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28. February 2005, 00:42

Positionen

Deutschpop Revisited

Im Zuge des Bundesvision Songcontest konnte sich das Blatt der mitte-sechzig Alt-Akademiker, namentlich die FAZ, natürlich nicht mit ihrer Meinung zurückhalten, und hat den Ex-Spex-Chefredakteur Dietmar Dath angesetzt um dem Deutschpop mal so richtig auf die Füße zu treten.
Das ganze Ergebnis ist ziemlich peinlich und kann in seiner vollen Pracht hier nachgelesen werden.

Zusammenfassend geht es in dem Artikel darum, dass die aktuellen deutschen Chartstürmer singen wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, etwas, dass nach der Ansicht des Autors ein sofortiges Sing- und Textverbot mit sich ziehen sollte. Er beginnt seine Exegese gleich mit einem Paukenschlag:

In ihrem größten Hit reimt die junge deutsche Band „Juli” kurzentschlossen „vorüber” auf „über”, weil das tatsächlich sehr ähnlich klingt, aber dafür auch „Augen” auf „glauben” – man kann’s ja nuscheln.

Was sagt uns das? Anscheinend muss man reine Reime verwenden um gute Musik zu machen, oder zumindestens um einen gewissen Anspruch zu wahren. Demnach wäre dann auch der für den Literatur-Nobelpreis nominierte “Godfather of Nuscheln” Bob Dylan ein Stümper, da er in seinem Klassiker “Like A Rolling Stone” doch tatsächlich “own” auf “unknown”, und “babe” auf “made” reimt. Aber haaaalt, stop, hier geht es ja ausschließlich um deutsche Musik, also lassen wir das Englische einfach aussen vor!
Denn überhaupt ist das Englische “mit seinen vielen kleinen und kurzen Wörtern” ja ohnehin eine zweitklassige Sprache, denn sie erlaubt dadurch schlechten Dichtern oder Rappern zumindest das Veranstalten aufwendiger Ablenkungsmanöver. Dass hier Rapper mit schlechten Dichtern gleichgesetzt werden sagt eigentlich schon alles über die persönlichen Präferenzen des Autors aus, der anscheinend verpasst hat welchen Einfluss die Rap-Kultur in den 90er Jahren auf die gesamte Musikgeschichte hatte.

Wo schlechte Reime sind, dürfen schlechte Metaphern nicht fehlen:

Die Metaphern, die das Album „Es ist Juli” drum herum versammelt, sind ähnlich riskant: Zweifel „schäumen über”, Licht „greift um sich” – patsch! -, und insgesamt reizt die da versammelte wilde Lyrik – „Ich weiß, daß alles in dir schreit / Weil gar nichts von mir bleibt” – vor allem zum Kichern [...]

Dass er dann selbst einige Absätze weiter unten von überbordender Gärten und Hecken der Syntax spricht reizt vor allem mich zum Kichern – ja, wer kennt sie nicht, die “Hecken der Syntax”, und wer hat sich nicht auch schon mal im Unterholz der Strukturbäume verfangen?

Die oben angeführte sprachliche Inkompetenz kann laut Dath ja eigentlich nur daraus resultieren, dass Bands ohne Rücksicht auf Verluste auf die Öffentlichkeit losgelassen werden. Und auch wenn im Jahr 2005 Casting-Shows, und die daraus entstehenden Produkte mit geringer Haltbarkeit, eigentlich keinen Teenager mehr schocken kann man natürlich trotzdem noch prima darüber herziehen:

Die Bandmodelle, die dort hausen, sind von einer Vielfalt, daß der Verdacht sich rechtfertigen läßt, dieser Teich sei an einem öden Montagnachmittag am Reißbrett entworfen und dann künstlich besiedelt worden: Bei „Mia” [Juli, Silbermond] singt eine Frau fruchtigen Deutschpop, tritt keck auf und wird von Typen umrahmt, die vielleicht sogar in Clubs gehen.

Abgesehen davon dass ich nicht verstehe warum die Jungs in den erwähnten Bands nicht in Clubs gehen sollten, ist es ja ironischerweise gerade so, dass genau diese drei Bands mal ausnahmsweise nicht gecastet wurden, sondern sich doch tatsächlich auch schon vor der perfekten Deutschpop-Welle kannten, und vielleicht sogar mal ein Konzert ausserhalb von ‘The Dome’ gaben. Und überhaupt – ist die Kombination aus Männerband + Frontfrau wirklich so neu?

Weiterhin vergleicht Dath Lieder mit Gedichten, ein Vergleich, der nicht neu ist, aber wie wir weiter unten sehen werden auch mit Vorsicht zu genießen ist.

Robert Frost hat zu Recht geschrieben, daß man bei einem Gedicht nicht darauf warten muß, wie es sich über die Jahre hält, um herauszufinden, ob es von Dauer ist, weil man das nämlich auf den ersten Blick sieht: Der bleibende Wert des Gedichts liegt gerade in seiner Bedeutung für den Augenblick. Gerade deshalb und gerade im Deutschen muß man den einleuchtenden Tonfall aber eben manchmal auch lange suchen.

Ich sehe das etwas anders – denn wenn eine Band die, wie Juli, 400.000 Platten verkauft, keine Bedeutung für den Augenblick hat weiss ich nicht wer diese Bedeutung dann haben soll. Fakt ist, dass der Erfolg den Bands Recht gibt, und dass sich dieser Erfolg, mal alle qualitativen Aspekte der Musik ausser Acht gelassen, durchaus positiv auf die hinkende deutschsprachige Musikszene ausgewirkt hat.

Wer sich vor lauter Kopschütteln bis zum letzten Absatz noch nicht das Genick gestaucht hat bekommt dann auch noch etwas über die “öffentliche Lyrik” erzählt, wobei Dath das Kunstück gelingt in nur drei Zeilen viele tolle lange Wörter wie “Protektionismus und Nationalchauvinismus”, “medieninterne Konzentrationsprozesse” und “Zweig- niederlassungen der Medienmonopolisten” unterzubringen. Denn lange Wörter sind gute Wörter. Und so deutsch.

Anscheinend hat Dath irgendwie vergessen dass es bei Musik um mehr geht als korrekte Grammatik und passendes Vokabular, dass ein Lied auch durchaus gut sein kann wenn die Satzstruktur mal etwas holprig ist, und dass es bei Liedern im Gegensatz zur Lyrik ja auch noch die Musik gibt.
Die Behauptung, deutsche Sprache sei aufgrund ihres Wesens an sich schwieriger handzuhaben und bedarf besonderer Vorsicht ist wohl der eigentliche Gipfel der Deutschtümelei; Man kann Musik(texte) aus allen erdenklichen Sprachen analysieren und man wird zwangsläufig feststellen, dass es überall die gleichen Fehler, syntaktische Unstimmigkeiten und wilde Metaphern gibt. Vielleicht fällt es uns als Muttersprachler bei deutscher Musik einfach mehr auf, aber letztendlich ist es doch gut so, dass man für Musik kein abgeschlossenes Studium der Sprachwissenschaften braucht und trotzdem verstanden wird. Das soll natürlich kein Anreiz dafür sein dass jeder singen kann was er will, immerhin hat Musik besonders für jüngere Hörer durchaus auch einen didaktischen Aspekt, aber Musik gänzlich auf eine sprachliche Komponente zu beschränken erscheint mir übertrieben und schlichtweg falsch.

Eigentlich dürfte man dieses Wissen einem Mann, der immerhin mal Chefredakteur einen namhaften Musikmagazins war, zutrauen, so aber wirkt er eher wie ein Abgesandter des Dudenverlags, dessen musikalische Sozialisation nach Beethoven aufgehört hat.

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