RSS

20. February 2008, 23:06

Alben

Clark – Turning Dragon

clark - turning dragon Chris Clark ist keiner, der sich lange mit dem gleichen Sound beschäftigt. Wo die ersten beiden Alben noch klassischen IDM-Pattern folgten, war das letztjährige Body Riddle schon ein ganzes Stück näher am Dancefloor-Anarchismus. Die Beats waren fokussierter, trockener und mit einem unbändigen Analog-Drive ausgestattet, die bereits stärker auf den Club-Kontext zugeschnitten waren, ohne die Schroffheit experimenteller Klang-Ästhetik vermissen zu lassen.

Wie bereits im Vorraus angekündigt, und auf der Throttle Promoter EP zu hören, verfolgt Turning Dragon, vielleicht nicht von ungefähr in Clarks neuer Heimat Berlin produziert, diesen Weg noch ein Stücken weiter. Kurz gesagt: Turning Dragon ist ein ziemliches Ungeheuer von einem Album, das man erstmal bändigen muss. Schon die beiden Opener New Year Storm und Vulcan Veins stampfen mit 4/4 Kickdrum in unerwartetes Terrain, das durch Clarks kompromissloses analoges Soundprocessing ordentlich umgekrempelt wird: Zwischen abgehackten Vocals aus vergessenen Rave-Zeiten, schmutzigen Breakbeats und einer ordentlichen Portion Noise, legt Clark mit seinem Industrial-Rave Ansatz den Dancefloor in Schutt und Asche. Das muss man erstmal verdauen.

Wer jedoch denkt, Clark zieht diesen Mindfuck über das ganze Album durch, der irrt. Es ist war unverkennbar, dass Clark die Schnittstelle zwischen seinen energetischen Livesets und den detaillierten Kompositionen sucht, doch die totale Ravekeule zu schwingen wäre wohl zu offensichtlich. Tracks wie BEG, Ache of the North und Mercy Sines offenbaren eher einen unterschwelligeren Techno-Ansatz mit Acid-Elementen, der durch klaustrophobische Arrangements, stetig zuckende, kaum greifbare Samples, Sounds und Rauschen und auf ein höhere Level gehoben wird; Clark stellt dem minimalistischen Ansatz eine kompromisslose Schärfe entgegen, die jedoch, wie bei For Wolves Crew, auch immer wieder überraschend Platz zum Atmen lässt. Gaskarth zum Beispiel könnte vom reduzierten Grundprinzip aus reduzierter Kickdrum und hallender Ambience her auch einer alten Sähkö Platte entsprungen sein, doch Clark verfällt nicht in das Repetitions-Pattern, und entwickelt langsam aber stetig einen treibenden Breakbeat daraus. Es ist diese Zusammenstellung, diese Vermischung aus scheinbar diskrepanten Elementen, aus kühlem Minimalismus und effektbeladenen Bombast, aus denen Turning Dragon seine Stärke gewinnt.

Doch es gibt auch andere Momente, die sich eher auf bekannten Pfaden bewegen: Truncation Horn beispielsweise ist ein Ausflug in eine gewisse Cut ‘n’ Paste Funkyness, die etwas an Labelkollege Jackson erinnert, Penultimate Persian und Hot May Slides dagegen könnten auch den Maschinen eines Richard D. James entsprungen sein, mit harschen Breakbeat Sequenzen, die durch schwebende Melodien wieder aufgefangen werden, denn das Album ist trotz des Noise und der Vielschichtigkeit doch ein sehr lebhaftes, pulsierendes Album.

Nach dem ersten Hören mag Turning Dragon ziemlich wild erscheinen, denn erst bei genauem Hinhören wird man merken, dass Clark hier eine ganz eigene Idee von Clubmusik immer besser entfaltet. Für die Technoclubs in Berlin wird das immer noch zu nervös, zu aufbrausend und zu dreckig sein, doch wer es schafft durch die Wall-of-Sound zu hören, der wird überraschend viele Parallelen zu aktueller und klassischer Technoästhetik entdecken. Vielleicht die unterhaltsamste und fokussierteste Clark Platte.

# Warp Records

Antworten