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29. March 2007, 04:01

Positionen

Das Ende des Albums?

Letzte Woche griff Bleed im De:bug Blog die Meldung auf, dass CD Verkäufe weiterhin schwächeln, wohingegen andere Formen wie Merchandising und Konzerte eine immer wichtigere Geldquelle für die Künstler darstellen. Wie Bleed richtig stellt, zielen diese Analysen jedoch größtenteils auf Albenverkäufe ab, und Alben, lapidar gesagt, sind im Zeitalter von iTunes und Co einfach out. Wenn man sich vor einigen Jahren noch das Album eines Künstlers gekauft hat nur anhand einer Single, so bleibt dieser Effekt heutzutage aus. Die Digitalisierung des Mediums Musik eröffnet dem Verbraucher einen schnelleren Zugang zu den Sachen die er mag – ein im Radio gehörtes Lied oder im TV gesehenes Video lässt sich minutenschnell über iTunes auf den mp3 Player laden, der Weg zum CD Händler wird gespart, und damit sinkt auch die Wahrscheinlichkeit des Albumkaufes. In einer Gesellschaft die sich immer schneller bewegt bleibt der Entdeckungsgeist anscheinend auf der Strecke. Bizarr, wenn man bedenkt dass es über das Web so einfach ist wie nie ein ganzes Album Probe zu hören, was im Laden entweder unmöglich oder anstrengend ist (schon mal versucht den netten Herren hinter der Kasse im HMV nach 10 CDs zum Probehören zu fragen?). Der finanzielle Vorteil des Singlekaufs im Netz liegt jedenfalls auf der Hand: Während eine Maxi CD ca. 7€ kostet und neben dem eigentlichen Song, den man in der Regel haben möchte, nur noch einen lahmen Remix und eine obligatorische Instrumental/Vocalversion enthält, kostet ein einzelner Track bei iTunes weniger als einen Euro.
Das Problem liegt nun laut Bleed in der generellen Einstellung und Marketingstrategie der Musikindustrie. Radio und Musikfernsehen, die beiden Hauptfiguren im Musikmarketing, spezialisieren sich schon immer fast ausschließlich auf Singles, die Musikpresse, die verhältnismäßig weniger wahrgenommen wird, dagegen in der Regel auf Alben. Die radikale Konsequenz: Das Album völlig vergessen, und stattdessen den Fokus komplett auf die Single setzen. Statt einem Album mit ca. 3 Singles pro Jahr lieber fünf oder sechs Singles über den gleichen Zeitraum veröffentlichen. Was den Vorteil hat, dass der/die Künstler/in zwar permanent im Blickpunkt der Medien und des Verbrauchers ist, hat den Nachteil dass selten eine gleichbleibende Qualitätsdichte vorhanden ist. Im Klartext: Ein Popkünstler schafft es, mit Ausnahme einiger weniger, selten mehr als zwei oder drei Singles in Folge in die vorderen Plätze der Charts zu platzieren, und schlechte Songs werden nicht gekauft, weder auf CD noch als mp3. Und wenn erstmal ein oder zwei Songs gefloppt sind, kann die Marketingmasche sich schnell zum Nachteil des Künstlers wenden. Natürlich kann man argumentieren dass jeder Popkünstler bewusst zwei, drei Songs auf ein Album packt die als spätere Single hervorgehen, genau wie es einige Songs gibt die bewusst als sogenannte ‘Filler’ enthalten sind. Doch ob es möglich ist über einen längeren Zeitraum ein erfolgreiches ‘All Killer, no Filler’ Konzept Aufrecht zu erhalten ist fraglich, denn dafür dreht sich das Popkarussell zu schnell, und wer heute in ist, kann morgen schon auf dem Parkplatz stehen.

Doch was ist mit dem Album jenseits des Mainstreams? Auch wenn sich die kleinen Labels eher selten über schwindende Verkäufe beschweren, möchte ich doch das obige Singlekonzept etwas weiterspinnen. Ohne herablassend auf die Populärmusik wirken zu wollen, behaupte ich, dass gerade Künstler die nicht in den Charts stehen, die sogar fernab der Charts sind, einen höheren Stellenwert auf die Produktion eines Albums legen. Kann man beispielsweise sagen dass das letzte Juli Album ein bestimmtes Tracklisting verlangt hätte? Möglicherweise, ich konnte es jedenfalls nicht ausmachen, doch vermutlich hat die Band keinen großen Stellenwert darauf gelegt.
Im Indiependentbereich, und damit schließe ich alles ein was außerhalb des Mainstreams liegt, spielt das Album als Medium dagegen eine größere Rolle. Konzeptalben, die einfach die Länge des Albumsformats benötigen, sind geläufiger, und Tracklisting und auch die Wahl von Tracktiteln spielen nicht nur bei DJ Mixes eine entscheidende Rolle – Geir Jenssens aurale Himalaya-Dokumentation Cho Oyu wäre nur halb so spannend wenn sich nicht chronologisch und vollständig gehört wird, und die Musik von Muslimgauze würde ohne das Vorhandensein von Tracktitlen und Albumart ihre politische Sphäre verlieren. Stichwort Artwork: Ein Album ist nicht nur bloß eine Sammlung von Tracks, sondern häufig auch Ausdrucksform von visueller Kunst. Wer sich z.B. die Cover und Booklets von alten Future Sound of London Alben oder auch die typischen Designers Republic Cover früherer Warp Records Platten anschaut, wird feststellen dass hier Musik und Kunst Hand in Hand gehen. Wenn das Album als Ausdrucksform verschwindet, wird auch der Künstler eingeengt. Es ist der gesamte Prozess, von der Erstellung der Musik über die Auswahl von Songtiteln zum Hinzufügen von Artwork, der ausschlaggebend ist, auch wenn der künstlerische Aspekt des Albums durch den Prozess des Downloadens inzwischen leider zumeist auf der Strecke bleibt, denn eAlbumcover als pixeliges JPG oder Booklets als PDF taugen einfach nicht. Ein Album ist schlicht und ergreifend der Ausdruck eines Abschnitts im Leben eines Künstlers, und die Reduktion der Musik auf einzelne Tracks gleicht einer Amputation der künstlerischen Möglichkeiten (möglicherweise auch der Grund warum es im Indiebereich häufig mehr Alben als Singles gibt, als Beispiel kommt mir Kranky in den Sinn – kann sich jemand Godspeed You Black Emperor! als Singleband vorstellen?)

Eine Sonderposition nimmt der Techno/House Bereich ein. Hier ist es genau umgekehrt; der Fokus liegt schon seit jeher auf einzelnen Tracks (ist es nicht auffallend dass man hier in der Regel von ‘Tracks’ und nicht von ‘Songs’ spricht?) und weniger auf Alben. Der Grund ist ganz klar die Zielgruppe: 12″s sind für DJs gemacht, für den Club, für die Tanzfläche. Ein Technotrack muss für sich funktionieren, er kann nicht auf die Unterstützung seiner Kollegen auf der CD oder Platte hoffen. Daher sind auch die großen mp3 Anbieter im Dancebereich (Beatport, Kompakt) erfolgreich, denn eine 12″ für drei oder vier Euro ist erschwinglich und bietet genau das was man möchte: Diesen einen gewissen Track den man in sein DJ Set einbauen möchte oder auch einfach nur so mag. Und wie immer setzt sich auch hier Qualität durch, denn nur die Tracks die sich über einen längeren Zeitraum halten bekommen eine Neupressung oder die entsprechenden Downloadzahlen. Der Großteil im 12″ Dschungel geht in der Masse unter, was aber nicht weiter schlimm ist; wer sich mal die Mühe gemacht hat bei Beatport oder Kompakt durch die wöchentlichen Neuerscheinungen im Bereich Minimal zu hören weiß wovon ich rede. Prinzipiell lässt sich sagen: Der typische 12″ Künstler braucht das Album als Medium nicht, da die Identität generell weniger wichtig ist als der Track selbst (siehe die zahlreichen Pseudonyme im Technobereich und die häufige Reduzierung auf Label oder Katalognummern – “Hast du schon die neue Kompakt Extra gehört?“).

Zusammengefasst lässt sich sagen: Ein reines Singlekonzept wie es Bleed vorschlägt funktioniert meiner Meinung nicht.

a) Der Mainstreamkünstler verfügt zwar über die Reichweite des Marketings, aber selten über die Qualität mehrere erfolgreiche Singles zu releasen (und schlechte Singles sind nicht viel besser als ein sich schlecht verkaufendes Album).
b) Der Indiekünstler braucht das Album als Medium, da einzelne Tracks einfach nicht funktionieren und das Album häufig ein Geamtkunstwerk ist. Ferner kann ein Indielabel den Produktionsvorgang für drei oder vier Singles inkl. Artwork nicht finanzieren, da es nicht über die Mittel verfügt ein größeres Publikum, und damit potentielle Käufer, zu erreichen.

Wie kann man das Problem nun ‘lösen’? Matthias von Numblog schlägt einen Mittelweg vor: Warum nicht statt nur einem Track nicht drei oder vier auf einmal herausbringen, was eher mehr auf das EP Prinzip hinausgeht. Das bietet den Vorteil dass ein Künstler mehr Spielraum hat, der Verbraucher aber nicht gleich das ganze Album kaufen muss. Abrunden kann man das Paket mit Bonusmaterial jeglicher Art – das Web macht’s möglich.

Wo genau die Diskussion hinführen wird weiß wohl niemand, aber Alben werden meiner Meinung nach nicht so schnell verschwinden, weder im Mainstream noch im Indiebereich.

[Picture by Mason Jones]

8 Kommentare

  1. Matthias

    Also haben wir eine Zweiteilung: Mainstream- und IndiePopRock auf der einen, elektronische Musik auf der anderen Seite? Aber warum sollten GY!BE nicht monatlich einen 10-Minuten-Track rausbringen, den man dann ins Sammelalbum packen kann? Ich glaube, uns allen fehlt im Moment noch die Phantasie, was neue Vermarktungsstrategien angeht. Und kaum einer traut sich, etwas ganz neues auszuprobieren. Weil: das ist erstmal mit soviel Aufwand verbunden, dass man ordentlich draufzahlen muss, und wenn das Ding dann flopt … es bleibt jedenfalls spannend ;-)

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  2. Eikman

    Ich würde elektronische Musik nicht verallgemeinern, ich bezieh das eher auf den Techno/Dancebereich, der von Singles lebt. Und in der Tat gehen den meisten Full Lengths von den Technokünstlern einfach die Puste aus…finde ich zumindestens.

    Und GYBE! ist für mich eine Band die einfach die vollen 60 Minuten ausschöpfen muss, wobei sich natürlich auch die Philosophie der Band in Zukunft ändern kann, so dass sie vielleicht doch mal irgendwann ‘normale’ Songs herausbringen. Ich schließ das nicht aus, aber wie du sagst: Es ist (momentan) schwer vorzustellen :)

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  3. coicoi

    Also, dass das Album im Mainstreampopbereich sogut wie tot ist, ist echt kein neuer Hut. Selbst bei der Echoverleihung letzte Woche, wurde die bester Song etc Kategorien schon an den verkauften Singles auf Download.de (oder so ähnlich) gemessen. Im Rock-Indiebereich und in der elektronischen Sparte unter 125bpm wird das Album lange noch leben, denke ich. Dafür bietet es gerade im Bereich Ambient vielzuviele Vorteile. Gerade bei der Erstvermarktung eines Künstlers. Ne Ambientplatte verkauft sich ja vorallem wegen der Gesamtstimmung in die man über länger als eine halbe Stunde eintauchen kann. Ich fänds auch wirklich schade, wenns keine Alben mehr gibt, die schon so abgemischt sind, dass die Tracks natlosineinanderübergehen. War das nicht so bei Sigur Ros etc? Solche Bands funktionieren nur über das Album. war das jetzt ne meinung?

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  4. Blakie

    Im Massenmakrt werden Alben weiter abnehmen aber verschwinden werden sie nicht. Fans bzw. leidenschaftliche Musikliebhaber werden immer das Gesamtkunstwerk bevorzugen.

    Die angesprochene Variante mit der EP finde ich auch gut. Lieber bißchen warten und nicht jeden mittelmäßigen Remix releasen. Eine EP mit 4 guten Tracks, ansprechend verpackt und auf Vinyl oder CD, ist das Nonplusultra. Dafür gebe ich gern Geld aus.

    MP3 ist eine geniale Erfindung aber kein Ersatz. Damals gabs Tapes, heute MP3. Das Original gehört bei mir trotzdem ins Regal.

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