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15. November 2005, 20:48

Tägliches

Dürrenmatt – Der Auftrag

Im Forum von duerrenmatt.net hat am 16.9. ein gewisser, und offensichtlich literarisch frustrierter, Benno Köppel folgendes geschrieben:

ihr seit so deppart…. würdet euch lieber mit der zeit von heute befassen als solchen blödsinn freiwillig lesen und sogar noch studieren!!!

Ich kann ihn nicht verstehen, Dürrenmatt ist doch toll. Deswegen folgt hier auch eine Kritik seiner späten Novelle Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachtens der Beobachter, die im Rahmen eines Seminars zu ‘Neuen Novellen’ entstanden ist.

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Der beobachtete Leser
Friedrich Dürrenmatts „Der Auftrag“ – Kriminalnovelle im Philosophengewand

Über 50 Jahre ist es her als mit Der Richter und sein Henker und Der Verdacht die ersten und gleichzeitig bekanntesten Kriminalromane von Friedrich Dürrenmatt erschienen sind. Was ihn schon damals vom normalen Kriminalromanschreiber unterschied, war die Art wie es ihm gelang die Genre-typischen Grenzen nicht bloß zu umgehen, sondern gänzlich außer Kraft zu setzen, dem Kriminalroman eine völlig neue Dimension zu geben; bei Dürrenmatt ging es nie bloß um die Aufklärung eines mehr oder weniger profanen Verbrechens, sondern immer um einen größeren Prozess der Aufklärung des Lesers im Hinblick auf gesellschaftliche und gesellschaftskritische Phänomene, es ging um weit mehr, als auf der jeweiligen Textebene zu finden war.

Knapp 40 Jahre nach Der Richter und sein Henker kehrt Dürrenmatt zurück zu seinen kriminologischen Wurzeln. In seinem Spätwerk Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachtens der Beobachter verpackt Dürrenmatt erstmals eine Kriminalgeschichte in die Form einer Novelle, ohne dadurch von seinen Prinzipien abzuweichen, sondern diese in einem einzigen sprachlichen Kunststück noch zu verfeinern.

In der Wüste wird die entstellte Leiche einer Frau gefunden, offensichtlich die Frau des angesehenen Psychiaters Otto von Lambert. Dieser trifft bei der Beerdigung auf die ehrgeizige Filmjournalistin F., und bittet sie, sich mit der Aufklärung des Mordfalles zu beschäftigen. Zur Überraschung ihres Teams nimmt F. den Auftrag an, und begibt sich selbst in die Wüste. Was sie erwartet übersteigt ihre Erwartungen ebenso wie ihre Bedenken; Im Verlauf ihrer Untersuchungen sie wird zur Figur eines undurchschaubaren gesellschaftlichen Schachspiels, hin- und hergerissen zwischen Politik, Korruption und vermeintlichen Freunden verstrickt sie sich immer mehr in Gegensätzlichkeiten, bevor sie am Ende selbst zum Objekt einer Untersuchung wird.

Form und Inhalt manifestieren sich in der sprachlichen Eigentümlichkeit, die sich bereits im Untertitel ankündigt: Novelle in 24 Sätzen. Nachzählen ist überflüssig, es sind in der Tat nur 24 Sätze, jeder Satz ein Kapitel, die zur aufmerksamen Lektüre zwingen, damit im Redefluss kein Detail verloren geht. Aber es ist genau dieser Rede- und Textfluss, dieses hektische, rastlose, aber doch immer miteinander verknüpfte Puzzlespiel, dass die Eigendynamik der Novelle bewirkt. Ebenso wie die namenlose Protagonistin in immer engeren Kreisen ihrem Schicksal entgegensteuert, werden auch die Kapitel immer dichter, die Lesegeschwindigkeit nimmt gegen Ende drastisch zu, und das obwohl die Novelle auf typisch kriminologische Höhepunkte verzichtet. Der bewusst unübliche Schreibstil selbst trägt dagegen zur Spannung bei, ebenso wie die sich ständig drehende und wendende Handlung. Die Sprache lebt von ausführlichen, jedoch nie ausschweifenden, Beschreibungen ebenso wie von ausgeklügelten philosophischen Denkprozessen der Figuren.

Diese Denkprozesse in Der Auftrag liegen der Phänomenologie der Beobachtung zugrunde, genauer gesagt: Beobachten und beobachtet werden. Im Verlauf der Geschichte nehmen alle Personen sowohl die Position des Beobachters als auch die des Beobachteten ein, zumeist ohne sich dessen bewusst zu sein. Jede Figur wird so auf dem imaginären Schachbrett konsequent hin- und hergeschoben. Die Folgen dieses philosophischen Ansatzes sind mehr als ein bloßes Verwirrspiel für den Leser, die Geschichte ist vielmehr eine gekonnt komponierte Parabel über die heutige Zeit, über Digitalisierung und die Zeitlichkeit der Welt. Dürrenmatt wäre nicht Dürrenmatt, wenn sich nur die namenslose Protagonistin ihrer Position ungewiss wäre, es geht hier auch um den Leser, der beim Lesen der Novelle in einen Spiegel schaut, und in dieser Selbstreflexion ebenfalls vom Beobachtenden zum Beobachteten wird.

Wie schon vor 50 Jahren überschreitet Dürrenmatt die Grenzen der Kriminalgeschichte und packt sie, mit sprachlicher Finesse, in ein Gewand philosophischer und gesellschaftskritischer Ideen. Wer einen einfachen Krimi sucht, dürfte enttäuscht werden, aber wer darauf Wert legt, auch nach der Lektüre noch zum Nachdenken angeregt zu werden, findet in Der Auftrag ein inspirierendes Zusammenspiel zwischen Inhalt und Form. Ein Highlight in Dürrenmatts Spätwerk.

Friedrich Dürrenmatt: Der Auftrag. Novelle, 133 S. (Diogenes, 1988)