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29. December 2008, 02:51

Feature

Feature: Best of 2008

Und wieder geht ein Jahr zu Ende, und wieder hat man geglaubt, es wird ein schlechtes für Musik werden. Doch wenn man sich so durch die zahlreichen Jahresrückblicke klickt, die dieses Jahr ein neues Rekord-Ausmaß erreicht haben, dann kann 2008 doch gar nicht so schlecht gewesen sein, oder? Was war also los, im Jahre 2008?

Das große Thema von 2007, Copyright, ist erstaunlicherweise, von einer kurzen Sommeroffensive abgesehen, abgeflacht. Selbst die sonst so streitsüchtige RIAA will plötzlich gar keinen Downloader mehr verklagen, sondern sucht nun den direkten Kontakt zu den ISPs. Nicht so viel Glück hatten dagegen Services wie Muxtape und Qtrax, die aufgrund der fehlenden Lizenz zum Streamen von Musik geschlossen wurden.

Mit dem iPhone ist das Produzieren von Musik endgültig ein Prozess geworden, der von jedermann auch on-the-go gemacht werden kann, was die Stufe vom Amateur zum Profi wieder ein wenig kleiner macht. Ähnlich ist es auch in Sachen Blogs; im Laufe der letzten beiden Jahre hat sich ein förmlicher “Techno-Graswurzel-Journalismus” etabliert, der sich in einigen großartigen Blogs wie LWE oder Teleosteopathy bemerkbar macht, teilweise aber auch zu einem Übermaß an Informationen und leider viel mittelmäßiger Laien-Journaille geführt hat.

Und musikalisch? Schon letztes Jahr hatte sich eine neue Deephouse-Welle angekündigt, die in diesem Jahr endgültig übergeschwappt ist. Altmeister wie Jus-Ed, Moodymann und Frankie Knuckles sind bekannter denn je, aufstrebende deutsche Producer wie Manuel Tur, Sven Weisemann und Sascha Dive sorgen für einige der Überraschungshits des Jahres in diesem Bereich, auch wenn andere der ganzen Sache schon wieder kritisch gegenüber stehen.

Übergeschwappt ist auch Dubstep, und zwar von der britischen Insel auf das europäische Festland. Auch wenn die britischen Labels noch immer die Vorherrschaft haben, waren es ausgerechnet Producer aus Holland (2562), den USA (Martyn) und Rumänien (TRG), die in diesem Jahr die größten Lichtblicke setzten, indem sie Dubstep endgültig von den wobbligen Basslines befreiten, und in ein weitaus eleganteres und slickeres Outfit steckten.

Im Techno-Bereich haben sich in diesem Jahr gleich zwei wiedererstarkte Szenen zurückgemeldet auf der Landkarte, um gemeinsam an der Vorherrschaft von Berlin der letzten Jahre zu rütteln. Mit Oslo und Cécille, der Mannheim-Frankfurt-Connection, hat sich die vielleicht am meisten diskutierte Label-Achse des Jahres zu einer festen Größe der nationalen und internationalen Szene etabliert, so dass man schon in Reviews anderer Platten von einem “Oslo-Sound” spricht, und das gerade mal nach einem knappen Dutzend Releases. Ganz ähnlich ist auch im hohen Norden, nämlich in Hamburg, plötzlich wieder House in aller Munde: mit Diynamic und Smallville haben sich zwei durchschlagende Größen gefunden, die für einige der besten Releases des Jahres verantwortlich waren. Berlin kontert dagegen mit seinem Vorzeigeclub Berghain und dem damit verbundenen Label Ostgut Ton; kaum ein anderes Label hat in diesem Jahr so an seinem Mythos gefeilt und so viel Erfolg gefeiert, und sich deswegen völlig zu Recht in vielen Listen die Pole Position gesichert.

Doch neben den bekannten Namen waren es vor allem die vielen kleinen, unscheinbaren Label, die auf sich aufmerksam gemacht haben. Ob sie Workshop, Quintessentials, Ornaments, Sandwell District oder Deepvibes heißen, es sind zahlreiche neue, spannende Label aufgetaucht, die nicht mit Masse, sondern mit Klasse überzeugen konnten, was gerade in den letzten Jahres des Minimal-Überdruss nicht immer der Fall war.

Und neben Techno? Sowohl Drum & Bass als auch IDM scheinen weiterhin auf einem absteigenden Ast zu sein, Produzenten von Letzterem scheinen immer mehr in Dubstep abzudriften, wie Boxcutter und auch Scuba beweisen. Nichtsdestotrotz gab es auch hier in diesem Jahr einige exzellente Veröffentlichungen, die sich allerdings auch wieder auf den altbekannten Labeln einfanden. Nur wenige haben es geschafft, auch im Selbstvertrieb auf sich aufmerksam zu machen. Überhaupt scheint das pay-what-you-want Modell des letzten Jahres doch nicht mehr die Hoffnung zu sein, für die man es anfänglich gehalten hat. Ungeachtet dessen, kündigt zum Ende des Jahres das Proto-Netlabel Thinner an, in Zukunft primär auf bezahlte Downloads zu setzen, was die Netaudio-Szene noch immer in zwei Lager spaltet.

Es gibt sicherlich noch viel zu erzählen, aber was sich sicherlich sagen lässt, ist dass 2008 alles war, nur nicht langweilig. Und daher auch jetzt schnell zu unseren Lieblingsalben- und Singles des Jahres, wie immer in keiner bestimmten Reihenfolge, und wie immer, bis auf einige Ausnahmen, nur als Momentaufnahme zu verstehen. Enjoy.

Alben

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Shed – Shedding the Past (Ostgut Ton)

Es gibt vermutlich nichts mehr über dieses Album zu sagen, was nicht schon geschrieben wurde. Kaum ein Album hat in den letzten Jahren Techno-Nostalgie auf eine so unnostalgische Weise aufgefangen und neu aufbereitet, so futuristisch verpackt und doch es aus den enferntesten Winkeln immer wieder so bekannt hervor schimmern lassen, den Zeitgeist getroffen ohne sich jenem zu beugen. Shedding the Past ist der Soundtrack einer Stadt, einer Generation, ein Klassiker und nicht zuletzt deswegen ein Album, das in 20 Jahren in jeder Technohistorie auftauchen wird.

Kettel – Myam James Pt.1 (Sending Orbs)

Ach Kettel, wenn doch nur jeder so lekker Melodien über die bunten holländischen Tulpenwiesen wehen könnte wie du. Aber es gab kaum jemanden in diesem Jahr, der die Mischung aus sommerlich-pausbäckigen Grinsebeats, tollen Pianopassagen und über allem stehend noch einer kräftigen Brise Acid so gut getroffen hat. Ich frage mich zwar, was aus Pt.2 geworden ist, der eigentlich auch noch in diesem Jahr erscheinen sollte, aber auch der erste Teil hat meinen Sommer an mehr als einem Tag versüßt, und spätestens damit hast du dich endgültig in mein Herz gespielt. [Review]

Jóhann Jóhannsson – Fordlandia (4AD)

Fordlândia war der Versuch von Henry Ford, in den 20er Jahren im brasilianischen Urwald eine Gummifabrik zu errichten, und die eingeborenen Arbeiter dem amerikanischen Lebensstil anzupassen. Jóhannsons Album ist ein Konzeptalbum, der Soundtrack zu einer gescheiterten Utopie, die sich dem eigenen Schicksal und Imperfektion hingibt, und am Ende trotz allem wieder die Hoffnung steht, ein neuer Anfang auf den Trümmern. Klassische Musik hat dieses Jahr niemand so schön gemacht wie Jóhannsson, und wem schon beim orchestralen 13-minütigen Opener nicht das Herz schneller schlägt, der hat vermutlich keines. Große Emotionen, große Momente, große Musik.

Osborne – Osborne (Spectral)

Damals habe ich es eine Wundertüte genannt, und auch jetzt ist mir Osbornes Debütalbum immer noch nicht gänzlich aufgegangen, zu wild ist die Mischung aus treibendem Detroit-Techno, erfrischendem Vocalhouse, Instrumentals und Vocals, und es grenzt an ein Wunder, dass dennoch alles wie aus einem Guss wirkt, dass selbst die schwächeren Tracks zwischen den stärkeren in einem schillerndem Glanz erscheinen, und man sich permanent dabei ertappt mit dem Fuß zu wippen, was letztendlich das beste Zeichen für ein Dance-Album ist. [Review]

Cyne – Starship Utopia (Mooncircle)

Starship Utopia war eigentlich nur der Vorgänger für das später in diesem Jahr erschienene Album Pretty Dark Things, aber trotzdem datieren die Tracks hier anscheinend in eine andere Zeit, und sind vielleicht auch deswegen im direkten Vergleich die besseren. Cynes Beats sind immer noch unglaublich homogen und down-to-earth, lassen aber im jazzig-souligen Hintergrund immer wieder elektronische Facetten aufblitzen, während die Lyrics der beiden MCs Akin und Cise Star wieder absolut spot-on sind, und in den größtenteils melancholischen Conscious-Texten auch immer wieder die Konfrontation suchen. Lange Rede, kurzer Sinn: HipHop war selten besser in 2008. [Review]

Ezekiel Honig – Surfaces of a Broken March Band (Anticipate)

Zu keinem Album bin ich dieses Jahr öfters eingeschlafen, und das in einem positiven Sinne. Honigs mystische March Band erklingt aus dem Äther, aus dem Nirgendwo, fragmental, und doch so bekannt, so packend und organisch. Subtile Bässe umgarnen das Konstrukt aus Clicks & Cuts, gefilterten Bläsern und fragilen Vocalschleiern. In den Worten von RAs Derek Miller: “a symphony transmitted from the bottom of the sea. Cold and murky, it’s warmed by sudden currents and shifts of sediment from the ocean bed, kicking up brief flickers of light and sound that you notice whether or not you catch the disturbances that created them“. Ein fantastisches Album.

Grouper – Dragging a Dead Deer Up The Hill (Type)

Grouper ist Liz Harris aus Portland, und ihre Musik klingt so dermaßen Lo-Fi, dass man das Gefühl hat, sie hätte ihre minimalistischen Gitarrenkompositionen mit einem Diktiergerät aus dem nächsten Raum aufgenommen. Doch genau in diesem Knistern, dem rauschendem Feedback und Harris’ zerbrechlicher, gedämpfter und oft kaum zu verstehender Stimme verbirgt sich die Faszination des Albums, das einfach eine unglaubliche Intimität versprüht, und einem trotzdem mehr als einmal vor den Kopf stößt. Auf eine sanfte Weise.

Deadbeat – Roots and Wire (Wagon Repair)

Endlich hat Scott Monteith das Album produziert, dass er seit einigen Jahren ankündigt, nämlich eines, dass die Luft in seiner Berliner Wahlheimat einfängt und mit Deadbeats ganz eigenem Gespür für Dub verbindet. Und deswegen spiegelt Roots and Wire auch die Wurzeln von Deadbeat wieder, holt sich mit Paul St. Hilaire einen exzellenten Lyriker ins Boot, und verbindet das Ganze mit einer für Deadbeat fast schon ungewohnten Tanzbarkeit, die nicht nur in den Tracktiteln Berlin und dem Berghain Tribut zollt. Das Ergebnis ist umwerfend; eine Mixtur aus Echo, Bass, tiefgehenden Flächen und ausgefeilter Percussion, alles zusammengehalten von der schier grenzenlosen Reichhaltigkeit des Dub.

Move D & Benjamin Brunn – Songs from the Beehive (Smallville)

Zugegeben, mit Honey kann ich immer noch nichts anfangen, aber es sind die anderen Songs auf dem Album, die sich mit jedem Hören wie eine wärmende Decke über meine Kopfhörer legen. Songs, die so wunderbar warm sind, vielleicht weil sie einfach nur fließen und sich permanent ihren Weg ins scheinbare Nirgendwo bahnen. Brunns Gespür für Texturen und Flächen und Moufangs wiederentdeckte Liebe zum Groove machen Songs from the Beehive zu einem Album, das nicht sticht, aber genauso einprägsam ist, ein mäandernder Strom warmer Elektronika und ebenso rhytmischer wie atmosphärischer Komplexität.

Flying Lotus – Los Angeles (Warp)

Flying Lotus Musik ist wie das Einatmen eines guten Joints, es ist hypnotisierend und komplex, es eröffnet Sphären des Unterbewusstseins, die man nicht kannte, es ist schwer in Worte zu fassen, ganz einfach weil es sich jeder bestehenden Definition entzieht. Es verbindet den Cut-Up Style vo Prefuse73 mit der Düsterkeit der späten Massive Attack, und erinnert gleichzeitig an die rumpelnden Lo-Fi Beats von J Dilla und den Soul der 70er Jahre. Es ist der chaotische Soundtrack einer Metropolis im 21sten Jahrhundert – verraucht, verrucht und trotzdem faszinierend und elektrisierend, so dass sich beim Hören auch die kleinsten Härchen am Körper aufstellen.

Mrs Jynx – The Standoffish Cat (Planet Mu)

Stilistisch bewegt sich Mrs Jynx sicherlich im guten alten IDM-Bereich, mit ihren crunchigen Beats und den weiten atmosphärischen Flächen im Hintergrund erinnert sie an alte Warp und Neo Ouija Zeiten, aber trotzdem hat mich dieses Album überzeugt wie lange nichts mehr aus dieser Ecke. Vielleicht ist es einfach die Unbekümmertheit, wie hier mit der Nostalgie gespielt wird, wie verspielt hier immer wieder kleine Melodien aus der scheinbar analogen Hardware kriechen, und man sich plötzlich fühlt wie “damals”, als jede Woche eines dieser Alben aus den Schlafzimmern talentierter Nachwuchsproducer kam, von denen leider viele auch schnell wieder verschwanden. Vielleicht ist Mrs Jynx ja hier, um zu zu bleiben.

2562 – Aerial (Tectonic)

Dubstep und Techno zusammen ist vielleicht kein Dubstep mehr, das macht aber nichts, denn diese Art von Musik verdient ohnehin einen eigenen Namen. Neben Martyn ist es der Holländer Dave Huismans aka 2562, der Dubstep nicht nur über die Grenzen der britischen Inseln gehoben hat, sondern auch noch jenseits der angesprochenen Schnittstelle, denn Aerial klingt um einiges mehr nach Berlin als nach London, und ist damit eines der ersten und besten Statements dieser ganz eigenen Evolution. Musik für dunkle Fabrikhallen, bei denen immer wieder die Lichtstrahlen durch die brüchigen Wände kommen.

Anna Ternheim – Leaving on a Mayday (Sony)

Lykke Li hat dieses Jahr sicherlich den größten Crossover-Erfolg für Schwedenpop erreicht, aber Anna Ternheim ist auf ihrem dritten Album zur festen Größe gereift. Um einiges reichhaltiger, aber nicht überzogen produziert als die beiden Vorgänger, ist Leaving on a Mayday ein weiteres wunderbar schwermütiges und romantisches Popalbum, das nicht nur mit seinen abermals großartigen Texten glänzen kann, sondern auch musikalisch das zebrechliche Akustik-Gewand früherer Zeiten ablegt und mit einem neuen ersetzt, das ihr ausgezeichnet steht.

Prosumer & Murat Tepeli – Serenity (Ostgut Ton)

Es ist vielleicht vermessen zu sagen, dass Serenity das Gegenteil von Shed ist, aber dass es auf dem gleichen Label erschienen ist, ist immer noch bemerkenswert. Inzwischen haben sich auch die Tracks, die man zunächst als bloße Filler betrachtet, nicht nur in meinem Gehörgang, sondern auch in meinem Herz eingebrannt. Und genau dafür ist dieses Album gedacht – eine sehr geerdete Zusammenstellung von Housebeats mit Chicago-Anleihen, tollen Vocals und nicht zuletzt großen Emotionen. Ein Album, das öfters gehört werden will und dann langsam, aber mit jedem Mal intensiver einsickert, bis man sich selbst beim Duschen die Texte mitsummen hört.

Beat Pharmacy – Wikkid Times (Deep Space Media)

Ein Protestalbum, das man wirklich hören muss, um auch dahinter zu kommen. Brendon Moeller ist ein großartiger Produzent, und hier fließen alle seine Einflüsse aus Techno, Dub und Dubstep zusammen, und sind, auf den gemeinsamen Nenner gebracht, eine unheimlich wirkungsvolle Medizin des Beat Pharmazeutikers. Fadende Synth-Stabs, tiefe Bässe, Dub-Chords, und dazu noch die teilweise atemberaubenden Vocals von Paul St. Hilaire, Ras B und Spaceape machen dieses Album zu einer Reise in die tiefen des Bewusstseins, ohne das politische Statement außer Acht zu lassen. [Review]

London Elektricity – Syncopated City (Hospital)

Drum & Bass ist tot, lang lebe Drum & Bass! Um einiges weniger dick aufgetragen als noch der Vorgänger, weniger schrill, weniger kreischend, weniger alles und genau deswegen so viel mehr. Hospital bleibt immer noch die erste Adresse in Sachen Liquid D&B, und neben Calibre spielt keiner in diesem Genre so schön mit verschiedenen Sänger- und Sängerinnen und Live-Instrumentation wie London Elektricity, hat keiner so einprägsame Songs, die gar nicht alle unbedingt für den Club ausgelegt sind, sondern eben zuhause gehört werden wollen. Totgeglaubte leben eben doch länger.

iTAL tEK – Cyclical (Planet Mu)

iTAL tEKs Cyclical ist so etwas wie der böse Bruder von 2562s Aerial. Aus ganz ähnlichen Richtungen kommend, bewahrt sich Cyclical allerdings die Kanten und Ecken auf, die andere wegschleifen. Die Snares und HiHats sind peitschend, die Bässe intensiv, aber nicht wobbly, es knackt und knistert, es scheppert und rappelt immer wieder ordentlich im Gebälk, und man könnte sich einen unbehaglichen, futuristischen s/w-Film vorstellen, der vor der Musik abläuft. Aber anstatt in Schubladen zu denken, steckt hinter den zahlreichen Flächen auch eine ganz und gar unbemerkte Melancholie, auch wenn es eine gewisse Anstrengung auf Seiten der Hörer erfordert, um diese schätzen zu lernen.

Incise – Nobody’s Story (Phantom Sound)

Noch immer weiß ich nicht genau, wer Incise genau ist, außer dass er aus Kanada kommt und locker groovende, angejazzte HipHop Beats zusammenbaut. Die werden auf diesem Album mit den Lyrics einer Vielzahl, größtenteils unbekannterer MCs, verbunden, was insgesamt eines der wenigen HipHop-Alben des Jahres ergibt, das mich wirklich zufrieden gestellt hat. Eine Mischung aus der jazzigen Leichtigkeit eines Tribe Called Quest und der technischen Finesse von Cyne – ein prima Album zum sonntäglichen Kopfnicken bei Kaffee und Kuchen.

Twine – Violets (Ghostly)

Twine haben nach fünfjähriger Abstinenz ihr wohl schlüssigstes und kohärentestes Album abgeliefert, ihren Stil aus noisiger Elektronika, statischem Rauschen, Gitarrenloops und zahlreichen, teilweise großartigen, Stimmen und Stimmfragmenten verfeinert und ausdefiniert. Violets eröffnet in seiner knappen Stunde Laufzeit eine wunderbare Dichotomie aus Verfall und Wiederaufbau, es erzeugt ebenso Unbehagen wie ein wärmendes Gefühl, und war genau deswegen eines der Alben, auf das ich in diesem Jahr immer wieder zurückkam. [Review]

Claro Intelecto – Metanarrative (Modern Love)

Claro Intelectos zweites Album lässt möglicherweise die richtigen “Hits” vermissen, ist dafür aber als Gesamtpaket eine mehr als runde Sache, und ein weiteres Highlight im ohnehin schon großartigen Modern Love Katalog. Weniger düster als noch auf den Warehouse Sessions, aber nicht minder treibend, gerade wenn in der zweiten Hälfte Mark Stewarts Detroit-Berlin-Einflüsse deutlich werden. Die erste Hälfte glitzert im Gegenzug immer wieder wie der Tau auf den morgendlichen Wiesen, und macht das Album zu einer mehr als befriedigenden und auch immer wieder sehr emotionalen Angelegenheit. [Review]

Bvdub – Return to Tonglu (Quietus)

Obwohl es auf bloß 500 Stück limitiert ist, ist Return to Toglu mit seinen vier Tracks, aber einer Laufzeit von knapp 50 Minuten mehr als eine EP, sondern das große, aber unscheinbare Ausrufezeichen eines Künstlers, der in den nächsten Jahren noch öfters auf sich aufmerksam machen wird. Vielleicht weil seine Mischung aus klassisch-sphärischem Ambient, subtilen IDM-Beats und gehauchten Stimmen einfach so herrlich ungezwungen ist, dass man sich einfach nur in die auf dem Cover dargestellte Weite treiben lassen möchte.

Air France – No Way Down (Sincerely Yours)

Die EP des Duos aus Schweden enthält nur knappe 23 Minuten Musik, aber die ist dafür der perfekte Soundtrack für das Ende eines Sommerurlaubs, eine kleine Pop-Symphonie in sechs Akten, mit einer wärmenden Melancholie, tollen Melodien und einer ganzen Armada an Instrumenten und seltsamen Sounds versehen, die mich nicht selten an die Avalanches erinnern, und mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. [Review]

Extrawelt – Schöne Neue Extrawelt (Cocoon)

Es gab einige Technoalben dieses Jahr, und die Wahl des Besten fällt mir schwer, aber Extrawelt haben es zumindest geschafft, auf Albumlänge nicht nur ein Konzept von morgendlicher Sonnenaufgangsstimmung und futuristischer Endzeit durchzuziehen, sondern auch den individuellen Titeln genug Punch zu geben um sie dauerhaft interessant zu halten. Die Tracks zeigen immer wieder vielschichtige Melodien und ein großes Gespür für Pausen und weite Klangräume, was vielleicht auch an der Trance-Sozialisation des Hamburger Duos zusammenhängt, ohne aber eine gewisse Schroffheit vermissen zu lassen.

Jay Dilla – Jay Love Japan (Operation Unknown)

Posthum veröffentlichte EP, die mit gerade mal 20 Minuten Laufzeit bei neun Tracks Dillas Produktionstechnik trotzdem sehr gut einfängt, und mit Feel the Beat und Can’t You See zum Ende hin fast zum Weinen schön ist, so dass man immer wieder daran erinnert wird, wie sehr man diesen Ausnahmeproducer doch vermisst, und man sich wünscht, die Tracks würden nicht nur je zwei Minuten lang sein. [Review]

Auch gut:

Christian Prommer’s Drumlesson – Drum Lesson Vol.1
Minotaur Shock – Amateur Dramatics
Matthias Tanzmann – Restless
Hauschka – Ferndorf
Little Dragon – Little Dragon
Rudi Arapahoe – Echoes from One to Another
Neil Landstrumm – Lord for 39
Monika Kruse – Changes of Perception
Minilogue – Animals
The Last Shadow Puppets – The Last Shadow Puppets
The Black Dog – Radio Scarecrow
Atmosphere – When Life Hands You Lemons…
Near the Parenthesis – L’Eixample
Headhunter – Nomad
Gang Gang Dance – Saint Dymphna
The Notwist – The Devil, You + Me

Singles

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Morgan Geist – Detroit (Environ)

Vergesst die mittelmäßigen Carl Craig Remixe, das Original ist der Gewinner hier. Wenn nach drei Minuten diese Synths einschlagen, wird mein persönliches musikalisches Highlight des Jahres wahr, ganz abgesehen davon, dass Jeremy Greenspans Vocals absolut gorgeous sind. Track des Jahres! [Review]

Ane Brun – Headphone Silence Remixes (Objektivity)

Ane Brun, die schwedische Sängerin im Henrik Schwarz Remix, der nochmal von Dixon und Dennis Ferrer durchgeschüttelt wird. Was soll ich sagen, es ist ein Gedicht, eine Hymne, ohne die dieser Somme nur halb so schön gewesen wäre. Auch im strömenden Regen auf dem Melt! ein wahrer Sonnenschein. [Review]

Guillaume & The Coutu Dumonts – I Was On My Way to Hell (Circus Company)

Der Proto-Preachertrack des Jahres, versehen mit einem drängenden Groove, der sich mit der fieberhaft steigenden Intensität der Lyrics langsam aber sicher durch zu den Toren der Hölle schiebt. Und das klang selten besser. Play it loud!

Heartthrob – Signs (M_nus)

Nicht nur die erste M_nus Single seit langem, die ich mag, sondern einfach ein ziemlich klaustrophobisch vor sich hin zuckender Technoschieber, der sich erst auf einer wirklich guten Anlage richtig entfalten kann, dann aber auch einschlägt wie nichts. [Review]

Stimming – Kleine Nachtmusik (Buzzin’ Fly)

Für mich immer noch einer der besten Tracks des Jahres. Understatement par excellence und doch so unglaublich dicht, so perfekt akzentuiert und fesselnd; ein Track, den man mehrmals hören muss bis man dahinterkommt. [Review]

DJ Koze – Let’s Love/I Want To Sleep (IRR)

Die Vocals der B-Seite, über deren Ursprung Kosi schweigt wie ein Grab, gehören wohl zu den bekanntesten des Jahres, und sein vielleicht minimalster Track seit Jahren wurde ein Über-Hit, der mit dem nicht minder wunderbaren Let’s Love auf der A-Seite nur noch abgerundet wird.

Matias Aguayo – Minimal (Kompakt)

Achja, Matias Aguayos augenzwinkernder Abgesang auf Minimal war nicht nur deswegen einer der Tracks des Jahres, weil er von vielen komplett missverstanden wurde, sondern weil er vor allem im Remix von DJ Koze einfach einer der schönsten balearischen Sommer-House-Schunkler war, bei dem Grinsen einfach Pflicht ist.

MyMy – Everybody’s Talking (Playhouse)

Meiner Meinung nach besser als die zuvor erschienene Southbound, ist der Titeltrack hier einer der am locker wippendsten Tracks des Jahres, elegant groovend und trotzdem mit einem unbändigen Drive nach vorne, alles vollstreckt mit einer kräftigen Portion Funk. Alles, was Lee Jones dieses Jahr angefasst hat, wurde zu Gold. [Review]

Ray Valioso – Particles (Real Soon)

Es gab viele Deephouse Platten in diesem Jahr, aber Agnès hat unter dem Alias Ray Valioso eine der Besten gemacht. Vielleicht weil er neben der südamerikanisch-anklingenden Percussion und den Jazzdrums trotzdem noch genug Platz für den Groove findet, der auf dem jedem der vier Track so locker leicht rüberkommt wie ein guter Cocktail in der Abendsonne. [Review]

Stimming & Einmusik – Mesdames (Diynamic)

Stimming diesmal mit seinem Hamburger Kollege Einmusik, zwei absolute Killertracks, die beiden Damen hier, die trotz des einschlagenden Grooves so leicht aus der Hüfte schwingen, und mir mit ihren Breakdowns zwei meiner Lieblings-Hände-in-die-Luft Momente des Jahres besorgen. Hamburg at its best!

Andomat 3000 – Cognitive Dissonance (Cécille)

Andomats Tracks sind immer etwas hektisch und nervös vor sich hin zuckend, haben aber stets eine sehr verspielte und sympathische Aura. Cicl? ist einer der schönsten weil nerdigsten Strut-Kopfnicker des Jahres, und Vertical Smile gleichzeitig einer der besten Dancefloorschieber. [Review]

IMPS – Remixed Vol.2 (Mule)

Vielleicht etwas übertrieben die hier aufzulisten, aber der Strategy Remix von Minilogues Nebenprojekt war einer der schönsten Funk-Schaufler, der mir 2008 untergekommen ist, und auch der Remix von Isolée kann sich hören lassen. [Review]

Lee Jones – Soon (Aus)

Wenn schon nicht das Album von Lee Jones, dann muss doch wenigstens MDMAzing in dieser Liste auftauchen. Dieser wunderbar angetrancte Melodiensprüher ist hier nämlich auf der B-Seite zu finden, und ist genau deswegen ein Pflichtkauf.

Wareika – Impulse (Connaisseur)

Kaum ein Track hat sich so wunderbar aufgebaut und wieder dekonstruiert, so viele Ideen in einen Topf geworfen, dass es an ein Wunder grenzt, dass die ganze Mischung nicht hochgeht, sondern einfach nur perfekt abgeschmeckt wirkt. [Review]

Robert Dietz – Shunsower (Cécille)

Split-EP mit Markus Fix, dessen Track mich aber nicht umhaut. Robert Dietz’ Verwendung des Kinderchors der Original Savannah Band allerdings schon, den er wunderbar durch die Regentropfen prasseln lässt und in einen unwiderstehlichen Groove packt.

Soundstream – “Live” Goes On (Soundstream)

Die Cut-Up Piano-Stabs des Titeltracks sind schon ein Zeichen zum Aufhorchen, aber auf der B-Seite versteckt sich mit Dance With Me hinter einer pumpenden Bassdrum, cineastischen Streichern und Bläsern die schönste Aufforderung zur zweitschönsten Nebenbeschäftigung der Welt – richtig, dem Tanzen.

Luna City Express – Seven (Moon Harbour)

Und nochmal Agnès, diesmal in einem fantastischen Dub House Remix des Titeltracks, der mit einer nicht minder ansteckenden Live-Improvisation des Luna City Express Duos noch verschönert wird, und damit eine exzellente Abendbegleitung liefert. [Review]

Ricardo Villalobos – Enfants (Sei es Drum)

Zugegeben, einen hohen Sättigungswert hat diese Platte, aber als ich Ellen Allien gehört habe, wie sie über die volle Länge und geschätzte drei andere Tracks diese Chants legte, konnte ich den hypnotischen Charakter dieses Tracks nicht mehr abstreiten.

Dakar – I’ve Got That Feeling (Get Physical)

Für mich mit Ane Brun und Morgan Geist die schönsten Vocals des ganzen Jahres. Ein elegant vor sich hin wippender Groove zum mitsingen und mitschwelgen, und eine wunderbare Liebeserklärung an seine/n Liebste/n und Housemusik obendrein.

Martin Buttrich – I Lost My Wallet (Cocoon)

Die meisten haben Buttrich dieses Jahr vermutlich nur über das (überbewertete) Album von Loco Dice gehört, aber auf dieser 12″ hat er heimlich zwei seiner besten Tracks überhaupt veröffentlicht, die sich beide ordentlich an den Synths bedienen.

Jimpster – Dangly Panther (Freerange)

Manche mochten diese Platte überhaupt nicht, ich finde den Beat immer noch einen der ansteckendsten Tech-House-Kracher des Jahres, und auch die beiden Remixe von Audiomontage und Joris Voorn sind exzellent, ebenso wie die Compilation von Freerange, worauf dieser Track auch zu finden ist.

TRG – Broken Heart (Remixes) (Hessle Audio)

Broken Heart im Martyn Remix ist einer besten Dubstep Tracks des Jahres – tighte Garage-Percussion und sich tief in den Gehörgang einbohrende Strings sorgen für den perfekten Gefühls-Rollercoaster, und auch die Stakkato-Beats des Ramandanman Remix haben ihren Charme.

Manuel Tur – Vabanque (Freerange)

Ein griffiger Vocal-Hook und ein für Manuel Tur fast schon dringlicher Groove machen Vabanque zu einem wirklichen Hit. Dass Stimming hier im Remix ran darf, und auch Girardet auf der Flipside nochmal in den Upbeat eintaucht, macht die Sache nur noch besser.

Martyn – Natural Selection (+Remixes) (3024)

Das Original erinnert mich fast an Burial, und bei den Remixen dürfen niemand anderes als Flying Lotus und 2562 ran – was soll da noch schiefgehen? Wunderbar deep-futuristischer Dubstep.

Auch gut:

Ada – Forty Winks (IRR)
Einmusik – Ammond (Italic)
Class71 – Seaphone (Four:Twenty)
Pangaea – You & I (Hessle Audio)
Kate Simko – She Said (Spectral)
Tadeo – Cosmos Remixes (Apnea)
Scuba – A Mutual Antipathy Remixes (Hotflush)
Mara Trax – It Got Me Funk (Oslo)
ZanderVT – Get Up (Bpitch)
Tolga Fidan – All Pleasure is Relief (Vakant)
Hercules & Love Affair – Blind (DFA)
ZoeXenia – Uncovered (Connaisseur)
Deadbeat – Take Me Back To London Town (Cynosure)
Brendon Moeller – Elektricity (Leena)
DeWalte – Hide and Seek (Kalk Pets)
Till von Sein – Sein Days (Morris Audio)

Compilations & Mixes

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DJ /Rupture – Uproot (Agriculture)

Uproot enthält Tracks, die niemand außer /Rupture mixen würde, geschweige denn überhaupt auftreiben könnte. Sein fast schon einmaliges Gespür für unbekannte Tracks verschiedenster Stilrichtungen, das perfekte Mixing, das hier diesmal in Form von bloß zwei Decks geschieht, der Mut, Tracks zu spielen, die sich aneinander aufreiben und genau deswegen so gut ergänzen, eine Reise, die mit tiefen Bässen, Dubs und Breaks beginnt, zwischendurch in eine Streicher-Symphonie von Ekkehard Ehlers abdriftet, und sich zum Schluss gänzlich dem hypnotischen Ambient ergibt – Uproot ist durchgängig fantastisch, es ist die Arbeit eines DJs, der vor allem Musikliebhaber ist, und nebenbei noch wirkliche Skills an den Turntables hat.

Appleblim – Dubstep Allstars Vol6 (Tempa)

Appleblim hatte ein ausgezeichnetes Jahr, was sicherlich auch dieser Mix-CD zu verdanken ist, die zusammen mit seinem Mix für Rinse.fm zu den besten des Jahres gehört, nicht wegen des Mixings, sondern vor allem weil die Mischung der Tracks mehr an der Schnittstelle von Techno und Dubstep feilt denn je, und man mit Tracks von Pangaea, TRG, Komonazkuk und Martyn auch noch einen Rundumschlag der neuen Dubstep-Generation präsentiert bekommt, der seines Gleichen sucht in diesem Jahr.

VA – Soundboys Gravestone Gets Desecrated… (Skull Disco)

Schon die letzte Compilation tauchte in unserem Jahresranking auf, und dieses Mal, weil es sowohl das letzte Release auf Skull Disco überhaupt ist, und weil es einfach ein Manifest des Labels ist, das mit den Produktionen von Appleblim und Shackleton, deren Original-Songs hier auf einer CD zusammengefasst werden, während die andere die gesammelten Remixe von u.a. T++, Pole und Brendon Moeller enthält, eine ganz eigene Soundästhetik etabliert hat, die in dieser Form einfach niemand sonst macht. Möglicherweise hat sich dieser Sound schon erschöpft, und man zieht deswegen die Reißleine, aber auch in einigen Jahren wird man immer wieder hier dauf zurückkommen.

VA – Diaspora: Cottage Industries 5 (Neo Ouija)

Neo Ouija ist zurück mit einer Doppel-Compilation, die entgegen aller Erwartungen nicht nur klassische IDM-Songs enthält. Die gibt es in Form von Tracks von Sense, Pridon und Seven Ark zwar auch, aber ebenso gibt es wunderbar heimelige Tracks von Benjamin Brunn, Move D und Maps & Diagrams, dubbige Elektronika von Fluxion und Remote, sowie kleine Dubstep-Exkursionen von 2562s Nebenprojekt A Made Up Sound. Insgesamt 30 Tracks, die durchgängig hörbar – und noch wichtiger – auch durchgängig befriedigend sind, ohne dabei auch nur einmal langweilig zu werden. Wunderbare Musik, um das winterliche Treiben aus dem Fenster zu beobachten.

Justin Martin – Chaos Restored 2 (Buzzin’ Fly)

Es gab einige exzellente Mix-CDs in diesem Jahr (siehe unten), aber irgendwie war es Justin Martins Chaos Restored 2, zu dem ich öfters zurückgekommen bin, auch wenn er kein Statement hat wie der Mix von Marcel Dettmann oder ein Konzept wie Metro Areas Disco Fabric-Mix, sondern weil er vielleicht mit seinem Remix von Radiohead und Tracks von Stimming, Koze, Kreon & Lemos und Einmusik einfach genau meinen diesjährigen Geschmack getroffen hat, und dabei einen durchgängig unterhaltsamen und abwechslungsreichen Mix zaubert, zu dem ich uneingeschränkt tanzen könnte, und darauf kommt es schließlich an.

Auch gut:

Marcel Dettmann – Berghain 02
Wighnomy Brothers – Metawuffmischfelge
Efdemin – Carry On, Pretend We are not in the Room
Metro Area – Fabric 43
Robert Hood – Fabric 39
Oliver Huntemann – Play 02/Live in Paris
Jay Shepheard – Compost Black Label Series Vol.3
VA – Computer Incarnations for World Peace II
VA – Freerange Colour Series Vol.5
VA – Kompakt Total 9
VA – Diynamic: Saturday I’m in Love

Label

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Diynamic

Kein anderes Hamburger Label, auch nicht Smallville, konnte dieses Jahr einen Durchbruch feiern wie Diynamic. Das Label rund um Solomun, der zusammen mit Stimming an einem Großteil der Releases beteiligt ist, hat seine eigene Ästhetik und Soundidee sorgfältig entwickelt und beibehalten, und der Hamburger Szene ein Sprachrohr gegeben, mit dem man inzwischen auch die Hörer in anderen deutschen Städten erreicht und zum Tanzen bringt.

Oslo/Cécille

Dass ich die beiden Labels zusammen nehme, hat nicht nur damit zu tun, dass beide zwischen und Frankfurt und Mannheim eine der blühendsten Achsen des letzten Jahrzehnts gebildet haben, sondern vor allem deshalb, weil beide auch für einen ganz eigenen, prägnanten Sound im deutschen Technobereich stehen, der innerhalb des letzten Jahres in den Clubs rund um die Welt einen Namen gemacht hat, und auch den Protagonisten zum verdienten Durchbruch verholfen hat. Das, und weil ein bisschen Lokalpatriotismus natürlich auch sein muss ;)

Circus Company

Als ich im Frühjahr mit Vera sprach, hat sie Circus Company als ein Label bezeichnet, von dem man nie weiß, was man auf den Plattenteller serviert bekommt. Das stimmt auch, kaum ein anderes Label ist so unberechenbar im Sound wie dieses aus Paris. Dass dabei auch noch Namen wie Dave Aju, MyMy, DOP, Seth Troxler und Guillaume zu den Künstlern gehören, macht die Sache noch bemerkenswerter, gerade wenn letzterer einen der Tracks des Jahres auf eben diesem Label veröffentlicht hat. Darauf, dass auch der nächste Besuch im Plattenladen wieder eine Überraschung aus Paris bringt!

Hessle Audio

Hessle Audio oder Hyperdub, das wären die Dubstep-Label-Favoriten in diesem Jahr gewesen. Wieso also die Entscheidung für den Newcomer? Ganz einfach weil es in den sechs Releases, die es erst gibt, nicht ein Miss dabei ist, und noch besser, fast nur Hits zu finden sind! Pangaeas You and I gehört ebenso zu den besten Dubstep Tracks des Jahres wie TRGs Broken Heart im Remix von Martyn und Labelhead Ramadanmans Blimey. So viel Qualität in so kurzer Zeit muss einfach belohnt werden.

Ostgut Ton

Dass Ostgut Ton und das Berghain in Berlin nahezu nahtlos miteinander verknüpft sind, merkt man an den Namen, die hier veröffentlichen, die fast ausnahmslos Residents im legendären Club sind. Was sich unter jenen für ein schier unglaubliches Spektrum an Sounds, Ideen und Qualität befindet, machen nicht nur die beiden Alben von Prosumer/Tepeli und Shed deutlich, sondern auch die Mix-CD von Marcel Dettmann, die wie keine andere (wie sollte es auch sein) diesen Sound eingefangen hat. Das nächste Album kommt von Ben Klock, und man kann fast sicher davon ausgehen, dass es wieder einmal einschlagen wird, wie alles, was aus dieser Keimzeller momentan kommt.

Producer

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Stimming

Hamburg und House, das hat dieses Jahr einfach gepasst. An dieser Stelle könnte auch Solomun oder Einmusik stehen, aber über das gesamte Jahr gesehen hatte Stimming vielleicht nicht die meisten, aber die prägendsten Tracks produziert. Tracks, die einen ganz eigenen, sehr lebhaften und quirligen Charakter haben, aber trotzdem immer ein wenig Understatement zeigen, und genau deshalb so ungemein sympathisch sind.

Brendon Moeller

Brendon Moeller hat schon in den letzten Jahren als Echologist und Beat Pharmacy eine gute Handvoll Alben veröffentlicht, aber erst in diesem Jahr hat er mit seinen Dub-durchfluteten Produktionen auch auf Labels wie Connaisseur, Leena und Apnea endgültig auch den Dancefloor erobert. Eine späte Belohnung für den umtriebigen und abwechslungsreichen Produzenten, die sich hoffentlich auch im nächsten Jahr wiederholt.

Move D

Keine wirkliche Überraschung, aber Move D erlebt seit letztem Jahr nicht nur seinen zweiten Frühling, sollte er denn jemals weggewesen sein, sondern er hat gezeigt, dass er auch nach all den Jahren noch auf der Höhe der Zeit ist Nicht nur das, sondern er ist sogar maßgeblich daran beteiligt, den Zahn der Zeit neu zu definieren. Kaum ein anderer hat die House-Landschaft in den letzten beiden Jahren so beeinflusst ohne auch nur einmal laut zu werden. Und das verdient Respekt.

DJ Koze

Ebenfalls keine Überraschung, aber wie kann man einen Mann außer acht lassen, der sowohl als DJ, mit seinen eigenen Tracks und auch mit seinen Remixen in den meisten Bestenlisten des Jahres auftaucht, ohne überhaupt ein Album gemacht zu haben? Richtig, man kann es nicht, und genau deswegen ist Kosi nicht nur bekannter wie der gern zitierte bunte Hund, seine Musik ist nicht viel farbloser, und genau deswegen lieben wir ihn.

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Das war 2008, wir haben sicherlich eine Menge vergessen oder verpasst, aber das schöne an Musik ist ja, das sie zeitlos ist. Einen guten Rutsch ins neue Jahr, feiert nicht zu viel! ;)

13 Kommentare

  1. Matthias

    Wow, das war der bisher beste, zumindest aber authentischste Jahresrückblick, der mir untergekommen ist. Und der umfangreichste, der in einem Blog zu lesen war. Hut ab!

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  2. Eikman

    @Matthias: danke, jetzt weißt du auch, was ich über die feiertage gemacht habe ;)

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  3. Carsten

    Jetzt habe ich keine Lust mehr, einen Jahresrückblick zu schreiben. Dagegen kann man ja nur abloosen ;)

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  4. Eikman

    das gleiche hast du letztes jahr auch gesagt :p

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  5. Carsten

    Ach, verdammt.

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  6. Saint

    Klasse Rückblick, auch wenn Du mir einige Platten des Jahres im Vorab geklaut hast. Die gibts bei mir erst Morgen. :P

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  7. teleost

    I am going to listen to that Mrs Jynx album on the basis of that name/cover alone.

    This blog is definitely helping me practice my german in the most enjoyable manner possible – thank you, and I’m looking forward to the next year’s posts too.

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  8. Eikman

    @teleost: cheers mate, i really like reading your blog, too (as you might have figured :). keep up the good work!

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  9. sma

    besten dank für den umfassenden rückblick! gerade bei den alben war einiges dabei, dass ich noch nicht kannte und auch sonst in keinen listen gefunden habe. ich glaub, ich werd mir gleich mal das album von air france anhören. :-)

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  10. Gregor

    Auch von mir ein Dankeschön für deine umfangreiche Aufarbeitung. Den Dingen ist nachzugehen. Cheers und alles Gute für 2009.

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Trackbacks

  1. [...] so dass eigentlich alles Relevante zu 2008 aufgeschrieben sein dürfte. Zum anderen gibt es derart ausführliche und kompetente Rückblicke, dass man sich kaum noch traut, die Tastatur anzufassen. Und schließlich ist da noch das Problem [...]

  2. [...] Hinsicht war 2009 ein seltsam stagnierendes Jahr, das kaum wirkliche Innovationen bereithielt. Noch letztes Jahr habe ich vom Deephouse-Revival gesprochen, das sich auch in diesem Jahr fortgesetzt hat, auch wenn [...]

  3. [...] auf Dillas Believe in God, das im letzten Jahr bereits auf der Jay Love Japan EP (einer unser Favoriten) herauskam, und hier den perfekten Backdrop für eine gefühlvolle Hommage an den verstorbenen ODB [...]

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