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29. December 2013, 20:37

Feature

Feature: Best of 2013

freebase

Wenn ich Twitter in den vergangenen Wochen als Gradmesser nehme, dann sind Best-Of-Listen zum Ende des Jahres mittlerweile offenbar verpönt. Jeder hat eine, die meisten sind ohnehin entweder gleich oder gleich mies, und letztlich interessiert es ja eh niemanden. Wieso also überhaupt die Arbeit machen?

Nun, zum einen weil dieses Feature hier mittlerweile in die neunte Runde geht und genau wie dieses Blog im kommenden Jahr seinen zehnten Geburtstag feiert. Tradition verpflichtet bekanntlich. Zum anderen habe ich kein Problem mit Listen, im Gegenteil. Da ich mittlerweile Jahr für Jahr weniger Musik höre, genieße ich das Stöbern zum Jahresende, das Suchen nach den noch nicht entdeckten Perlen.

Außerdem lese ich persönlich gar nicht so viele Rückblicke, als dass sie mir auf den Zeiger gehen könnten. Da wären einige von mir geschätzte Blogs wie etwa die Machtdose oder Little White Earbuds. Dann natürlich Pitchfork, deren Auswahl ich in diesem Jahr ziemlich enttäuschend fand. Resident Advisor (von den Singles und Labels kannte ich erschreckend wenig), FACT (ging so), The Quietus (nerdig) und Boomkat (eklektisch). Geht doch, oder? Und wer wirklich noch nicht genug davon hat: Hier folgen meine Picks. Wie immer in no particular order.

 

Alben

Forest Swords – Engravings (Tri Angle)

forest_swords Wenn Matthew Barnes aka Forest Swords in diesem Jahr etwas gezeigt hat, dann ist es eine Lehrstunde in Sachen Reduktion. Die Tracks auf Engravings sind im Kern minimalistische Kompositionen, die aber, und darin liegt das Geheimnis, nie minimal erscheinen. Barnes loopt sich mit rumpeligen Drums, mit dezenten Pianos, Synths und Gitarren durch seine Tracks, schichtet Layer auf Layer und erreicht dabei mit so wenigen Elementen eine unnachahmliche Tiefe – klanglich wie emotional. Die immer wieder vorbeischwebenden Gesänge, die Barnes größtenteils selbst eingesungen und moduliert hat, enthalten eine Melancholie und Anziehungskraft, als riefen die Sirenen aus den Tiefen des Urwalds. Oder, in diesem Fall, aus Nordwestengland.

DJ Koze – Amygdala (Pampa)

koze_amygdala Ich habe nochmal nachgeguckt: Kosi Comes Around, der Vorgänger von Amygdala kam im Jahr 2005 heraus. Wahnsinn. Auch, was Koze seitdem alles erreicht hat. Nicht nur als DJ und Identifikationsfigur der Szene, sondern eben auch als Künstler. Denn man hört diese acht Jahre, die ins Land gegangen sind. Vorbei sind die Zeiten des bratzigen Technos auf Kompakt. Koze macht inzwischen schlicht Pop-Musik. Aber eben mit seiner humorvollen Art, die immer auf der Linie zwischen genial und ein bisschen too much schwankt. Auf Amygdala passt es in den meisten Fällen, diese Mischung aus schunkelnder Housigkeit und Weirdness; immer ein Ohr auf dem Dancefloor und eines in Kopfhörermuschel. Lediglich Das Wort mit Dirk von Lowtzow ist ein Totalausfall und Instant-Skip, aber das sei ihm dann auch verziehen.

Foals – Holy Fire (Warner)

foals Was man hoffentlich nie ablegt mit dem Alter: Luftgitarre im heimischen Wohnzimmer spielen. In diesem Jahr ging mir das persönlich zu keinem Song besser als zu Inhaler von den Foals. Nachdem in Prelude schon vier Minuten langsam an den frühen Höhepunkt herangerockt wurde, geht es nach genau 1:49 Minuten in Inhaler dann richtig dagegen. Herrlichstes Riff-Gedresche, bei dem man sich am liebsten im Schlamm von Glastonbury wälzen möchte. Eigentlich überraschend, sind die Foals doch nicht unbedingt die härtesten Rocker. Der Rest des Albums ist dann auch melodischer, pegelt aber angenehm zwischen schnelleren, verspielten Upbeat-Nummern wie Milk & Black Spiders und Indierock-Balladen à la Bad Habit.

James Ferraro – NYC, Hell 3.00 AM (Hippos in Tanks)

ferraro Ich habe erst in diesem Jahr erfahren, dass man die Musik von James Ferraro und Konsorten offenbar als “Vaporwave” bezeichnet, auch wenn ich das Konzept deshalb noch lange nicht verstanden habe. Macht aber nichts. Das Album trägt seine Message eigentlich schon im Titel. Es ist ein Konstrukt aus New Yorker Underbelly, in dem scheinbar disparate Elemente aufeinandertreffen, die Perkussion langsam und zäh durch die Tracks fließt, abgestimmt mit halb gesungenen, halb gesprochenen Vocals, Polizeifunk-Samples und immer wieder dramatischen Streichern auf einen Höhepunkt hingetrimmt, der doch nie kommt. In diesem Sinne ist NYC, Hell 3.00 AM eigentlich eine frustrierende Angelegenheit, ein Album, das klingt wie eine heruntergekommene Wohnung in Brooklyn, hinter dessen vergilbten Gardinen die Stadt neongelb leuchtet.

Bvdub – Born in Tokyo (n5md)

bvdub Es gab in diesem Jahr tatsächlich “nur” drei Alben von Brock van Wey alias Bvdub. Schade eigentlich, denn neben dem ebenfalls sehr guten A Careful Ecstacy hat er mit Born in Tokyo sein vielleicht bestes, da in sich schlüssigstes Werk rausgehauen. Auf Born in Tokyo kehrt van Wey alles nach außen, was er die vergangenen Jahre schon immer angedeutet hatte. Die Tracks sind natürlich wieder allesamt jenseits der zwölf Minuten, sie beginnen langsam, ein einsames Klavier bereitet den Weg, den anschließend die breiten Flächen betreten, bevor der Beat einsetzt und sich mit den Vocals zum emotionalen Höhepunkt aufschaukelt. Doch es gibt eine Besonderheit: Zum ersten Mal nutzt Bvdub nicht bloß gepitchte Vocalfragmente, sondern tatsächlich nahezu unberührte Stimmen mit komplexeren Texten. “Can we believe that our love will survive / if we kill it everyday with lies” heißt es in Strong Again. Kitschig? Absolut. Aber das war Bvdub schon immer, seine Musik gleichermaßen eine Ode an die großen Emotionen wie ein Schwamm fürs Herz.

Man of Booom – Back to the Booom (Sichtexot)

booom Hip Hop in Deutschland ist natürlich nicht tot, aber für die neuen Protagonisten, denen egal ist, wer der Babo ist, muss man bisweilen etwas tiefer in den Plattenkisten graben. Dann kommt man früher oder später an Figub Brazlevič aus Berlin. Der junge Produzent hat schon mit seinem Mixtape Oldschool Future vor einer Weile ziemlich geflasht, und als Man of Booom macht er gemeinsam mit des MCs Teknical Development und Juju Rogers genau dort weiter: Herrlicher Boom-Bap mit ordentlich Referenzen über den Teich, ein wenig vintage, aber nie altbacken.

The Green Kingdom – Dustloops Memory Fragments (SEM Label)

GreenKingdom Mike Cottone ist als The Green Kingdom schon eine ganze Weile unterwegs, ohne jemals wirklich den “Durchbruch” geschafft zu haben. Dabei zeigt er auch auf seiner neusten Platte, dass er es mit seinem modulierten Sounds, Instrumenten und Field Recordings auch mit den vermeintlich bekannteren Namen der Szene aufnehmen kann. Tief grollende Bässe, das immerwährende Rauschen des Ambient-Diskurses im Hintergrund, aber stets gepaart mit Beat-Fragmenten, die bisweilen der großen Techno-Historie von Cottones Heimatstadt Detroit entspringen zu scheinen. Vielleicht das beste und vielschichtigste Ambient-Album in diesem Jahr, und deshalb mehr als nur ein Geheimtipp.

Laura Veirs – Warp and Weft (Bella Union)

veirs Es ist irgendwo auf meiner Reise zwischen Boise und Bend im amerikanischen Hinterland, als Warp and Weft läuft. “You come the road and vest for me in America”, singt Laura Veirs und die öde Landschaft aus dem Fenster beginnt plötzlich zu blühen. Ein Grinsen huscht über mein Gesicht. “I think we gonna make it now.” Keine Singer/Songwriterin hat bei mir in den vergangenen Jahren stets so ins Schwarze getroffen wie Laura Veirs. Lange Zeit im heimischen Keller gemeinsam mit ihrem Drummer und Ehemann unterwegs, ist Veirs für diese Platte erstmals in ein richtiges Studio gegangen. Die Kompositionen, die auch vorher schon nie spärlich waren, haben dadurch noch einmal etwas Fülle bekommen. Die Streicher sind opulenter und die Gitarren dürfen gerne etwas härter sein. Warp and Weft ist ein Album über das Muttersein, aber auch eines über Unsicherheit, ein ebenso euphorischer wie nachdenklicher Trip zwischen Americana und Indie-Pop.

Moderat – II (Monkeytown)

moderat Modeselektor kann ich mir inzwischen kaum noch anhören, das ist mir alles zu affektgeladen und prätentiös. Glücklicherweise gibt es Apparat, der das alles wieder etwas entschleunigt. Und so kommt zusammen, was zusammen gehört: Moderat verbinden auch auf ihrem Zweitwerk die dicken Beats mit tollem Songwritertum. Das darf dann gerne euphorisch scheppern wie die Ohren nach einer tollen Nacht im Club und gleichzeitig schmachten wie das Herz nach einer verlorenen geglaubten Liebe. Bad Kingdom und Let In The Light waren in dieser Kategorie in diesem Jahr deshalb auch quasi konkurrenzlos. Und der Rest? Knapp dahinter.

Ugly Heroes – Ugly Heroes (Mello Music)

Ugly-Heroes-Album-Cover Detroit meets Chicago, Schwarz trifft Weiß. Nein, diesmal nicht in Sachen Techno oder House, sondern Hip Hop. Apollo Brown backt die Beats und Verbal Kent und Red Pill sorgen für die Texte. Die sind natürlich ganz schön conscious, wie eigentlich fast alles aus Motor City. Liebe und Armut, Laster und Aufstieg. Browns elegische Produktion rückt auf den meisten Tracks die Pianos und Streicher in den Vordergrund, und man hört, dass es sich um ein Single-Producer-Album handelt. Aber es bleibt alles im Rahmen, alles on point und genau in die Magengrube, wo einmal tief Schlucken traditionell auf euphorische Freude trifft.

Octo Octa – Between Two Selves (100% Silk)

octo_octa Es war ein gutes Jahr für House-Alben, auch wenn ich es meide, von “Autoren-House” zu sprechen. Octo Octa und 100% Silk (wo mit James Booths Reunion noch ein zweites exzellentes Album erschien) waren jedenfalls vorne dabei. Was an Between Two Selves beeindruckt, ist wie wenig Hooks das Album doch benötigt. In dieser Hinsicht erinnern mich die Produktionen von Michael Bouldry-Morrison an die von DJ Sprinkles: Konzept vor Massenware. Das darf gerne mal sanftmütig wie in Who I Will Become sein, mal deep wie in Bad Blood und auch mal etwas jacking wie in His Kiss: Die Palette stimmt einfach auf Albumlänge, diese Mischung aus “happiness and queerness”, wie Octo Octa selbst sagt.

Blamstrain – Tundra (Bandcamp)

tundra Juho Hietala hat vor genau zehn Jahren ein tolles IDM-Album auf Merck veröffentlicht, war anschließend kurz auf Sending Orbs, und hat sich die letzten Jahre eher schlecht als recht dem abstrakten Techno zugewandt, bevor er seine alte Liebe zum Ambient und Dub wiederentdeckte. Und schon wären wir bei Tundra, einem Album, das Blamstrain im März über Bandcamp veröffentlichte. Wie der Titel schon vermuten lässt, gibt es hier klassisches “nordisches Ambient” wie man es auch von Biosphere, Loscil oder Tim Hecker kennt. Schwere Drones, kleine Klangpartikel und offene Flächen, alles wunderbar ineinanderfließend und dennoch nicht von der Ambient-Stange, da bisweilen doch so düster wie die kurzen Tage am Polarkreis.

Nils Petter Molvaer & Moritz von Oswald – 1-1 (EmArcy)

1-1 Ohje, Moritz von Oswald. Meine Meinung über seine letzten Arbeiten als gleichnamiges Trio dürfte den Lesern dieser Seite hinreichend bekannt sein. In Kurzfom: Ich finde sie ziemlich schnarchig. Umso überraschter bin ich bei dieser Platte. Denn statt anstrengendem Pseudo-Jazz für Kunststudenten konzentrieren sich von Oswald und Molvaer auf ihre Stärken: Molvaer spielt diese traurige Trompete aus den Rauchschwaden heraus, und von Oswald macht das, war er schon immer am besten konnte. er knüpft langsam wabernde Dubteppiche, mal etwas verspulter in den Reihen, mal mit Wolfgang Voigt’scher 4/4 Kick, aber immer atmosphärisch dicht.

Savages – Silence Yourself (Matador)

savages Mein Verständnis von Punk liegt irgendwo zwischen vollgekotzten Clubtoiletten, abgewetzten Jeansklamotten und Texten zwischen Gesellschaftskritik und Pulsaderlass. Das weibliche Quartett der Savages aus London passt da genau rein: Auf ihrem Debütalbum Silence Yourself gibt es Drums, Bass, Gitarre, Gesang. Distortion und Solo-Bassläufe satt. Alles schwarz vom Cover hin zu den Texten, die Sängerin Jehnny Beth ins Mikrofon singt, brüllt. Hier lebt er weiter, der Punk der Siebziger und Achtziger. Das geht auch nur wohldosiert. Aber wenn, dann haut es richtig rein.

Machinedrum – Vapor City (Ninja Tune)

machinedrum Dass ich hier zum zweiten Mal das schon seit Jahren stillgelegte Merck Label erwähne, ist kein Zufall. Schießlich entdeckten die Jungs aus Miami vor zwölf Jahren einen gewissen Travis Stewart aus North Carolina, der verhackstückelte Hip-Hop-Beats mit IDM kombinierte. 10 Jahre später ist Stewart einer der Vorreiter von Post-Dubstep, und groovt auch auf seinem zweiten Album, diesmal auf Ninja Tune, als “neuer” Machinedrum kräftig vorwärts. Vielleicht mit den schwächeren Einzeltracks als auf Room(s) von 2011, aber mit insgesamt dem engeren Konzept, ist Vapor City eine Hommage an den Großstadtwahnsinn; stets ein Auge auf Garage, verzwirbelten Jungle und bedingungsloser Tanzbarkeit, die seine letzten Jahre als Wahlberliner offenbar nur noch verstärkt haben.

Suicideyear – Japan (The Wavery)

a3773895903_10 Noch so ein Befindlichkeitsalbum, das vor Mitternacht eigentlich kaum Sinn ergibt. Absolut minimalistische, klinische Snares und Hi-Hats und dazu bisweilen sakrale Melodien. Der Legende nach ist Japan ein Versuch, die Hip-Hop und Rap-Tracks aus den Charts auf ihr Skelett herunterzubrechen. Das Ergebnis ist dafür erstaunlich melancholisch, wohl auch, weil immer ein wenig Teenage Angst mitklingt. Könnte auch aus der Ecke von James Ferraro oder The Weeknd stammen, kommt aber tatsächlich aus Baton Rouge im tiefsten Louisiana. Don’t call it Trap!

The Range – Nonfiction (Project Mooncircle)

non-fiction-333 Schon der Opener Loftmane ist ein absoluter Kracher; dieser versetzte Hip-Hop-Beat und der vielleicht wuchtigste Bass des Jahres hat bei mir in diesem Jahr desöfteren die Tür in den Angeln rattern lassen. Die größte Leistung von James Hinton aber liegt in der Vielseitigkeit. Auf Nonfiction trifft Hip Hop auf House, knallharte Hi-Hats auf seidene Vocalsamples, Quasi-Breakcore auf Retro-Synths. Alles immer ein wenig neben der Spur, etwas kantig, aber vielleicht auch deshalb auch so interessant. So viele Ideen in ein am Ende immer noch schlüssiges Album gießen, das ist schon große Kunst.

Author – Forward Forever (Black Box)

author Author, die Kollaboration zwischen Jack Sparrow und Ruxpin, sorgt schon mit dem Opener After Time für große Ohren. Da pulsiert ein ruhiger Dubstep-Beat, umgarnt von gefühlvollen Pianoklängen und einem Saxofon. Ähnlich präsentiert sich auch der Rest des Albums: Als das Gegenstück zum immer etwas extrovertierten Dubstep-Sound, ist Forward Forever der in-sich-gekehrte große Bruder, der auf der Couch sitzt und die Welt unter seinen Kopfhörer beobachtet. Zur Tea-Time gerne auch mal mit Jazz-Einflüssen und Bläsern, zum frühen Abend mit einem Glas Rotwein auch mal etwas kopfnickend. Perfekt zum Runterkommen, aber auch ansonsten sehr sehr genießbar.

YouAND:The Machines – Behind (Ornaments)

machines Ohne Dubtechno geht’s halt doch nicht in so einer Liste, und so schön in Albumlänge gegossen hat das in diesem Jahr niemand anderes als Martin Müller von youANDme. Alles an dem Album ist selbst aufgenommen, aus bisweilen abenteuerlichen Klangexperimenten heraus entstanden. So driftet Behind dann auch immer mal wieder ab, lässt hier und da mal Ambient durchschimmern, Fieldrecordings vermitteln das urbane Flair zwischen den Noten. Am wichtigsten aber: es fließt alles zusammen, die Vocals, die Beats, die Stimmungen.

Shortlist

Bonobo – The North Borders
Tim Hecker – Virgins
Ikonika – Aerotropolis
The House in the Woods – Bucolica
Vondelpark – Seabed
Maya Jane Coles – Comfort
Umse – Wachstum
Nils Frahm – Spaces
Jonsson/Alter – 2
James Booth – Reunion
Sven Weisemann – Inner Motions
Marsen Jules Trio – Présence Automatique
Krill.Minima – Sekundenschlaf
Huerco S. – Colonial Patterns
Bibio – Silver Wilkinson
Horror Inc. – Briefly Eternal

 

Singles

Dürerstuben – Sheets of Rane (Pampa)

sheetsofrane Es gibt keine Kompromisse bei der Frage nach der Single des Jahres. Klar, hier werden die Texte von Eye of the Tiger und Killing Me Softly verwurschtelt, was dem Ganzen eine gewisse Cheesyness gibt. Aber vom lasziv schwofenden Anfang von Gscheids Planet über den balearische Leichtigkeit von Häckls Kosmos bis zum 80s-Pop von Freiherr in der Wall ist das House, wie ihn sich nur noch wenige trauen. Hat bei RA übrigens nur eine 3/5 bekommen, was einmal mehr zeigt, wie tief einige Rezensenten den Kopf im eigenen Arsch haben. Absolute Überplatte, vielleicht die beste 12″ seit Jahren überhaupt.

Lone – Airglow Fires (R&S)

lone-airglow-fires Lone haut nach seinem tollen Debütalbum im vergangenen Jahr noch eine kleine EP raus, die genau dort weitermacht. Ich mag einfach diese Mischung aus Hyperaktivität und den Melodien, die das dennoch alles festzurren. Und Begin to Begin verwendet glaube ich tatsächlich Panflöten. Panflöten!

Terekke – Yyyyyyyyyy (L.I.E.S.)

Terekkeyyyyyyyy Drei Tracks von Terekke auf dem inzwischen bizarr hochgehypten L.I.E.S., aber hier ist das Lob auch durchaus angebracht. Aus der Dub-Ecke kommend, pulsiert sich Terekke über den Dancefloor und durch die Hintertür heraus in Nacht, wo sich Amaze am Ende im nebligen Dunst aus bewusst hintergründiger Percussion und verschleierten Vocals auflöst. Killer.

Ripatti – EP1 (Ripatti)

ripatti Sasu Ripatti – Kenner wissen natürlich sofort, wer das ist. Es ist Vladislav Delay unter seinem Geburtsnamen, der nach seinem Umzug von Berlin in die finnische Pampa zurück offenbar wieder seine Lust für den Dancefloor entdeckt hat. Doch die erste EP auf seinem neuen Label ist nicht einfach “House”. Ähnlich wie Sensate Focus schachtelt und loopt Ripatti nach und nach kurze Beats aneinander, es klickt und scheppert, es stottert und zuckt im Gebälk von Kreuzberg bis Helsinki.

Bobby Browser – Still Browsing (100% Silk)

browser Je älter ich werde, desto mehr gefällt mir dieses schnörkellose House. Der Titeltrack bekommt den Preis für die fluffigste Hookline des Jahres, aber auch Theme from Tony’s Party eignet sich mit seinen breiten Streichern und Soundstream-Anleihen prima, um die sommerliche Balkonparty zum Schaukeln zu bringen. Jetzt bräuchte ich nur noch einen Balkon.

Waldo the Funk – Toykis (WSP)

waldo Tatsächlich nochmal deutscher Hip Hop zum Ende. Waldo the Funk aus, aufgepasst, Heilbronn. Absolute Oldschool-Samples auf dieser EP, aber ein sehr gediegener Flow und clevere Texte zeigen, wo deutscher Rap heute steht, wenn man nur mal über den Tellerrand hinausblickt.

Isolée – Allowance (Pampa)

isolee Pampa zum Dritten, was nur die Stellung dieses noch immer kleinen Labels unterstreicht. Good old Isolée schüttet mit Allowance wieder mal einen seiner unnachahmlich vor sich hin groovenden Beats aus dem Ärmel und wir wissen plötzlich, wieso er nur alle Schaltjahre veröffentlicht. Das ist einfach alles so ausbaldowert, die Melodien so perfekt getrimmt, um genau in die Wohlfühlzone zu treffen. Und das tun sie, wobei Wobble auf der B-Seite dann fast noch etwas übermütig wird. Aber nur fast.

Rainer Veil – Struck (Modern Love)

veil In einem Jahr, in dem Demdike Stare, Andy Stott und Claro Intelecto nicht so präsent und das Album von Miles mir etwas zu schroff waren, kommt ein gewisser Rainer Veil und spinnt auf fünf Tracks wunderbar mystisch-verspulten Dubs die Geschichte dieses Labels einfach weiter. Wade In ist der Track, den Burial schon länger versucht, aber noch nicht hinbekommen hat.

 

Compilations/Mixes

Galcher Lustwerk – 100% Galcher

galcher Selten beknackter Name, weshalb ich dieses Mixtape, das in der Podcast-Reihe Blowing Up The Workshop erschien, zunächst gar nicht beachtet habe. Ein großer Fehler. Denn wenn man bedenkt, dass alle 16 Tracks hier im Jahr 2012 entstanden sind und niemals auf Platte gepresst wurden, zweifelt man doch an den Ohren der Labelbetreiber. 100% Galcher führt uns nach Brooklyn und damit direkt rein in den guten alten New Yorker House-Diskurs. Kerri Chandler ist nur eine Referenz, die bei Galchers straighten, deepen Beats und den halb gerappten Vocals durchschimmert. Das andere ist ein erstaunliches Understatement, das lediglich von den nervigen “Galché Lüstwörk” Samples gestört wird. Vom Typ her ein Mix, von der Substanz her eines der besten Alben des Jahres.

Calibre – Fabriclive 68 (Fabric)

fabric136 Ich mag Drum & Bass entweder futuristisch und trocken oder aber liquid und nicht zu kitschig, weshalb die Auswahl meist schon sehr eingeschränkt ist. Calibre aus Belfast füllt schon seit Jahren diese Lücke problemlos, und das auch auf seiner ersten Fabriclive-Platte. Sehr viele eigene Produktionen und Remixe gibt es hier, aber daran merkt man auch die Beständigkeit, weil es einfach, nun ja, fließt. Das ist einfach herrlich positives D’n'B, und wenn Tracks wie Spectrasouls Away With Me auf den Kopfhörern ertönen, fahre ich auf dem Rad fast automatisch Schlangenlinien in Euphorie. Zum Ende hin wird es dann doch noch etwas härter, aber bei Calibre ist auch das immer mit einem verschmitzten Lächeln verbunden.

DJ Sprinkles – Queerifications & ruins (Mule Musiq)

queerifications Der DJ Mix von DJ Sprinkles in diesem Jahr hat mir nicht ganz so zugesagt, aber bei dieser Remix-Compilation gibt es kaum etwas zu bemäkeln – außer vielleicht die Länge: Doppelalbum, kaum ein Track unter elf Minuten. Aber dieses epische Ausbreiten gehört natürlich längst zum Stil von Terre Thaemlitz, der in den vergangenen zehn Jahren als Remixer überraschend fleißig war. Das man vielleicht wenig davon gehört hat liegt auch daran, dass hier mit Marco Bernardi oder Adultnapper nur wenige wirklich bekannte Namen auftauchen. Aus dem Ausgangsmaterial formt Sprinkles seine mittlerweile einzigartigen Soundskulpturen. Mal dubbiger, mal housiger, aber immer sind es Tracks, die niemals nach Vorne preschen, sondern die sich immer wieder drehen, sich bisweilen auf der Strecke verlieren, wiederfinden, die immer auch verwundern, Fragen stellen und einem am Ende beseelt mitnehmen in den bittersüßen House-Kosmos.

 

Aktion des Jahres

Ask Autechre Anything (AAA)

autechre_exai

Ihr wuchtiges Doppelalbum Exai war schon einige Monate draußen, als Autechre Anfang November zustimmten, im IDM-Forum von WATMM Fanfragen zu beantworten. Wo sich andere Künstler mal einen halben Nachmittag Zeit genommen hätten, haben Sean Booth und Rob Brown satte fünf Tage (und oft auch Nächte) lang Fragen beantwortet. Und zwar jede. einzelne. Frage. Am Ende waren es rund 1.500, die inzwischen alle in einem Google-Doc zu finden sind. Natürlich haben sich viele Sachen wiederholt, viele Fragen waren irrsinnig und langweilig. Doch nicht nur dürfte es die wohl größte und längste Q&A-Session der Musikgeschichte (behaupte ich mal) gewesen sein, zwischen all den Antworten zeigt sich das Duo nicht als die verkopften Kellerfrickler, sondern als durchaus witzige Kumpanen, die nicht nur einen offenen Einblick in ihr Schaffen geben, sondern immer wieder auch aus dem Nähkästchen plaudern. Ich habe den Thread über Tage hinweg verfolgt und anschließend die jüngeren Alben des Duos noch mehrmals gehört. Es schien mir, als hätte ich sie erst jetzt richtig verstanden. Sowohl die Musik, als auch die Menschen dahinter. Was für eine fantastische, wahnsinnige Aktion. Ein gelungener Abschluss zum Ende des Jahres.

In diesem Sinne: Danke für’s Lesen und einen guten Rutsch!

Titelbild: Freebase Records by Chris Himself/Flickr (CC BY 2.0)

2 Kommentare

  1. headphoneasyrider

    wunderbar, wie jedes jahr… dankeschön!

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Trackbacks

  1. [...] ausführlich und detailliert stellt thelastbeat die besten Alben und Singles aus 2013 vor. Obendrein werden auch noch Compilations, Mixes und die "Aktion des Jahres" gekürt. Unbedingt [...]

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