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19. October 2007, 21:14

Feature

Feature: Drei Farben House

Michael Siegle aka Drei Farben House ist einer der wenigen Künstler, die nach dem Fall und Wiederaufbau von Force Tracks Platten auf dem ehemaligen Kultlabel veröffentlicht haben. Sein Debüt im Herbst 2006, Any Kind of Feeling, war eine ausgezeichnete Houseplatte, gespickt mit Melodien und elegantem Understatement. Nun hat er mit Blending Days sein zweites Album herausgebracht. Ein guter Zeitpunkt also, um sich etwas zu unterhalten.

Zunächst gilt zu sagen, dass Blending Days nicht wie der Vorgänger auf Force Tracks erscheinen, sondern auf dem kleinen up-and-coming Kupei Musika Label aus Seattle. Diese Tatsache hat aber trotzdem indirekt etwas mit dem Vorgängerlabel zu tun, denn Michael wurde über Myspace von Kupei angesprochen, die nicht ganz zufällig Fans von Force Tracks sind bzw. waren.

Kontakte über das Web knüpfen – das ist Drei Farben House nicht fremd. Zwar kam das erste Release 2004 auf dem Kölner Label Scheinselbständig auf Vinyl heraus, doch zwischenzeitlich hat er auch Tracks auf Corpid, einem Netlabel, veröffentlicht. An die Möglichkeit, das Netlabel als Sprungbrett zum ‘richtigen’ Plattenvertrag/Label zu nutzen glaubt er fest. Doch gerade hierzulande ist die Netlabelszene undurchsichtig geworden. Die Zahl der Netlabels steigt, und damit auch der Output, was sich womöglich negativ auf die Qualität auswirken könnte. In der De:bug 116 sagt der argentinische Producer und DJ Barem, dass Netlabels in Europa nicht so wichtig sind wie in jenen Ländern, in denen es teurer ist eine Platte zu pressen, da gerade in diesen Ländern die Netlabel die einzige Möglichkeit sind für junge Producer ihre Musik zu veröffentlichen.

Wie wichtig schätzt du den Einfluss von Netlabels hierzulande ein?

Ich habe den Eindruck, dass die Wertschätzung für Netlabels in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Es findet mittlerweile auch ein schöner Austausch zwischen beiden Bereichen statt: Ehemalige Netlabel-Artists releasen auf Vinyl-Labels und Künstler, die durch Vinyl-Veröffentlichungen bekannt geworden sind, releasen auch auf Netlabels.

Wie es bei dir eben der Fall war. Also ist deine persönliche Einstellung hinsichtlich mp3s positiv, was ja heutzutage nicht selbstverständlich ist? Wohlgemerkt gab es das neue Album auch schon als Pre-Release auf Beatport zu kaufen, noch bevor die CD erschienen ist…

Ich finde mp3s in vieler Hinsicht toll. Sie erlauben es mir, relativ schnell und unabhängig meine Musik zu veröffentlichen. Sie sind ein praktisches Promo-Instrument und machen Musik generell viel verfügbarer. Also eigentlich eine demokratische Sache. Leider habe ich sehr stark den Eindruck, dass in vielen Kreisen und Bevölkerungsschichten eine Entwertung von Musik stattgefunden hat. Durch die leichte und in gewissem Maße auch kostenlose Verfügbarkeit von Musik, hat sich bei manchen Leuten der Eindruck durchgesetzt, dass Musik nichts mehr wert ist. So nach dem Motto: Wenn ich es kostenlos aus dem Netz saugen kann, kann es ja nichts wert sein. Ich fände es bedauerlich, wenn niemand mehr bereit sein sollte, für gute Musik auch Geld zu bezahlen.

Einer der Nachteile von mp3s ist, dass das Album als Ausdrucksform darunter leidet, da man geneigt ist einzelne Tracks gezielt zu kaufen, was zum einen natürlich günstiger ist, zum anderen aber auch die Aura des Albums auflöst. Einige Musiker, z.B. auch Radiohead, verkaufen ihre Alben nur als Komplettpaket, gerade weil sie viel Überlegung hineingesteckt haben. Dein letztes Album kam vor ziemlich genau einem Jahr heraus. Wie siehst du das, siehst du dein Album als Gesamtkunstwerk, das auch entsprechend gehört werden sollte?

Die Tracks für das neue Album habe ich größtenteils für das Album produziert. Teilweise habe ich aber auch ältere Tracks überarbeitet, wenn ich den Eindruck hatte, dass sie sich in das Album als Ganzes einfügen. Insofern bin ich schon ein Verfechter des Albums als einem zusammenhängenden Werk, nehme es aber auch niemandem Übel, wenn er nur einzelne Teile davon hört oder in mp3-Shops kauft.

Die Tracks von Drei Farben House sind sehr elegant, wirken stets sehr ausgereift, durchdacht und auch erwachsen. Wie schaut dein Produktionsprozess- und Technik aus? Bereitest du Tracks wirklich gezielt vor und entwickelst sie kontinuierlich weiter, sammelst du Samples, oder entstehen die Ideen dafür auch aus Jams heraus?

Ich sample eigentlich sehr wenig. Eigentlich mache ich fast alle Sounds selber mit meinen Synths. Ich arbeite ausschließlich mit dem Computer und Software-Synthesizern. Manchmal habe ich ne Idee für ne Melodie, um die herum ich den Track aufbaue. Manchmal ist es auch nur ein Sound, den ich cool finde und mit dem ich beginne. In jedem Fall ist viel Ausprobieren und immer wieder Anhören damit verbunden. Das Ausprobieren und Experimentieren könnte man vielleicht mit dem Jammen gleichsetzen, aber es ist ein viel vorsichtigeres, langsameres, tastenderes sich-vorwärts-Bewegen als das beim Jammen der Fall sein dürfte.

Nicht zu vergessen sind die Vocals, die auch schon auf dem Debütalbum zu finden waren und von Michael selbst gesungen werden. Es sind keine mehrzeiligen Strophen, sondern eher prägnante, kurze Textzeilen, die sich wiederholen, und inhaltlich diese leichte Sentimentalität der Tracks aufgreifen und weiter ausbauen. Auch auf Blending Days findet man wieder diese Form von Gesang wieder, der zu Beginn vielleicht etwas irritierend ist, sich bei genauerem Hinhören allerdings zu einer wichtigen Komponente zusätzlich zur Musik entpuppt. Das wirft natürlich auch die Frage auf, ob er schon einmal daran gedacht hat GastsängerInnen auf seinen Tracks singen zu lassen.

Ich finde meine Stimme eine ganz schöne Ergänzung zu der Musik finde. Das muss aber nicht so bleiben. Ich habe große Lust, mit anderen Sängern zu arbeiten und werde das in naher Zukunft auch machen. Speziell an ein paar schwedischen Sängern von Popbands bin ich interessiert. Mein Lebenstraum wäre es, einmal mit Sarah Cracknell von Saint Etienne zusammenzuarbeiten, haha. Naja, ein bisschen träumen darf man ja.

Wir erwähnten bereits die Melancholie, die sicherlich zum Trademark von Drei Farben House gehört. Auch auf dem neuen Album ist sie wieder zu finden. Egal ob es sich nun in einer Textzeile, den Synths oder der generellen Stimmung ausdrückt – alle Songs scheinen diese gewisse Sehnsucht zu haben, ein Gefühl, das nicht erdrückend ist, dafür ist die Musik viel zu agil, sondern einen vielmehr in eine wohlige Sentimentalität einhüllt,w as gerade bei House Musik eher unüblich ist, von einigen Beispielen aus dem Deep House Bereich einmal abgesehen. Kommt nur mir das so vor, oder ist diese Stimmung beabsichtigt?

Melancholie ist toll und das ist auf jeden Fall ein bisschen beabsichtigt. Generell versuche ich, sowas wie zurückhaltende Freude oder auch Understatement und Subtilität in der Musik zu vermitteln. In vielen Musikstücken wird mit sehr offensichtlichen, effektheischenden Mitteln gearbeitet. Dem möchte ich meinen Entwurf des “Spaß am Understatement” entgegenstellen.

Michael ist im letzten Jahr von Hamburg nach Berlin gezogen. Das ist für jemanden der elektronische Musik produziert wenig überraschend. Trotzdem kann man die Musik von Drei Farben House sicherlich nicht mit dem Berliner Minimalsound in eine Schublade stecken; man könnte fast sagen dass er dem Hamburger Sound des Dial Labels um einiges näher kommt. Allerdings scheinen einige Tracks auf der neuen Platte, wie der Titeltrack z.B., einen reduzierteren, eben minimaleren Ansatz zu haben, denn sie bewegen sich weniger um die Melodien, sondern vielmehr um die Percussion. Einfach nur Zufall, oder spielt hier vielleicht der oft betonte ‘change of scenery’ auch eine Rolle? Hat der Umzug von Hamburg nach Berlin den Sound beeinflusst?

Dass es eine gewisse Veränderung im Sound gab und eine Hinwendung zu etwas minimaleren, verspielteren, kleinteiligeren Produktionen hat eher wenig mit dem Umzug von Hamburg nach Berlin zu tun. Ich habe einfach ein Interesse an dem perkussiven, minimalen Sound à la Perlon, ohne mich damit vergleichen zu wollen oder zu behaupten, dass ich etwas ähnliches mache. Aber ich habe mir dieses Mal etwas mehr erlaubt, diesem Gefallen an Minimal House etwas mehr nachzugehen als auf meinem Album für Forcetracks, wo ich stärker die Pophaftigkeit der Musik betonen wollte.

Vielleicht sollte man beide Ansätze verbinden – “Minimal-Pop”, ich glaube so etwas gibt es noch nicht. Bei den Perlon Produktionen hat man ja mal von ‘Ketamin-House’ gesprochen, was auch eine interessante Bezeichnung ist.

Zum Schluss noch etwas persönlicheres, was auch mit dem Stichwort Berlin zu tun hat: Bist du ein Clubmensch? Was dreht sich zur Zeit bei dir zuhause auf den Plattentellern?

Eigentlich gehe ich sehr gerne in Clubs und Berlin bietet ja auch großartige Voraussetzungen dafür. Leider kommt mir manchmal mein großes Schlaf- und Ruhebedürfnis in die Quere. Ich nehme mir jedenfalls öfter vor auszugehen als ich es dann tatsächlich schaffe. An elektronischer Musik höre ich zur Zeit die letzten Dial-Platten, Mountain People oder auch das Agnès-Album immer noch. Hauptsächlich höre ich aber zuhause Popmusik. Habe gerade wieder eine alte Aztec Camera rausgekramt, die ist toll. Und das neue Pearlfishers-Album werde ich mir auf jeden Fall kaufen.

An dieser Stelle würde ich nun auf kommende Livedates hinweisen, doch leider gibt es (noch) kein Drei Farben House Liveset. Wer sich die Zeit bis dahin vertreiben möchte und auf elegantes House mit Pop-Appeal steht, sollte sich das neue Album beorgen.
Blending Days ist ab sofort exklusiv via Beatport digital erhältlich, sowie als CD auf Kupei Musika erschienen. In naher Zukunft wird es außerdem Vinyl Singles auf Kupei und Brut! Records geben.

# Blending Days Review
# Drei Farben House @ Myspace

3 Kommentare

  1. Matthias

    Top, gern mehr Interviews! Vor allem, wenn die Gesprächspartner so interessant (und auch netzaffin) sind. Ich finde gut, wenn sich Blogger und Musiker übers Netz finden und austauschen, das sollte mittlerweile eigentlich viel öfter geschehen. Lief das Interview per E-Mail, oder wie habt ihr das gemacht?

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  2. Eikman

    Ja, wir waren schon vorher per email in Kontakt, daher hat sich das angeboten und Michael war freundlicherweise dafür bereit :)

    Mehr Interviews sind in Zukunft definitiv geplant, ob und wie sich das entwickelt muss sich zeigen.

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  3. Farna

    coole sache!

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