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31. December 2014, 15:00

Feature

Feature: Best of 2014

Lego Record Store

Uff. War wieder knapp mit dem Rückblick. Gerade noch vor dem Jahresende fertig geworden. Womit wir gleich beim Stichwort wären: Ende. Seit fast zehn Jahren gibt es TheLastBeat inzwischen. Der genaue Jubiläumstag ist zwar irgendwann im Februar, aber irgendwie fühlt sich der jährliche Rückblick gleichzeitig wie die Geburtsstunde und das Rückgrat dieses Blogs an.

In den vergangenen Jahren war es hier ziemlich ruhig, und daran wird sich vermutlich auch im nächsten Jahr nichts ändern. Ich hatte mir für 2014 vorgenommen, zumindest jeden Monat eine handvoll Beiträge zu schreiben. Circa fünfzig im Jahr, das sollte doch machbar sein, das hauen andere in einer Woche raus. Am Ende waren es ganze sechs und die Erkenntnis, dass es mit dem Bloggen einfach nicht mehr hinhaut. Aus verschiedenen Gründen, die vor allem mit mir selbst zu tun haben. Aber wenn ich sehe, was einige von mir einst sehr geschätzte Musikblogs mittlerweile tagtäglich für einen Trash ins Netz schnäuzen, mache ich den Laden lieber dicht bevor ich mir einen Facebook-Account besorge und anfange, dort Titten-, Katzen- und Viral-Content zu (re)posten. Das ist allerdings eine andere Geschichte.

Der zehnte Rückblick zum zehnten Jubiläum wird jedenfalls der letzte sein. Vermutlich. Vielleicht. Zwar habe ich gemerkt, dass ich immer noch sehr gerne über Musik schreibe, aber zwischen meiner Arbeit und anderen Beschäftigungen war in den vergangenen Jahren eben doch immer weniger Zeit zum Hören. Das hat dazu geführt, dass ich immer etwas spät dran bin, dass mir gute Platten durch die Lappen gehen mich das Gefühl beschleicht, hier doch jedes Jahr immer wieder die gleichen Künstler vorzustellen. Das ist zwar nicht schlimm, schließlich dient dieser Rückblick ähnlich wie mein last.fm Profil vor allem meiner persönlichen Dokumentation. Aber so wirklich lohnt sich die Arbeit ja auch nicht.

Was mit TheLastBeat wird? Das weiß ich noch nicht. Ich halte wenig vom Depublizieren, möchte aber auch keine Blogleiche im Googlekeller liegen haben. Vielleicht finde ich im Laufe des Jahres eine elegante Lösung. Vielleicht bleibt aber auch alles wie es ist und nächstes Jahr sitze ich über die Festtage wieder bei meinen Eltern und denke mir: Kein Jahresrückblick ist ja auch keine Lösung. Wir werden sehen.

Hier jedenfalls die Favoriten des Jahres. Auch zum zehnten Mal in no particular order.

Alben

Sun Kil Moon – Benji (Caldo Verde)

benji Die vergangenen Jahre kamen meine Alben des Jahres immer relativ früh. Vielleicht, weil sie dann über die kommenden Monate “reifen” konnten. Aber diesmal war ich mir schon im Februar klar, dass Benji besonders ist. Das Album ist das Ulysses des zeitgenössischen Songwritings, ein Stream-of-Conscious Album aus dem Alltag eines Mittvierzigers, was erstmal wenig spannend klingt. Und doch: Benji erzählt Geschichten über behinderte Nachbarn, über grausam verstorbene Verwandte, über Serienmörder, Prostataschmerzen und Ben Gibbard, die trotzdem irgendwie zusammenhängen. Es ist ein Album, das in seinen klarsten Momenten an die besten Texte Dylans erinnert und selbst im schlechtesten mit seiner schonungslosen Offenheit überwältigt. Ein Album, das so amerikanisch ist wie Truthahn an Thanksgiving und gleichzeitig so hässlich wie zwölf Schüsse in Ferguson. Und just als wir uns an die spärlichen Gitarren gewöhnt haben, kommt Mark Kozelek zum Schluss mit einem Saxophon an, als wolle er sagen: Natürlich sterben wir alle, aber trotzdem können wir den nächsten Sommer genießen.

Francis Harris – Minutes of Sleep (Scissor & Thread)

francisharris Francis “Adultnapper” Harris hat in diesem Jahr zwei exzellente Alben herausgebracht: Als Frank & Tony arbeitet er sich in You Go Girl an reduzierten Deephouse-Stücken ab. Sein zweites Album unter seinem richtigen Namen ist eine persönlichere Angelegenheit: Inspiriert vom Tod seiner beiden Eltern innerhalb von nur drei Jahren, nimmt uns Minutes of Sleep mit auf eine Reise: Melancholische Bläser und Cellos erheben sich aus dem statischen Rauschen, verwaschene Fieldrecordings tanzen im Wind wie ein Traumfänger auf der Veranda des heruntergekommenen Motels irgendwo im Mittleren Westen. Das ist jedenfalls einer dieser Kopfkinofilme, die dieses Album bei seinen Hörern hervorzurufen mag; zarte Melodien schmiegen sich an, Fragmente aus Jazz, Drone und Ambient vermischen sich mit House. Denn auch das gibt es: Dezente 4/4-Kickdrums und mit You Can Always Leave sogar so etwas wie ein Anthem. Und ein Remix von DJ Sprinkles, der das zum Abschluss noch einmal alles in 14 Minuten zusammenfasst.

Aphex Twin – Syro (Warp)

Aphex_twin_syro 13 Jahre hat Aphex für sein neues Album gebraucht, und hat sich für sein Comeback nicht lumpen lassen: Ein schwebendes Zeppelin über London, die große PR-Tour im Netz und ein überraschend normales Interview mit Pitchfork gehörten dazu. War das wirklich nötig? Ich sage nein, was aber nichts daran ändert, dass Richard D. James weiterhin ein Meister seines Fachs ist. Die Tracks auf Syro könnten vermutlich – und das nicht nur von den stereotypischen Tracktiteln her – auch zehn Jahre alt sein (sie sind es teilweise vielleicht auch) und die Presse würde durchdrehen. Dieses Fanboytum ist zwar bedenklich, aber natürlich ist das alles wieder technisch perfekt, wie Aphex einmal mehr die schroffen Breakbeats an den Melodien abperlen lässt, die Vocals zerschreddert und neu zusammensetzt und nebenbei noch die halbe UK-Rave-Historie mit einpackt. Was man 13 Jahre lang vermisst hat, wird einem gleich nach etwas mehr als zwei Minuten klar: Dann setzt in Minipops 67 dieser Melodie-Hook ein und plötzlich ist es wieder 1996, die Freundin ist weg und bräunt sich.

Grouper – Ruins (Kranky)

ruins Ach, Liz Harris. Ruins ist tatsächlich schon ihr zehntes Studioalbum als Grouper und genau genommen schon drei Jahre alt, aber trotzdem klingt in meinen Ohren jedes wieder neu, wieder ein bisschen introvertierter, wieder ein bisschen rauer, irgendwie auch ehrlicher. Wobei die Bezeichnung Studioalbum für dieses Lo-Fi-Songwriting ja fast schon eine Majestätsbeleidigung ist: In kürzester Zeit an der portugiesischen Küste entstanden, scheint Ruins zunächst nichts mit seiner sonnigen Umwelt zu tun haben. Aber doch: In den Pausen, zwischen den Noten und Harris’ Gesang, der längst auch ohne die frühere Verzerrung daherkommt, gibt es immer wieder Zeit zum Atmen, zum aus dem Fenster gucken und zum sanften Lächeln, wenn es mal wieder genau den Nerv aus Weltschmerz und Optimismus trifft. Schließlich bedeutet jede Ruine auch einen Neuanfang.

Spoon – They Want My Soul (Loma Vista)

Spoon-They-Want-My-Soul Spoon müssen inzwischen niemandem mehr etwas beweisen, schon gar nicht, dass sie mittlerweile so leicht die Hits aus dem Ärmel schütteln wie früher die Jazzer die Nadeln. Die Stimme von Britt Daniel klingt inzwischen auf einigen Songs zwar ein wenig nach Raufasertapete, aber das ändert nichts an seinem Repertoire: Für They Want My Soul haben er und seine Band mal wieder in die Klassiker-Kiste gegriffen und spielen sich auf zehn Songs durch die Indie-Rock-Refenzen. Da gibt es große Hymnen mit Mitsing-Refrain wie bei Outlier, launische Blues-Schwanker in I Just Don’t Understand und poppige Synthesizer in Inside Out. Alles unglaublich tight produziert und ohne echten Aussetzer, was ich persönlich nicht von allen früheren Spoon-Alben sagen kann. Erstaunlich jedenfalls ist sie, diese Konsistenz, die Spoon auf ihrem nunmehr achten Album an den Tag legen.

Deadbeat & Paul St. Hilaire – The Infinity Dub Sessions (BLKRTZ)

infinity Die Neunziger haben angerufen und wollen ihren Sound zurück: Scheinbar ist Deadbeat nach einigen Jahren in seiner Wahlheimat Berlin so gut angekommen, dass er die besten Platten der Stadt einfach mal nachproduziert. Also, rein übertrieben gesagt natürlich. Trotzdem könnten die Infinity Dub Sessions problemlos auch das verloren geglaubte Album von Rhythm & Sound sein, und das liegt nicht nur an Paul St. Hilaire, der noch die Riddims runterbetet wie eh und je. Sondern eben auch an den Dubschwaden aus reichlich Echo und Reverb, die hier die Boxen zum Rauchen bringen wie gute Joints und Zigaretten. Aber jeder Retro-Sound ist irgendwo auch ein Klassiker.

HTRK – Psychic 9-5- Club (Ghostly)

psychic Ein neues Album vom früheren Hate Rock Trio, das nach dem Suizid ihres Bassisten inzwischen als Duo unterwegs ist. Größtenteils weg sind auch die Synthpop-Einschläge der früheren Tage. Stattdessen haben es sich HTRK in der Nische aus bedächtig pulsierenden Dub-Beats, etwas Downtempo und minimalistischen Soundskulpturen bequem gemacht. Darüber haucht Sängerin Jonnine Standish Texte über Vollzeitjobs, über Depressionen, das falsche Body-Image, vergangene Partner und neue Begierden. Das klingt beim ersten Mal alles ziemlich düster und scheint die jüngere Geschichte der Band widerzuspiegeln. Doch dann blitzt zwischendurch immer auch ein wenig Hoffnung durch, die zeigt, wie leicht die Australier inzwischen mit den Emotionen spielen können.

Stars – No One Is Lost (ATO)

stars Vor etwa zwölf Jahren hatte ich die Stars erstmals in Frankfurt gesehen. Damals hatten sie gerade ihr zweites Album rausgebracht und galten mehr oder weniger als ein Nebenprojekt der Broken Social Scene. An diesem Abend hatte ich mich auch ein wenig in Sängerin Amy Millan verknallt, weshalb ich seitdem jedes Album der Kanadier verfolgt habe – und ein wenig Objektivität verloren habe. Deshalb muss ich auch No One Is Lost hier erwähnen, obwohl es so cheesy ist wie keines der vorherigen Werke. Ein Elektro-Einschlag schleicht durch die Tracks, während Millan und ihr Gesangspartner Toquin Campbell sich einmal mehr die Verse über den großen Herzschmerz hin- und herwerfen. Nur dass es eben nicht mehr 2003 ist und es den beiden Anfang-Vierzigern auch niemand mehr abnimmt, wenn sie über Abschlussbälle und Summer School singen. Keiner außer mir, vermutlich. “This is the last time”, singt Millan. Diesmal aber wirklich.

6th Borough Project – Borough 2 Borough (Delusions of Grandeur)

borough Klingt nicht nur vom Namen her wie ein Erbe der guten alten US-House-Schule, sondern lehnt sich auch in Sachen Sound an die Klassiker an. Mit dem Unterschied, dass das 6th Borough Project so britisch ist wie Schwarztee mit Milch. Hinter dem Projekt stecken Craigh Smith und Graeme “The Revenge” Clark, und tatsächlich verbinden die beiden so etwas wie das Beste aus beiden Welten: Auf der einen Seite langsam köchelndes House mit gestenreichen Claps, Streicher- und Oldschool-Samples à la In Your Arms und Our Love. Auf der anderen Seite und der zweiten Albumhälfte wird dann das Tempo ein wenig angezogen und in Tracks wie Read My Mind in feinstes Tech-House gegossen. Ein Album wie eine gute Clubnacht – und die funktioniert bekanntlich auf beiden Seiten des Atlantiks.

Idlefon – Intensive Collectivity Known as City (Tympanik)

idlefon Glitch-Ambient aus Teheran. Das ist eine Mischung, das man nicht so oft zu hören bekommt. Hesam Ohadi hat allerdings seine Hausaufgaben gut gemacht. Tiefe, schwelende Sub-Bässe treffen auf komplexe IDM-Soundstrukturen die an frühe Phonem- oder Crunch-Produktionen erinnern, während die schwerem Drones, abgerundet mit entfernten Samples und Fieldrecordings, eher in das Fachgebiet eines Loscil oder Green Kingdom abdriften. Ist das nun neu oder revolutionär? Mit Sicherheit nicht. Aber mit Intensive Collectivity Known as City gelingt Idlefon ein sehr solides Retro-Album, das mich in diesem Jahr ein ums andere Mal in den Schlaf begleitet hat.

St. Vincent – St. Vincent (Loma Vista)

stv-600 Annie Clark polarisiert. Auf der einen Seite steht eine der wohl talentiertesten Gitarristinnen und Songwriterinnen unserer Zeit. Auf der anderen Seite eine Sirene, deren Songs und Gesang teilweise so klingen als würden zwei sich feindlich gesinnte Katzen in einem Schuhkarton treffen. Soll heißen: eher anstrengend. Diese Mischung war schon auf den vergangenen Platten von St. Vincent präsent, hat sich aber diesmal mehr in die Richtung von Ersterem verlagert. Eins, zwei Balladen, futuristischer Indie-Rock, etwas mehr Pop-Einschlag, smarte Texte und immer mal wieder das ganz große Epos: Als etwa in Huey Newton nach diesem Synthesizer-Geplänkel nach zweieinhalb Minuten plötzlich die Gitarren einsetzen, habe ich das erste Mal schon kurz innegehalten und kurz die Gänsehaut abgeschüttelt. You know.

Leon Vynehall – Music for the Uninvited (3024)

vynehall Techno, Deephouse, Downtempo – wer braucht im Jahr 2014 eigentlich noch Schubladen. Vynehall beschwört lieber die großen Clubgesten: Schwitzende Menschen, röhrende Boxen, Ecstasy und Ekstase, Liebe und Leidenschaft. Und ist gleichzeitig immer eins, zwei Takte weiter. Als die vielleicht modernste Definition von Tanzmusik des Jahres, serviert der Produzent aus Portsmouth futuristische Melodiensprüher (Inside the Deku Tree), federnde Feelgood-Basslines (Goodthing), jackende Retro-Grooves (House of Dupree) und verschmitzt vor sich hin jazzende Mood-Miniaturen (Christ Air). Sieben Tracks. 39 Minuten. Mehr braucht er dafür nicht und das ist eigentlich das größte Statement in diesen Zeiten des Überdrehens und Übertreibens.

Run the Jewels – Run the Jewels 2 (Mass Appeal)

rt2 Es ist laut, es ist obszön, es ist anstößig und vulgär. Was es auch ist: Smart, kompromisslos und hartnäckig. Die zweite Platte des ursprünglichen Nebenprojekts von EL-P und Killer Mike hat sich zu einem Statement der Hip-Hop-Szene gemausert und nebenbei gezeigt, dass man ein gutes Debüt tatsächlich noch toppen kann. Die Stücke sind kurz, die Beats wie Peitschenhiebe (an einigen Stellen buchstäblich), die beiden Protagonisten spielen sich die Bälle zu und spucken eine Punchline nach der anderen, bis jeder sein Fett wegbekommen hat. Hier gibt es große Geschichten und einfache Wortspiele, vertrackte Reime und cheap shots unter die Gürtellinie. In gewisser Weise führen sie die Tradition von Def Jux weiter: Sie sind so clever, um die Leftfield-Hörerschaft zu beglücken. Auf der anderen Seite teilen sie so hart aus, dass vor diesem Duo nicht nur die Boxen zittern. Das beste Duo zurzeit im Rap.

Golden Donna – II (100% Silk)

donna Ich mag die Philosophie von 100% Silk, auch wenn die Aufbereitung dann doch an elitäres Hipstertum erinnert. Etwa, wenn Alben wie II zunächst nur auf Kassette erscheinen und man auf die MP3s warten muss. Dafür gräbt das Label aber auch seit zwei Jahren mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit einen unbekannten House-Produzenten nach dem anderen aus. In diesem Fall Golden Donna aus Madison in Wisconsin, dessen Sound aber auch aus New York stammen könnte und den Geist alter analoger Maschinen atmet. Das Ergebnis? Tolle Melodien, ohne die von 100% Silk bekannte Verschrobenheit vermissen zu lassen. Das taugt deshalb vermutlich nur selten für den Club, aber umso besser für die Kopfhörer.

Bing & Ruth – Tomorrow was the Golden Age (Rvng. Intl.)

bingruth Hinter Bing & Ruth stecken nicht etwa zwei Produzenten, sondern tatsächlich ein kleines Ensemble. Ein Septett, um genau zu sein, “angeführt” vom Pianisten David Moore. Das hört man. Denn auch wenn die Musik dieser kleinen feinen Nische zwischen Ambient und moderner Klassik entspringt, verbirgt sich hinter den Kompositionen stets der Anspruch auf mehr: Die fragilen Pianoklänge stehen als Fixpunkt im Raum, um den sich in jedem Song die anderen Musiker formieren. Mal mit sakraler Schwere und Drones, mal mit Klavier-Miniaturen und entwaffnenden Streichern oder dekonstruierten Tape-Delays. Großes Handwerk. Stets fließend, bisweilen schwer melancholisch und damit der perfekte Soundtrack für die dunkle Jahreszeit.

Freddie Gibbs & Madlib – Piñata (Madlib Invazion)

Freddie_Gibbs_Piñata In irgendeinem Review stand, dass Madlib schon seit Jahren kein Hip Hop mehr machen würde. Vielleicht stimmt das auch, der notorische Crate Digger hat mittlerweile seinen eigenen Stil aus vernebelten Beats und obskuren Samples erschaffen. Was aber nicht heißt, dass er es nicht immer noch auf Albumlänge mit einem MC kann: Gemeinsam mit Freddie Gibbs und einem Dutzend Gästen knüpft Madlib an seine Madvillain-Kollaboration an, auch wenn Piñata weit weniger psychopathisch ist. Im Gegenteil, mit seinen verrauchten Slow-Jams aus den Siebzigern, ein bisschen Boom-Bap und bisweilen etwas zu dick aufgetragenen Streichern, beschwören Gibbs und Madlib den Geist früherer Tage und klingen dennoch so frisch wie nur wenige andere in diesem Jahr. Gelernt ist halt gelernt.

Warpaint – Warpaint (Rough Trade)

Warpaint Letztes Jahr waren es die Savages, dieses Jahr rücken Warpaint die trotzdem miserable Frauenquote in diesem Rückblick in ein besseres Licht. Doch während die Engländerinnen düsteren Post-Punk praktizieren, machen die vier Frauen aus Los Angeles eher psychedelisch angehauchten Indie-Pop. Was beide vereint sind dagegen die klassisch-reduzierten Arrangements, die mit teilweise scheppernden Drums und stetig treibenden Basslines nach vorne gehen, ohne wirklich große Hooks zu liefern. Darüber singt, haucht und liebkost Sängerin Shannyn Sossamon in immer wieder ein- und hinwegdriftenden Strophen. Einige Kritiker fanden das ein wenig farblos (hihi), aber ich mag diese Mischung aus Gerade-Aufgestanden- und Noch-Wach-Sein, die hier in vielen Songs weitergegeben wird.

Sage Francis – Copper Gold (Strange Famous)

sage Auch wenn es so schien, war Sage Francis die letzten Jahre nicht gänzlich verschwunden. Er hat sich mit diversen Indie-Musikern zusammengetan. Hat sich im Rock ausgetobt. Hat eine mittelmäßige Platte veröffentlicht und sich nebenbei einen beachtlichen angegrauten Vollbart wachsen lassen. Und ist jetzt wieder zurück mit dem, was er am besten kann: klassischem Rap. “I had to take my time, to get my life together” erklärt er gleich zum Auftakt in Pressure Cooker, und das ist ihm offenbar gelungen. Copper Gold ist ein exzellentes “Comeback” eines der besten MCs im Geschäft. Francis variiert zwischen aggressiven Battleraps und introspektiven Tagebuchgeschichten, spielt sich aus verschiedenen Erzählperspektiven wie eh und je die Bälle zu und das alles zu Beats, die vom Spektrum her auch für drei oder vier Alben reichen könnten. Willkommen zurück, Sage!

Bvdub – I’ll Only Break Your Heart (Darla)

bvdub-heart Habt ihr wirklich geglaubt, ich beende diese Liste ohne Bvdub? Zugegeben, seine letzten beiden Alben in diesem Jahr fand ich eher enttäuschend, aber sein erster Aufschlag mit I’ll Only Break Your Heart auf Darla war vermutlich einmal mehr meine meistgehörte Platte. Vier Songs, die alle an oder über die zwanzig Minuten gehen und sich natürlich zwischendurch immer wieder auflösen und ausbrechen. Das ist für Neulinge vermutlich immer noch etwas überwältigend, all dieses Feels die Brock van Wey hier wieder um sich wirft, aber gleichzeitig auch wieder einen Schritt näher dran an der Perfektion seines Sounds. Diese Mischung aus Breakbeats, aus Ambient und kitschigen Herzschmerz-Vocals bekam auch im Jahr 2014 kein anderer nur annähernd so gut hin.

Shortlist

STL – At Disconnected Moments
Hail Mary Mallon – Bestiary
Faures – Intercontinental Drift
Kaito – Less Time Until The End
Frank & Tony – You Go Girl
Brock van Wey – Home
Thom Yorke – Tomorrow’s Modern Boxes
A Winged Victory for the Sullen – Atomos
Ben Frost – AURORA
Sense – Still Life
Kassem Mosse – Workshop 19
A New Line (Related) – s/t
Strategy – Boxology
The Other Guys – Seeds of Ambition
Cyne – All My Angles Are Right

 

Singles

Map.ache – Leave & Keep (Kann)

Mapache-Leave-and-keep Ich wünschte mir, die Jungs von Kann würden viel mehr veröffentlichen. Aber auf der anderen Seite: Vielleicht säße dann nicht jedes Release so perfekt. Map.ache packt hier jedenfalls drei ganz große Hits aus, allesamt mit rigorosen Beats, entwaffnenden Melodien und ekstatischen Breakdowns. Überhaupt: Was die meisten aktuellen House-Sachen ja gerne vermissen lassen, sind die Breakdowns. Map.ache vergisst sie nicht und packt in Minute 5:20 von The Yonder (siehe Preview) noch dieses zufriedene Lachen einer Frau. Auch wegen solchen Details meine Lieblings-EP des Jahres.

Portable – Surrender (Live at Robert Johnson)

portable Und just als ich dachte, dass mir die Tracks von Portable ein wenig zu vorhersagbar werden, kommt er mit Surrender an. Seit Jahren singt Alan Abrahams selbst, was bei Techno-Produzenten gerne mal in die Hose geht, doch selten hat seine Stimme so gut gepasst, war sie so sanft und die Musik dazu so gefühlvoll und bezaubernd. Das schönste Liebeslied des Jahres.

Strategy – Pressure Wassure (Peak Oil)

strategy_cover-2417_500 Strategy, der die vergangenen Jahre vor allem für komplexe Dub-Tracks stand, hat in diesem Jahr als Dancefloor-Liebhaber überrascht. Sein Album für 100% Silk ist das Ergebnis, und diese vier Tracks hier sind das quasi in Kurzform eingedampft: Ein ziemlich geradliniger House-Track mit einer Brise Jungle und zum Abschluss noch einen majestätischen Stepper. Was für eine wilde Kombination. Ich bin gespannt, was Paul Dickow die nächsten Jahre noch so alles macht.

Traumprinz – All the Things (Giegling)

traumprinz-pack Dieser Track. Mit diesem Diva-Sample. Gefühlt in jedem dritten Mix des Jahres aus meiner Filterbubble verwendet, und das nicht ganz unverdient. So simpel gestrickt, so deep und mit ganz viel Gefühl. Neben Kann aus Leipzig beweisen auch Giegling aus Weimar, wieso die neuen Bundesländer die deutsche House-Szene momentan völlig zu Recht prägen.

Damh – Black Night (Kompakt)

DAMH-Black-Night Dass ich erst nach einigen Wochen geschnallt habe, das eine Hälfte von Damh aus Ada besteht, zeigt, wie sehr ich mittlerweile aus der “Szene” raus bin. Dabei kann man das ja eigentlich hören: Diese Vocals, diese plinkernden Sounds und eingewobene Instrumente sind eigentlich Adas Markenzeichen. Die A-Seite ist jedenfalls ein ganz wunderbarer Slowburner zum Mitsingen und mit Hansi auf der Flip gibt es dann noch etwas zum schnelleren Schwoofen, am liebsten mit den Liebsten im Arm.

Floating Points – King Bromeliad (Eglo)

eglo37 Schwere Entscheidung: Die Nuits Sonores oder doch eher die King Bromeliad in diese Liste aufnehmen? Beide Platten von Floating Points in diesem Jahr hätten es verdient, doch auch wenn Nuits Sonores die bessere Hymne ist, kommen King Bromeliad und vor allem das jazzig-hüpfende Montparnasse auf der B-Seite immer wieder verschmitzt um die Ecke und haben das höhere Wiederhörpotenzial.

Jack J – Looking Forward to You (Mood Hut)

jackj Auf Boomkat gibt es ein Review, von dem keiner genau weiß, ob das nun als Verriss oder ironisch gemeint ist. “This is just the ticket for all those retro heads – totally inoffensive dancefloor schmooze. Looking Forward To You rubs soppy chords over a stuttering drum break giving long enough for dancers to make their way to the bar and maybe a have a smoke before it finishes.” Ich finde, das kann man so stehen lassen. Überhaupt: Für mehr Schmooze!

Frank & Tony – Go (Scissor & Thread)

franktony Das zweite Projekt von Francis Harris hatte ich oben schon kurz erwähnt. Mit einem ziemlich guten Album und drei EPs hat gemeinsam mit Anthony Collins als Frank & Tony definitiv Eindruck hinterlassen. Meine Wahl fällt auf Go, aber es hätten auch die anderen beiden Singles sein können. Melancholisches, leicht verrauchtes House mit Retro-Anstrichen und dem, das die generische Bezeichnung “Deep” gar nicht mehr benötigt. Denn die Tracks von Frank & Tony treffen sowieso genau ins Herz.

Mr. Mitch – Don’t Leave (Planet µ)

dont-leave Dubstep und Grime sind mir in den letzten Jahren immer mehr abhandengekommen, aber ab und zu kommt dann jemand wie Mr. Mitch und zeigt, dass es doch noch lohnt. In diesem Fall bedeutet das Reduktion bis fast nur noch die Skelette der Beats aus Bass und Synth-Hooks stehen bleiben, umgarnt von kurzen prägnanten Vocal-Samples. Auf Albumlänge ist mir das fast wieder zu anstrengend, aber auf dieser EP nicht zuletzt dank des tollen Be Somebody sehr erfrischend.

Iron Galaxy – Came & Went (Born Electric)

be007d-irongalaxy Allein auf der Autofahrt in die Heimat kurz vor Weihnachten habe ich den Titeltrack geschätzt zehn Mal am Stück gehört. Er eignet sich also prima zum Autofahren und ist auch sonst ein kleines Melodienmonster, das fast ein bisschen zu viel möchte. Ich glaube aber, letztlich sind es diese kleinen plinkernden Elektro-Sounds, die den Unterschied machen.

 

Compilations/Mixes

DJ Koze – Reincarnations Pt.2 (Pampa)

DJKOZE_reincarnations2 Dieser Meta-Moment, in dem Koze sich im Outro eines Tracks selbst als den “besten Remixer aller Zeiten” bezeichnet ist natürlich wieder einer dieser wunderbaren Goofball-Momente, für die wir Kosi so lieben. Ansonsten gibt es in der zweiten Remix-Compilation fast nur Hits. Kozes Neuinterpretationen, und das sind sie ja in den meisten Fällen, von unter anderem Herbert, Mount Kimbie, Moderat und Ada gehören zu den Besten, was das Remix-Feld in den vergangenen Jahren anzubieten hatte: Verspulte Quasi-Popsongs und verschrobene House-Schunkler bis zur letzten Rille. Aber weil das auch echt viel Arbeit für relativ wenig Geld ist, möchte Koze in Zukunft nicht mehr so viele Remixe machen. Hat er jedenfalls gesagt. Fänden wir dennoch schade.

Underworld – Dubnobasswithmyheadman [Boxed Set] (Universal)

Underworld.dubnobasswithmyheadman In erster Linie natürlich ein Re-Release zum 20. Geburtstag, aber gleichzeitig auch eine Compilation, denn das Boxed Set enthält fünf CDs mit Singles, Remixen (Dark Train!) und vergriffenen Bootlegs. Und ja, das Remaster klingt tatsächlich etwas besser als das Original. Wichtiger aber ist der sentimentale Faktor. Wie einige Leser vielleicht wissen, war Underworld eine der ersten Bands, die mich zur elektronischen Musik gebracht hatte. Das war zwar nicht 1994, sondern einige Jahre später, aber “Dubno” gehörte dennoch zu meinen ersten wirklich geliebten Alben. Ich habe es die vergangenen zehn Jahre nicht mehr oft gehört, aber spätestens jetzt kann ich sagen, dass es bis auf eins, zwei Tracks sehr gut gealtert ist. Titel wie Dark & Long, Dirty Epic und das immer etwas unterschätzte River of Bass können es mit den heutigen Produktionen problemlos aufnehmen und nebenbei haben Underworld das Techno-Songwritertum mitbegründet und gezeigt, dass sich dicke Basslines und Gitarren auf der gleichen Platte nicht ausschließen müssen.

VA – 15 Shades of White (Dronarivm)

ic2 Dronarivm ist ein noch relativ junges Label aus Moskau, das in den vergangenen Jahren dennoch so manchen großen Namen aus dem Ambient und Modern Classical für sich gewinnen konnte. Seit 2012 veröffentlichten hier unter anderem Marsen Jules, Machinefabriek, Maps & Diagrams und The Green Kingdom ihre Alben. Allein in diesem Jahr waren drei, vier sehr gute LPs dabei, was Dronarivm vielleicht sogar zum aktuell spannendsten Label in diesem Genre macht. 15 Shades of White erschien zwar bereits Anfang des Jahres, aber hier sind noch fast alle versammelt und liefern über 15 Tracks ihr Können ab: Eine supergute Mischung aus Field Recordings, klassischen Instrumentationen, samtweichen Ambient-Flächen und auch sonst so ziemlich alles, was es zu einer guten winterlichen Compilation so braucht.

 

Flop des Jahres

FKA Twigs – LP1

fka Die Kategorie ist nach zwei Jahren Pause wieder zurück: Da haben sich Sherburne und der Rest der Musikjournaille aber ganz schön bemüht, in die Musik von FKA Twigs etwas reinzuinterpretieren das über das so offensichtlich affektierte Image hinausgeht. Nüchtern betrachtet gibt es da allerdings nicht allzu viel: Die Sängertänzerkünstlerin aus London fiepst und haucht sich durch die Tracks, die zum Teil klingen wie Björk hinter der Borderline oder The Weeknd mit zu viel Crystal in der Nase. Hier ist wirklich jeder Song so zwanghaft auf R&B-Avantgarde getrimmt, dass selbst holzschnitzartige Popfiguren wie Iggy Azalea im Vergleich so natürlich scheinen wie Spliss im Haar und Hämorrhoiden am Arsch. Apropos Arsch: Wenn selbst Lokus Online die Platte zur besten des Jahres kürt, sollte man wissen, was man hier für einem unsäglichen Hype aufgesessen ist.

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In diesem Sinne: Es kann nur besser werden. Einen guten Rutsch und falls wir uns hier tatsächlich nicht mehr lesen sollten: Danke für die Unterstützung in all den Jahren! Selah.

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Titelbild: “Record Store” by Eldeeem/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

5 Kommentare

  1. Matthias

    Und wie jedes Jahr denke ich: Hätte ich doch auch mal einen Jahresrückblick geschrieben. Habe ich aber wieder nicht. Habe überhaupt sehr wenig geschrieben dieses Jahr, da geht es mir wie dir. Bin gespannt, wie es mit TheLastBeat weitergeht, bis auf weiteres bleibt es jedenfalls in meiner Blogroll ;) Guten Rutsch, und Prost!

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  2. Henry

    Endlich mal jemand, der meiner Meinung ist, was das Fräulein Twigs angeht!

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  3. beingboring

    Oder einfach mal den Arsch hochkriegen und einfach ein paar Artikel pro Monat schreiben. Seit dem Aus der de:bug ist doch gerade im Bereich der elektronischen Musik eine riesige Lücke entstanden.

    Außer RA und der guten alten Groove fällt mir eigentlich keine gute Musikseite mehr ein – und ich habe keine Lust und Zeit, mir alles selbst anzuhören! ;-)

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  4. Eikman

    Wenn es so einfach wäre. Aber bevor ich schreibe, muss ich mich ja auch informieren, Feeds lesen und vor allem Platten hören. Das frisst alles Zeit, die ich im Gegensatz zu meinen Studiumszeiten nicht mehr ganz so üppig habe. Und ich einfach zugeben muss, dass ich wenn ich den ganzen Tag beruflich lese und schreibe am Abend einfach keine Lust mehr dazu habe :)

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