr neues Album Noah’s Ark haben sie sich mal eben Antony (& The Jonsons) und Devendra Banhart ins Boot geholt, ihr Debüt La Maison de mon Reve wurde um die Verwendung diverser Spielzeuge konzipiert, und war in seiner Einzigartigkeit ebenso absurd wie fesselnd. Zum einen war es das schwer zu fassende Klangbild, das jeglicher Definition widersprach, auf der anderen Seite die sich immer wieder ändernden und gegenseitig ergänzenden Vocals der beiden Schwestern. Cocorosie jedoch als Blueprint für die folgenden Künstler(innen) zu sehen wäre vermutlich übertrieben, aber dass die zwei Damen maßgebliche Elemente des Laptop-Folk, nämlich der Mut zum Improvisieren und der Hang zur obskuren Klangerzeugung, für ein breiteres Publikum zugänglich machten, ist unumstritten.

# Review – Noah’s Ark

Hanne Hukkelberg aus Oslo hat die Popularität von Cocorosie noch nicht erfahren, obwohl die Songs ihres Albums Little Things auf dem Leaf Label durchaus schon in prominenten Radioshows Airplay fanden. Hukkelberg ist 26 und studierte Jazzmusikerin, was sich natürlich auch in ihrer Musik widerspiegelt. Ähnlich wie Cocorosie singt und schreibt auch Hukkelberg selbst, jedoch ist ihr Ergebnis erwachsener und zurückhaltender. Ihre Songs sollen nicht irritieren, sondern faszinieren, und so wird das Experimentelle etwas zurückgeschraubt und klassische Songstrukturen erhalten. Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen – Little Things ist ein tolles Debüt voller Charme und Ideen. Ein klassischer Singer/Songwriter Touch gepaart mit schwedischer Folklore trifft auf verschrobene Samplings, wenn sich beispielsweise in “Little Girl” die Melodie des Spiele-Klassikers “Day of the Tentacle” zu einer herrlich angestaubten Jazzballade entwickelt. An den ausgefeilten Arrangements erkennt man ihre akademische Herangehensweise, was durch bekannte Schützenhilfe von Größen wie Jaga Jazzist noch ergänzt wird. Das Hukkelberg trotzdem eine gewisse Detailverliebtheit an den Tag legt, lässt sich an der Vielzahl der kleinen Soundschnipsel und Fieldrecordings im Hintergrund erkennen, die der Legende nach unzähligen Radtouren durch und um Oslo entspringen.

# Review – Little Things

Ebenfalls auf dem Leaf Label veröffentlicht die Französin Cecile Schott als Colleen ihre Platten. Schon 2003 wurde ihr erstes Album Everyone Alive Wants Answers mit positiver Kritik ausgezeichnet. Colleen’s Klanguniversum ist groß, schließlich ist Cecile Schott Multiinstrumentalistin, und sie scheut nicht davor dies auch zu zeigen. Ihr zweites Album Golden Morning Breaks ist, ebenso wie das erste, fast gänzlich in Heimarbeit entstanden. Über Monate hin hat Colleen aus ihren Instrumenten ein ruhiges, in sich geschlossenes, Werk wunderschöner Melancholie zwischen Harfe und Glockenspiel geschaffen, das gänzlich ohne Gesang auskommt. Die Struktur der Songs sind simpel, aber packend, und im Gegensatz zum Großteil ihrer Kolleginnen kommt Colleen komplett ohne Laptop aus: “When I sampled synthetic sources I just couldn’t seem to make music that was personal enough”, sagt sie in einem Interview. Persönlich ist Golden Morning Breaks allemal, man hat fast das Gefühl man könnte die Künstlerin beim Hören stören, aber wenn man ganz leise ist, darf man an Colleen’s Welt teilhaben.

# Review – Golden Morning Breaks

Maja Ratkje aus Trondheim/Norwegen, ist im Vergleich zu den vorangegangenen Künstlern schon lange im Geschäft. Als ausgebildete Komponistin hat sie in ihrer Heimat seit Mitter der 90er diverse Preise eingeheimst, und auch international ist ihr Name durchaus bekannt. Ihr Album Voice, in Zusammenarbeit mit Jazzkammer aufgenommen, wurde beispielsweise 2003 mit dem Distinction Award bei der Prix Ars Electronica gekürt. Maja Ratkje ist zudem Teil unzähliger Projekte, wie z.B. des Noise-Duos Fe-Mail und SPUNK. Ihr Solowerk konzentriert sich vor allen Dingen auf ein Instrument: Ihre Stimme. In Sachen Stimmeditierung kann Ratkje durchaus als innovativ gelten, und wer sie schon mal live gesehen hat, kennt ihre intensive Beschäftigung mit ihrer eigenen Stimme, die simultan zum Gesang durch den PC geschleift wird, und immer wieder editiert und geloopt wird bis sich ein Momentum entwickelt, dass als Basis ihrer Tracks dient. Zusätzlich spielt sie auch noch Theremin, das sich vom Klang her hervorragend an ihre Stimm-Experimente anpasst. Ratkje’s Songs sind atmosphärisch dicht und sehr intim, und reihen sich nahtlos in den experimentellen Katalog von Rune Grammofon ein.

# Review – Voice

Auch das britische Label Type Records ist bekannt für seine Affinität für fragilen Laptopfolk. Zwischen den bekannten Namen von Gründer Xela und Shootingstar Khonnor, finden sich bei Type allerdings auch Frauen wieder, die bis jetzt noch nicht sehr bekannt sind: Midaircondo, ein Trio aus Schweden, konnte schon beim Type Showcase im Rahmen des Sonar Festivals ihre Symbiose aus akustischen Instrumenten und improvisierten Laptopsounds vorstellen. Auch Midaircondo setzen ihre Stimme gezielt als Stilmittel ein, wenn auch nicht in dem Maße wie Maja Ratkje, aber die Basis des Midaircondo Sounds besteht letztendlich auch in der Improvisation. Ihr Debütalbum Shopping for Images klingt nicht von ungefähr wie eine ambitionierte Mischung aus Fennesz und Matthew Herbert, und ist ein wundervolles komplexes Album, das die Improvisation ihrer Liveshows exzellent aufgreift und wiedergibt. Das Ergebnis ist zwar teilweise sperrig, aber gerade deswegen auch hervorragend zum Abtauchen in fremde Klangwelten. Das die vier sympathischen Frauen aber nicht nur im Soundbereich sehr aktiv sind, zeigt ihr aktuelles Video sowie ihre eigenen Videoprojektionen, die ihre Liveshows begleiten.

# Review – Shopping for Images

Aus einer anderen Ecke der Welt, nämlich aus Australien, kommt Labelkollegin Melissa Agate, die unter dem futuristisch anmutenden Namen Sanso-Xtro im Mai ihr erstes Album namens Sentimentalist veröffentlicht hat. Agate spielte lange Zeit als Drummerin und Gitarristin in diversen Bands, bevor sie ihre Liebe zu anderen Instrumenten und den Möglichkeiten eines Computers entdeckte. Ähnlich wie bei Colleen stehen auch bei Sanso-Xtro eine Vielzahl an unterschiedlichen Instrumenten im Mittelpunkt, auch hier wird auf Vocals komplett verzichtet. Doch während Colleen ein geschlossenes Ganzes abliefert, wirkt Sanso-Xtro abstrakter und improvisierter, und driftet auch gerne mal gänzlich in die Ambient-Ecke ab, nur um anschließend wieder eine konfuse Sampling-Orgie abzuliefern.

# Review – Sentimentalist

Amina, ein noch relativ unbekanntes Quartett aus Island, kennt man vor allem als Support- und Backgroundband von Sigur Rós. Doch jeder der sie als Vorgruppe gesehen hat, weiß dass Amina mehr ist als nur ein talentiertes Streicherquartett. Ihr Performance besteht aus Laptop, Glockenspiel, Violine, Cello und einigen zweckentfremdeten Haushaltsgegenständen wie einer riesigen Säge (siehe Bild), die dann auch gerne mal als Geige gespielt wird. Obwohl dies abermals auf eine abstrakte Mischung hindeutet, bewegt sich der Sound von Amina, ähnlich dem von Sigur Rós, eher im sphärischen Bereich; Die vier Tracks auf ihrer EP AnimaminA (veröffentlicht auf dem Minilabel Workers Institute) sind schwebende, fragile Songs mit leichtem Knisterfaktor, und brauchen sich nicht vor der Konkurrenz zu verstecken. Man darf gespannt sein was hier noch folgt in nächster Zeit.

8 Kommentare

  1. stefan

    *wow* da fehlen mir die worte !

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  2. Eikman

    Danke :)

    Ich hab gelesen du warst auch bei AmAnSet in Frankfurt. Mach dir nichts draus, selbst ich hab den Anfang der Vorband verpasst, und ich wohne nur 5 min. weg…

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  3. coi.coi

    also ich würde colleen nicht zum laptop-folk hinzurechnen. ich denke, sie betreibt nicht entferntesten folk-artiges songwriting. sie ist experimental musikerin, würde ich sagen. aber nicht eindeutig einer richtung zuzuschreiben. huckelberg ok, da passt das. wenn der laptop-folk nichts mehr mit dem ursprünglichen folk zu tun hat, ist er nur noch eine weitere sinnlose worthülse. die alte schubladen-diskussion will ich hier aber nicht aufmachen.

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  4. coi.coi

    liest sich übrigens sehr gut! aber bin halt dafür, eher zu sagen: schaut her es gibt ne ganze reihe talentierter frauen, die alles anders und richtig machen! erinnerst du dich noch an die anti-folk diskussionen um adam green und die folktronica geschichte? hat alles vorne und hinten nicht gestimmt.

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  5. coi.coi

    vorallem bemerkenswert ist doch, das hier frauen computer benutzen und viel mehr innovation bringen als so mancher soziopathischer hornbrillen-frickler.
    und das sie weit weg sind vom dancehall-booty-shaggn-trash-hiphop und was weißt ich. weit weg von peaches.

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  6. Eikman

    jo, und das nächste mal reicht ein posting, danke

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  7. coi.coi

    ;)

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