Ja, ich gebe es zu: Ich habe trotz meines Studiums noch nie ein Buch von Thomas Mann gelesen. Das heisst ich hatte! Bis ich mich Anfang des Jahres dazu entschlossen habe dem “Zauberberg” einen Versuch zu geben. Warum gerade der Zauberberg und nicht die “Buddenbrooks”? Eigentlich nur deshalb weil es ein tolles Album von Gas gibt das den gleichen Namen trägt (wie man sehen kann wähle ich meine Lektüre nach empirisch wertvollen Gesichtspunkten aus).
Jetzt, knapp vier Wochen später habe ich mich durch die gut 1000 Seiten gekämpft. Kämpfen ist genau der richtige Ausdruck dafür, denn dieses Buch fordert den Leser. Es fordert ihn nicht nur intellektuell, was natürlich gut ist, sondern vor allem auch seine Geduld. Es ist nicht immer leicht, meistens es ist sogar sehr mühselig, wenn z.B. Thomas Mann sich fast 20 Seiten über medizinische Behandlungsmethoden auslässt, zwischendurch einfach mal 10 Seiten nur französisch schreibt, oder das ganze Buch hindurch philosophische Denkrichtungen in Form der beiden Pädagogen Naphta und Settembrini gegeneinander anrennen lässt. Da fühlt man sich schnell ähnlich ermüdet wie der Protagonist in seiner Abgeschlossenheit.
Die Geschichte selbst ist schnell erzählt: Hans Castorp, mitte zwanzig, besucht seinen Vetter im Sanatorium “Berghof” in den Schweizer Alpen. Kurz vor seiner Abreise stellt der leitende Arzt ein Lungenleiden fest. Castorp bleibt in der Folge für geschlagene sieben Jahre in der Klinik, lernt dort allerlei Leute kennen die ihm periodisch wiederbegegnen und verliert sämtlichen Kontakt zum ‘Flachland’, bevor er dann zum Kriegsdienst eingezogen wird und die Geschichte endet.
Auch wenn der Schauplatz, mit Ausnahme einiger Rückblenden, auschließlich auf dem “Berghof” bleibt, schafft Mann es durch seine unglaubliche Detailverliebtheit den Leser förmlich direkt auf den Berg zu schicken und die teilweise obskuren Charaktere persönlich kennenzulernen. Gerade in der Beschreibung von Personen und Natur liegt Mann’s Stärke, mehr noch als darin ausgeklügelte, zugegeben manchmal ein wenig zu ausgeklügelte, Dialoge zu inszenieren. Die unzähligen Dialoge mit den verschiedenen Personen erzielen eine Entwicklung in Hans Castorp’s Wesen: Er gelangt Einblick in geistige Sphären die er nicht kannte, und verliert dabei immer mehr den Realitätssinn in der morbiden Atmosphäre der Klinik. Am Ende beantwortet das Buch jedoch kaum die Fragen die es im Verlauf stellt (z.B. ob Castorp wirklich krank ist), sondern lässt bewusst eine Menge offen stehen, was viele Leser möglicherweise unbefriedigt lässt (nachdem sie 1000 Seiten gelesen haben durchaus verständlich).
Es ist wohl wirklich kein Buch für die heutige Gesellschaft mit ihrer kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Viele sagen es ist ein Buch über die Zeit und ich stimme damit überein, vor allem deswegen weil es ein Buch ist das sowohl eine Menge Erzählzeit einnimmt als auch zeitlos an sich ist. Es ist wahrscheinlich nicht immer unterhaltend und auch nicht besonders lustig, aber es ist vor allem eines: geistreich. Und jeder der meint dass ein Buch zwangsläufig unterhalten muss um ein gutes Buch zu sein kann sich gerne bei mir beschweren.


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