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10. March 2008, 15:00

Dates

Autechre @ Berghain, Berlin

Seit der Ankündigung der Tourdaten vor einigen Wochen gab es wohl kaum einen anderen Termin, der so viel Aufsehen erregt hat. Autechre im Berghain, da bleiben die Superlativen nicht aus. Angesichts der enormen Schlange, die sich vor dem Berghain in Richtung Abendkasse windet, fragt man sich, welchen Anteil wohl die Location an diesem überschwänglichen Interesse hat, ohne dadurch die Popularität des Duos schmälern zu wollen. Wie auch immer, das heruntergekommene Warehouse-Szenario scheint wie gemacht zu sein für dieses Konzert. Schade, dass für einige an der Tür bereits Schluss sein wird.

Es wirkt bizarr, wie sich das Publikum in typischer Konzert-Manier langsam von hinten nach vorne aufreiht, und das obwohl Warp Records Haus-DJ Rob Hall mit stoischer Regungslosigkeit ein durchaus tanzbares Set seinem Notebook entlockt, das erwartungsgemäß nicht gering an Klassikern ist. Während sich die beeindruckende Industrie-Kulisse des Berghains stetig füllt, bleibt Zeit sich ein wenig das Publikum anzuschauen. Nur wenige Besucher sehen aus als wären sie gerade aus der Panoramabar rübergetanzt, der Großteil der bunt gemischten Besucher scheint in der Tat gewollt zu sein Autechre zu sehen. Oder eher zu hören, denn gewöhnlich sind die Shows von Autechre eher spärlich visuell ausstaffiert, und so bleibt die Lichtshow auch an diesem Abend durchgehend zurückhaltend bis non-existent.

SND sind wohl die einzigen, die seit einer gefühlten Dekade keine Platte mehr veröffentlicht haben und trotzdem immer wieder als Support von Autechre durch die Lande reisen dürfen. Die erste Hälfte des Auftritts von SND wiegt sich im Zen-mäßigen Glitch-Minimalismus, der offensichtlich einige der Anwesenden ob des fehlenden Bass irritiert. Doch zur Erleichterung vieler wird zumindest einmal die exzellente Anlage mit Subbass-Strömen getestet, die auch in die letzten Haarspitzen eindringen, und einen kurzen Moment der Euphorie im Publikum hervorrufen, bevor sich SND in der zweiten Hälfte ihres Sets die verschachtelten Loops in eine tanzbarere Richtung lenken.

Pünktlich um Mitternacht übernehmen Autechre das Pult, gewohnt unspektakulär, unter gedimmten Licht und emphatischen Applaus. Das Berghain ist inzwischen gut gefüllt, lässt aber immer noch genug Platz um sich frei bewegen zu können. Was folgt ist eine gute Stunde typischen Autechre Livesounds, der, manche mögen sagen zum Glück, nur marginär die aktuellen Alben repräsentiert. Gerade in den letzten Jahren habe sich die Liveshows von Autechre wieder vermehrt in Richtung Dancefloor orientiert, was dem Publikum im Berghain natürlich doppelt entgegenkommt. Vertrackte Drumpattern paaren sich mit verschrobener Distortion und fragmentalen Synth-Loops, zwischenzeitlich tauchen immer wieder nervöse Breakbeat Sequenzen auf, in denen zumindest teilweise die Größe aufflackert, und auch im Publikum mehr Bewegung auftritt. Was die Alben vermissen lassen, wird in der Liveshow bedient. Und trotzdem scheint an diesem Abend der Funke nicht überschlagen zu wollen, und das obwohl die Crowd durchaus motiviert ist.

Autechre spielen unterm Strich ein solides Set, dass aber trotz großartiger Location und der berühmt-berüchtigten Soundanlage irgendetwas vermissen lässt. Vielleicht waren die Erwartungen auch einfach etwas zu hoch. Jemand, der Autechre zum ersten Mal gesehen hat, wird vermutlich zufrieden sein, für alle anderen war es nur ein weiterer, überraschend pointen-loser Gig des Duos aus Manchester.

Ein Kommentar

Trackbacks

  1. [...] und wahrhaftig neues Material gibt es aus Sheffield von Snd. Gerade letztens noch als Support von Autechre durch unsere Lande gereist, haben sich die beiden Glitch-Minimalisten [...]

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