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1. June 2009, 10:27

Alben

Camera Obscura – My Maudlin Career

Die Schotten um Camera Obscura haben schon mit den letzten beiden Alben stark daran gearbeitet, ihre Mischung aus zuckersüßen Pop-Melodien und traurig-zynischen Texten endlich aus dem Schatten ihrer Glasgower Kollegen von Belle & Sebastian zu heben, und zumindest für mich ist dieser Schritt mit My Maudlin Career endgültig gelungen. Denn das vierte Album ist nicht nur das eingänglichste, sondern vor allem auch abwechslungsreichste der Band. Aber auch wenn Tracyanne Campbell auf dem Titeltrack augenzwinkernd verkündet, dass die sentimentale Karriere nun vorbei ist, braucht man sich als Fan keine Gedanken zu machen: Camera Obscura bleiben ihrer Linie und ihrem Humor treu, der wie ein Pendel immer mit der Melancholie mitschwingt, was den ganz besonderen Charme dieser Band ausmacht.

Schon die beiden Opener French Navy und The Sweetest Thing lassen auf eine erfrischende Weise die 60s-Popreferenzen durchschimmern, baden in tollen Streichersegmenten, Bläsern- und Tamburinsequenzen, und werden in ihrer sommerlichen Leichtigkeit vielleicht nur noch vom letzten Track Honey in the Sun getoppt. Überhaupt gab es selten bei Camera Obscura so viel Hitpotential auf einem Album: die Hookline von Swans beispielsweise, die mit Glockenspiel den Text einleitet, ist ebenso einprägend wie der Titeltrack, nach dessen behäbigen Anfang sich ein Gitarrenriff nach und nach intensiviert und in einem geradezu fulminanten Finale endet.

Was aber nicht heißen soll, dass nun jeder Tag nur noch Sonnenschein bringt. Nein, wie schon erwähnt knüpfen Camera Obscura auch wieder an die bekannte Melancholie an. Dabei betritt Campbell mit sehnsüchtiger Stimme wieder den Pfad zwischen hoffnungsloser Romantik und Pessismismus, was sich in den Texten in einer ganz bestimmten Art von Sarkasmus und Ironie widerspiegelt: “So you want to be a writer? Fantastic idea!“, singt sie auf Swans, aber in Songs wie dem fantastischen Country-angehauchten Forest and Sands wird es zeitweise doch wirklich tieftraurig, dass man auch als Hörer ruhig mal etwas schwer schlucken darf wenn es heißt “I lost a friend, I’m the saddest again“. Die Streicher, die auch wie schon beim Vorgänger sehr auffällig sind, zeigen im Finale von Careless Love ihr größte Dominanz, was allerdings einer der wenigen Momente ist, an denen vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen wird. Besser macht es der Breakup-Song James, der zurückhaltender ist und mehr Raum für Campbells Stimme lässt, und damit eines der unauffälligeren Highlights darstellt.

Insgesamt wirkt My Maudlin Career allerdings niemals zu gewollt oder überambitioniert, sondern trifft genau die richtige Mischung, an der die Band schon länger feilt – eine wunderbare Mischungs aus Retro-Pop, Indie und Romantik. Man hat sich freigespielt, seine eigene Linie gefunden, und damit eines der besten Pop-Alben des Jahres produziert, von denen man einen Großteil der Songs nicht nur mitsingen könnte, sondern vor allem auch möchte.

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Ein Kommentar

Trackbacks

  1. [...] Vielleicht das Album, das ich in diesem Jahr am häufigsten gehört habe. Die Schotten von Camera Obscura schaffen es tatsächlich, mit jedem Album noch dichter zusammenzurücken und noch gezielter an dieser Idee von Pop zu arbeiten, die genau den Nerv zwischen Melancholie und augenzwinkernder Ironie trifft. Sowohl musikalisch als auch textlich gesehen ist es das vielleicht komplexeste Album der Band, die mit French Navy, My Maudlin Career und Honey in the Sun gleich drei der wunderbarsten Indiepop-Stücke des Jahres produziert hat. Ein Album, dass mich gerade im Frühjahr durch unterschiedlichste Gefühlslagen begleitet hat. [Review] [...]

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