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3. February 2009, 11:52

Feature

Feature: Extrawelt

In Schöne Neue Welt beschreibt Aldous Huxley eine Gesellschaft, deren Bürger durch strikte Konditionierung dem System angepasst werden, einem System, das sich nicht nur durch allgegenwärtige Massenproduktion auszeichnet, sondern sich auch auf eine drogen-induzierte Glückseligkeit, Hedonismus und Konsumzwang stützt. Ein Schelm, der hier Parallelen zur Techno-Kultur sieht. Und doch haben Arne Schaffhausen und Wayan Raabe alias Extrawelt, die in den letzten Jahren neben Cocoon auch auf Traum und Border Community veröffentlicht haben, nicht ganz ohne Hintergedanken den Titel Schöne Neue Extrawelt für ihr Debütalbum gewählt. Das hat nicht nur einen subversiven Charakter, wie man uns verraten hat, sondern auch der Trance als Bewusstseinszustand ist integraler Bestandteil des Buches, und genau dieser wird auch seit jeher mit dem Sound des Hamburger Duos in Verbindung gebracht. Unter den Namen Midimiliz und Spirallianz kratzten sie seit Ende der 90er Jahre am technoideren Ende von eben jenem – ein Einfluss, der auch in die aktuellen Produktionen von Extrawelt Einzug erhalten hat. Und trotzdem: musikalisch hat sich dieser einstige Widerstand bei Extrawelt mittlerweile in eine ganz eigene Dynamik verwandelt, die sich in immer wieder aufbrechenden Flächen, subtilen Melodien und kleinen Breaks zeigt, und dabei dennoch stets den Druck und den Drive des Techno beibehält. Es geht um die Übermittlung eines Gefühls, und plötzlich scheinen Huxleys Maxime von Community und Identity in einem ganz anderen Licht, schließlich lebt doch auch die Techno-Kultur von den großen Gefühlen, von der Gemeinschaft bei gleichbleibender Erhaltung der eigenen Identität. Nur mit dem dritten Teil, der Stabilität, tut man sich etwas schwer in der schönen neuen Extrawelt. Natürlich, bedeutet Stabilität doch nicht selten auch Stillstand, und das war schließlich nie das Ziel. Wir sprachen mit dem dynamischen Duo über ihr Album, Gesellschaft, Hamburg und natürlich Techno.

Euer erstes Album als Extrawelt wurde Ende des letzten Jahres veröffentlicht. Wie lange habt ihr ungefähr daran gearbeitet und glaubt ihr noch an das (schwierige) Albumformat im Technobereich?

Wir finden nicht, dass Techno ein so schwieriges Albumformat ist. Uns wirds zu langweilig wenn es elf Tool-Techno Stücke sind oder alle Tracks zu ähnlich klingen, dann sollte es schon eher gemixt sein. Wenn die Tracks aber unterschiedlich und abwechslungsreich genug sind, kann es funktionieren. Ein Problem könnte sein, dass viele Leute Techno nur am Wochenende hören und unter der Woche sich mit Radio oder ruhigerer Musik beschallen. Für die ist dann ein reines Technoalbum relativ überflüssig. Wir haben vor ca. zwei Jahren angefangen, die meisten unserer neuen Stücke zurückzuhalten und erstmal nicht zu veröffentlichen, am Ende hatten wir dann über 20 Tracks, aus denen wir das Album auswählen konnten. Wir wollten einfach eine gute, würzige Mischung aus Clubflair, Tanzbarkeit und Euphorie – aber eben auch etwas Ruhe und Verspieltheit schaffen, um das Album für zuhause oder auf dem Kopfhörer genießbar zu machen. Was wir definitiv nicht wollten, war in irgendeiner Form kommerziellere Sachen als vorher zu machen oder gar irgendwelche cheesy Vokal-Experimente wagen.

Wie schwierig war die Auswahl der Tracks letztendlich?

Die war schon nicht so einfach. Es gab am Anfang eine Menge Downtempo-Tracks, die es letzten Endes nicht aufs Album geschafft haben. Ebenso gab es Titel, die der eine eher weglassen wollte, obwohl der andere eher dafür war, aber es hat auch viel Spaß gemacht, alle möglichen Reihenfolgen mal auszuprobieren und sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Wir haben dann einfach versucht, die Gratwanderung zwischen Abwechslung und „Flow“ möglichst ausgewogen zu halten. Ein gutes Beispiel ist vielleicht Must Attack, das Sound- und arrangementtechnisch wirklich etwas aus dem Rahmen fällt. Trotzdem wollten wir diesen Track unbedingt auf dem Album haben, weil er uns wichtig ist.

Schöne neue Extrawelt. Einfach nur ein guter Titel, oder Teil eines
 tieferliegenden dystopischen Themas?

Schöne Neue Extrawelt ist sicher auch eine subtile politische Aussage über den Wahnsinn der Gegenwart in all seinen Facetten. Wir sind mittlerweile leider fast dort angelangt, wo die Zukunftsvisionen der Bücher von Aldous Huxley oder auch George Orwell ansetzen. Trotzdem sollen unsere Titel im besten Fall eine eigene Assoziation oder Interpretation hervorrufen, die Tiefe der politischen Message kann dann jeder für sich definieren. Zusätzlich ist es auch einfach ein uns sympathisches Wortspiel mit unserem Namen.

Euer Sound ist schon eher dark, fast ein wenig Sci-Fi mäßig, ihr sprecht
 gleichzeitig von “Sonnenaufgangs-Szenario und Kaputtheit”, zwei Sachen, die nicht unbedingt zusammenpassen. Ist dieser Kontrast auch bewusst gewählt?

Techno ist doch eigentlich, wenn man es im musikalischen Zusammenhang sieht, recht kaputte Musik („das ist doch gar keine Musik sondern nur Krach“ – den Satz hat man als Techno-Hörer vor fünfzehn Jahren sehr oft gehört). Doch etwas Schönes fällt besonders als etwas Schönes auf, wenn es aus seinem hässlichen Umfeld hervorsticht. Wenn man die ganze Nacht nur Beats, Bässe und Ravehooklines hört, dann wirkt am Morgen die erste echte Harmonie wie ein Sonnenaufgang. Die Verbindung der Kaputtheit mit etwas Schönem ist am Ende also kein Gegensatz, sondern eine Synergie.


Ihr habt auch davon gesprochen, zu der Gefühlswelt elektronischer Musik anfang der
 90er Jahre zurückzugehen. Könnt ihr einige Beispiele davon nennen, was euch aus dieser Zeit stark beeinflusst hat?

Wir versuchen nicht, den Sound der 90er nachzuahmen oder wiederzubeleben, sondern nur das Gefühl weiter zu tragen, welches uns diese extreme Zeit vermittelt hat. Der Unterschied zwischen Techno, Rave, Trance, EBM, Ambient, Acid, Minimal, Minimal-House und Tech-House war nur die Uhrzeit, zu der die entsprechende Platte gespielt wurde. Alles ko-existierte friedlich auf dem gleichen Dancefloor und war vorrangig anders als Disco oder Rock. Mittlerweile ist diese Vielfalt leider zu einer stereotypen Soße verkommen, die neuen Entwicklungen den Platz raubt. Um 12 Uhr auf eine Party zu kommen, wo bis um 1:30 Uhr Ambient läuft, die erste gerade Bassdrum bei 120 bpm schon Jubel hervorruft, die Musik sich langsam steigert und wild und hart wird, um sich dann beim Sonnenaufgang in etwas Wunderschönes zu wandeln – das war es damals, was uns begeistert hat.

Seid ihr also prinzipiell eher Nostalgiker oder verfolgt ihr auch den Zeitgeist?

Techno-Nostalgiker sind wir nicht. Damals war einiges besser, aber auch vieles schlechter und genauso trifft es umgekehrt auch zu. Zurück wollen wir nicht, aber zumindest sollte man nicht verdammen, was in den alten Tagen gut war. Den Zeitgeist verfolgen wir ja ganz automatisch, auch durch die Gigs – aber uns ihm zu beugen versuchen wir nicht, das entspricht uns auch einfach nicht. Wir finden jede Woche neue Musik, die uns gefällt, nur hört man diese selten auf Parties. Viele DJs gehen auf Nummer Sicher und spielen heute hauptsächlich die Hits, ohne einfach auch mal aus der Norm komplett auszubrechen.

Was mir auffällt, ist dass viele eurer Tracks sehr treibend sind, aber
 zwischendurch auch immer wieder sphärische Flächen durchscheinen lassen. Seht ihr diese Pausen auch etwas als Gegenpol zur drückenden Bassdrum?

Nicht als Gegenpol, eher als Dynamik innerhalb des Tracks.


Wie schaut euer Produktionsprozess aus? Habt ihr eine klare Aufgabenteilung,
 Software, Hardware etc…?

Wir machen grundsätzlich alles gemeinsam. Es gibt eigentlich nur eine Regel: Wenn einem von uns was nicht gefällt, fliegt es raus. Das tut zwar manchmal weh, aber gerade dafür ist man ja zu zweit. Natürlich haben wir auch unterschiedliche Fähigkeiten, aber die ergänzen sich bisher ganz gut. Genauso wie das beim Thema Analog vs. Digital auch der Fall ist. Unser musikalischer Produktionsprozess ist im Gegensatz zu dem einiger Kollegen zugegebenermaßen recht unkoordiniert, da gibt es keinen Masterplan. Das ist zwar ab und zu recht wirr, lässt aber Platz für neue Ideen, die Technik zu nutzen.

“Techno ist doch eigentlich auch recht kaputte Musik”

Gehen wir etws in die Geschichte zurück. Wann und wie habt ihr euch
 kennengelernt und entschieden, gemeinsam Musik zu machen?

Das war eher Zufall. Kennengelernt hatten wir uns bei Container Records aufm Kiez und natürlich auf Parties. Arnes DJ-Kollege Marco Schmedding wohnte neben Wayans Patenonkel, wodurch man sich häufig traf und dann eine engere Freundschaft entstand. Als wir anno 1998/99 relativ gleichzeitig dem Deejaying eine Pause gönnten, haben wir uns mit einem geliehenen Mischpult, einem Sampler und einem G3 zusammengesetzt und losgelegt. Ein wenig Erfahrung hatten wir beide schon bei Kollaborationen mit z.B. X-Dream und anderen befreundeten Bands gesammelt, die uns dann auch weiterhin kräftig unterstützt haben.


Als Midi Miliz habt ihr schon einige Jahre vor Extrawelt Platten veröffentlicht, die allerdings eher im Trance beheimatet waren. Wann kam dann der Wechsel im Sound zustande?

So sehr umorientiert haben wir uns gar nicht. Die größte Veränderung war die Drosselung des Tempos. Wir sind hier und da vielleicht auch etwas mutiger im Umgang mit den Melodien geworden. Als Midimiliz, Spirallianz und auch als The Delta mit Marcus Maichel hatten wir schon immer eine kleine Sonderstellung im Trance. Unser Sound wurde damals als Tech-Trance oder Cinematic-Techno beschrieben und war schon fast ein eigenes Sub-Genre im Sub-Genre Trance. Das hat oft Spaß gemacht und sich angefühlt wie eine kleine Techno-Wiederstandsbewegung im Psy-Trance.

Habt ihr eure anderen Projekte inzwischen ad acta gelegt?

Nicht völlig. Es gab auch in diesem Jahr zwei Midimiliz-VÖs aber der Fokus liegt zur Zeit schon bei Extrawelt. Das „The Delta“ Projekt macht Marcus Maichel mittlerweile wieder allein. Es gibt auch noch ein Downtempo/Electronica-Album namens Downhill-Silent City, welches in Europa nie richtig veröffentlicht wurde, aber demnächst einen Re-Release erfährt.

Wie steht ihr zu der neuen House-Welle, die in Hamburg gerade zu brodeln scheint, und wie schätzt ihr die Szene dort generell ein, auch im
 Vergleich zu anderen deutschen Städten? Ein guter Standort?

Da wir am Wochenende selten Zeit haben, um in Hamburg wegzugehen, können wir die lokale Szene kaum beurteilen. House war ja nie weg, aber auch noch nie unser Ding, wir mögen einfach keine Vocals, Saxophon und Piano-Eskapaden. Aber alles hat seine Berechtigung und es gibt ’ne Menge fähiger Leute in Hamburg. Wer jetzt was als House bezeichnet, ist dann auch noch ziemlich relativ. Bei Dial etwa gefällt uns vieles, solange es uns nicht zu housig ist…(lacht)

Wie schauen eure Pläne aus, jetzt da das Album vollendet ist?

Wir arbeiten gerade an einem Remix und an einer 12″ auf Traum. Mal sehen, was 2009 so bringt.

# Preview + Buy: Schöne Neue Extrawelt @ Zero”

Info: Teile dieses Artikels sind in der De:Bug #129 erschienen.

2 Kommentare

  1. Limbic

    eure features bzw interviews hier sind echt 1A !
    bitte mehr davon..!

    grüsse,Limbic

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  2. Eikman

    danke! wir bemühen uns :)

    ReplyReply

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