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4. May 2005, 16:53

Positionen

Alben als Gesamtkunstwerk

In einem Interview von Michael Mayer und Reinhard Voigt (Gründer von Kompakt), dass ich kürzlich gehört habe, beschreibt Michael Mayer seine Bedenken gegenüber dem mp3 Format, und begründet es maßgeblich damit, dass er es schade findet wenn Leute nur eins, zwei Tracks von Alben herunterladen und den Rest aussen vor lassen, da, so Mayer, das initiale Tracklisting ein wichtiger Teil des Albums ist. Das heisst, dass jeder Künstler eine gewisse Idee hat warum gerade dieser oder jener Song am Anfang, in der Mitte oder am Ende steht, und dieser Gesamtkontext durch das gezielte downloaden von mp3s verloren geht (wohlgemerkt war das Interview schon etwas älter, und der Kompakt mp3 Shop wahrscheinlich noch nicht einmal in Planung).

Mayer’s Bedenken sind sicherlich nicht unbegründet: Wo es bei illegalen Tauschbörsen wie Soulseek eher an der Tagesordnung ist sich komplette Alben zu besorgen (ist ja ohnehin ‘umsonst’), so spielt bei den bezahlten Anbietern natürlich Geld eine entscheidende Rolle. Da überlegt sich der User vermutlich zweimal ob er nun das ganze Album herunterlädt und möglicherweise enttäuscht wird, oder ob er sich wirklich nur die bekannten Lieder besorgt. Selbst die 30 Sek. Snippets sind bei der Entscheidung selten hilfreich. Die Analogie zu den guten alten CDs besteht natürlich, denn auch da hat man die Möglichkeit Single oder Album zu kaufen, jedoch gibt es die Single nicht immer, oder sogar sehr selten, von den Songs die man eigentlich möchte.
Ohne jetzt auf einem möglicherweise weiteren Vorteil von mp3s herumzureiten, frage ich mich eher wie wichtig die von Mayer erwähnte Idee des ‘Gesamtkontextes’ eines Albums für die Hörerschaft ist. Ich persönlich, als Vielhörer, bin ein überzeugter Alben-Mensch, und finde es unumgänglich mir das komplette Album zu besorgen, auch wenn ich nur einen oder zwei Tracks davon kenne, und es zudem auch in der angestammten Reihenfolge zu hören. Und auch wenn ich vermute dass nicht jeder Künstler sich gleichermaßen Gedanken um das Tracklisting macht, so gibt es durchaus Alben wo es einfach zum Hörerlebnis gehört, und damit meine ich nicht nur Konzeptalben, wo ein Song thematisch auf den vorherigen aufbaut. Ich denke, dass durchaus ein Großteil der Alben eine lineare Folge hat, die vielleicht nicht immer sofort erkennbar ist, aber nach mehreren Hördurchgängen immer offensichtlicher wird. Sei es dadurch, dass ein Album einen Spannungsbogen erzeugt, indem es langsam anfängt und sich Track für Track bis zum Klimax steigert wie eine gute Geschichte (oder ein guter Mix), oder dadurch, dass sich komplexe Tracks am Anfang befinden und dann im zweiten Teil das Tempo radikal verringert wird. Wie auch immer, die Idee des Gesamtkontextes ist durchaus erkennbar, wenn auch immer etwas Interpretation dabei ist (und dabei sein muss). Ob dieses Verständnis aber auch für den ‘normalen Durchschnittshörer’ greifbar ist bleibt natürlich dahingestellt. Interessant ist auf jeden Fall, dass Michael Mayer im Interview diesen Substanzverlust der Musik noch vor mögliche finanzielle Verluste stellt.

Wie schaut es mit euch aus? Single-Hörer oder Album-Mensch?

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